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Buch-Rezension · Das Pferdisch Prinzip - Bodenarbeit
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Pohl, Christine und Friedhelm

Das Pferdisch Prinzip - Bodenarbeit
Respekt - Vertrauen - Balance

156 Seiten, 179 Farbabbildungen, gebunden
Stuttgart, 2006 · Müller Rüschlikon
ISBN 97832750155810


19,95 EUR      Bestellen


Der Verlag sagt über das Buch:
Das Pferdisch Prinzip - Bodenarbeit - Respekt - Vertrauen - Balance

Autor: Christine Pohl / Friedhelm Pohl

Pferdisch ist die Sprache der Pferde. Mit Hilfe dieser Sprache gelingt es, Pferde gewalt- und stressfrei auszubilden. Die Pferdisch-Bodenarbeit formt die Beziehung von Mensch und Pferd auf der Basis von Respekt und Vertrauen. Auf diese Weise ist es möglich, allein durch Körpersprache das Pferd am Boden zu schulen und in Balance zu bringen. Dieses Buch vermittelt das Konzept und die Techniken der Pferdisch Bodenarbeit. Dem Leser wird eine ganz neue Dimension in der Kommunikation Mensch und Pferd eröffnet.



Informationen zu Christine Pohl:
Dr. Christine Pohl ist promovierte Geodätin. Nach einer klassischen Dressur-Ausbildung im In- und Ausland ging sie auf die Suche nach einer pferdegerechten Kommunikation.

Informationen zu Friedhelm Pohl:
Friedhelm Pohl sammelte nach einer traditionellen Westernausbildung Erfahrungen in verschiedenen Kulturen, auch mit frei lebenden Pferden in Europa, Argentinien und verschiedenen Staaten Amerikas. Er entwickelte das Bodenarbeitskonzept.



Rückentext

Das Pferdisch Prinzip


Pferdisch ist die Sprache der Pferde. Mit Hilfe dieser Sprache gelingt es, Pferde gewalt- und stressfrei auszubilden. Die Pferdisch-Bodenarbeit formt die Beziehung zwischen Mensch und Pferd auf der Basis von Respekt und Vertrauen. Auf diese Weise ist es möglich, allein durch Körpersprache das Pferd am Boden zu schulen und in Balance zu bringen. Dieses Buch vermittelt mit Hilfe aussagestarker Bilder das Konzept und die Techniken der Pferdisch-Bodenarbeit. Dem Leser wird eine ganz neue Dimension in der Kommunikation Mensch-Pferd eröffnet.

Dr. Christine Pohl möchte in ihrer Arbeit das Bindeglied zwischen Menschen und ihren Pferden sein und diesen so ein erfülltes und harmonisches Miteinander ermöglichen.

Friedhelm Pohl möchte anderen Menschen ein starker und ehrlicher Partner sein, damit diese "in ihre Kraft kommen" und unabhängig von anderen ihrer eigenen Ziele erreichen können.

Das Pferd ist für beide nicht Sportgerät, sondern wertvoller Partner und Spiegel, mit dessen Hilfe die persönliche Entwicklung eigenverantwortlich gestaltet werden kann.

PFERDISCH - VERSTEHE DICH UND DEIN PFERD

PFERDISCH ... bedeutet Spaß und Harmonie mit Pferden
... macht das Pferd zum Partner
... bietet eine ganzheitliche Ausbildung für Reiter und Pferd





» Müller-Rüschlikon





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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Meine Meinung zu dem Buch:
von   Werner Popken

Die Sprache der Pferde - mit diesem Begriff wurde Monty Roberts einst weltberühmt. "Equus" nannte er sie, was ein bißchen unglücklich klingt, denn erstens handelt es sich um ein lateinisches Wort, das in jede Sprache erst übersetzt werden muß, um verständlich zu sein, und zweitens bedeutet dieses Wort einfach nur "Pferd", was wiederum nicht dem Sinn der Wortbildung entspricht, die ja gerade nicht Pferd bedeuten soll, sondern "Sprache der Pferde".

Christine und Friedhelm Pohl haben für denselben Sachverhalt ein anderes Wort erfunden: "Pferdisch". Dieses Wort hat ebenfalls seine Tücken. Zunächst ist es ein deutsches Wort und deshalb in jeder anderen Sprache der Welt unverständlich; es müßte jeweils entsprechend geprägt und eingeführt werden, also etwa "horsish", "chevalesque" oder so - falls die Sprache eine solche Bildung überhaupt zuläßt.

Und das ist der zweite Einwand: Im Deutschen ist die Bildung zwar möglich, klingt aber unglücklich, gewollt, gelinde gesagt ungewöhnlich. Ich kann mir nicht vorstellen, das sich dieser Begriff allgemein etablieren wird. Er wird ein Markenzeichen der Firma bleiben, die Christine und Friedhelm gegründet haben - was ja nun nicht unbedingt ein Nachteil sein muß. Aber versteht sich von selbst, was darunter zu verstehen ist? Wenn es nur die Sprache der Pferde ist, sollte dieser Begriff dann nicht allgemeinverständlich sein und von jedem in Anspruch genommen werden dürfen? Oder handelt es sich um ein Konzept, das den Pohls zu eigen ist und von niemandem sonst vertreten wird?

Denn die Sprache der Pferde ist ja allgemeingültig und gehört im weitesten Sinne zur Pferdeflüstererei - was nun ein Begriff ist, der sich sehr schnell und ohne PR-Aufwand eingebürgert hat. Man ist sich auch weitgehend einig, was man darunter zu verstehen hat, und es gibt kaum jemanden, der nicht für sich in Anspruch nehmen wollte, die entsprechenden Prinzipien verstanden zu haben und umzusetzen. Horsemanship ist ein weiterer Begriff, der sich im Deutschen eingebürgert hat und genauso von allen Pferdeexperten reklamiert wird. Zwei neue Begriffe für Sachverhalte, die allgemeingültig sein sollen? Wie ist das zu verstehen?

Neue Begriffe kommen auf und setzen sich fest, wenn die betreffende Sprache an dieser Stelle erstens eine Lücke aufweist und zweitens der Sachverhalt, der beschrieben werden soll, allgemein verständlich und vor allen Dingen vorhanden ist. Hier wird also etwas beschrieben, was mit der deutschen Sprache nicht beschrieben werden kann. Wie kann es im Lande der Pferde zu einer solchen Lücke kommen? Selbstverständlich gibt es bei uns seit jeher Pferdeexperten ohne Zahl, die sämtlich für sich in Anspruch nehmen, alles über Pferde und den Umgang mit ihnen zu wissen. Warum hat unsere Sprache kein Wort für diesen Sachverhalt? Ganz einfach: Weil er durchaus neu und unerhört ist.

Vor etwa 15 Jahren traten Leute an die Öffentlichkeit, die den etablierten Pferdeexperten die Kompetenz absprachen. Ist das die Möglichkeit? Selbstverständlich haben die etablierten Experten solche Leute zunächst gar nicht zur Kenntnis genommen. Da kann doch jeder kommen und allerhand vom Pferd erzählen! Wen kümmert das? Das Problem ist nur, daß diese etablierten Experten manchmal mit ihrem Wissen am Ende sind. Und sich auch Fragen stellen lassen müssen, auf die sie keine Antwort wissen. Warum die Pferde, die diesen Experten anvertraut sind, so skandalös früh sterben müssen, zum Beispiel.

Monty Roberts hat seine Kompetenz gerade anhand von Fällen unter Beweis stellen dürfen, wo die herkömmlichen Methoden versagten, unter anderem im Rennstall des deutschen Kaffee-Königs Jacobs und im Stall der Königin von England. Diese Erfolge ließen das Publikum aufhorchen und sorgten auch in den Kreisen der Experten für eine vorübergehende Irritation. Da die neuen Ansätze plausibel klangen und insbesondere einen anderen Zugang zum Pferd beschrieben, der der neuen Generation der Pferdefreunde, die nicht dem Turniergeschehen verpflichtet sind, viel besser gefiel als die alte Betrachtungsweise, konnten diese Ideen sich innerhalb kürzester Zeit im Freizeitbereich auf breiter Front durchsetzen.

Damit wurde das Feld für eine neue Garnitur von Experten bereitet, den Pferdeflüsterern eben, die sich allerdings meistens gegen diesen Begriff meinen wehren zu müssen und deshalb versuchen, eine andere Begrifflichkeit zu entwickeln. So auch Christine und Friedhelm Pohl. Nun also das Pferdisch Prinzip. Aus dem Rückentext: "Dem Leser wird eine ganz neue Dimension in der Kommunikation Mensch-Pferd eröffnet."

Als Beleg für die Wirksamkeit der Methode gerade auch im Vergleich mit den herkömmlichen Angeboten darf das Vorwort gelten:

Als gelernte Sozialpädagogin und Ausgebildete des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten arbeite ich seit vielen Jahren mit Pferden im heilpädagogischen Bereich. In der Interaktion mit den Pferden gab es immer wieder Fragezeichen, die mich in meiner Arbeit unzufrieden machten. Seit Jahren war ich auf der Suche nach der richtigen Methode mit Pferden adäquat zu arbeiten. Immer sagte mir meine innere Stimme: "Das kann doch nicht richtig sein, was ich da mache." [...] Ich habe im Laufe der Jahre viele Lehrgänge und Schulungen bei angesehenen Lehrern besucht, um mich ständig weiterzubilden. [...]

Durch meinen Beruf, ich leite das Pegasus Reit- und Therapiezentrum in Steinfurt, hatte ich die Gelegenheit, mit vielen verschiedenen Pferden zu arbeiten. Der Erfolg, wenn man es so nennen kann, war sehr unterschiedlich. Aus heutiger Sicht und mit meiner Pferdisch-Erfahrung würde ich sagen, daß ein Teil der Pferde sich widersetzt hat, ein Teil hat nur augenscheinlich mitgemacht, die anderen sind eher apathisch ihre Runden gelaufen und haben so ihren Unmut zum Ausdruck gebracht. Die wichtigste Erkenntnis jedoch war die Tatsache, daß keines der Pferde in Balance war. Von Respekt ganz zu schweigen, nicht eins meiner ach so braven Therapiepferde hatte Respekt! [...]

Und hier komme ich wieder an den Punkt meiner Motivation, etwas verändern zu wollen: Es "fühlte" sich einfach nicht gut an, so mit den Pferden zu arbeiten und auch auf der therapeutischen Ebene fehlte mir noch ein wichtiger Baustein. Ich liebte meine Arbeit mit den Pferden, aber es machte nicht wirklich Spaß, für keinen und am wenigsten für die Pferde.

Dann bin ich vor einem Jahr durch Zufall, falls es Zufälle gibt, in einem Seminar bei Pferdisch gelandet. Ich war skeptisch, aber auch neugierig, denn ich wußte, ich war noch nicht an meinem Ziel. Das erste Seminar, das ich dort besucht habe, sollte alles verändern. Mir ist es bei aller Fachkompetenz, als Trainer Reiten und Voltigieren und als vom Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten anerkannte Reitpädagogin mit jahrelanger Praxis wie Schuppen von den Augen gefallen: Alles, was ich im letzten Jahr über die Bodenarbeit von Christine und Friedhelm gelernt habe, war genau das, wonach ich immer gesucht habe. [...]

Aufgrund dieser positiven Erfahrungen stehe ich heute kurz vor Abschluß meiner Pferdisch Coach Ausbildung. Mit dieser Ausbildung kann ich den Kindern und Erwachsenen, die in unsere Einrichtung kommen, eine Förderung zukommen lassen, die von Fachkompetenz, besonders aber von liebevoller Zuwendung auf der Basis der Gleichberechtigung gekennzeichnet ist. [...]

Manuela Petzel, Dipl. Soz. Pädagogin
a.a.O., Seite 8/9

Wunderbar! Ausbildung der Ausbilder! Das ist der richtige Ansatz. Das Problem der Pferdeausbildung ist nicht, daß die Pferde nicht wüßten, wie sie sich zu bewegen hätten, sondern die Kommunikation zwischen Mensch und Pferd, also eigentlich im Grunde allein ein Problem des Menschen. Reitlehrer sind in diesem Sinne also Menschenerzieher, möglicherweise sogar Therapeuten, und damit ergibt sich sofort ein Konflikt, denn der Mensch will sich ja gar nicht verändern, schon gar nicht therapiert werden, und der Reitlehrer darf sich nicht als Therapeut verstehen und ausgeben.

Aber wenn dort nun das Problem angesiedelt ist? Gleich auf Seite 11, im Kapitel 1, den Grundlagen der Pferdisch Bodenarbeit, wird dieser Sachverhalt augenfällig gemacht:

Um mit Pferden harmonisch und bestimmt umgehen zu können, müssen wir uns bewegen, wir müssen im wahrsten Sinne des Wortes beweglich sein. Wir müssen geistig und körperlich beweglich sein, und wir müssen uns auch tatsächlich bewegen.

Das bedeutet:
  • Wir müssen uns trauen.
  • Wir müssen uns auf uns verlassen.
  • Wir müssen in uns sein.
  • Wir müssen unseren Körper in einzelnen Bereichen anspannen und uns sofort wieder entspannen können, um mit der Körpersprache unsere Intention, die dahintersteht, zu verdeutlichen.

Und genau das ist der Punkt, die Intention, die dahintersteht. Wenn die nicht da ist, dann bewege ich mich eher plan- und ziellos. Das spürt das Pferd. Das Pferd spürt meine Absicht und reagiert darauf. Auch Menschen spüren unsere Absicht. Die Reaktion des Pferdes auf unsere Intention ist auch für den Betrachter von außen sichtbar. Wenn wir etwas vortäuschen, eine Rolle spielen, wenn wir nicht wirklich hinter unserer Absicht stehen, dann kommen wir uns komisch vor, sind unsicher und dann ist uns das peinlich. Das Pferd kann uns in diesem Fall nicht verstehen.

Sich bewegen, das ist das Zauberwort. Sich bewegen heißt, sich entwickeln, mit dem Leben fließen, wachsen, sich ausdehnen, mehr werden. Zu einer selbstbestimmten Persönlichkeit werden.

Sind wir dagegen unbeweglich, werden wir kaum in Harmonie und Einvernehmen ein Pferd bewegen können. Weder am Boden noch unter dem Sattel. Ein unbeweglicher Reiter ist ein Handicap für jedes Pferd. Ein Fremdkörper, der es stört, der die Bewegung behindert, der die natürliche Dynamik hemmt.

Wo aber könnten wir besser lernen, uns wieder zu bewegen, beweglich zu sein, als in unserem ureigensten Element, nämlich am Boden? Hier können wir zu uns zurückfinden. Wir können uns über unsere Absicht klarwerden und diese durchsetzen. Wir können wieder geschmeidig werden und können unseren Mut entwickeln. Wir können explosionsartig unsere Kraft entfalten, können uns ausleben oder uns danach sofort wieder zurücknehmen.

Wir können aus der reagierenden Rolle heraus den aktiven Part übernehmen und nach und nach zu einer Autorität werden. Welche Chance - und das Pferd spiegelt uns jederzeit sofort, wie weit wir sind.

Mit anderen Worten: Es geht um den Menschen und dessen Probleme und Entwicklungspotenzial, weniger um das Pferd. Anschließend wird kurz das Pferdisch Prinzip beschrieben und auf das erste Buch der beiden Autoren verwiesen: "Das Pferdisch Prinzip". In meiner  Rezension bin ich seinerzeit ausführlich auf den umfassenden therapeutischen Ansatz eingegangen und habe meine Neugier auf kommende Bücher bekundet, denn schon damals war eine Reihe geplant. Das vorliegende Buch muß also als Teil 2 der Reihe angesehen werden, weitere dürften folgen. Im Schlußwort dieses zweiten Bandes wird auf Seite 152-154 dieser umfassende Ansatz noch einmal ausdrücklich bekräftigt:

Nachdem wir die gewaltfreie Kommunikation mit dem Pferd am Boden ausführlich beschrieben haben, ist es uns ein Bedürfnis, in unserem Schlußwort den Leser einzuladen, über die Auswirkungen von Respekt und Vertrauen und seine Motivation, mit Pferden umzugehen, nachzudenken. Hier sind ein paar Anstöße, sich auf diesem Hintergrund zu reflektieren:

Sehr viele Menschen halten oftmals jahrelang an alten Gewohnheiten, an einem Job, ja sogar an einem Partner fest, die ihnen definitiv nicht gut tun. Was mag wohl der Grund dafür sein?

Wir alle kennen den Spruch: "Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach." Was heißt das?

Ich gebe mich mit etwas zufrieden, was mir eigentlich gar nicht gerecht wird. Dadurch ist dieser Platz bei mir jedoch belegt. Ich habe gar keine Gelegenheit, etwas Neues, Besseres zu bekommen, das mir tatsächlich gerecht wird. Ich ordne mich gewissen Sachzwänge unter, die ich selber gerade für mich festgeschrieben habe. Ich beruhige mich damit, daß "man" nichts tun könne. Das ist halt so. Anderen geht es auch nicht viel besser - ja eigentlich kann "man" ja doch froh sein, überhaupt in dieser Situation Sicherheit zu finden. So geht die Zeit dahin. Wir sind zwar sicher in der selbstgewählten Unvollkommenheit der Lebenssituation, aber nicht glücklich. Vielleicht sogar unglücklich?

Und warum machen wir das? Warum machen wir das mit? Warum machen wir das so lange mit, wenn es uns doch nicht gut tut?

Weil wir Angst haben. Angst, daß wir ins Nichts fallen könnten, wenn wir das Vertraute losließen. Ins Nichts? Gibt es überhaupt ein Nichts? Ist schon irgend jemand aus der Welt gefallen? Was könnte schlimmstenfalls passieren?

Diese Frage stellen wir uns immer, wenn wir Entscheidungen zu treffen haben. Was könnte schlimmstenfalls passieren? Was könnte mir passieren, wenn ich das loslassen würde, was mir nicht gut tut, was meinem Pferd nicht gut tut?

Die Antwort ist sehr einfach:

Es könnte passieren, daß sich etwas ereignet, fügt, entwickelt, das mir gut tut, das zu mir paßt, das meinem Pferd gefällt, das uns gemeinsam in ein partnerschaftliches Verhältnis führt.

Auf andere Situationen übertragen:

Ich könnte einen Job finden, der mir Freude macht. Ich könnte einen Partner finden, der zu mir paßt, mich liebt, mich achtet und dem ich vertrauen kann. Es könnte doch alles eigentlich nur besser werden, nicht wahr?

Wenn da nicht das "Ja, aber ..." wäre.
Ja, aber wenn das jeder machen würde?
Ja, aber wenn ich dann nie wieder jemanden kennen lerne?
Ja, aber wenn ich dann für den Rest meines Lebens arbeitslos bin?

Wenn ich in einem Job, der mir keine Freude macht, Arbeit gefunden habe, dann werde ich es in einem Job, der mich begeistert, doch wohl schaffen, für mich zu sorgen, oder?

Wenn wir der Sache auf den Grund gehen, dann rührt die Angst vor Neuem doch daher, daß wir kein Vertrauen haben. Statt dessen befürchten wir, daß alles noch schlechter, noch schlimmer kommen könnte. Wir haben kein Vertrauen in uns selber, in unser grenzenloses Potential, in unsere Ressourcen, in die Fügungen des Schicksals. Wir haben kein Vertrauen, daß es eine Kraft gibt, die es gut mit uns meint.

Wir haben viel über Respekt und Vertrauen gelesen. Nun kommen wir zu dem Knackpunkt:

Respekt und Vertrauen gelten auf Gegenseitigkeit. Mein Pferd kann mir nur vertrauen, wenn es genau spürt, daß ich ihm auch vertraue. Es kann mich nur respektieren, wenn ich es in seiner Individualität auch respektiere. Das Ganze ist eine Beziehung auf Gegenseitigkeit. Wenn ein Baustein fehlt, bricht das ganze Konstrukt zusammen. Wenn ich Angst vor meinem Pferd komme vor dem Gelände, vor dem Sprung, vor anderem Mitreitern, vor dem Reitlehrer, vor dem Turnierrichter habe, wenn ich von meiner Grundeinstellung wir davon ausgehe, daß jemand oder gar alle mir etwas anhaben wollen, dann kann ein ausgewogenes und sicheres Respekt- und Vertrauensverhältnis überhaupt nicht entstehen.

So, nun wird der eine oder andere einwenden: "aber ... was ist, wenn mein Pferd tatsächlich anfängt, herumzuticken ..."

Ja, wenn das der Fall wäre, was hätte ich denn dann überhaupt für eine Chance? Glaubt irgend jemand ernsthaft, er könnte sich auf einem Pferd halten, wenn dieses das nicht mehr will? Was ist mit dem Restrisiko? Wieso eigentlich Rest? Was ist mit dem Risiko? Wenn ich mir doch eingestehen muß, daß ich letztendlich immer vom guten Willen des Pferdes abhängig bin, dann muß ich letztendlich doch vertrauen. Ich muß meinem Pferd vertrauen, denn wenn ich das nicht tun will, dann bleibe ich besser weg von meinem Pferd. Am besten setze ich mich gar nicht mehr drauf.

Steht doch hier wieder einmal nur die Entscheidung an: Will ich vertrauen, kann ich vertrauen, oder kann ich es nicht. Und ein bißchen Vertrauen gibt es ebenso wenig, wie ein bißchen schwanger; wir bemerken es bereits. Diesem Punkt sollte jeder einmal für sich zu Ende denken, um dann konsequent das auch zu tun, zu dem er sich entschieden hat. Dann kann sich eine Partnerschaft entwickeln, dann kann Harmonie entstehen. Dann braucht kein Pferd mehr gegen seinen Menschen kämpfen. Kein Mensch muß mehr gegen sein Pferd kämpfen. Dann gibt es keine Gewinner mehr, und auch keine Verlierer. Dann gibt es keine Reitunfälle, keine gegenseitigen Übergriffe, keinen Frust, keine Angst. Dafür allerdings viel Freude und Spaß. Spaß für Mensch und Pferd. Und genau das ist das Ziel von Pferdisch.

PFERDISCH - VERSTEHE DICH UND DEIN PFERD.

Also: Vorsicht! Es geht hier nicht nur um Bodenarbeit. Dieses Buch könnte Ihr Leben verändern! Wollen Sie das? Wenn nicht: Es gibt genügend Pferdeflüsterer, deren Ansatz weniger radikal ist. Hier der Mensch, da das Pferd. Wie manipuliere ich mein Pferd, ohne daß ich mich ändern muß? Das Pferdisch Prinzip geht darüber weit hinaus. Das ist die neue Dimension, die nirgendwo sonst geboten wird. Aber beachten Sie Risiken und Nebenwirkungen hinsichtlich Partner und Arbeitgeber!

Das wesentliche Wort des Pferdisch-Slogans ist "dich". "Verstehe dein Pferd" ist ein Anspruch, bei dem viele meinen helfen zu können. "Verstehe dich" ist eine Zielsetzung, die anderswo überhaupt nicht ins Programm paßt. In diesem Sinne ist "Pferdisch" also nicht nur die Sprache der Pferde, sondern eher der Versuch zu verstehen und zu nutzen, was die Pferde uns in ihrer Sprache sagen. Das ist einzigartig, das ist eine neue Dimension. Das ist auch gefährlich, denn im Grunde möchte sich niemand etwas sagen lassen, im Grunde möchte sich niemand ändern, und vermutlich nicht nur aus Angst. Wir sind ja alle perfekt, nicht wahr?

"Wenn ich in einem Job, der mir keine Freude macht, Arbeit gefunden habe, dann werde ich es in einem Job, der mich begeistert doch wohl schaffen, für mich zu sorgen, oder?" Dieser Satz aus dem Nachwort klingt wie eine Selbst-Affirmation, die auf die Autoren vielleicht zutreffen und ihnen helfen mag, schwierige Zeiten durchzustehen, dürfte aber kaum allgemeingültig sein. Einen Job muß man erst einmal haben. Christine und Friedhelm Pohl haben sich selbständig gemacht. Sie haben keinen neuen Job gesucht und gefunden, der ihnen eher zusagt als der alte. Sie haben den alten hingeschmissen, ohne Netz und doppelten Boden, und haben etwas Neues aus dem Boden gestampft.

In früheren Zeiten nannte man das, was die beiden einfordern, Gottvertrauen. Alles ist in Gottes Hand, Gott sorgt für alles, Gott wird mich nicht verrecken lassen. Wie sagte Jesus? "Oh ihr Kleingläubigen!" Oder so ähnlich - mit anderen Worten: Ihr habt nicht genug Gottvertrauen! Das denke ich auch oft, aber ich fürchte, Gläubiger, Ehepartner und das Sozialamt können mit Gottvertrauen nichts anfangen. Das ist ein Problem. Die Bundesregierung war der Meinung, daß man die gegenwärtigen Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt dadurch lösen könne, daß alle Arbeitslosen sich selbständig machen. Wir wissen heute, daß diese Meinung ein Irrtum war.

Die Analyse der Autoren halte ich für teilweise durchaus korrekt: Es ist unter anderem auch die Angst vor Verlust, die Veränderungen verhindert oder behindert. Interessanterweise geht ein erfolgreicher Unternehmer, der Gründer der Drogeriekette dm, Götz Werner, mit der Idee hausieren, jedem Staatsbürger ein Grundeinkommen zuzusichern (» Harsche Kritik: dm-Chef hält Hartz IV für Menschenquälerei). Er verspricht sich davon eine Explosion an Kreativität, eine ganz andere Motivation zur Arbeit. Ich finde seine Visionen faszinierend und glaube, daß er recht hat. Aber wer weiß? Viele Ideen entwickeln sich auf dem Prüfstand der Praxis zu etwas völlig anderem.

Vor 40 Jahren schon sah man die modernen Zeiten auf sich zukommen, mit wenig Arbeit und viel Automation, Vollbeschäftigung und Wohlstand. Ich träumte von einer Bildungsgesellschaft, die durch die Freizeit ermöglicht würde, einem ähnlichen Quantensprung wie es die Einführung des Buchdrucks oder die allgemeine Schulpflicht bewirkt haben. Statt dessen wurde die Freizeit kommerzialisiert, die Leute waren nicht an Bildung interessiert, sondern an Zerstreuung, und da man an Bildung nichts verdienen kann, unser Wirtschaftssystem aber auf Konsum basiert, waren die Konsequenzen unausweichlich. 100.000 Fernsehkanäle und auf allen nur Schrott. So gesehen hat die Vision von Götz Werner schlechte Aussichten.

Würde man aber durch die Politik die Existenzangst beseitigen können - und möglicherweise wird gar nichts anderes übrigbleiben, weil die Automatisierung notgedrungen weiter fortschreiten und noch mehr Arbeitsplätze vernichten, die Produktivität aber durch den Einsatz von noch mehr Computern und Robotern noch weiter gesteigert wird - , bekäme der Ansatz "Pferdisch Prinzip" eine völlig neue Chance. Wenn die Angst nicht mehr behindern würde, könnten die Pferde bei uns Menschen Potentiale freisetzen, von denen wir heute kaum träumen.

Wie das funktionieren kann, haben die Autoren versucht darzustellen. Es geht um Bodenarbeit mit Pferden, nicht um Zukunftsvisionen. Die Autoren haben ausgewiesenen Pferdeleuten viel zu sagen. Es ist ein hervorragendes Buch, mit allen Vorzügen und Nachteilen eines Buches. Wenn Sie es lesen, werden Sie vielleicht Kurse besuchen und dann möglicherweise ebenfalls Pferdisch Coach werden wollen. Wer weiß? Die Zukunft ist offen. Nur Mut!


erschienen 23.04.06




Siehe auch die folgenden Rezensionen:
Ausgabe 227, Pohl, Christine und Friedhelm:  Das Pferdisch Prinzip, Neue Wege im Umgang mit Pferden und Menschen
Ausgabe 421, Pohl, Christine und Friedhelm:  Ausbildung & Korrektur, Das Pferdisch Prinzip, Kommunikation statt Konditionierung
Ausgabe 422, Pohl, Christine und Friedhelm:  Das Pferdisch Prinzip, Neue Wege im Umgang mit Pferden und Menschen




Pohl, Christine und Friedhelm

Das Pferdisch Prinzip - Bodenarbeit
Respekt - Vertrauen - Balance

156 Seiten, 179 Farbabbildungen, gebunden
Stuttgart, 2006 · Müller Rüschlikon
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