
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Marlit Hoffmann ist, wie schon der Verlag herausstellt, eine Berühmtheit in der Szene der Freizeitreiter. Da es sich hierbei häufig um Individualisten handelt, die unter Umständen nicht durch die herkömmliche Reitschule gegangen sind, spielt die Sorgentante aus dem Fachmagazin eine besondere Rolle.
Aus dem Fundus der "Freizeit im Sattel" schöpft Marlit Hoffmann in diesem Buch. Die fs, wie sie auch genannt wird, geht auf die "Ponypost" zurück, seinerzeit gegründet von Ursula Bruns, Autorin der Immenhof-Bücher. Die hat ihrerseits wieder eine besondere Vorliebe für die Freizeitreiter und hat Marlit Hoffmann zum Schreiben ermuntert.
Das kann ich gut verstehen. Selten einmal habe ich so liebevolle und fundierte Beratung gefunden, die ohne Rücksicht auf Sonderinteressen und Vorurteile die Sorgen und Nöte der Pferdebesitzer ernstnimmt und eine Fülle brauchbarer Vorschläge unterbreitet, im Interesse nicht nur des Menschen, sondern auch und vor allem des Pferdes.
Am besten gebe ich Ihnen Kostproben, ganz willkürlich und spontan herausgesucht. Die erste Frage der Leser gilt dem Gebiß. Die Antwort ist umfassend, reich bebildert und bringt insbesondere einer Abbildung des Gebisses von Linda Tellington-Jones, das gerne auf Messen und Turnieren verkauft wird.
Wir haben auch einmal ein solches Gebiß gekauft und geglaubt, dieses sei besonders pferdeschonend. Später habe ich dann erfahren, daß es ein Gebiß ist, mit dem man seinem Pferd sehr wehtun kann, weil die Biegung um die Rolle durch die Hebelwirkung einen direkten Druck auf den Gaumen ausübt.
Hier nun finde ich, was ich nirgendwo gefunden habe (S. 8):
| Bei Pferden, die im Maul recht unempfindlich sind, haben sich verschiedene Arten von Westernstangen durchgesetzt. Bei diesen scharfen Zäumungen ist zu beachten, daß sie völlig anders gehandhabt werden als eine Wassertrensen (oder Dressurkandare). Obwohl man es häufig anders sieht, sollten alle Arten von Westernstangen nur mit vier Zügeln geritten werden. Das eine Zügelpaar wird in das Mundstück eingeschnallt und kann ungefähr wie bei einer Trensenzäumung genutzt werden. Das zweite wird an den sog. Anzügen eingeschnallt und hat in Verbindung mit der Kinnkette eine harte, scharfe Wirkung im Maulbereich, aber auch auf das Genick des Pferdes. Dieser scharfe Zügel wird lang gelassen und liegt nur leicht an. Jede Parade damit besteht aus einem gezupften Annehmen - Nachgeben - Annehmen - Nachgeben, bis das Pferd der Aufforderung zur langsamere Gangart oder zum Halten folgt. Niemals darf gezogen werden. Niemals darf man dauerhafte Paraden geben, sich an den Zügeln festhalten oder festziehen. Denn diese scharfen Zäumungen sind nur dann maulschonend, wenn sie behutsam angefaßt werden. Damit ist ein Reitanfänger meist überfordert. | | |
Auf Seite 22 ff. wird ausführlich erläutert, wie man aufsitzt und sein Pferd dazu bekommt, dabei stillzustehen. Zunächst wird mit Bildern sehr schön illustriert, wie die Soldaten aufgestiegen sind, was man heutzutage immer noch in den Reitvereinen lernt.
Es wird begründet, warum das schlecht ist, anschließend wird gezeigt, wie man es besser machen kann. Dann kommen verschiedene Tricks zur Sprache, wie man sich in besonderen Situationen behelfen kann.
Auf Seite 30 ff. wird diskutiert, ob man mit oder ohne Sattel einreiten soll. Ein einfacher Test, eine Hand unter dem Sitzknochen, zeigt dem Reiter, welchen Druck dieser Knochen auf den Pferderücken ausübt. Daraus ergibt sich unmittelbar, daß unerfahrene Pferde damit besondere Schwierigkeiten haben dürften.
Die Autorin gibt zu bedenken, daß das Reiten ohne Sattel eine lange Tradition hat, aber von erfahrenen Reitern ausgeübt wurde. Sie diskutiert die zusätzlichen Schwierigkeiten, die der Reiter hat, und kommt daher zu dem Schluß, daß ein Einreiten mit Sattel vermutlich vorzuziehen ist.
Auf Seite 35 ff. wird schließlich die Frage des Größenverhältnisses von Pferd und Reiter diskutiert, eine Frage, die wir auch in der Pferdezeitung bereits diskutiert haben. Immer wenn größere Kinder auf Ponies sitzen, geht der Aufschrei los: das arme Pony! Ich erwarte bereits entsprechende Leserzuschriften zum Hauptartikel dieser Woche!
Entsprechend erfrischend fand ich die Antwort von Marlit Hoffmann. Es stellt sich heraus, daß es vornehmlich ästhetische Gesichtspunkte sind, die zur Besorgnis Anlaß geben. Da die Ästhetik im Turnierwesen eine Rolle spielt, wird man dort auf ausgewogene Proportionen achten.
Die Autorin weist aber auch darauf hin, daß umgekehrt große Pferde und kleine Menschen heutzutage uneingeschränkte Zustimmung finden, obwohl die Menschen in den meisten Fällen mit den Pferden überfordert sein dürften. Umgekehrt scheint es so gut wie niemals Probleme zu geben, es sei denn das Pferd ist aus anderen Gründen krank und beeinträchtigt.
Dieses Buch ist für mich ein einziges Vergnügen. Ich wünsche ihm möglichst viele Leser.
Ein Nachschlag zum Schluß (Seite 98): Wenn Sie unterwegs Rast machen wollen, binden Sie doch je zwei Pferde mit den Kopf am Sattel des anderen Pferdes an. Dann können die beiden sich nur um einander drehen, aber nicht weglaufen und vermutlich auch kaum Unsinn machen.
erschienen 01.12.02
Siehe auch die folgenden Rezensionen: Ausgabe 214, Hoffmann, Marlit: › Rezension/214 Ausgabe 228, Hoffmann, Marlit: › Handpferdereiten, Ausbildung, Möglichkeiten, Sicherheit Ausgabe 368, Hoffmann, Marlit: › Reiterrallyes - Reiterspiele
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