
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Vor einigen Wochen erhielt ich eine dringende Anfrage einer Leserin; sie brauchte unbedingt Informationen zur Pferdefütterung. Nun gibt es einschlägige Fachliteratur, aber sie wollte nicht viel Zeit investieren, um sich einzuarbeiten. Die Rezensionen der Pferdezeitung zu den Büchern › Pferde richtig füttern und › Praxishandbuch Pferdefütterung hatte sie gelesen.
Ich konnte ihr leider nicht helfen. An die beiden Rezensionen habe ich mich nur schwach erinnert. Das Praxishandbuch von Bender wurde vom Rezensenten Friedhelm Pohl sehr gelobt und mit einem Standardwerk von Meyer verglichen, das ich nicht kenne. Allerdings ist das Buch sehr umfangreich und anscheinend nicht einfach zu lesen.
Überhaupt hatte ich den Eindruck, daß das Thema an sich sehr unerfreulich ist. Selbst wenn man ein ganzes Labor beschäftigt, ist es wohl nicht einfach, zu den richtigen Schlüssen zu kommen.
Dieses neue Buch entkräftet meinen Einwand nicht unbedingt, ist aber sehr spannend zu lesen, was mich gewundert hat. Ich mußte mich richtig disziplinieren, um mich nicht zu verlieren. Es ist reich illustriert, sorgfältig aufgemacht und enthält Informationen, die ich gar nicht erwartet hatte, etwa eine sehr hilfreiche und überraschend umfangreiche Übersicht über Giftpflanzen (Seite 138-153).
Das Inhaltsverzeichnis ist sehr ausführlich und erstreckt sich über drei volle Seiten. Bereits die Einleitung ist hochinteressant und nennt als Motiv für dieses Buch die Erkenntnis: "So bewegt sich die Pferdefütterung häufig zwischen mittelalterlichem Aberglauben und schlechten Angewohnheiten."
| Ein Beispiel: Seit über 2000 Jahren ist die Gefahr der Hufrehe durch den Gerstenfütterung bekannt. Bei den alten Griechen lautete das Wort für Hufrehe Gerstenkrankheit. Dennoch wird auch heute noch selbst von Tierärzten die Überfütterung mit Eiweiß als Ursache von Hufrehe angegeben, obwohl die Auslösung von Hufrehe durch Maisstärke und Gerstenstärke oder auch Fruktan sogar wissenschaftlich belegt ist. Ein anderes Beispiel aus der Futtermittelkunde ist die irrige Ansicht, daß Hafer besonders eiweißreich ist und deshalb Probleme verursacht. Seite 8 | | |
Der Autor möchte als Pferdefachmann und Ernährungswissenschaftler die neuesten Erkenntnisse an die Praxis vermitteln. Zur Vermittlung gehört auch die entsprechende Verpackung. Der Autor schmeißt uns nicht die nackten Fakten und Formeln vor die Füße, sondern hat ein Buch geschrieben, das das Thema in einen weiten Zusammenhang stellt und damit verdaulich macht.
Der nächste Abschnitt heißt "Historischer Rückblick" und betrachtet vor allem die Kriegführung und diese aus ernährungstechnischer Sicht - wie könnte es anders sein? Dieser Blickwinkel wird selten eingenommen, erlaubt aber überraschende Einsichten. Man konnte die erforderliche Anzahl von Pferden vor allem im Winter nicht ernähren.
| Noch im Zweiten Weltkrieg wirkte sich das Problem einer mangelnden Versorgung mit Heu und Stroh verheerend aus, selbst wenn Kraftfutter in Form von Hafer ausreichend zur Verfügung stand. Die Kavalleriepferde verhungerten sozusagen vor vollen Haferkrippen, weil ihnen Heu als Rauhfutter fehlte. Seite 10 | | |
Im Kapitel "Futtermittel und Fütterungspraxis" endet der einleitende Abschnitt "Einzelfuttermittel" mit:
| Ein Pferd kann gegebenenfalls sehr wohl ohne Kraftfutter auskommen, niemals jedoch über einen längeren Zeitraum ohne strukturiertes Rauhfutter.
Rauhfutter
Wie sieht pferdegerechtes Heu aus?
Gutes Heu stammt von einem gut gepflegten und gedüngten Pflanzenbestand aus wertvollen Gräsern mit Anteilen von Leguminosen, kleeartigen Pflanzen und Kräutern. Die Heubergung erfolgt idealerweise während einer stabilen Hochdruckwetterlage zur Mitte der Blüte der Bestandsbildner.
Viele Jahre wurde für Pferdeheu ein möglichst später Schnitt bei der Heuernte empfohlen. Das möglichst spät geschnittene Heu galt aufgrund seines niedrigen Eiweißgehaltes als besonders pferdegerecht. Diese alten Vorstellungen müssen kritisch hinterfragt werden.
So ist zum Beispiel die Verpilzung eine Gefahr aber einem sehr späten Schnitt. Die Befallsraten mit Plätzen sind bei überständigem Material ungeheuer groß. Hinzu kommt ein Energie- und Nährstoffverlust, der die Qualität deutlich mindert.
Die Wiese sollte in der Mitte bis spätestens Ende der Blüte geschnitten werden. Danach sollte das Heu sofort trocken gelagert werden. Die trockene Lagerung verhindert eine zu starke Aktivität von schädlichen Mikroorganismen, die zu Nährstoffverlusten und Schimmelbildung führt. Gutes Heu erkennt man an einer blaugrünen Färbung, an einem aromatischen Geruch sowie an einer guten Struktur.
Frisches Heu sollte erst nach drei- bis vierwöchiger Lagerung, in der noch fermentative Prozesse ablaufen, gefüttert werden.
Als Ziel- beziehungsweise Orientierungswerte für ein pferdegerechtes Heu gelten Gehalte von 30-33% Rohfaser in der Trockensubstanz. An das Heu für Zuchtstuten mit Fohlen bei Fuß sowie für Absatzfohlen sind besonders hohe Qualitätsanforderungen zu stellen. Hier sollten Sie etwas geringere Rohfasergehalte und höhere Energiegehalte anstreben. Seite 36/37 | | |
Die nächsten Abschnitte zum Thema Rauhfutter muß ich hier auslassen. Kommen wir zum nächsten Thema: Ein Zitat aus dem Abschnitt "Mischfutter":
| Mischfutter
Seit ca. 200 Jahren wird versucht, aus einzelnen Futtermitteln für das Pferd passende Kombinationen zu erstellen. Die ersten Versuche wurden in den napoleonischen Kriegen gemacht, als man für Kavalleriepferde sogenannte Futterbrote oder Pferdebisquits herstellte. Diese bestanden meist aus Getreideschrot und Leguminosen, die durch Backen in eine haltbare und hochverdauliche Form gebracht wurden. Der Reitersoldat konnte diese Futterkonserven leichter als Vorrat am Sattel mitführen.
Die Versorgung von großen Pferdebeständen wurde wesentlich erleichtert. Auch für die aufkommende Industrialisierung war die Versorgung von großen Pferdebeständen mit großem Aufwand verbunden. Vor dem Ersten Weltkrieg gab es eine regelrechte Blütezeit für die Pferdefutterindustrie.
Lange bevor man an industrielle Mischungen für Rinder, Schweine oder Geflügel dachte, gab es bereits industriell hergestellte Mischungen für Pferde.
Moderne Mischfutter enthalten meist eine Mischung aus Produkten der verschiedenen Getreidearten in Kombination mit Grünmehlen (aus Gras oder Luzerne) sowie Anteile von Trockenschnitzeln. Die Vorteile verschiedener Futtermittel werden auf diese Art sinnvoll miteinander kombiniert, die Nachteile einzelner Futtermittel werden ausgeglichen. Zusätzlich werden Spurenelemente und Vitamine eingemischt, so daß eine bedarfsgerechte Versorgung erleichtert wird. Beim Vermahlen und Pelletieren unter Druck und mit heißem Wasserdampf wird die Verdaulichkeit der Stärke deutlich verbessert.
In neuerer Zeit werden verstärkt sogenannte Müslifutter angeboten, bei denen die Getreideanteile in unvermahlener Form eingemischt werden. Sinnvollerweise werden die Getreidekomponenten meist hydrothermisch behandelt.
Müsli oder Pellets?
Unter Laien wird häufig sehr erbittert die Diskussion geführt, ob Müsli- oder Pelletfutter für das Pferd geeigneter sind. Pelletierte Mischungen sind leicht zu transportieren und zu lagern. Sie entmischen sich nicht und sind in der Regel haltbarer. Müslimischungen sind für den Menschen optisch ansprechender. Die Beurteilung der Komponenten ist ohne Mikroskop möglich.
Allerdings eignen sich Müslimischungen eher für kleinere Bestände, für die Sackware praktikabler ist. In der Losekette entmischen sich Müslis leichter. Die offenen Strukturen sind für Mikroorganismen leichter anzugreifen, so daß ein Müsli schneller verdirbt.
Viel entscheidender als die Frage Müsli oder Pellets ist die Frage: Wie ist das Futter zusammengesetzt? Für welchen Einsatzbereich ist es gedacht? Und welche Fütterungsstrategie soll damit verfolgt werden? Je nach Einsatzzweck unterscheidet man verschiedene Formen von Ergänzungsfutter, zum Beispiel Haferersatz als Ergänzung zu Heu. Außerdem wird nach Bedarfsgruppen unterschieden, beispielsweise Ergänzungsfutter für Sportpferde, Ergänzungsfutter für Zuchtpferde oder Ergänzungsfutter für Fohlen usw.
Wichtig ist für Sie, das Sie den Bedarf Ihrer Pferde möglichst genau kennen und die Grundfuttersituation möglichst genau einschätzen können. Sie sollten also wissen, was Ihre Weide, Silage oder Ihr Heu an Nahrungsstoffen hergibt.
Die fehlenden Nährstoffe können dann sinnvoll über Kraftfutter und/oder Mineralfutter hinzugegeben werden. Sie sollten also zumindest eine grobe Rationskalkulation für die wichtigsten Nährstoffe und Mineralien durchführen, wobei Sie natürlich überprüfen müssen, ob die kalkulierten Mengen auch aufgenommen werden. Seite 50/51 | | |
Wir kommen also um eine genauere Analyse und Berechnung nicht herum, aber Dr. Karp macht es uns leicht. Oder macht es die herrschende Praxis dem Autor leicht, grundlegende Hinweise zu geben, die geradezu revolutionär wirken, da offenbar vollkommenen konträr zur Praxis?
| Spezielle Fütterungssituationen und Beispielrationen Die Fütterung des Rennpferdes
Galopprennpferde müssen in der Lage sein, innerhalb kurzer Zeit viel Energie für Muskelarbeit zu mobilisieren. [...] Es macht daher auch keinen Sinn, kurz vor der Rennbelastung Traubenzucker zu verabreichen. Im Gegenteil: eine Traubenzuckergabe führt nur zu einer heftigen Insulinreaktion. Der Zucker wird in die Zellen abgegeben, und der Blutzuckerspiegel sinkt nach kurzer Zeit umso tiefer. [...]
Wie kann dem schwer arbeitenden Rennpferd ein gutes Wasser- und Elektrolytreservoir zur Verfügung gestellt werden? Ganz einfach: durch ein reichliches Heuangebot. Denn durch viel strukturierte Rohfaser wird es dem Rennpferd ermöglicht, einen guten Wasser- und Electrolytspeicher im Dickdarm zu bilden. Dieser trägt zu einem günstigen Milieu im Körper bei. Eine Übersäuerung des Verdauungstraktes und der Muskulatur werden so weitgehend verhindert oder zumindest doch gebremst. Diese durch wissenschaftliche Untersuchungen von Professor Manfred Coenen und seinen Mitarbeitern belegten Erkenntnisse werden leider in der Fütterungspraxis der Rennställe zu wenig berücksichtigt. Heuarme Rationen sind die Regel. Am Renntag wird oft sogar noch ganz auf Heu verzichtet, um den toten Ballast zu reduzieren. Bei gleichzeitig erhöhten Mengen an stärkereichem Kraftfutter ist die Acidose vorprogrammiert. Solange alle Trainer den gleichen Fehler machen, gibt es trotzdem einen Sieger, allerdings um den Preis erhöhter Stoffwechselprobleme. [...]
Die Fütterung der Springpferdes
[...] Daher ist eine gute Heuversorgung der Springpferdes gerade unter Wettkampfbedingungen eine wichtige Grundlage für eine effektive Wasser- und Electrolytspeicherung im Dickdarm. Aus Bequemlichkeit wird leider oft auf Turnieren zu wenig Heu gefüttert.
Da die Pferde in den Boxen der Stallzelte meist auf Sägespänen stehen, ist der Rohfasermangel noch kritischer, weil kein Ausgleich über Stroh erfolgen kann. Gerade für Pferde, die nicht auf Stroh stehen, empfiehlt es sich unbedingt, mindestens dreimal täglich Heu zu füttern. Dies fördert auch den Streßabbau und beugt Magengeschwüren vor. [...]
Die Fütterung des Dressurpferdes
Der Energiebedarf des Dressurpferdes wird in der Praxis oft überschätzt. Viele Dressurpferde sind überfüttert und dementsprechend zu fett. Man kann sich manchmal des Eindrucks nicht erwehren, daß manche Dressurreiter aus einem noblen Halbblüter über eine Mastkur ein Barockpferd machen wollen. Natürlich braucht ein Dressurpferd eine gut ausgeprägtem Muskulatur, um die für die versammelten Lektionen nötige Tragkraft zu entfalten. [...] Eine Überversorgung mit Energie führt nicht nur zu unnötiger Wärmeproduktion mit Flüssigkeitsverlust durch starkes Schwitzen. Die nicht benötigte Energie wird in Form von Fett gespeichert und führt zu einer unnötig hohen Belastung von Sehnen, Bändern und Gelenken. Bei Berechnung des Energiebedarfs empfiehlt es sich daher, die Bedarfsnormen für leichte bis höchstens mittlere Arbeit anzusetzen. [...]
Eine ausgewogene Ration, die genügend strukturiertes Rauhfutter in Form von Heu enthält, ist aus verschiedenen Gründen besonders wichtig: Die Befriedigung des artgemäßen Freßverhaltens verhindert unnötige nervliche Beanspruchungen schon im Stall in der Box bzw. während des Turniers im Stallzelt. Die Pferde sind dann von vornherein viel ruhiger und entspannter. Die Gefahr eines Energieüberschusses, der sich in übermäßigen Spannungen äußert, wird so vermieden. [...] Sie sehen also, wie wichtig die Rohfaserversorgung ist. Nehmen Sie immer ein gut gefülltes Heunetz mit. [...] Seite 63-65 | | |
Ich habe hoffentlich mit meinen Zitaten gezeigt, daß dieses Buch angenehm zu lesen ist und selbst bei altbekannten Themen noch neue Erkenntnisse bietet - der Autor löst also sein Versprechen ein, wissenschaftliche Erkenntnisse an die Pferdehalter zu vermitteln, mit Vorteilen aufzuräumen und praktische Anleitungen zu geben. Man muß sich durch dieses Buch nicht durchkämpfen. Am liebsten würde ich noch viel mehr zitieren, aber diese Beispiele müssen reichen.
Nun könnte jemand unterstellen, daß der Autor als Produktmanager für Pferdefutter durch seine Interessen gesteuert ist. Wenn dem so sein sollte, konnte ich es nicht erkennen. In anderen Büchern habe ich durchaus Hinweise auf bestimmte Produkte gefunden, hier nicht. Sein Plädoyer für eine ausgewogene Ernährung ist auf jeden Fall berechtigt und die Erläuterung der Inhaltsbestandteile fertiger Futtermischungen hilft bei der Beurteilung der Marktprodukte.
Die wichtigste Grundlage, das betont der Autor immer wieder und das wurde auch aus den Zitaten deutlich, ist das Rauhfutter. Fertigfutter ist immer Zusatz und wird es nach seiner Beurteilung auch in Zukunft bleiben. Die vorgetragenen Argumente für Fertigfutter leuchten ein; insofern erscheint seine Beschäftigung als Produktmanager für Pferdefutter logisch. Nur jemand, der die Materie wirklich kennt, kann uns weiterbringen. Ich möchte das Buch jedem Pferdehalter empfehlen.
erschienen 24.10.04
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