
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Meine Meinung zu dem Buch: von › Werner Popken
Dieses Buch ist 1961 geschrieben worden: das ist jetzt mehr als 40 Jahre her! 1961 ging es mit den Pferden bergab, und zwar sehr schnell. Inzwischen hat sich alles verändert, die Menschen haben ein völlig anderes Verhältnis zu den Pferden bekommen, es sind vor allem andere Menschen, die mit Pferden umgehen.
1961 lebte die Pferdewelt noch von den Anstrengungen Gustav Raus, der nach dem Ersten Weltkrieg die bäuerliche Jugend aufs Pferd brachte. In dieser Zeit wurden die meisten Reit- und Fahrvereine gegründet, die heute noch das Bild entscheidend prägen, vor allem in Bezug auf den Sport und das Turnierwesen.
Diese Kultur hat ihre Wurzeln im Militär, und das ist auch noch deutlich zu spüren, die Klagen darüber sind bekannt. In der letzten 20 Jahren haben Pferdegurus diese Situation aufgeweicht. Horst Stern ist ein kritischer Mensch. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, aber er ist objektiv genug, die Errungenschaften und Leistungen dieser Kultur zu würdigen.
Der Verlagstext sagt schon alles, was ich als Rezensent sagen möchte. Die Lektüre dieses Buches ist ein Genuß, gerade die ständigen Abschweifungen machen den Reiz aus und den trockenen Stoff erträglich. Ein beliebig herausgegriffenes Beispiel soll das Illustrieren (Seite 109):
| | Bevor ich nun daran gehe, Ihnen zu sagen, wie man aus einem Pferd einen zünftigen Galopp herauskitzelt, der das Geld, welches man dafür zahlen muß, auch wert ist, möchte ich Ihnen einen allgemeinen Rat in punkto Schulbetrieb geben. Schlecht gerittene Lehrpferde, wie sie im normalen Schulstall leider die Regel sind, neigen oft dazu, in einen stürmenden, unkontrollierten Galopp zu verfallen. [...] | | |
Ich habe den Eindruck, und diese Passage läßt das auch durchklingen, daß Horst Stern das sportliche Reiten nicht liebt. Er streicht ausdrücklich heraus, daß er für die Erfahrungen in deutschen Reitschulen bezahlen muß, wobei der Wert dieser Erfahrungen durchaus zweifelhaft zu sein scheint.
Das erwähnte Zwischenkapitel über den Urlaub in Spanien macht seinen Zwiespalt ganz deutlich (Seite 124, Hervorhebungen durch den Autor):
| Trab durch den kühlen Schatten endloser Olivenhaine, durch wispernde Eukalyptusalleen, durch die mißmutige, staubige Unrasiertheit kilometerlanger Kaktusgassen. Und immer wieder, aus schierem Übermut der Reiter und der Pferde, Galopp! Galopp über Steppenpisten, so daß die Kaninchen vor dem Grollen der Hufe aus dem Boden schießen. Galopp über den federnden Meeresstrand, Spiel mit dem Schenkel, der das Pferd noch ein Stückchen und noch ein Stückchen an die nach den Hufen leckende Brandung heranzudrücken versucht. [...] Parieren dann mit Ho! und Hola! Weit zurückgelegt der Oberkörper, vorgestreckt die Beine, eine nicht gar so sanft zurückwirkende Hand - alles, wie es nicht im Buche steht, wie es den Reitlehrern daheim die Haare durch die steifen Hüte treiben würde. Aber daheim ist weit, die Reitbahn, das kühle, beherrschte Spiel mit unsichtbaren, eleganten Hilfen, die Zeremonie der Dressur - blasse Erinnerungen dies alles, und nichts davon hat Bestand vor der Weite dieses Landes, vor der schnaubenden Losgelassenheit dieser Pferde! Das nenne ich Reiten. | | |
Genau. Hier schlägt sein Herz, nicht beim deutschen Turnierwesen. Das ist aber kein Einwand gegen das Buch, im Gegenteil: Horst Stern sieht genau hin und ist dadurch eine große Hilfe.
Schade, daß er kein Buch über das Westernreiten geschrieben hat, von anderen Reitweisen ganz zu schweigen. Keine Frage: dieses Buch ist zu Recht so erfolgreich. Der Autor war selber ganz verblüfft. Der Inhalt ist nach wie vor aktuell. Horst Sterns Reitlehre darf deshalb in keiner Bibliothek von Pferdefreunden fehlen.
Eine Abbildung konnte nicht nachgestellt werden (Seite 121). Sie zeigt den Autor bei einer Siesta während des Rittes durch Andalusien. Die fehlende Farbe ist unerheblich. Ich glaube nicht, daß das Buch mit schwarzweißen Abbildungen weniger wert ist, trotzdem ist es erfreulich, daß der Verlag die Mühen einer Aktualisierung nicht gescheut hat.
erschienen 29.06.02
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