
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Töchter für ihre Prüfungen lernten. Der Reitlehrer hatte ihnen Fotokopien zur Verfügung gestellt. Damals habe ich mir nichts dabei gedacht.
Dieses Büchlein wäre den Kindern sicher willkommen gewesen. Es ist übersichtlich aufgemacht, hat viele wunderschöne Abbildungen und bietet die Sicherheit, daß man die Prüfung auf jeden Fall besteht, wenn man den Inhalt des Buches verinnerlicht hat. Und da das Buch einen übersichtlichen Umfang hat, kann man von vornherein davon ausgehen, daß man die Prüfung bestehen wird.
Ein wichtiger Grund zur Motivation, dieses Buch auch wirklich zu studieren. Erst im Jahre 2000 ist der Basispass eingeführt worden. Wer davor ein Reitabzeichen oder den Reitpass erworben hat, muß diese grundlegende Prüfung nicht nachholen. Ansonsten ist sie die Voraussetzung für alle anderen Ausbildungswege. Es führt also kein Weg daran vorbei.
Als meine Kinder ihre Prüfungen ablegten, gab es den Basispass Pferdekunde also noch gar nicht. Die FN (Deutsche Reiterliche Vereinigung) arbeitet intensiv daran, das Wissen über Pferde auf breiter Basis zu verbessern. Denn anders als in früheren Zeiten finden heute immer mehr Menschen zum Pferd, für die das Pferd eigentlich ein fremdes Wesen ist. Deshalb kommt dem Basispass eine grundlegende Bedeutung zu. Hier definiert die FN ihre Vorstellung vom Pferd.
Als ich in meinem kleinen Dorf aufwuchs, hatte jeder Bauer Pferde. Obwohl meine Eltern keine Pferde hatten, habe ich trotzdem schon sehr früh einfach durch die tägliche Beobachtung gelernt, was ein Pferd ist - oder genauer gesagt: was ein Arbeitspferd ist, denn das waren die Pferde der Bauern natürlich. Nur einer im Dorf hatte Hannoveraner, alle anderen hatten schwere Kaltblüter, und dieser galt den anderen als ein bißchen verrückt, so wie jemand, der unbedingt einen Sportwagen fahren muß, wo er doch mit einem Kombi besser bedient wäre.
Daher war mein damals auf natürlich im Wege erworbenes Wissen über Pferde zwar prinzipiell richtig, insofern auch Kaltblüter Pferde sind, aber es war doch ein sehr spezielles Wissen. Heutzutage ist ein anderes Wissen gefragt. Pferde werden heute anders gehalten als vor 50 Jahren, sie werden anders genutzt, und es sind auch andere Pferde. Zwar gab es auch früher schon Leute, die man mit dem heutigen durchschnittlichen Pferdebesitzer vergleichen könnte, aber dabei handelte es sich um Privilegierte, während der Pferdesport sich heute zu einem Volkssport entwickelt. Millionen Menschen beschäftigen sich mit dem Pferd. Diesen Menschen gilt es nahezubringen, was ein Pferd eigentlich ist.
Denn es hat sich sehr deutlich herauskristallisiert, daß wir einen ausgesprochenen Ausbildungsmangel haben. Diesen Mangel zu bekämpfen hat die FN inzwischen zur höchsten Priorität erhoben. Ausbildung heißt: Wissen vermitteln. Wissen kann man teilweise in Bücher packen - Schulbücher, Lehrbücher, und in diesem Sinne ist das Buch "Basispass Pferdekunde" ein Lehrbuch.
Beim Basispass geht es darum, Grundwissen über das Pferd zu vermitteln. Es wird nicht geritten.
| Der Basispass ist darum nicht nur für Reiter, sondern auch für Züchter, Pferdehalter und alle Personen gedacht, die mehr oder weniger oft in irgendeiner Weise mit Pferden zu tun haben. Das Pferd fordert aufgrund seiner sensiblen Natur und seiner umfassenden Bedürfnisse vom Menschen eine Menge Grundkenntnisse im Umgang sowie in der Haltung und Fütterung. [...]
Die FN empfiehlt, der Prüfung zum Basispass Pferdekunde einen Lehrgang in Theorie und Praxis vorzuschalten, der etwa 25 Unterrichteinheiten umfassen soll. Der Lehrgang soll von einem qualifizierten Ausbilder (mindestens Trainer C) geleitet werden. [...]
Haben Sie ein eigenes Pferd, sollten Sie den Basispass auf alle Fälle erwerben, da Sie Ihr Wissen zum Wohle Ihres Pferdes ergänzen und überprüfen können. Aber auch für Jugendliche und Erwachsene, die das Reiten erlernen oder einfach Interesse an Pferden haben, ist der Basispass Pferdekunde der richtige Einstieg in die Materie. [...]
Kinder können den Basispass bereits ab einem Alter von ca. 12 Jahren ablegen. Seite 8-9 | | |
So will ich denn die Probe aufs Exempel machen. Was kann ich aus diesem Buch lernen? Beherrsche ich das Wissen bereits? Oder tun sich empfindliche Lücken auf? Was wird verlangt?
| Folgende Anforderungen sind zu erfüllen:
Praktischer Teil
- Annähern an ein Pferd, Kontakt aufnehmen
- Aufhalftern, Führen, Vorführen
- Pflege
- Wenden des Pferdes
- Anbinden, Verladen, Ausrüsten des Pferdes (Satteln und Zäumen) und Bandagieren
Theoretischer Teil
- Tierschutz: Die ethischen Grundsätze, Bestimmungen des Tierschutzgesetzes
- Umgang mit dem Pferd: Sicherheitsaspekte, Verhalten des Pferdes, Pferdepflege, Hufpflege, Führtechniken, Aufbau von Vertrauen
- Allgemeine Pferdekunde: Pferderassen, Identifizieren und Beurteilen, Gebäude, Charakter, Bedürfnisse, Sozialverhalten
- Gesundheit: Grundkenntnisse der Anatomie, häufige Erkrankungen, Erste-Hilfe-Maßnahmen, Verhaltensstörungen, Impfungen und Wurmkuren
- Pferdehaltung: Stallformen, Größe, Auslauf, Weidepflege, Stallklima, Umfeld, Haltungstechnik
- Fütterung: Futterarten, Fütterungstechnik, Grundwissen über Verdauung
Seite 11 | | |
Donnerwetter: Da liegt Sprengstoff verborgen. Bekanntlich gehen die Meinungen darüber, wie man zum Beispiel ein Pferd halten soll, sehr auseinander. Auch die Hufpflege ist umstritten. Wer die Prüfung bestehen will, sollte wissen, was der Prüfer wissen will, und sich danach richten.
Mal sehen, was die FN so wissen will. Schließlich hat sie die Prüfungsordnung aufgestellt, nimmt die Prüfung ab und verleiht die Urkunde. Die FN definiert, was richtig ist. Wer eine abweichende Meinung hat, muß sich für die Prüfung verstellen oder auf den Basispass verzichten. Denke ich mal - aber das sind zunächst nur Spekulationen.
Der Unterricht beginnt auf Seite 12: Die ethischen Grundsätze. Die stehen inzwischen in vielen Büchern und sind so formuliert, daß jeder zustimmen kann. Wie diese Grundsätze inhaltlich umzusetzen und auszufüllen sind, ist eine andere Frage. Ein Teil der Forderungen ergibt sich bereits aus den Tierschutzgesetz - aber damit ist im Prinzip nichts gewonnen.
| Der erste Paragraph des Tierschutzgesetzes besagt, daß niemand einem Tier ohne Grund Schmerzen, Leid oder Schäden zufügen darf. Seite 12 | | |
Da fällt mir sofort der große Sport ein, z. B. der Galopprennsport, und hier speziell die Bilder, wo die Jockeys nach Kräften auf die Pferde einschlagen, um sie zu noch größerer Leistung anzuspornen. Nun werden die Freunde des Galopprennsports selbstverständlich sofort einwenden, daß es sich hier keineswegs um einen Verstoß gegen den ersten Paragraph des Tierschutzgesetzes handelt. Wäre ja auch noch schöner!
Auf der nächsten Seite sieht man ein Bild mit drei Pferden auf der Weide, von denen eins sich genüßlich wälzt. Die Bildlegende lautet: "Die Pferdehaltung muß die natürlichen Bedürfnisse der Pferde berücksichtigen." Daneben einer der vielen Kästen, die die einzelnen Grundsätze bzw. ganz allgemein die wesentlichen Lerninhalte herausarbeiten, grafisch begleitet von einem riesigen Ausrufezeichen:
| Grundsatz:
"Die Haltung des Pferdes muß seinen natürlichen Bedürfnissen angepaßt sein." Seite 14 | | |
Selbstverständlich. Gibt es darüber eine Diskussion?
| Stallungen, Ausläufe und Weiden müssen so gestaltet sein, daß sich das Pferd wohlfühlt und seine artspezifischen Verhaltensweisen ausleben kann. Dazu gehören Anforderungen wie viel Licht, frische Luft, weiträumige Bewegungsmöglichkeiten und Kontakt zu Artgenossen. Seite 14 | | |
Tja, damit sind wir bereits mitten in weiteren Konfliktfeldern. Freizeitreiter werden möglicherweise Offenställe als einzig akzeptable Haltungsform verlangen, während der großen Sport ohne Boxenhaltung vermutlich gar nicht möglich wäre. Darüberhinaus ist ein Pferd ein Wertgegenstand, und schon deshalb bevorzugen die meisten Besitzer die Boxenhaltung. Das Pferd ist dadurch nicht gefährdet und jederzeit einsatzbereit.
| Wirtschaftliche Interessen, sportliche Erfolge oder Unwissenheit dürfen niemals ein Anlaß sein, die Gesundheit eines Pferdes zu vernachlässigen. Nicht selten ist die Unwissenheit des Reiters, manchmal auch sein übertriebener Ehrgeiz und das bewußte Einkalkulieren von Spätschäden Ursache für eine Überforderung eines Pferdes. Ganz besonders im Freizeitbereich müssen viele Pferde unter schlechten Haltungsbedingungen, fehlerhaften (und damit häufig schmerzhaften) Reitereinwirkungen und mit falschem Training leben. Das Ziel einer Ausbildung von Reiter und Pferd ist nicht die Teilnahme an Turnieren oder das Erlangen von Ehre und Ruhm, sondern die Gesunderhaltung des Pferdes sowie der Aufbau von Vertrauen und Harmonie zwischen Mensch und Tier. Seite 14 | | |
Woraus sich wiederum die Notwendigkeit der Ausbildung ergibt. Aber das war es auch schon, was die FN zum Thema zu sagen hat. Die Konsequenzen aus diesen hehren Sätzen, die niemand bestreitet, sind es gerade, die diskutiert werden müßten, aber nicht diskutiert werden können, weil darüber weder Einigkeit besteht noch Handlungsspielraum verfügbar ist, denn die Sachzwänge lassen sich nicht aus der Welt schaffen.
Wenn man Pferde artgerecht halten will, muß man zum Beispiel den entsprechenden Platz zur Verfügung haben. Es gibt Gegenden in Deutschland, die in dieser Hinsicht Paradiese bieten. Leider leben dort nur wenige Menschen. Die geringe Bevölkerungsdichte hat ihren Grund in der schlechten Wirtschaftskraft der Region. Also können sich dort relativ wenige Menschen Pferde leisten. Und dort, wo sich die Menschen ballen, weil sie gut verdienen können, und sich deshalb auch Pferde leisten, gibt es wiederum nicht den Platz, den die Pferde eigentlich brauchen.
Aber es geht ja hier um den Basispass - wir lernen nicht für das Leben, sondern für die Prüfung. Wichtig ist also, zu beherzigen, was der Prüfer hören will. Und das wissen wir jetzt. Wir kommen nicht in Gewissensnot, wir können die Grundsätze unterschreiben. Die Einzelheiten überlassen wir der Praxis. Habe ich etwas Neues lernen müssen? Nein.
Der nächste Lernbereich ist die "Beurteilung des Pferdes". Nach einer kurzen Bemerkung über "Das Exterieur" folgt der Abschnitt "Rechteck- oder Quadratpferd?" Der Lerninhalt ist leicht zu begreifen, eine Zeichnung und ein Foto verdeutlichen den Sachverhalt. Der Abschnitt endet mit folgendem Satz:
| Pferdekenner legen außerdem Wert auf eine günstige Schulter- und Beckenwinkelung, die erheblichen Einfluß auf die Sportlichkeit eines Pferdes hat. Seite 19 | | |
Merke: Es gibt noch viel zu lernen. Wir lernen hier nicht, was eine günstige Schulter- und Beckenwinkelung ist. Das bleibt den Fachleuten vorbehalten. Wir können vielleicht ebenfalls Fachleute werden, aber dies ist nicht Gegenstand des Basispasses. Der Basispass vermittelt, daß es diese Art Spezialkenntnisse gibt. Das reicht, mehr muß der Prüfling nicht wissen. Wunderbar!
Weiter geht es mit Pferderassen, Farben und Abzeichen, Stellungsfehler, Der Gang. Und auf Seite 27 beginnt das Kapitel "Pferdehaltung". Der erste Abschnitt heißt "Die natürlichen Bedürfnisse des Pferdes". Es folgen die üblichen Sätze, die wir erwarten dürfen, und ich vermute, daß die FN bzw. die Autorin sich elegant aus allen Konfliktfeldern heraushalten wird. Da habe ich mich aber gewaltig getäuscht. Überraschung:
| Als Steppentier hat das Pferd ein ausgesprochenes Bewegungsbedürfnis. Eine reine Boxenhaltung ist deshalb gegen seine Natur. Seite 28 | | |
Auf der gegenüberliegenden Seite das Foto eines neugebauten Pferdestalls, aus dessen Boxen zwei Füchse herausschauen. Die Bildlegende lautet: "Reine Boxenhaltung ist nicht artgerecht." Der weitere Text läßt ebenfalls nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig.
Allerdings kann man auch bei der FN die Welt nicht einfach ändern. Deshalb werden diese klaren Forderungen auf Seite 30 wieder abgeschwächt:
| Deshalb sind die üblichen Haltungsformen längst nicht immer artgerecht. Die örtlichen Umstände zwingen Pferdehalter häufig zu Kompromissen, allerdings wäre es in vielen Betrieben auch möglich, durch einfache Umbauten artgerechtere Haltungsbedingungen zu schaffen. Seite 30 | | |
Wir sehen: Es geht nicht nur um Wissensvermittlung, sondern auch um Bewußtseinsentwicklung. Der Prüfling soll zumindest um die Idealforderungen wissen, auch wenn sie in seinem Falle nicht oder noch nicht umgesetzt werden können.
An dieser Stelle können wir sehr gut nachvollziehen, weshalb dieses Buch auch gestandenen Pferdehaltern empfohlen wird. Wenn auch das meiste bekannt sein dürfte, so kann man doch sein Wissen daraufhin überprüfen, was der derzeitige Stand der Dinge ist, und gleichzeitig ausloten, wieweit eine Anpassung möglich wäre.
Aber: es geht um den Basispass. Eine Prüfung soll den Nachweis liefern, daß ein bestimmtes Wissen vorhanden ist. Die bestandene Prüfung beweist nicht nur Dritten, daß der Prüfling das erforderte Wissen besitzt, sondern gibt auch dem Prüfling die Sicherheit, in Bezug auf das betreffende Thema fit zu sein. Deshalb sind die Zertifizierungen im Berufsleben so beliebt - sie scheiden die Spreu vom Weizen.
Natürlich habe ich auch Informationen in diesem Buch gefunden, die ich in einer Prüfung nicht parat hätte, zum Beispiel die PAT-Werte. Wäre ich deshalb durchgefallen? Vermutlich nicht. Hat sich die Lektüre für mich deshalb nicht gelohnt? Brauchen Leute, die schon viel wissen, dieses Buch nicht? Doch. Denn je mehr man weiß, desto weniger Neues wird man finden, aber gerade um dieses Neue geht es - unabhängig von dem Wissensgebiet.
Nun will ich die Prüfung aber gar nicht ablegen. Mich fasziniert mehr die Vermittlung von Informationen als die Vorbereitung auf die Prüfung, für die das Buch eigentlich gedacht ist. Wer die Prüfung ablegen will, sollte sich dieses Buch zweifellos anschaffen. Darüberhinaus zählt die Autorin aber viele Kandidaten für die Prüfung auf, die sich diesen Streß vielleicht gar nicht antun wollen, für die das Buch aber nichtsdestotrotz hochinteressant ist. Insofern würde ich die Koppelung an die Prüfung nicht so eng sehen. Das Buch ist auch ohne Prüfung sehr nützlich.
erschienen 03.04.05
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 433, Ettl, Renate: › Lehrbuch Westernreiten, Pferdekunde - Ausbildungswege
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