
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Christine Lange ist als Autorin bekannt für ihre gründlichen Arbeiten und ausführlichen Checklisten. Selbstverständlich entspricht dieses neue Buch dem selbstgesetzten Standard. Es ist vermutlich aus Anlaß der ersten "Gelassenheitsprüfung (GHP) für Sport- und Freizeitpferde" im Sommer 2002 auf der Eurocheval in Offenburg entstanden (Seite 7):
| Bei diesem von der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN) und der Zeitschrift CAVALLO entwickelten Wettbewerb steigt der Reiter nicht in den Sattel, er beweist vielmehr mit dem Pferd an der Hand, daß es ihm vertraut und gehorcht. Im Parcours warten zehn Situationen, wie sie jederzeit im Alltag auftreten können: heranrollende Bälle, aufschnappende Regenschirme, eine unruhige Geräuschkulisse...
Diese neue Prüfung möchte nicht nur bei breitensportlichen Veranstaltungen neue Akzente setzen, sondern Pferdehalter motivieren, ihre Tiere zu umgänglicheren, sichereren Partnern zu erziehen. | | |
Um dieses Ziel erreichen zu können, muß man zunächst einmal wissen, was Pferde sind. Daher lautet der Titel des ersten Kapitels: "Fluchttier Pferd - Grundbedürfnisse und Verhaltensmuster". Es folgen die "Grundbausteine der Gelassenheit", und dann kann die Autorin endlich zum Kapitel "Grunderziehung - die 'Basics'" fortschreiten, in dem sie erläutert, daß Erziehung systematisch und in kleinen Schritten erfolgen muß.
Auf S. 30 führt die Autorin in einem Kasten aus:
| So könnte Ihr Konzept aussehen:
Ist-Zustand: Wotan ist schwierig zu führen, kann nicht stillstehen, scheut häufig und reagiert im ungewöhnlichen Situationen ängstlich.
Endziel: In sechs Monaten läßt sich Wotan überall leicht führen und bleibt auf der Straße und im Gelände kontrollierbar. Nächstes Jahr können wir sogar an einer Gelassenheitsprüfung teilnehmen!
Etappenziele:
- 1. Monat: Führ- und Stillsteh-Training, Abbau der Angst vor Berührungen.
- 2. Monat: Übungen mit Schreckauslösern in der Reitanlage.
- 3. Monat: Gelassenheitstraining in einfachen Geländesituationen.
- 4. Monat: Ruhig bleiben im Straßenverkehr.
- 5. Monat: Immer schwierigere Situationen auf der Straße und im Gelände (Autobahnunterführung, Eisenbahnschranke, Hängebrücke, Strecke am Flughafen).
- 6. Monat: Parallel dazu Vorbereitung auf den Gelassenheitswettbewerb.
Kontrolle am Monatsende: Drei schwierige Aufgaben aus dem jeweiligen Übungsbereich. Sollten sie noch nicht klappen, wird das nächste Etappenziel einen halben Monat verschoben und wir wiederholen die wichtigsten Trainingsschritte.
Belohnung: Ein "freier Tag" für Wotan und mich, wenn die Übungen klappen. Und bei Erreichen des Endziels eine gemeinsame Ferienwoche auf dem Hof von Ulla und Klaus! | | |
Dieses Konzept wird natürlich im einzelnen ausgefüllt, so daß der Leser die vielfältigen Übungen im richtigen Sinne selbst umsetzen kann. Das Ziel ist die Gelassenheitsprüfung. Die Gelassenheitsprüfung ist eine wunderbare Idee!
Man definiere wünschenswerte Ziele und entwickle daraus einen Wettbewerb, dann werden sich die Menschen schon anstrengen, um an diesen Wettbewerben teilnehmen zu können und eventuell zu gewinnen. Das Bedürfnis, die eigenen Fähigkeiten einschätzen zu können und sich zu diesem Zwecke mit anderen zu messen, ist nicht zu unterschätzen.
Am letzten Wochenende habe ich mich sehr gewundert, mit welchem Eifer auf der PferdeStark der Acker gepflügt wurde. Natürlich war das Ackern früher eine lebensnotwendige Fertigkeit für Bauern - warum sich heute jemand bemüht, darin ein Meister zu werden, ist mir allerdings nicht recht klar. Beim Holzrückewettbewerb steht immerhin zu vermuten, daß die Teilnehmer tatsächlich professionell Holz rücken - dagegen glaube ich nicht, daß jemand noch erwerbsmäßig ackert.
Das Kapitel über die Gelassenheitsprüfung (Seite 66) wird mit einem sehr schönen Foto eröffnet. Es zeigt ein großes Warmblut, das seiner Besitzerin vertrauensvoll über ein Hindernis folgt. Im Moment sind die Chancen vermutlich noch recht gut, erfolgreich auf einer solchen Prüfung abzuschneiden, denn die Voraussetzungen sind denkbar niedrig:
| Mehr als Talent im Umgang mit Pferden brauchen Sie nicht.
Teilnahmevoraussetzungen auf einen Blick:
Pferde:
- alle Rassen,
- Alter ab 3 Jahre,
- Equidenpaß,
- Influenza-Impfung,
- Tierhalter-Haftpflichtversicherung,
- Ausrüstung bestehend aus Halfter und Führstrick oder Trensenzäumung, Beinschutz erlaubt.
Teilnehmer:
- keine Altersbegrenzung,
- körperliche und geistige Mindestreife,
- Ausrüstung bestehend aus festen Schuhen, Handschuhe, auf Wunsch Schutzhelm.
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Natürlich geht die Autorin genau auf die Prüfungsbedingungen ein, denn schließlich soll das Buch dazu dienen, den Leser optimal vorzubereiten. Und hier wundere ich mich, weil dem Leser ein Widerspruch untergejubelt wird.
Andererseits hätte es mich ebenso gewundert, wenn die besonderen Eigenheiten der von der FN vertretenen klassischen Reiterei nicht auch in dieser Prüfung Eingang gefunden hätten. Auf S. 68 schreibt die Autorin in einem kleinen Kasten:
| | In diesem Buch haben Sie eine Führmethode kennengelernt, bei der Sie sowohl in Schulterhöhe als auch vor dem Pferd gehen dürfen. Das Gehen vor dem Pferd entspricht dem Leitpferdeverhalten. Bei einer klaren Körpersprache ist die Gefahr, daß Ihr Pferd Ihnen "ins Genick" springt, sehr gering, da es auch in der Wildnis niemals ins Leitpferd "hinein" springen würde. Um als Teilnehmer einer GHP jedoch nicht benachteiligt zu sein, üben Sie bitte vor der Prüfung gezielt noch einmal das Führen in Schulterhöhe in den unterschiedlichsten Situationen. Eine Gerte ist auf der GHP nicht erlaubt. Daher trainieren Sie bitte frühzeitig, Ihren Arm und Ihre ausgestreckte Hand als Gertenersatz zu benutzen, damit Ihr Pferd auf dieses optische Signale genauso sensibel reagiert wie auf die Gerte. | | |
Auf Seite 69 erfahren wir, warum das so wichtig ist:
| Für den Prüfungsablauf gibt es ebenfalls eine exakte Vorschrift:
- Der Pferdeführer geht auf der linken Pferdeseite in Schulterhöhe des Pferdes und soll nicht vor ihm gehen. [...]
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Tja, so sehen sie das, die Profis. Sie wissen genau, wie Pferde funktionieren, weil sie die Natur der Pferde sorgfältig studiert haben. Sie arbeiten unermüdlich, um sich einen höheren Rang zu erarbeiten. Und wenn sie dieses Ziel erreicht haben, lassen sie die Pferde in einer Position laufen, die diesen einen höheren Rang einräumt. Man hält es eigentlich nicht für möglich. Es muß wohl die Gewohnheit sein. Man hat es schließlich immer so gehalten, deshalb kann es nicht verkehrt sein. Warum sollte man es ändern?
Aber was soll's, es geht ja schließlich darum, zu gewinnen, und da muß man sich nach denen richten, die die Regeln bestimmen. Die müssen das, was sie beurteilen, selbst nicht unter Beweis stellen. Es reicht, daß sie in der Machtposition sind. Und die FN ist zweifellos in der Machtposition. Da kann man nichts machen. Mir scheint, daß die Autorin hier ebenfalls resigniert und sich im Gegensatz zu mir einen Kommentar verkneift.
Seite 72 schließlich beschäftigt sich mit den Prüfungsaufgaben:
| Die 10 Aufgaben der GHP:
- Vortraben an der Hand
- Aufsteigende Luftballons hinter der Hecke
- Anrollende Bälle aus einer Heckenlücke den
- Stangenkreuzen
- Flatterband-/Müllpassage
- Rückwärtsrichten
- Regenschirm
- Plane
- Rappelsack
- Stillstehen
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Schwierig klingen die Aufgaben nicht - wenn man genügend Zeit zum Üben hat. Ich denke, Pferd und Pferdeführer werden diese Zeit sehr genießen. Beim Wettbewerb freilich sieht die Sache anders aus, da kommen zusätzliche Streßfaktoren ins Spiel, die genügend Aufregung mit sich bringen werden und den Erfolg vermutlich unberechenbar machen.
Aber warum sollte man die Wettbewerbssituation nicht auch üben? Auf Seite 78 schlägt die Autorin vor, Wettbewerbe in Eigenregie durchzuführen. Das halte ich für eine ausgezeichnete Idee.
| Extratip: Eine schöne Werbung für Ihren Betrieb sind Tränkeimer, auf die Sie Ihr Logo kleben. So kann jeder Teilnehmer sein Pferd aus einem sauberen Eimer tränken und trägt eine praktische Erinnerung heim. | | |
Donnerwetter! Das ist ja Marketing! In diesem Nebensatz wird angedeutet, welches Potential für Reitstallbetriebe brach liegt. Natürlich: wenn der Laden von alleine läuft, braucht man nichts Besonderes zu unternehmen. Wenn aber die Konkurrenz wächst, tut man gut daran, sich einen Namen zu machen. Herrliche Zeiten kommen auf uns zu!
erschienen 07.09.03
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 179, Lange, Christine: › Rezension/179 Ausgabe 202, Lange, Christine: › Reiten mit Handpferd, BLV Freizeitreiten Ausgabe 240, Lange, Christine: › Was tun, wenn..., Pferde erziehen mit viel Vergnügen Ausgabe 331, Lange, Christine: › Reiter-Knigge, Gutes Benehmen für Ross und Reiter Ausgabe 365, Lange, Christine: › Bodenarbeit mit Pferden, mal etwas anders
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