
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Ein Buch aus dem Jahre 2000, ohne farbige Abbildungen, ein Nachdruck aus dem Französischen; die zweite französische Auflage ist 1997 erschienen. Immerhin war die französische Erstauflage so erfolgreich, daß eine zweite Auflage erforderlich wurde. Stutzig wurde ich allerdings beim Preis. Dieses Buch wendet sich offensichtlich nicht an Otto Normalverbraucher. Ein Blick auf die Pressemitteilung des Verlages bestätigt diese Vermutung. Der Klappentext zeigt den Zusatz
| | Das Buch wendet sich vor allem an Physiotherapeuten, Tierärzte und Trainer. | | |
nicht. Vor diesem Zusatz ist eingefügt worden: "also nicht nur im Hochleistungs-, sondern auch Breitensport". Daraus schließe ich, daß der Verlag zwar anerkennt, daß die beschriebenen Methoden in erster Linie im Hochleistungssport Anwendung finden dürften, wo Probleme und Kosten gleichermaßen groß sind, eine Investition in dieser Höhe also unerheblich ist, dieser Markt aber doch zu klein ist, als daß sich die Publikation des Buches rentieren würde.
Daher wird der Breitensport angesprochen. Die gesundheitlichen Probleme der betroffenen Pferde sind vermutlich ebenfalls gravierend; die leidgeprüften Pferdebesitzer werden sich über kurz oder lang an Fachleute wenden müssen, für die Literatur in dieser Preisklasse ebenfalls kein Problem ist, wenn der Inhalt den Erwartungen entspricht. Damit ist die Zielgruppe schon erheblich größer; jedes Pferd wird seinen Tierarzt haben, aber nicht jeder Tierarzt hat es mit Hochleistungssportlern zu tun.
Das Buch darf deshalb auch gar nicht modisch schick daherkommen. Die Verpackung muß dem Inhalt entsprechen. Merkwürdig finde ich allerdings, daß das Vorwort formuliert:
| Die Kinesiotherapie (Bewegungstherapie) bei Pferden erfreut sich seit einigen Jahren schon auf dem nordamerikanischen Kontinent und in den skandinavischen Ländern größte Beliebtheit. Das vorliegende Buch ist dieser Weiterentwicklung der "physikalischen Therapie" vorausgeeilt und hat sie begleitet, mittlerweile ist es sowohl in französischer als auch in englischer Übersetzung erhältlich. Seite 5 | | |
Nanu? Nun ist das Buch ins Französische übersetzt worden? Habe ich da etwas mißverstanden? Auf der gegenüberliegenden Seite lese ich: "Originalausgabe erschienen in französischer Sprache...". Merkwürdig, dieser Lapsus. Hoffen wir, daß der Rest des Buches sorgfältig gearbeitet worden ist.
Das Inhaltsverzeichnis erstreckt sich über drei volle Seiten und strotzt von Fachbegriffen. Vielleicht arbeiten wir uns Schritt für Schritt durch das Inhaltsverzeichnis:
- Teil 1: Grundlagen
- Teil 2: Gymnastizierung des Pferdes
- Teil 3: Methoden und Techniken der Bewegungstherapie
- Teil 4: Physiotherapie elementarer Verletzungen
- Teil 5: Physiotherapie nach Regionen
Teil 2 gliedert sich folgendermaßen auf:
- Allgemeines über das junge Pferd
- Das Pferd im Wettkampf: ein Athlet, der leidet
- Berücksichtigung des Alters der Gelenke und biomechanische Anpassung
- Bodenverhältnisse
- Gymnastizierung und Bewegung
- Springstraining
- Die akademische Reitkunst
- Kommunikation und Entspannung
- Der Rücken des Pferdes: eine emotionaler Filter, der Einfühlungsvermögen erfordert
- Schubkraft und Entspannung
Pathologie des Rückens - Prävention von Schäden Schulterherein - Schultervor Entspannung Seitengänge Schlußfolgerung: Wissen und Zuhören Technische Aspekte- Die zehn Hilfsmittel der Gymnastizierung
- Gymnastizierung auf schräger Ebene
Und noch einmal: Teil 5
- Hals und Nacken
- allgemeines Vorgehen
- Lokalisierung
- Behandlung
- Hauptproblemzonen Nackenbereich und mittlerer Halsbereich (Zone 1 und 2)
- Regionen des M. brachiocephalicus (Zone 3), M. serratus ventralis cervicis (Zone 4) sowie M. trapezius (Halspartien) und M. rhomboideus(Zone 5)
- Ergänzende Behandlung
- Akupunkturpunkte
- Bindegewebsbehandlung
- Rehabilitation
- In der Box
- Im Freien
- Der Rücken - Einführung in die Pathophysiologie der Wirbel
- Therapeutische Vorgehensweise
- Pathologie
- Semiologie
- Suche nach Störungen der paravertebralen Muskeln und Bänder
- Topographie der wesentlichen Verspannungspunkte
- Therapie des Rücken- und Lendenbereiches
- Beispiel einer Behandlung
- Massagetechnik
- Rehabilitation der Wirbelsäule
- Allgemeines Behandlungsprotokoll
- Vorbereitende Arbeit an der Longe
- Physiotherapeutische Analyse der Arbeit bei vorwärts - abwärts gesenktem Hals
- Biomechanische Wirkungen der Gymnastizierung mit tiefer Halshaltung
- Weitere pathologische Veränderungen am Rumpf
- Kreuzdarmbeingelenk
- Falsche Lahmheiten oder Taktfehler
- Dorsolumbale Myositis
- Physiotherapeutische Behandlung
- Die Schulter
- Schlüsselpunkte der schmerzhaften Schulter
- Behandlung der Schulter
- Allgemeines Behandlungsprotokoll
- Rehabilitation
- Massage der schmerzhaften Schulter
- Becken und Oberschenkel
- Allgemeine Semiologie
- Funktionelle Symptome
- Palpatorisches Vorgehen
- Allgemeiner Behandlung
- Rehabilitation
- Verspannungspunkte in der Becken- und Oberschenkelregion
- Massage der Akupunkturpunkte
- Femoropatellarsyndrom
- Physiotherapie
- Spezielle Vorbereitung der Muskulatur für den Wettbewerb
- Fahrpferde
- Springpferde
- Dressurpferde
Aus der Einleitung:
| Der enorme Leistungsdruck, der auf Sportpferden lastet, hat zur Folge, daß sich die Tiere zunehmend den physiologischen Grenzen der Belastbarkeit ihres Bewegungsapparates nähern. Das Überschreiten dieser Grenzen führt zur Entstehung von Schäden, nach deren Beseitigung bzw. Reorganisation unweigerlich Folgen zurückbleiben. Der Bewegungsapparates behält stets Spuren vorausgegangener Schädigungen zurück. Während die Diagnostik in den letzten Jahren bedeutende Fortschritte gemacht hat, konnten die Verbesserungen der medikamentellen oder chirurgischen Behandlungsmethoden lokomotorischer Schädigungen mit dieser positiven Entwicklung nicht Schritt halten.
Die Kinesiotherapie kann einen beträchtlichen Beitrag zur erfolgreichen klinischen Behandlung von Erkrankungen des Bewegungsapparates leisten, da sie sich nicht nur mit der Schädigung selbst beschäftigt, sondern sich darüber hinaus für die funktionellen Folgen interessiert, die zu Bewegungseinschränkungen führen. Die Bewegungstherapie muß Bestandteil einer ganzheitlichen Annäherung an den Patienten sein, mit dem Ziel, die Reparatur der Schädigung zu fördern und den Patienten ein möglichst normales und schmerzfreies Leben mit den entstandenen bzw. zurückbleibenden Bewegungseinschränkungen zu ermöglichen. Seite 9 | | |
Ich verstehe diese Situationsbeschreibung so: Der moderne Wettkampf führt notwendig zum Verschleiß der Pferde. Nach eingetretener Schädigung kann man das Leben dieser Tiere halbwegs erträglich gestalten, damit sie wieder einsatzfähig werden. Sollte der erwünschter Einsatz nicht mehr erbracht werden können, sind die betreffenden Pferde eigentlich nutzlos.
Aber vielleicht verstehe ich die ganze Sache falsch. Im Vorwort wird ein Rückblick auf die Antike gebracht und belegt, daß zumindest einige griechische Ärzte nicht zwischen der Behandlung von Menschen und Tieren unterschieden haben. Das Vorwort führt aus:
| Heute beruft sich der studierende, gebildete Mensch eher auf sein Gedächtnis und seine erlernten Kenntnisse als auf seinen Instinkt. Die therapeutischen Handlungen sind folglich häufig von beträchtlicher wissenschaftlicher Borniertheit geprägt. Der erfolgreiche Heilkundige behandelt seit Jahrtausenden mit Hilfe seines Instinktes und seines Verstandes, er beobachtet jedoch auch ständig die wissenschaftlichen Fortschritte der modernen Therapeutik.
In der Humanmedizin gibt die Kinesiotherapie bereits seit einiger Zeit Antworten auf zahlreiche Fragestellungen der Prävention und der Therapeutik. Auch beim Pferd kann ihre Anwendung neue Wege in der Behandlung öffnen. Im Sportbereich hat sie beim Menschen ihre Wirksamkeit und Leistungsfähigkeit bereits hinlänglich unter Beweis gestellt. Dank der intelligenten Kommunikation zwischen Sportmedizinern und Sportbewegungstherapeuten hat die sportliche Leistungsfähigkeit des Menschen in jüngster Vergangenheit bedeutende Fortschritte gemacht.
Werden wir in einer Zeit, in der so viele junge Menschen nach neuen Antworten suchen und in Anbetracht unserer Manichäismen zunehmend außer Atem geraten, diese Menschen ermutigen können, ihren eigenen Impulsen Ausdruck zu verleihen? Werden wir Ihre Kreativität fördern können, anstatt ihren erlangt zu bremsen? Zwischen Tierärzten und Bewegungstherapeuten muß der Dialog genauso reichhaltig und wirkungsvoll werden, wie er es heute bereits zwischen den verschiedenen Fachgebieten der Humanmedizin ist. Die erfolgreiche Karriere eines Athleten, ob Mensch oder Pferd, setzt Talent, Arbeit, methodisches Training und ein adäquates präventives und therapeutisches sportmedizinisches Umfeld voraus. Die Sportmedizin weist im Pferde Bereich bereits recht gut ausgebaute Strukturen auf, obgleich sie noch viel jünger ist als die des Menschen. Sie muß jedoch noch wachsen, um im Pferdesport eine ähnlich große Bedeutung zu erlangen.
Die Physiotherapie liegt dem Trend dieser Entwicklungstendenzen in der modernen Tiermedizin. Ihr grundlegendes Prinzip ist die therapeutische Wirkung der Bewegung; sie bietet sich deshalb überall dort an, wo Sport getrieben wird. Seite 10 | | |
Diese Ausführungen verstehe ich so: Wer sich beruflich eine bedeutende Zukunft erarbeiten will, sollte sich dieses Buch gründlich anschauen. Hier sind bereits die wesentlichen Grundlagen gelegt, auf die man aufbauen kann, der Markt ist aber noch nicht besetzt. Der Bär ist sozusagen schon erlegt, das Fell aber noch nicht verteilt.
Das leuchtet mir ein. Die Anforderungen des Sports werden mit Sicherheit nicht zurückgeschraubt werden, auf welcher Ebene auch immer. Das Wesen des Wettbewerbs widerspricht einem solchen Rückgang. Infolgedessen wird es immer wichtiger werden, die Sportler sorgfältig vorzubereiten, damit es erst gar nicht zu den beklagten Schädigungen kommt. Das schafft Arbeitsplätze. Wunderbar!
Also dann: Nicht nur für bereits etablierte Profis, sondern auch für junge Leute, die ein lohnendes Betätigungsfeld suchen, ist dieses Buch interessant. Zumindest kann man herausfinden, ob man sich mit der Materie soweit anfreunden kann, daß man sein Berufsleben mit dieser Thematik verbringen möchte. Die Autoren weisen aber, wie wir zur Kenntnis genommen haben, ausdrücklich darauf hin, daß Heilkunde nicht nur auf erlernten Kenntnisse beruht. Man muß dazu auch berufen sein.
erschienen 18.04.04
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