
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Der erste Band war bereits eine Sensation; der zweite Band steht dem ersten in nichts nach. Beide Bände müssen zusammen gesehen werden. Nach der Lektüre des ersten Bandes wünschte man sich, der zweite würde schon vorliegen. Am Freitag habe ich das Besprechungsexemplar bekommen. Ein kurzer Blick bei Amazon zeigt, daß beide Bücher lieferbar sind.
Zur Zeit kostet der zweite Band unter 100 EUR, wie der erste, der für eine gewisse Zeit ebenfalls zum Subskriptionspreis zu haben war und jetzt 128 EUR kostet. Wer schon immer mit dem Erwerb der beiden Prachtbände geliebäugelt hat, sollte also möglichst bald zugreifen. Entgegen der Erwartung des Verlags verkauft sich der erste Band auch zum regulären Preis sehr gut; vermutlich ist die erste Auflage bald ausverkauft. Ein Grund mehr, sofort tätig zu werden; auch der zweite Band wird bald nur noch zum regulären Preis von 128 EUR zu haben sein.
Die Anzahl der Bilder im zweiten Band ist mir nicht bekannt, deshalb habe ich die merkwürdige Formulierung "Abbildungsgruppen" gewählt. Tatsächlich steht selten einmal ein Bild für sich allein, meistens als Teil einer Reihe. Zur Illustration benutze ich die willkürlich aufgeschlagene Seite 142/143. Wir befinden uns im Abschnitt C (Atlas der Modelle und Typen) und hier beim Modell COACH.
Abbildung 307 ist in drei Teile aufgeteilt:
| 307 Weitere späte Coach von 1893 aus dem Hause Guiet et Cie. in Paris Bei dieser ebenfalls in Chicago ausgestellten Road Coach wurden die Galerien abgeschrägt, wie es in der Spätzeit hin und wieder vorkam.
307.1 Zeichnung aus dem "Guide du Carossier"
307.2 Die Fotografie zeigt wohl denselben Privatwagen mit der Nummer 6765 in restauriertem Zustand. Er weist eine doppelte Hebelbremse auf. Im vorderen Koffer (vom Inneren her zugänglich) können die sechs Laternen (vier Seitenlaternen, eine Bockbrettlaterne und eine Rückleuchte) in speziellen Haltungen ohne die Füße zusammen mit Reservebremsklötzen und zwei Radschlüsseln befestigt werden.
307.3 Die Aufnahme rechts gibt Einblicke in das Innere der Coach. GDC 2, 190 und Sammlungen Stief, Augsburg | | | . Auf derselben Seite noch zwei Fotos; das eine steht für sich allein und zeigt eine weitere Privatcoach, die in London gebaut wurde und jetzt in New York in einem Museum aufbewahrt wird. Das andere ist wiederum das erste einer Reihe von 2 Abbildungen, wobei die zweite die gesamte Doppelseite 144/145 einnimmt:
| 309.1 Späte Private Drag in Paris aus der Zeit um 1900 Wenn der Wagen nur mit Bediensteten ausgefahren wurde, legte man die Rückenlehnen der Dachsitze ab. Musée national du château de Compiegne s 309.2 Berühmte Coach von Aachen Georg Talbot (1864 bis 1984), Ingenieur und Geheimer Kommerzienrat, war ein großer Förderer des Pferdesportes und selbst ein bekannter Fahrer. Hier ist einer seiner bekannten Viererzüge von Holsteinerpferden zu sehen. Die angespannte Coach wohl englischer Herkunft ist in den Familienfarben gehalten und weist als Besonderheit eine zweite, von der hintersten Bank aus zu bedienende Bremse auf. Mit solchen Equipagen wurden im Rahmen der Aachener Turniere Fahrten von 100 und mehr Kilometer ausgeführt. Auf diesem Ölgemälde von 1909 des Tiermalers und Zeichnungslehrers Caspar von Reth (1850 bis 1913) ist die auch photographisch festgehaltene Szene verewigt, wie die Coach von Bediensteten vorgefahren wird. Nachlaß Georg Talbot | | |
Wer sich für Kutschen interessiert, muß nicht unbedingt ein Pferdefreund sein. Selbstverständlich braucht man Pferde für die Kutschen, aber für ein Kutschenmuseum sind Pferde nicht notwendig. Der Autor hatte seinerzeit eine kleine Sammlung im Museum zu betreuen, schrieb ein Buch darüber und wollte zur Feier einmal eine solche Kutsche im Betrieb sehen. So kam er selbst zum Kutschefahren. Heute fährt er mit seiner historischen Kutsche zweispännig freizeitmäßig.
Er versteht also etwas von der Sache, die Leidenschaft für Kutschen und für Pferde hat auch ihn ergriffen. Andererseits ist er ein professioneller Museumsmann. Dieses Buch oder besser beide Bände dieser Veröffentlichung sind mit der größten fachlichen Sorgfalt hergestellt, die sich denken läßt.
Der Autor hat den Versuch angestellt, sämtliche Modelle im betrachteten Zeitraum systematisch einzugliedern. Dabei hat er feststellen müssen, daß das nicht nur schwierig, sondern sogar unmöglich ist, weil die Wirklichkeit sich nicht in ein Schema pressen läßt. Trotzdem hat er eine Schablone entwickelt, die als Faltblatt dem Buch beiliegt und eine hilfreiche Orientierung ermöglicht.
Die Zeit der historischen Kutschen scheint vorbei zu sein, aber das stimmt nicht. Es werden zur Zeit mehr Kutschen denn je gebaut, moderne Marathonkutschen und historische Nachbauten. Neue Modelle im alten Stil werden aber heute kaum noch erfunden.
Das war in der Blütezeit des Kutschenbaus, die der Autor betrachtet, ganz anders: eine Modewelle jagte die andere, ständig wurden neue Erfindungen gemacht und Varianten entwickelt. Das macht es so schwierig, eine durchgängige Geschichte des Kutschenbaus zu erkennen - es gab sie vermutlich nicht. Einzelne Persönlichkeiten, Konstrukteure, Fabrikanten, Kunden haben sicher den Lauf der Dinge beeinflußt, letzten Endes aber wohl, wie das bei der Mode immer der Fall ist, die Kundschaft.
Um 1900 besaß ein wohlsituierter Haushalt für jede Gelegenheit eine passende Kutsche, wohl um die zehn verschiedene Modelle. Danach begann bekanntlich der Aufstieg des Automobils, das zunächst unübersehbar von der Konstruktion einer Kutsche und auch den entsprechenden Kutschenmoden beeinflußt war. Bald aber emanzipierte sich das Automobil und der Kutschenbau ging seinem Ende zu.
Heute leben wir im Zeitalter des Automobils und erleben am eigenen Leibe die wechselnden Moden. Die Begüterten heutzutage werden ebenfalls ein Dutzend Fahrzeuge im Einsatz haben, für jede Gelegenheit des passende, genau wie damals zur Kutschenzeit. Es gibt bereits jetzt viele Automobilmuseen, vermutlich viel mehr als Kutschenmuseen.
Wer sich für Kutschen interessiert, dürfte inzwischen den ersten Band erworben haben und sich beeilen, den zweiten ebenfalls zu erstehen. Falls Sie mit dem Gedanken spielen, sich eine historischen Kutsche zuzulegen, wäre der Erwerb ebenfalls empfehlenswert, denn die erste Kutsche könnte der Anfang einer Sammlung sein. Zur Zeit sind nämlich durch die Öffnung nach Osten historische Kutschen in größter Vielfalt und extrem günstig zu haben.
Die grundlegende Arbeit Furgers wird Ihnen helfen, die Angebote zu sichten, einzuordnen und den Zustand zu beurteilen. Der zweite Band widmet sich neben der Einordnung auch der Konservierung und Restaurierung. Anhand von acht Fallbeispielen kann man lernen, wie faszinierend und aufregend die Entdeckung einer antiken Kostbarkeit sein kann.
Inhaltsverzeichnis:
- Vorwort von Rudolf Stief
- A. Modellvielfalt und ihre Entstehung
- Quellen
- Typologie
- Terminologie
- B. Atlas der Modelle und Typen
Von "Américaine", "Araignée", "Barouche", "Batarde", "Berline" usw. bis "Varia" - C. Datierung
- Datierung nach dem Stil
- Kastenformen und Bemalungen
- Technische Innovationen und Innenausstattungen
- D. Bestimmung und Konservierung
- Fünf Schritte zur Bestimmung
- Konservierung, Restaurierung und Rekonstruktion
- Bestimmung anhand von acht Fallbeispielen
- Anhang 1
Wichtige Wagenbauer Europas in Stichworten - Anhang 2
Historische Fachzeitschriften - Anhang 3
In Band II abgekürzt zitierte Literatur und Anmerkungen Abgerundet wird das Buch durch drei Indizes, die ein komfortables Arbeiten ermöglichen. Selbstverständlich wird immer wieder auf den ersten Band verwiesen, nicht zuletzt wegen des bereits dort verarbeiteten Bildmaterials.
Und wenn Sie sich nun gar nicht für Kutschen begeistern können, möchte ich Ihnen die beiden Bände trotzdem empfehlen. Ich bin mir ziemlich sicher, daß Sie mit diesen Büchern ebenfalls zum Kutschenfan werden.
erschienen 27.06.04
Siehe auch die folgende Rezension: Ausgabe 257, Furger, Andres: › Kutschen Europas des 19. und 20. Jahrhunderts, Band 1: Equipagen-Handbuch, Reihe DOCUMENTA HIPPOLOGICA
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