
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Aufmerksame Leser haben schon von diesem Buch gehört und vielleicht auch schon Teile gelesen: Seit einigen Wochen werden nämlich regelmäßig Leseproben als › Angebot der Woche im Rahmen der Messeseite › Keppel veröffentlicht (› Rückschau Angebote). Nun halte ich das Buch selbst in Händen.
Ich bin überrascht über das Format. Es ist ein richtiges Buch mit einem harten Deckel, einer Bindung nach Buchbinderkunst, wie man es heute nur noch selten findet, und es ist groß und dick. Das hatte ich nicht erwartet.
Das Buch ist nämlich nach neuem Verfahren herausgegeben worden: neudeutsch Book on Demand (siehe Grieder: › Wenn Pferde fliegen). Der Autor braucht keinen Verlag mehr, sondern lediglich ein Produktionsunternehmen, das die Bücher erst nach dem Verkauf herstellt. Mit » www.BoD.de, bei dem das Buch über die Auswanderung nach Kanada erschienen ist, haben wir den Pionier dieses Marktes; mit » www.MeinBu.ch einen Ableger, der nicht etwa in der Schweiz angesiedelt ist, sondern in Hamburg. Ich vermute, es handelt sich um ehemalige Mitarbeiter der Libri-Tochter BoD.
Die ersten Bücher nach diesem Verfahren waren einfache Paperbacks; inzwischen verfügt man über eine ganze Reihe von Formaten, Ausstattungen und Techniken. Die Idee ist gut. Sie revolutioniert offenbar den Markt nicht sofort; welche Auswirkungen dieses Verfahren auf Dauer hat, kann man heute schwer beurteilen. Heidelinde Keppel hat jedenfalls auf diese Weise ein Buch herausbringen können, was ihr andernfalls vielleicht nicht gelungen wäre.
Damit will ich nicht sagen, daß es diesem Buch an Qualität mangelt und deshalb Verlage nicht an diesem Buch interessiert sein könnten. Die Entscheidungsstrukturen und -wege in einem Verlag sind jedoch so kompliziert, daß gute Bücher nicht unbedingt auch einen Verleger finden. Autoren gibt es zuhauf - Verlage müssen deshalb überwiegend abwehren. Sie peilen selbstgesteckte Ziele an, verwirklichen klar definierte Verlagsprogramme - ein Autor, ein Buch, die da nicht hineinpassen, haben keine Chance.
Die Reihen für Teenager, die der Schneider-Verlag oder der Kosmos-Verlag herausbringen, sind zum Beispiel ganz anders zugeschnitten; dieser Roman hat ein anderes Kaliber. Ich halte ein richtig ausgewachsenes Buch in der Hand. Schon der Titel mutete erwachsener an als die entsprechenden Reihen, die sich an pubertierende Mädchen wenden. Anscheinend ist es auch nicht als Reihe angelegt. Ich mag mich täuschen, aber ich glaube, diese beiden Verlage wären schon aus diesem Grunde nicht interessiert.
Wie gut, daß ein Autor inzwischen eine Alternative hat. Und wie gut, daß die Technik ein richtiges Buch produzieren kann. Noch etwas Äußerliches: In meiner wöchentlichen Reihe über › Internetmarketing versuche ich herauszuarbeiten, mit welchen Mitteln gearbeitet wird; welche Rolle z.B. Schriftarten spielen. Im Buchdruck ist die Rolle von Schriften in einem jahrhundertelangen Kulturprozeß untersucht worden. Dieses hohen Niveau schien durch die neuen Methoden in Frage gestellt. Ich erinnere mich noch sehr gut an das erste Buch nach dem Bedarfsverfahren; es mutete mich ungelenk an, unangenehm amateurhaft. Der Autor hatte es in WinWord vorbereitet und war offenbar gar nicht geschult in der hohen Kunst der Buchproduktion - wie denn auch?
Da haben die Bedarfsverlage offenbar gelernt. Dieses Buch wirkt absolut professionell - bis auf das Impressum, in dem sich die Produktionsfirma, die zugleich auch den Vertrieb organisiert, nach meinem Geschmack etwas dreist in den Vordergrund rückt. Unter dem Titel Herstellung steht in handschriftlichen Buchstaben "Mein Buch"; es wirkt wie mit dem Füllhalter geschrieben. Darunter: "Wir veröffentlichen Ihr Buch". Das ist Eigenwerbung; so etwas würde ich in meinem Buch nicht wünschen.
Die Widmung der Autorin ist vermutlich mit heißer Nadel ganz zum Schluß gefertigt worden, denn gleich den ersten Satz hätte man etwas glatter formulieren müssen, weil zwei Hauptsätze mit "und" verbunden sind, die beide mit "können" enden. Die Autorin verrät, daß das Buch teilweise auf wahren Begebenheiten basiert und den Leser zu überzeugen versucht, "daß es auf dieser Welt tagtäglich kleine Wunder gibt". Das steht für mich außer Frage.
Wie würdige ich einen Roman? Ich fange ganz vorne an. Zwar kenne ich schon Ausschnitte aus den erwähnten "Angeboten der Woche", aber es war mir klar, daß das Buch so nicht anfängt. Der Anfang ist ganz wichtig. Verschiedentlich haben sich Schriftsteller speziell damit beschäftigt, wie man einen Roman anfängt. Natürlich indem sie sich gefragt haben, wie die berühmten und erfolgreichen Kollegen das gemacht haben.
Idealerweise möchte man den Leser gleich mit dem ersten Satz einfangen. Denn der Anfang ist besonders schwer. Wenn der Leser auf der ersten Seite Schwierigkeiten hat, legt er das Buch vielleicht gleich zur Seite. Es kommt also nicht nur auf die erste Seite, auf den ersten Abschnitt, auf den ersten Satz an, sondern schon auf die ersten Worte.
Manche Autoren spendieren ihren Kapiteln auch Überschriften. Das ist hier nicht der Fall. Die Kapitel werden einfach numeriert. In Jugendbüchern ist das eher unüblich, weil diese Art der Gliederung sehr abstrakt ist. Folgerichtig gibt es auch kein Inhaltsverzeichnis. Es wäre sehr langweilig zu lesen und würde kaum Aufschluß über das Buch geben. Wie also geht es los?
| "So, und nun noch die Pferde ein paar Runden am losen Zügel trocken reiten. Schönen Abend noch! Bis zum nächsten Mal!"
Mit diesen Worten verließ die Reitlehrerin und Stallbesitzerin Bettina Wegner die große Reithalle mit eiligen Schritten, ohne sich weiter um ihre Schüler zu kümmern.
Die sechs mehr oder weniger fortgeschrittenen Reiter und Reiterinnen gaben daraufhin sofort ihre stramme Haltung auf und ihren Pferden die Zügel hin. Meist paarweise im gemächlichen Schritt dahinbummelnd durchquerten sie mehrmals die Reithalle und unterhielten sich dabei ziemlich angeregt über die soeben erlebte Reitstunde.
Doch während diejenigen, die sich erst am Beginn ihrer Reitkarriere befanden, voller Begeisterung waren, gab es auch ein weniger zufriedenes Gesicht.
"Also lange mache ich das sicher nicht mehr mit", maulte Elisabeth Rösler, ein 18-jähriges, für diese Freizeitaktivität völlig unpassend grell geschminktes Mädchen, und verzog den Mund zu einem verächtlichen Lächeln, während sie zu den anderen Reitern hinüberblickte. "Immer dieses langweilige Einerlei gemeinsam mit diesen unfähigen Anfängern, da kann einem ja der ganze Spaß am Reiten vergehen!" Seite 7 | | |
Haben Sie es gemerkt? Die Autorin ist mit wörtlicher Rede mitten ins Geschehen gesprungen und hat in der Mitte der Seite schon die Grundlage für einen spannenden Konflikt gelegt, der den Leser neugierig macht. Zwei Personen sind bereits kurz vorgestellt worden, die dritte Person muß gleich kommen, denn an diese waren die unangemessenen Worte gerichtet.
Ohne Umschweife hat die Autorin die Reitstallbesitzerin charakterisiert; Elisabeth scheint eine eher unangenehme Person zu sein. Man ist jetzt gespannt auf die nun einzuführende Reitschülerin und deren Reaktion auf die nörgelnde Kritik. Man muß nicht lange warten - in diesem Tempo geht es weiter. Die Autorin läßt keinen Zweifel an den charakterlichen Werten ihrer Figuren. Sie schreibt aus dem Abstand ihrer Jahre, steht also über der Geschichte und ist nicht verstrickt. Sie kann als Regisseur die Fäden ziehen und die Figuren beliebig modellieren, die Handlung nach Bedarf entwickeln.
Nach Bedarf: als Anhang kündigt die Autorin eine Fortsetzung an. Voraussetzung dafür dürfte sein, daß der erste Teil beim Publikum gut ankommt. Kürzlich habe ich in der Wikipedia die Geschichte von Harry Potter bzw. seiner Autorin gelesen. Der heutige Welterfolg war keineswegs von Anfang an sichtbar oder vorhersehbar. Was also aus diesem ersten Ansatz der Autorin Heidelinde Keppel werden wird, kann heute keiner mit Sicherheit sagen.
Dieses Buch scheint mir vergleichbar mit den Büchern von Christiane Gohl (siehe zum Beispiel Rezension › Julia und der Pferdeflüsterer). Es ist sehr viel von Pferden die Rede, das Buch atmet sozusagen Stallgeruch. Selbstverständlich gibt es auch eine handfeste Liebesgeschichte. Und ebenso selbstverständlich geht die ganze Geschichte nach vielen dramatischen Wirrungen märchenhaft gut aus. So gehört sich das.
Zuguterletzt bietet die Autorin einen Dialog per E-Mail mit den Lesern an, und zu diesem Zweck hat sie ja auch die Messeseite › Keppel eingerichtet. Sollte dieser Roman einen überwältigenden Erfolg haben, was mich freuen würde, und viele Fortsetzungen erleben, dürfte die Autorin bald den Wunsch nach Abgeschiedenheit entwickeln. Sie wird sich dann wohl eine andere E-Mail-Adresse zulegen müssen.
erschienen 30.01.05
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