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Buch-Rezension · Eisen im Pferdemaul
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Straßer, Hiltrud / Cook, Robert

Eisen im Pferdemaul



Kirchentellinsfurt, 2003 · Knirsch-Verlag
ISBN 9783927091641


12,-  EUR      Bestellen


Der Verlag sagt über das Buch:

Nichts. Kein Rückentext.

Bild auf der Rückseite





» www.Knirsch-Verlag.de · » www.Hufklinik.de





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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Meine Meinung zu dem Buch:
von   Werner Popken

Dieses Buch wollte ich vor zehn Wochen schon besprechen, aber dann merkte ich, daß ich keine Rezension, sondern einen Hauptartikel schrieb. Also unterbrach ich die Arbeit, weil das Thema als Hauptartikel noch nicht dran war. In dieser Woche ist es soweit, die damals angefangene Rezension erscheint jetzt ausgearbeitet als Hauptgeschichte.

Und parallel dazu nun die Rezension des Buches, das der Anlaß war. Es ist merkwürdig - wie viel übernimmt man nicht, ohne es zu hinterfragen! Vermutlich geht es gar nicht anders; wir Menschen sind Kulturwesen, eine Kultur ist unglaublich komplex, wo kämen wir hin, wenn wir verlangen wollten, daß jeder alles und jedes hinterfragt. Unmöglich!

Dennoch müssen wir immer wieder Einzelheiten in Frage stellen, denn sonst würde sich die Gesellschaft nicht weiterentwickeln können, sie würde verknöchern, vergreisen, erstarren. Auch dafür gibt es reichlich Beispiele. 1000 Jahre lang hat man den Pferden Eisen unter die Hufe genagelt, und diese Praxis ist noch vergleichsweise jung - das Metallgebiß soll bereits seit 4000 Jahren im Gebrauch sein.

Alle patriarchalischen Kulturen wie die Hethiter, Chinesen, Griechen, Römer und in der Folge die "christliche" Welt, sahen keine Veranlassung, die "Sprache" des Pferdes zu erlernen und auf dieser Basis zu kommunizieren. Sie taten den Tieren so viel Gewalt an, daß denen - außer Aggressionen und Flucht - keine andere Reaktionsmöglichkeit blieb als die von den Menschen gewünschte. (Xenophon, "Über die Reitkunst" um 400 vor Christus, Horn, "Das Pferd im Alten Orient" 1995; Starke, "Ausbildung und Training von Streitwagenpferden" 1995, Junkelmann, "Die Reiter Roms" 1992). Von Xenophon wissen wir, das den Reitern die Schmerzhaftigkeit eines Trensengebisses bewußt war. Xenophon ermahnt die Reiter, niemals am Zügel zu zerren oder anderweitig unachtsam mit dem Zügel umzugehen.

Durch Zuchtauswahl wurden nur die Pferde vermehrt, die sich besser mit den Schmerzen im Maul und den Reflexkonflikten arrangieren konnten. Anders war es, den Überlieferungen zufolge, bei der Kultur, die teilweise noch lebendig ist: den Indianern Nordamerikas. In dieser Kultur ist der Mensch nur ein Teil der Natur und arrangiert sich mit den Tieren und Pflanzen respektvoll. Man nutzt die Eigenarten und das Verhalten der Mitgeschöpfe, ohne ihnen Gewalt anzutun. Aus diesem Grund brauchten die Indianer zum Reiten kein Eisenteil im Pferdemaul (auch wenn es uns in manchen Filmen anders gezeigt wird), sondern benutzten Seile aus Pferdehaaren, die um den Unterkiefer gebunden wurden (Cook, 2002) und verschiedene Arten des "Bosal", ein elliptisches Holzgestell um die Nase, an dem beide Zügel (oder nur ein Seil) am tiefsten Punkt befestigt sind. Die Erfahrung, daß sich Reiter ohne Gebißzäumung mit dem Pferd bestens verständigen können, ist nicht neueren Datums! Immer wieder begegnen uns in der Literatur Hinweise, daß sich Menschen über die Gebißpraxis Gedanken machen. Bracy Clark - den wir in erster Linie als Hufforscher kennen - hat um 1800 in England beklagt, daß den Pferden durch das Eisen im Maul Schäden und Schmerzen erwachsen und daß "die armen Tiere dann für ihr verzweifeltes Verhalten auch noch bestraft werden". Wir lesen bei "Gullivers Reisen" (J. Swift, 1726) einen Bericht Gullivers an den Pferdefürsten, wie grausam in seiner Heimat die Pferde behandelt werden: man nagelt ihnen Eisen an die Füße und steckt ihnen eiserne Teile ins Maul!

Offenbar sind doch in den letzten Jahrhunderten immer wieder auch in der westlichen Zivilisation Menschen auf den Gedanken gekommen, daß ein Stück Eisen oder überhaupt ein Fremdkörper im Pferdemaul nicht die ideale Kommunikationsmöglichkeit sei.
a.a.O., Seite 51/52

Brechen wir also auf und brechen wir aus aus der Tradition! Eisen im Pferdemaul sind grausam und überflüssig! Nicht nur das, sie sind schädlich:

Der Gebrauch einer Gebißzäumung ist verantwortlich für

  • Reflexkonflikt im Rachen mit Verkrampfungen und Atemgeräuschen
  • Infektionen des Rachenraumes
  • Lungenödem und Lungenblutung
  • Sauerstoffmangel im Blut und Leistungsminderung
  • Zahndeformationen, die zu Kaubeschwerden und Entzündungen führen
  • Zahnerkrankungen wegen unphysiologischer Belastung
  • Verhaltensprobleme wegen Schmerzen
  • Muskelverspannungen wegen unphysiologischer Hals-Kopf-Haltung
  • Organische Erkrankungen
  • Vorzeitiges Altern wegen chronischen Sauerstoffmangels
Pferde sind für ihre Sensibilität bekannt. Diese ist am Kopf besonders ausgeprägt. Hier spielen Nerven, Tastkörperchen und Energiebahnen einer Rolle, soweit wir das heute wissen. Damit ist das Pferd optimal für alle Interaktionen mit seiner Umgebung ausgerüstet. Zusätzliche Einrichtungen stören nur!

Wenn wir mit einem anderen Lebewesen kommunizieren wollen, ist es unsere Aufgabe, uns mit dessen Sinnen und seinen Reaktionen vertraut zu machen, damit wir ihm - ohne es zu drangsalieren - verständlich machen können, was wir von ihm erwarten. Wenn wir das gelernt haben, ist es nicht notwendig, Gebißzäumungen zu benutzen. Dann allerdings hat man einen gesünderen und leistungsfähigeren - auch leistungsbereiteren - Kameraden als mit Eisen im Maul.
a.a.O., Seite 59

Das war nun die Zusammenfassung. Diese wird durch eine zweiseitige Literaturliste ergänzt, die allein 13 Titel von Robert Cook enthält, teilweise erst aus dem Jahr 2003, in dem das Buch erschienen ist. Die Literaturliste umfaßt auch zwei Werke von Pat Parelli, zwei Werke von Fred Rai und zwei Werke von Hiltrud Strasser.

 
Fred Rai
 
 
Fred Rai wird in zwei Abbildungen auf S. 57 gebracht; die erste zeigt ihn mit einem einfachen Seilhalfter, auf der zweiten galoppiert er auf einem anderen Pferd mit verschränkten Armen ohne jegliche Zäumung; beide Male in einem umzäunten Wüstenareal, vermutlich auf seinem Besitz in Texas. Auf irgendeiner Pferdemesse bin ich Fred Rai begegnet. Es kam mir zwischen den Hallen in dem üblichen Gewühl ein Reiter mit verschränkten Armen entgegen, dessen Pferd ungezäumt war, der, wie auf den Fotos, über beide Backen grinste und sich sichtlich wohl in seiner Haut fühlte - das Pferd natürlich auch. Ich war absolut verblüfft, blieb stehen und stieß unvermittelt aus: "Sie müssen Fred Rai sein", woraufhin er freundlich nickte und vorbeiritt. So geht es auch!

Aber ich habe das Buch gewissermaßen von hinten aufgezäumt - es beginnt natürlich mit dem Inhaltsverzeichnis, dann kommt das Vorwort, eine Einleitung und dann eine wissenschaftliche Erläuterung: "Auswirkungen eines Trensengebisses auf die Atemwege", überwiegend von Cook, teils von Straßer, teils von beiden. Die nächsten Kapitel heißen "Verhaltensabweichungen wegen Schmerzen", "Ist das Gebiß als Verständigungsmittel nötig?", schließlich stellt das Kapitel "Bitless Bridle" die Entwicklung von Cook vor, die die Familie Straßer selbst einsetzt (Vertrieb » Heutnetz.de: » Bitles Bridle - Das Original von Dr. R. Cook, dort auch als Bittles Bridle bezeichnet).

Aus Kapitel VIII habe ich großzügig zitiert, es folgt das Kapitel "Heutige Praxis", zum Schluß werden die beiden Autoren vorgestellt. Cook ist Brite, hat aber die letzten 25 Jahre in den USA gearbeitet. 1952 graduierte er in London als Tiermediziner und promovierte 1976 in Cambridge. Im Jahre 2000 hat er einen Vortrag über die schädlichen Wirkungen der Gebisse auf einer Konferenz in Berlin vorgestellt. Dr. Straßer las den Vortrag in den Konferenzunterlagen, nahm Kontakt zu ihm auf und sandte ihm ihre Arbeiten.

Cook war von den Arbeiten sofort begeistert und ist seitdem ein überzeugter Verfechter der Straßer'schen ganzheitlichen Behandlungs- und Heilungsmethoden am Gesamtkomplex Huf.
a.a.O., Seite 67

Dr. med. vet. Hiltrud Strasser hat nach dem Abitur zunächst Pferdewirt gelernt und anschließend Tiermedizin studiert. Nach einigen Jahren Berufspraxis konnte sie sich eigene Pferde leisten.

Zufällig ergab es sich, daß die Warmblutpferde der Autorin in einem Offenstall lebten und auf Empfehlung des Hufschmiedes ohne Hufbeschlag blieben. Das Ergebnis war, daß diese Pferde keinerlei gesundheitliche Probleme hatten, während die Pferde der Klienten von vielen Leiden geplagt waren. Diese Erkenntnis führte dazu, daß die Autorin erneut begann, die Anatomie, Physiologie, Histologie, Ethologie und das Zusammenspiel von Umwelt und Organismus zu studieren. Der Vergleich zwischen dem Inhalt der Lehrbücher und der Wirklichkeit zeigte beträchtliche Lücken und Fehler, wodurch eigene Untersuchungen und Forschungen angeregt wurden.

Der praktische, berufliche Schwerpunkt wurde auf die Hufe verlegt. Erste erstaunliche Erfolge bei Rehebehandlung stellten sich ein und beflügelten zu weiterer Forschung. [...]

Mit dem Bau der "Hufklinik" in Tübingen als pferdegerechtes Rehabilitationszentrum konnte die wissenschaftliche Forschung über Huferkrankungen und deren Behandlung intensiviert werden. [...] Mit der Übersetzung der Bücher ins Englische kam eine explosionsartige Nachfrage nach den Erkenntnissen der Autorin in Amerika, Kanada, England und Australien, gefolgt von Skandinavien und anderen europäischen Ländern. [...]

Neben der beruflichen Tätigkeit hat Dr. Hiltrud Strasser gemeinsam mit ihrem Ehemann vier Kinder aufgezogen. Die ganze Familie reitet begeistert, besonders Jagden hinter der Meute.
a.a.O., Seite 68

Ich für meinen Teil möchte gar nicht so viel wissen, wie in diesem Buch steht. Mir reicht es, daß ausgewiesene Experten nicht nur erlauben, ohne Gebiß zu reiten, sondern diese Praxis nachdrücklich empfehlen. Es geht mir dabei ähnlich wie mit dem Buch über den Hufbeschlag von Dr. Straßer, das ich anläßlich des ersten Pferdekaufs anschaffte. Ich wollte kein Experte werden, sondern wissen, was davon zu halten ist, und die Lektüre des Buches klärte mich auf und stärkte mir den Rücken, so daß ich mit gutem Gewissen durchsetzen konnte, wovon ich überzeugt war. Leider gab es das Buch "Eisen im Pferdemaul" damals noch nicht.

Wie wir eben erfahren haben, sind diese Erkenntnisse Robert Cooks auch für Hiltrud Straßer neu gewesen, genauso wie deren Erkenntnisse eine Offenbarung für diesen waren. Nach vielen tausend Jahren des eklatantesten Mißbrauchs bei gleichzeitiger Verehrung des Geschöpfes Pferd scheint die Zeit für ein grundsätzliches Umdenken reif zu sein. Wenn Sie selbst bereit sind für den Aufbruch, kaufen Sie dieses Buch und machen Sie sich den Weg!


erschienen 19.02.06




Siehe auch die folgenden Rezensionen:
Ausgabe 354, Straßer, Hiltrud:  Rezension/354
Ausgabe 355, Straßer, Hiltrud:  Pferdehufe ganzheitlich behandeln, Gesunde Hufe am gesunden Pferd
Ausgabe 358, Straßer, Hiltrud:  Hufrehe (Laminitis), Erscheinungsformen, Ursachen und Behandlung
Ausgabe 361, Straßer, Hiltrud / strasser equine management:  optimum hoofcare - the basic trim




Straßer, Hiltrud / Cook, Robert

Eisen im Pferdemaul



Kirchentellinsfurt, 2003 · Knirsch-Verlag
ISBN 9783927091641


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