
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch ist vergriffen. Es hat mindestens drei Auflagen erlebt und dürfte weitverbreitet sein. Die Chancen, es antiquarisch erstehen zu können, stehen deshalb nicht schlecht. Ich empfehle » booklooker.
Im Moment müssen Sie dort für eins der sechs Angebote zwischen 12,40 EUR und 18,28 EUR inklusive Versand anlegen. Woraus ich schließe, daß das Buch durchaus begehrt ist.
Vor ein paar Tagen waren es noch sieben, eines liegt jetzt vor mir auf dem Tisch. Es ist ein gediegenes Buch, gutes Papier, herrliche Fotos, Fadenheftung - dieses Buch lebt noch lange, wenn es gut behandelt wird. Der Umschlag ist etwas mitgenommen, woraus ich schließe, daß es oft dem Regal entnommen und wieder eingestellt wurde. Ein Buch also, das in Benutzung war, aber schonend behandelt wurde und bis auf die Gebrauchsspuren am Umschlag wie neu ist.
Der Inhalt ist jetzt 14 Jahre alt. Das Buch ist 1992 zum ersten Mal erschienen. Es hat nichts von seiner Brisanz verloren, die Hoffnungen, die darin geäußert werden, sind leider immer noch nicht Realität geworden. Es beginnt mit dem Vorwort von Dr. Andreas Grasmüller, seines Zeichens Präsident des Deutschen Tierschutzbundes.
| [...] Manchem, der im Pferd einen Sportartikel sieht, den er dazu benützt, um Wettbewerbe mitzumachen, Ehrungen anzustreben, interessiert die Lebensweise und schon gar die Verhaltensart eines Pferdes nur am Rande. Es muß springen, galoppieren, traben, es muß sich der Musik beim Gehen anpassen, unnatürliche Gangarten darbieten und vieles mehr.
Sicher sind Reiter oft mit ihren Pferden sehr verbunden. Wenn sie aber von ihrem "Bock" sprechen, der nicht das gebracht hat, was er bringen sollte, erkennt jeder Außenstehende die verächtliche Einstellung dieses Menschen zu seinem Pferd.
Wie oft habe ich überlegt, welche Angstgefühle ein Tier ausstehen muß, wenn man es zwingt, über Hindernisse zu springen, die es vorher gar nicht gekannt hat, obwohl die Möglichkeit bestanden hätte, bei solchen Veranstaltungen am Tag zuvor dem Tier den Parcours zu zeigen. Aber vielleicht wissen solche "Tierfreunde", daß das Pferd unter den Haustieren zu den duldsamsten gehört und nur dann eine Leistung verweigert, wenn die Angst größer ist als der Schmerz durch die harte Trense im empfindlichen Pferdemaul. [...]
Um so erstaunter stellte ich fest, daß der Verfasser eine Verbindung zu seinen Pferden zum Ausdruck bringt, die über jeden Zweifel erhaben ist. Mit diesem Buch ist wurde Anfang gemacht für eine absolute Änderung in der Verhaltensweise nicht der Pferde, sondern der Menschen. Springreiter, die ihre Pferde barren oder beschönigend touchieren, reiterliche Vereinigungen und Reitervereine, die die Trense als Selbstverständlichkeit ansehen, werden bald der Vergangenheit angehören, denn jeder, der dieses Buch liest, wird erkennen, daß er seinem Partner Schmerzen zufügt - Schmerzen, die kein Pferd erleiden müßte. [...] a.a.O., Seite 7 | | |
Sehen Sie, aus diesem Grunde ist es interessant, auch alte und vergriffene Bücher zu besprechen. Es hat sich nichts getan, gar nichts. Jedenfalls nicht im offiziellen Sport. Nach der Einleitung folgt ein doppelseitiges Foto. Es zeigt einen weiten Blick über eine Mittelgebirgslandschaft, im Vordergrund Fred Rai mit seinem Pferd, selbstverständlich ohne Eisen im Maul, mit Packtasche und Decke hinter dem Sattel. Der Reiter kehrt uns den Rücken zu und genießt die Aussicht.
Auf der nächsten Seite zwei schreckliche Bilder; ein Pferd landet voll in einem Hindernis, der elegant gekleidete Reiter mit roter Jacke, weiße Rose und Stulpenstiefeln fliegt in den Dreck - das zweite Foto ist sogar noch schrecklicher, allerdings muß man genauer hinschauen. Der Bildtext klärt auf: "Das brutalste Pferderennen der Welt ist das ' Grand National' in England: Oft nicht einmal die Hälfte der gestarteten Pferde erreicht das Ziel." Und dann sieht man es: drei Pferde stürzen, zwei Jockeys purzeln durch die Gegend, der dritte ist nicht zu erkennen, weitere Reiter stürmen auf die große Hecke zu, möglicherweise gibt es im nächsten Moment weitere Stürze, am Rande belustigen sich die Zuschauer.
Ein paar Seiten weiter noch ein schreckliches Foto: "Wie oft sieht man nicht austrainierte Military-Pferde, die nach kilometerlanger Jagd entkräftet über die letzten, fest gebauten Hindernisse stürzen und sich dabei nicht selten die Beine oder das Genick brechen!" Das alles als Auftakt zum Kontrastprogramm. Eine Seite weiter wieder ein wunderschönes Foto, Fred Rai ganz klein oben auf einem Felsen, wieder in Betrachtung der Landschaft vom Rücken seines Pferdes aus. Der Text: "Die herrlichen, feinfühligen Pferde sind dazu geschaffen, sich ohne Einwirkung von Gewalt dort zu bewegen, wo sie zu Hause sind - in der freien Natur." Gegenüber die Kapitelüberschrift: "Mein erstes Pferd nannte ich Bubi".
Fred Rai kann Geschichten erzählen, Geschichten, die zu Herzen gehen, die anregen, zur Nachahmung anstiften. Auch Seite 23 dann Fotos, die beweisen, daß Fred Rai reiten kann, kommunizieren kann, Pferde versteht. Ohne Sattel und Zaumzeug reitet er im Gelände, springt, reitet sogar Turniere, dort allerdings vorschriftsmäßig gekleidet. Also kennt er die Sünden, weil er sie selbst begangen hat.
Was ich vorhin geschrieben habe, ist natürlich nicht richtig. Dieses Buch von Fred Rai hat die Welt verändert, zumindest in Teilen. Fred Rai ist heute ein Begriff, es gibt eine große Schar von Anhängern, er wird diskutiert, er hat Schüler ausgebildet, die in seinem Sinne wirken, und er hat natürlich, persönlich oder durch seine Schüler oder durch seine Bücher, viele Menschen beeinflußt. Vor 14 Jahren muß es noch viel provokanter geklungen haben, was Fred Rai verkündet.
Was immer Fred Rai schreibt - es hat auch heute noch Gültigkeit. Und er schreibt nicht etwa abgehoben, sondern immer im Angesicht der Realität. Zum Beispiel auf Seite 151: "Ein Pferd muß auch versichert werden". Ich glaube, die Bücher, in denen dieses Thema angesprochen wird, muß man mit der Lupe suchen. Seite 153: "Hochleistungssport ist Pferde-Mord". Wer traut sich, das zu sagen?
Ein schönes Buch, ein empfehlenswertes Buch, ein Buch, das nachdenklich macht, aus dem man viel lernen kann - unter anderem Reiten. Ein Buch, das mit Herzblut geschrieben ist von jemandem, der etwas von Pferden und von Pferdesport versteht, der mit den Pferden fühlt und sich nur dann wohl fühlt, wenn er weiß, daß es auch seinem Pferd gutgeht.
Nur das vorletzte Foto hat mich etwas irritiert. Fred Rai sitzt auf einem Felsen, sein Pferd grast, die Gitarre hängt vom Sattelknauf herunter, es ist eine Idylle, man kann die Stille der Natur hören, die würzige Luft riechen, und Fred Rai raucht Pfeife!
erschienen 12.03.06 | |