
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Die Autorin schreibt im Schlußwort (Seite 156):
| | Handpferdereiten kann unglaublich viel Spaß machen - ich denke, hier stimmen Sie mir mittlerweile zu. | | |
Ja, das tue ich, und ich hätte es nicht für möglich gehalten. Aber ich hätte es mir denken können, denn Marlit Hoffmann ist Expertin für Spaß und Vergnügen (Hoffmann, Marlit: Reiterrallyes-Reiterspiele, Kosmos 1998; siehe auch Rezension Marlit Hoffmanns Trickkiste).
Bevor es aber ans Vergnügen geht, müssen die Grundlagen erarbeitet werden. Auch in dieser Hinsicht hat sich Marlit Hoffmann in der Publikation Was tun mit jungen Pferden? als Expertin ausgewiesen. Dabei hat man nie den Eindruck, daß sie sich auf Kosten des Lesers profilieren möchte. Im Gegenteil: ich meine immer zu spüren, daß hier jemand spricht, der es einfach gut mit mir meint und sehr viel Erfahrung hat.
Der Umgang mit Pferden ist bekanntlich gefährlich. Wenn man ein zweites Pferd an der Hand führt, kann sich diese Gefahr leicht vergrößern. Auf diese Gefahren weist die Autorin vielfach in unübersehbaren gelben Merkkästen hin. Zwei Beispiele sollen das verdeutlichen; Seite 14:
| Achtung In keiner Situation dürfen Sie sich die Zügel vom Reit- oder Handpferd um Ihre Hand wickeln; denn bei einem heftigen Ruck ziehen sich die Riemen zusammen, klemmen die Hand und Sie sind auf Gedeih und Verderb an das jeweilige Pferd gefesselt. Deshalb unbedingt das Ende des Führriemens in losen Schlingen festhalten. | | |
Der Rat wird unmißverständlich durch ein entsprechendes Foto unterstützt. Auf der nächsten Seite:
| Achtung Der Einsatz von Ausbindern und Schlaufzügeln ist sehr gefährlich; denn wenn ein ungezogenes Begleitpferd mit dem Kopf zum Reitpferd hin schlägt, kann es sich dabei in diesen Hilfszügeln verfangen. Dann sind beide Pferde aneinander gefesselt. Eine normale Zügelführung ist nicht mehr möglich und die Pferde können in Panik außer Kontrolle geraten. | | |
Grüne Merkkästen heben Ratschläge hervor. Naturgemäß wimmelt es auf den ersten Seiten von Vorschriften, Sicherheitsüberlegungen, Katastrophenszenarien. Wenn ich nicht wüßte, daß die Pferde im allgemeinen ganz liebe Wesen sind und die Probleme in allen Büchern so riesig erscheinen, daß man schon im Vorfeld die Flinte ins Korn werfen möchte, würde ich dieses Buch als einen weiteren Beweis dafür sehen, daß man sich mit Pferden nur unglücklich machen kann.
Erfreulicherweise legt Marlit Hoffmann stets Wert darauf, ein realistisches Bild zu vermitteln. Im Kapitel "Positionen des Handpferdes" verwendet sie zum Beispiel acht Illustrationen, von denen sechs ermutigend sind und zwei Situationen darstellen, die noch nicht unmittelbar Gefahr signalisieren, aber doch deutlich machen, daß der Reiter sich furchtbar unwohl fühlt und hier unbedingt einen Rat braucht, damit er gar nicht erst in diese Situation kommt.
Insgesamt läuft alles darauf hinaus, daß Übung den Meister macht und zuverlässige Pferde lebensrettend sind. Die Pferde, mit denen Marlit Hoffmann arbeitet, sind Verlaßpferde. Die vielen Fotos aus dem eigenen Archiv machen durchweg Lust: so sollte es sein! Denn selbst bei den Fotos, die problematische Situationen illustrieren, hat man den Eindruck, daß keine wirkliche Gefahr besteht. Wenn man die Erfahrung und das Wissen einer Marlit Hoffmann hat, steht man über den Dingen und weiß, was zu tun ist.
Das Buch dient dazu, dieses Wissen zu vermitteln. Es ist übersichtlich aufgebaut und angenehm zu lesen. Im zweiten Teil geht es um den Spaß, der der Autorin besonders am Herzen liegt. Im Schlußwort kommt sie darauf noch einmal zu sprechen:
| Darüber hinaus hoffe ich, daß Veranstalter künftig mehr Wettbewerbe für Handpferdereiter anbieten werden.
Letztendlich wünsche ich mir, daß das Reiten mit Handpferden auch einen Platz bei Quadrillenwettbewerben auf Landes- und Bundesebene findet und entsprechende Ausschreibungen dazu von offizieller Seite angeboten werden.
Das Reiten mit Handpferden hat eine jahrtausendealte Geschichte, die zugunsten der viel jüngeren Geschichte der Dressur- und Springerreiterei verdrängt wurde ... warum eigentlich? | | |
Die unglaublich vielen Beispiele von Übungen mit Handpferden machen glaubhaft, daß es bis zu diesem Ziel möglicherweise gar nicht so weit ist. Es bedarf dazu lediglich einer kleinen Gruppe von Enthusiasten, die mit ihrer Begeisterung immer mehr Leute anstecken.
Diese Gruppe existiert bereits, und ich vermute, daß sie sich um Marlit Hoffmann gebildet hat. Das Buch ist jedenfalls voll von Belegen, die zeigen, daß bereits erste schöne Erfolge in der Öffentlichkeit erzielt worden sind. Besonders liebenswert fand ich die Übungen, die Hunde und andere Tiere mit einbeziehen.
Hundebesitzer kennen die Probleme: Der Hund bleibt zu Hause oder er kommt mit, dann aber muß er irgendwie kontrollierbar sein. Wenn er an der Leine mitläuft, ist der Unterschied zu einem Handpferd gar nicht so groß.
Auf Seite 69 illustriert eine doppelseitige Abbildung das Kapitel "Mit dem Handpferd unterwegs". Die Bildunterschrift lautet:
| | Ein Wanderritt problemlosen Pferden und einem braven Hund macht viel Spaß! Wer möchte da nicht mit Horst tauschen? | | |
Dieses Bild erinnerte mich an einen Wanderreiter, den ich vor 20 Jahren gesehen hatte und dessen Bild mich nie wieder losließ. Der war ebenfalls mit Hund unterwegs, hatte aber kein Handpferd dabei. Stattdessen lief er selbst zu Fuß.
Trotz aller Begeisterung sind auch die "Spaß-Kapitel" sorgfältig gearbeitet. Die Menge der Merkkästen nimmt keinesfalls ab, Sicherheit geht immer vor, und alle Eventualitäten müssen bedacht werden, damit der Spaß nicht auf der Strecke bleibt.
Am besten gefallen hat mir der Einsatz des Handpferdereitens in Verbindung mit der Einbeziehung kleiner Kinder.
| | Schon mit drei oder vier Jahren können viele Kinder auf einem Pony passender Größe die ersten Erfahrungen sammeln. (Seite 79) | | |
Wie wahr und wie vielversprechend!
| | Zum richtigen Reiten mit Zügel sind Kinder unter sechs Jahren wieder physisch noch psychisch in der Lage. Deshalb sollten Sie die Zügel ausschnallen, damit Ihr Kind sich gar nicht erst daran gewöhnt, sich daran festhalten zu wollen und damit sie nicht störend herumpendeln oder sich das Kind im Fallen darin verfangen könnte. | | |
Hier muß ich der Autorin aufgrund eigener Erfahrungen widersprechen. Ich verlange aber nicht, daß sie ihr Buch dahingehend korrigiert; zum einen handelt es sich um eine unwesentliche Einzelheit, zum anderen tut sie sicher gut daran, erhöhte Vorsicht walten zu lassen.
Solange das Handpferdereiten noch keine internationale Disziplin ist, werden Turnierreiter diesem Buch wenig abgewinnen können. Freizeitreiter und Familienreiter werden dagegen großen Gewinn davontragen.
erschienen 10.08.03
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 192, Hoffmann, Marlit: › Marlit Hoffmanns Trickkiste, Profi-Tipps zum besseren Reiten Ausgabe 214, Hoffmann, Marlit: › Rezension/214 Ausgabe 368, Hoffmann, Marlit: › Reiterrallyes - Reiterspiele
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