
| | | Heidi Keppel | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Heidi Keppel
Als ich dieses Buch zu lesen begann, war ich in mehrfacher Hinsicht sehr positiv überrascht, denn nicht nur, dass es in sehr übersichtlicher Gliederung alle wichtigen Informationen zum Thema ‚Hobbypferdezucht' enthält, ist es auch sehr hübsch bebildert und mit lehrreichen Grafiken versehen. Man wird in kurz gefasster und leicht verständlicher Form - also auf sehr einprägsame Weise - über die verschiedensten Bereiche der Pferdezucht aufgeklärt, sodass diesbezüglich eigentlich keinerlei Vorkenntnisse nötig sind, um von diesem Buch wirklich in jeder Hinsicht zu profitieren. Sogar gängige Fachausdrücke werden erklärt und insgesamt ist der Text in einem angenehm zu lesenden, lockeren Stil geschrieben.
Genau wie ich es in meinen wöchentlichen Tipps bis jetzt getan habe, animiert die Autorin dazu, sich alles genau zu überlegen, bevor man sich zur Zucht mit der eigenen Stute entschließt. Sie gibt viele sehr gute Ratschläge und macht auch deutlich, welche Probleme entstehen können, wenn bestimmte wichtige Voraussetzungen nicht vorhanden sind. Sie geht dabei auch auf die gesundheitlichen Aspekte ein, die die Stute und das Fohlen betreffen, erklärt den Rossezyklus und die möglichen krankhaften Abweichungen davon, beschreibt die Geburt und Schwierigkeiten, die dabei auftreten können, und vergisst auch nicht, sich mit den wichtigsten Fohlenkrankheiten näher zu befassen.
Natürlich wird auch auf die optimale Fütterung in allen Trächtigkeitsphasen und die richtigen Haltungsbedingungen von Stute und Fohlen eingegangen. Außerdem zählt die Autorin ohne Beschönigung alle Vor- und Nachteile der verschiedenen Deckpraktiken auf und lässt in sämtlichen Bereichen auch den psychischen Aspekt nicht außer Acht.
Ganz besonders gefällt mir persönlich ihre Erklärung zur natürlichen Fohlenprägung und zur Imprint-Methode, die ich hier auszugsweise wiedergeben möchte:
| Jedes Fohlen muss erst lernen, wer seine Mutter ist. Dieser Lernvorgang wird als Prägung bezeichnet. Sie ist zeitlich begrenzt und findet nur in der sensiblen Phase statt. Diese ist beim Pferd sehr kurz. Sobald sie einmal abgeschlossen ist, ist die Prägung irreversibel......
Diese Prägephase ist für das Fohlen und seine weitere Entwicklung sehr wichtig. So sollten Störungen durch andere Pferde, aber auch durch Menschen vermieden werden. Man selbst sollte sich zwingen, das Mutterglück ein wenig aus der Distanz zu beobachten, anstatt ständig am Fohlen herumzustreicheln. Solche Pferde entwickeln sich allzu oft zu distanzlosen Pferderüpeln, weil sie etwas ganz Entscheidendes nicht gelernt haben, nämlich die Individualdistanz des Menschen zu respektieren.
Aus den USA kam vor einigen Jahren die Imprint-Methode. Ihr Ziel soll es sein, die große Lernfähigkeit des Neugeborenen während der sensiblen Phase zu nutzen und das Pferd parallel zur Mutter auch auf den Menschen zu prägen. So soll das Fohlen den Menschen als Artgenossen anerkennen, sich überall anfassen lassen, wodurch der spätere Umgang und seine Ausbildung erleichtert werden soll. Das Fohlen wird dazu am Boden festgehalten und so lange überall angefasst, bis es dies ohne Abwehrreaktion geschehen lässt. Wichtig ist jedoch, dass die Duldung ohne Angst erfolgt. Und genau das ist das Problem dieser in Fachkreisen kontrovers diskutierten Methode. Kritiker meinen, dass derart behandelte Fohlen zu lebenslang geprägten "Versagern" und "charakterlosen Duldern" werden. Oft treten späterhin massive Verhaltensprobleme ganz anderer Art auf. (Seite 54/55) | | |
Wie sehr mir Frau Kattwinkel damit doch aus dem Herzen spricht! Genau wie in vielen anderen Punkten, die sie unverblümt zur Sprache bringt. Wie z.B. wenn Sie über die heutzutage meist anzutreffenden Weidebedingungen oder auch über die oftmals übertriebene Fohlenfütterung spricht. Hier die beiden Ausschnitte dazu:
| Die Weide ist für Stute und Fohlen eigentlich die ideale Nahrungsgrundlage. Doch Vorsicht in Sachen Düngung: "Stickstoff macht die Knochen weich", das wusste früher eigentlich jeder Pferdezüchter. Ihnen kam es in erster Linie auf die Härte der Pferde an, weil sie ihren Dienst in der Landwirtschaft und im Militär möglichst lange zuverlässig leisten mussten. So wurden die Stuten und Fohlen auf großen, aber mageren Flächen gehalten. Jährlinge sollten sich "großhungern" - sprich eher mager sein. Heute hat bis auf die großen Gestüte kaum noch jemand ausreichend große Flächen für die Weidehaltung zur Verfügung (man rechnet pro Fohlenstute mindestens 0,5 bis 0,7 Hektar.) Damit trotzdem genügend Gras wächst, greifen viele auf synthetische Stickstoffdünger (so genannte Volldünger) zurück. Den meisten Hobbypferdehaltern fehlt die Zeit, das Gerät und vielfach auch das Wissen für eine organische Weidedüngung, und viele Landwirte sehen den Aufwand dafür nicht ein. Doch zahlreiche Stoffwechselstörungen, beispielsweise Allergien, auch Schäden am Skelett und frühzeitige Verschleißerscheinungen haben gerade hier ihren Ausgangspunkt: Durch intensive Stickstoff- und Phosphorsäuredüngung werden lebenswichtige Mineralien und Spurenelemente im Boden blockiert, gelangen also nicht in die Pflanzen und stehen damit dem Pferd nicht zur Verfügung. Das gilt natürlich auch, wenn von solch intensiv gedüngten Wiesen Heu gewonnen wird. (Seite 105) | | |
und
| Natürlich sollte man ein Fohlen so gut füttern, dass es seine Wachstumspotenziale voll ausnutzt, das bedeutet ausreichend Futter von bester Qualität mit allen lebensnotwendigen Inhaltsstoffen. In der Praxis wird heute oft zu viel des Guten gegeben, sowohl was die Futtermenge betrifft als auch in Bezug auf die Inhaltsstoffe. Das große Angebot an Zusatzstoffen, Spezialfuttermitteln, Döschen und Pülverchen verleitet oft dazu, die Fohlen zu überfüttern. Sie entwickeln sich dann zwar sehr schnell, haben als erwachsene Tiere jedoch meist Probleme, angefangen von Stoffwechselstörungen über Allergien bis zu degenerativen Gelenkerkrankungen und anderem. (Seite 96) | | |
Im Großen und Ganzen stimme ich also vollkommen mit den Ansichten der Autorin überein, allerdings gibt es auch einige Punkte, wo ich ihr nicht so ganz beipflichten kann. So z.B. wenn sie meint, dass die Rosse und Paarungsbereitschaft im Winter eher gering sei, denn meine Stuten etwa waren fast alle gerade bei Eis und Schnee besonders paarungswillig, sodass ich da eher das Problem hatte, sie von meinem Hengst fernzuhalten, um nicht lauter Winterfohlen zu bekommen, aber mir ist auch klar, dass dies nicht der übliche Normalfall ist.
Ebenso finde ich folgende Behauptung von Frau Kattwinkel etwas gewagt:
| Wenn Sie sich beispielsweise als Ponyzüchter mit eingetragenen Stuten eine etwas größere Nachzucht wünschen, können Sie das mit größerer Sicherheit durch einen Araber oder kleinen Vollblüter als Vater eher als mit einem großen Ponyhengst erreichen. Angst, dass das Fohlen schon bei der Geburt zu groß für die Stute ist, brauchen Sie dabei nicht zu haben, denn in der Regel passt sich die Größe der Frucht dem Muttertier an. (Seite 23) | | |
In diesem speziellen Beispiel mag die Autorin ja durchaus Recht haben, doch der zweite Satz verleitet möglicherweise manchen Hobbyzüchter auch zu anderen Rassekombinationen, die dann sehr wohl zu Geburtsschwierigkeiten führen können. So kann sich etwa die Anpaarung mit größeren schweren Pferderassen für so manche zierliche Stute katastrophal auswirken, weil die Fohlen in solchen Fällen des öfteren zu große Köpfe oder zu kräftige Extremitäten besitzen, was zu Schwergeburten oder auch zu Verletzungen des Geburtsganges führen kann. Ja, sogar die Verwendung eines kräftigen Haflingerhengstes zur Bedeckung einer Araberstute kann zu solchen Geburtsschwierigkeiten führen, vor denen doch auch gewarnt werden sollte.
Mit ähnlichem Unbehagen habe ich auch den Satz: "Im Sommer gehört ein junges Pferd auf die Weide, und zwar Tag und Nacht!" gelesen, denn auch hier sollte man die Gefahren, die vor allem jungen Pferden in der Nacht auf einer Weide drohen können, nicht unterschätzen. Abgesehen von menschlichen Eindringlingen, die ihnen womöglich nicht wohlgesonnen sind, sind doch gerade junge, unerfahrene Tiere nachts sehr verletzungsgefährdet, und wird das Jungpferd erst viele Stunden später, wenn es hell wird, gefunden, so kann es für eine erfolgversprechende Behandlung durchaus schon zu spät sein. Ich persönlich kann nach etlichen Erfahrungen dieser Art aus meinem Bekanntenkreis diese Ansicht der Autorin also nicht unbedingt mit ihr teilen.
Und auch in einem anderen Punkt, habe ich gänzlich andere Erfahrungen gemacht, nämlich was die Auswirkungen einer verlängerten Saugperiode betrifft. Die Autorin empfiehlt dazu:
| ....Saugen lassen sollten Sie das Fohlen aber auf keinen Fall länger als acht Monate. Zum einen droht die Gefahr der Nährstoffüberversorgung, zum anderen kommt es meist zu schweren Verdauungsstörungen, wenn sich das fast erwachsene Pferd dann plötzlich vor allem von Heu und Stroh ernähren muss. Koliken und schlechte Futterausnutzung beeinträchtigen dann die weitere Entwicklung.... (Seite 99) | | |
Dazu meine Erfahrungen: Das erste und einzige Fohlen meiner Lieblingsstute war ein Stutfohlen, das von seiner Mutter über ganze drei Jahre lang gesäugt wurde, wobei die Saugintensität natürlich mit der Zeit abnahm. Noch heute - 10 Jahre später - ist diese Stute eine wahre Ausnahmeerscheinung, weil sie eigentlich für keinerlei Erkrankungen anfällig ist und im Gegensatz zu ihrer Mutter nie Verdauungsstörungen zeigt. Wie ich aus anderen Erfahrungsberichten weiß, ist es vor allem bei arabischen Pferden sehr häufig der Fall, dass Stutfohlen bis zu 2 Jahren bei der Mutter bleiben und auch bei ihr trinken dürfen, was ihrer Entwicklung angeblich sehr zugute kommt. Und auch in manchen Wildpferdeherden kann man dieses Verhalten beobachten, wenn die Mutterstute aus irgendeinem Grund nicht wieder tragend geworden ist, also kann es wohl nicht so schädlich sein.
Damit wäre meine Kritik an dem Buch aber auch schon beinahe abgeschlossen, nur noch einen offensichtlichen Bildvertauschungsfehler möchte ich kurz erwähnen. So ist auf dem Foto auf Seite 38 ein auf der Seite liegendes Fohlen mit halb geschlossenen Augen zu sehen, wobei darunter zu lesen ist: "Wenn Ihr Fohlen so munter und keck aus der Wäsche guckt, brauchen Sie sich um seine Gesundheit keine Sorgen zu machen." Als ich das las, war ich etwas verwundert, doch wenig später fand ich auf Seite 62 ein Foto, zu dem dieser Text sehr viel besser passen würde. Und auch umgekehrt wäre dies der Fall, denn hier steht geschrieben: "In den ersten Lebenswochen schlafen die Fohlen noch viele Stunden des Tages. Reichlich saubere Einstreu im Liegebereich ist deshalb wichtig." Ein eher unwichtiger Fehler, wie es auf den ersten Blick scheinen mag, aber bei einem absoluten Laien könnte vor allem der Satz unter dem ersten Foto schon für gehörige Verwirrung sorgen.
Alles in allem ist dieses Buch aber auf alle Fälle sehr empfehlenswert und kann jedem Hobbypferdezüchter wertvolle Dienste leisten, da es ein sehr gutes Basiswissen zum Thema ‚Zucht' vermittelt.
erschienen 05.03.06
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 454, Kattwinkel, Karin: › Aufgegeben - Ausgemustert - Aufgebaut, Wenn Pferde Probleme haben. Ganzheitliche Pferdetherapie in der Praxis., Reihe NOVA HIPPOLOGICA
Siehe auch › Autoren-Messeseite
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