
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Das Titelbild zeigt den Autor mit einem Pferd. Der Untertitel macht deutlich, daß dieses Buch sich nicht um Pferde dreht. Pferde bilden den Hintergrund. Mit Ausnahme eines Abschnitts (› Leseproben Kamerad Pferd, Abschnitt "Ulfilas – Requiem für ein Pferd") bleiben die Pferde anonym.
Der Autor wird auch erst dann zum Reiter, als die Veterinäreinheit, der er überraschend zugeteilt wird (› Leseproben Kamerad Pferd, Abschnitt "Kamerad Pferd I - Prolog"), schon aufgelöst ist. Der junge Soldat wußte mit Pferden gar nichts anzufangen, und anscheinend hat er auch nach dem Kriege nie wieder etwas mit Pferden zu tun gehabt.
Gleichwohl entwickelte er anscheinend Verständnis, Mitgefühl und Liebe für die Pferde, nicht nur für diejenigen, die ihm anvertraut waren, sondern für das Wesen Pferd ganz allgemein, bzw. genauer: für das Hauspferd, das vorübergehend zum Kriegspferd geworden ist. Oder sollte ich sagen: für den Kameraden Pferd?
Das Buch ist seinem verstorbenen Sohn Manuel gewidmet, der ihn gedrängt hat, diese Erinnerungen aufzuschreiben. Immer wieder veröffentlichte der Autor Teile seiner Erinnerungen im Rundfunk, so zum Beispiel die Würdigung des Pferdes Ulfilas, das ihm bei der Invasion in Frankreich das Leben gerettet hat, aber in dieser Ausführlichkeit ist die Publikation vollkommen neu. Auf der Seite gegenüber dem Inhaltsverzeichnis findet sich eine weitere Widmung:
| 2,7 Millionen Pferde waren im Zweiten Weltkrieg im Einsatz. Davon sind 1,8 Millionen umgekommen. Auch ihrer möchte ich hiermit gedenken. | | |
Was diese Pferde im Krieg geleistet haben, bleibt unklar. Einige der behandelten Krankheiten werden gelegentlich nebenbei aufgezählt; Einzelheiten darf man nicht erwarten - man kann höchstens lernen, daß der Veterinär sich in der Not behelfen muß (› Leseproben Kamerad Pferd, Abschnitt "Kamerad Pferd III"). Wenn man sich vor Augen hält, daß die Veterinäreinheit, die zunächst in Frankreich stationiert war, dort 300 Pferde betreute, später in Rußland dann doppelt so viele, bekommt man eine Ahnung von den Erfahrungen, die der Autor dort mit Pferden und Pferdekrankheiten gemacht haben muß. Das Buch spart diese Erfahrungen weitgehend aus.
Es wird auch nicht erzählt, wie der Autor das Reiten gelernt hat. Immerhin ist er im Schlachtgetöse der Invasion knapp dem Tode entronnen. Die meisten Reiter heutzutage würden unter diesen Umständen gar nicht im Sattel bleiben können, fürchte ich. Das Verhältnis des Autors zu Pferden allgemein bleibt ebenfalls vage. Das Pferd als solches spielt in diesen Erinnerungen eigentlich keine Rolle.
Der Autor war einfacher Soldat und lernte schnell, daß die Offiziere sich jede Art von Freiheit herausnahmen. Dazu gehörte unter anderem, daß der Leiter der Einheit eine exquisite Herde zusammengestellte, requiriert aus den besten Pferden, die geheilt entlassen werden konnten. Durch einen Trick schleuste er diese Pferde nämlich wieder zurück in die Klinik und ließ sie dann offiziell auf dem Papier an einer unverfänglichen Krankheit sterben. Damit hatte er genug Material, um am Wochenende heitere Jagden, hitzige Springturniere und was dergleichen Belustigungen zu Pferde mehr sind zu veranstalten - für die Offiziere, versteht sich.
Auf diese Weise machte Oberstabsveterinär Dr. Isenberg sich im Kreise seiner Kollegen beliebt. Selbstverständlich war die Angelegenheit illegal, und selbstverständlich wurde sie von höchster Stelle gedeckt - die Offiziere wollten eben ihren Spaß haben, koste es, was es wolle.
Um die feucht-fröhlichen Feste aufzuwerten, hatte einer der beteiligten Veterinäre ein Gedicht geschrieben, das der Autor vortragen sollte. Dieser kam nämlich frisch von der Schauspielschule und schien für diese Aufgabe prädestiniert. Leider erwies sich das Gedicht als viel zu lang und viel zu schlecht. Es gab aber keine Möglichkeit, sich generell zu drücken, und so trug der junge Soldat schließlich eine gekürzte Fassung vor, obwohl das Gedicht verlogen, sentimental und politisierend war.
Vielleicht kam es gerade deshalb so besonders gut an. Der Autor mußte dieses Gedicht im Laufe des Krieges immer wieder vortragen, und es verfehlte seine Wirkung nie. Diese Wirkung war so stark, daß er regelmäßig protegiert wurde. Sogar der englische Befehlshaber des Kriegsgefangenenlagers ließ sich rühren und entließ als Dank den Rezitationskünstler vorzeitig aus der Gefangenschaft.
Das Gedicht hieß: "Kamerad Pferd". Obwohl sich der Autor mit dem Gedicht nicht identifizierte, identifizierte man ihn mit dem Gedicht und nannte ihn ebenfalls "Kamerad Pferd". Sein Vortrag war offenbar unvergeßlich, und deshalb versuchten diejenigen, die sich von ihm hatten rühren lassen, ihm zu helfen, wo es ging. Natürlich brauchte jeder, der den Krieg überlebte, jede Menge Glück. Das Glück des Autors war greifbar und unmittelbar mit dem Gedicht verbunden.
Dabei war ihm dieses Gedicht doch so zuwider, und obwohl er es zigmal, wenn nicht hundertemal vorgetragen hatte, ist es ihm nach dem Krieg bis auf Bruchstücke entfallen. Es handelte offenbar vom Leiden der Kreatur Pferd im Krieg, von dessen Treue und Opferbereitschaft, von dessen Leidensfähigkeit, die sein Überleben sicherte. Damit konnten sich anscheinend alle identifizieren, die einfachen Soldaten ebenso wie die hochrangigen Offiziere.
Wer sich für Pferde interessiert, wird in diesem Buch mit einiger Mühe Facetten entdecken, die sein Bild vom Pferd vervollständigen - aber höchst lückenhaft, wie schon angedeutet. Die Geschichte des Pferdes im Kriege, oder auch nur im Zweiten Weltkrieg, muß man anderswo suchen. Dieses Buch wendet sich an Menschen, die etwas über die Kriegszeit erfahren wollen. Genauer: über das Erleben eines einzelnen Menschen.
Dieser Aufgabe hat sich der Verlag verschrieben, allerdings nicht beschränkt auf die Kriegszeit. Als Augenzeugenbericht hat das Buch selbstverständlich seinen Stellenwert. Mein Vater gehört derselben Generation an und hat ebenfalls wenig über seine Kriegszeit berichtet. Wie der Sohn des Autors habe auch ich meinen Vater angeregt, seine Erinnerungen niederzulegen, und dadurch habe ich ebenfalls von grotesken Kriegserlebnissen erfahren, die ich mir nicht hatte träumen lassen. "So kann man keinen Krieg gewinnen", hatte mein Vater einmal lapidar resümiert.
In diesen Erinnerungen kommen noch nicht einmal Pferde vor, und insofern können sie nicht mit so viel Sympathie rechnen, denn die Pferde sind nun einmal Sympathieträger ersten Ranges. Insofern ist das Titelbild geschickt gewählt. Das Buch enthält zwei weitere Abbildungen: eine Gruppenaufnahme kurz nach der Aufnahme in die Veterinärkompanie und ein Portraitfoto mit Mutter anläßlich eines Heimaturlaubs von der Ostfront. Auf beiden Fotos ist kein Pferd zu sehen.
Die Seite » Leseprobe des Verlags bringt am Ende doch noch eine Aufnahme des Autors mit Pferd, allerdings ohne weitere Erklärung. Das ist schade. Wenn ich vom Fotomaterial meines Vaters schließen darf, das selbstverständlich ausgiebig die Flugzeuge würdigte, mit denen er sein Leben riskierte, müßte jede Menge Fotos des Autors mit Pferden gemacht worden sein. Ob er diese hat retten können, ist natürlich eine andere Frage.
Einige Vorgesetzte wie der bereits erwähnte Oberstabsveterinär werden prägnant charakterisiert, andere bleiben merkwürdig anonym oder werden anonymisiert. Ich nehme an, daß der Autor hier Personenschutz walten läßt. Man könnte ja am Verhalten dieser Leute Anstoß nehmen. Man könnte diese Leute sogar kritisieren. Das tut der Autor nicht. Er schildert die Anekdoten wie am Stammtisch, die Groteske, die schon im Untertitel angesprochen wird, steht im Vordergrund. Eine Würdigung der Verhältnisse, des Krieges, der politischen, militärischen, menschlichen Zustände sucht man vergebens.
Diese Zurückhaltung kenne ich aus den Erinnerungen meines Vaters, aber im Vergleich ist dieser wesentlich kühner. Das verwundert mich, weil mein Vater eine bescheidene Rolle im Leben gespielt hat, anders als der Autor, der öffentlich an wichtigen Stellen gewirkt hat. Ich wünschte mir dieses Buch eingebettet in Lebenserinnerungen, die ein vollständigeres Bild des Autors und seiner Zeit liefern.
Das läßt sich freilich nicht in 100 Seiten abhandeln; schon bei diesem beschränkten Thema wird der Autor rigoros gestrichen haben. Vielleicht liegt es daran, daß das Buch immer wieder verwirrt. Möglicherweise liegt es auch an der Professionalität des Autors, der als Schriftsteller, Dramaturg, Regisseur und Hörspielautor über ein hohes Maß an Reflektion und Handwerkszeug verfügt, die ihn verleitet haben mögen, aus dieser lockeren Erzählfolge ein Kunstwerk machen zu wollen. Das kann man vermutlich erst würdigen, wenn man das Buch zum zweiten Mal liest, aber dafür rührt es mich nicht genug an; beim ersten Mal fragte ich mich immer wieder, wovon er denn jetzt schon wieder redet - die Zusammenhänge blieben unklar, Schnitte und Sprünge werden erst später aufgeklärt, so daß der Leser eine Weile im Dunkeln tappt.
Ganz zum Schluß, bei der Szene mit dem Musiklehrer im Kriegsgefangenenlager, war ich vollends durcheinander. Dieser Mann hatte einen Namen und der Text suggerierte, daß dieser bekannt sein müsse. Ich blätterte zurück zum Anfang, wo der Autor durch die Obsession eines Musiklehrers für die Veterinärkompanie ausgesucht worden war (› Leseproben Kamerad Pferd, Abschnitt "Kamerad Pferd I - Prolog"). Sollten diese beiden Leute identisch sein? Ich konnte die Frage nicht klären, da der Musiker des Anfangs konsequent ohne Namen auftritt. Vermutlich nicht. Der Mann wird geschildert, als müßte man ihn kennen, aber man kann ihn nicht kennen. Es ist wohl eine Frage des Stils.
Trotzdem bestätige ich die Einschätzung des dtv-Gründers: "So etwas wie 'Kamerad Pferd' vergißt man nicht." Wer sich für Zeitgeschichte interessiert, wer wissen will, wie es im Kriege auch zugehen konnte, sollte dieses Buch lesen. Es ist nicht nur schrecklich, sondern auch vergnüglich, obwohl das ein viel zu harmloser Ausdruck ist. "Grotesk" ist schon richtig.
erschienen 21.11.04
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