Angebot für Kalenderwoche 08-25
Liebe große und kleine Leser,
viele Briefe an uns sind kleine Kunstwerke, und in dieser Reihe haben wir schon eine ganze Reihe davon ausgiebig gewürdigt. Das Werk dieser Woche stellt eine Besonderheit dar.
Wieder einmal wurde uns ein Pferd zum Geschenk gemacht - die Absicht ist jedenfalls erkennbar. Aber so gut wie alles, was ein Pferd ausmacht, ist hier nicht zu finden. Der Schweif ist da, kein Zweifel, und auch die vier Beine, von denen zwei sichtbar sind, dazu der Rumpf und der Kopf, ein Auge, einen Nasenloch und ein grinsender Mund.
Ein grinsender Mund? Genau. Das bedeutet Glück, und für gewöhnlich sind die Kinder auf den Bildern glücklich, selbstverständlich müssen auch die Pferde glücklich sein. Wir haben also nicht einfach nur ein Pferd vor uns, sondern ein glückliches Pferd.
Trotzdem scheint doch einiges zu fehlen, was in einer späteren Entwicklungsstufe dann unbedingt dazugehört, etwa die Gelenke, der Hals, die Ohren, die Mähne, von charakteristischen Formen ganz zu schweigen.
Dieses Pferd hat zu wenig von einem Pferd, um zweifelsfrei als solches erkannt zu werden. Könnte es vielleicht auch als Meerschweinchen durchgehen? Dazu sind die Beine zu lang. Oder als Schaf? Nein, der Schweif paßt nicht, obwohl das weiße Gesicht, das offenbar nicht von Fell bedeckt ist, merkwürdig anmutet, weil Pferde, wenn sie nicht gerade Schecken sind, fast überall gleichmäßiges Fell haben. Und wenn es Schecken sind, dann verteilen sich die unterschiedlichen Fellfärbungen nicht gerade wie bei einem Schaf.
Es liegt uns aber fern, hier herumkritteln zu wollen - man muß das Werk immer in Bezug auf den Autor sehen. Das Blatt ist ordnungsgemäß signiert. Anton Marek hat sogar sein Alter vermerkt: sechs Jahre. Mit sechs Jahren stellt man die Welt noch anders dar. Das glückliche Pferd steht auf einer grünen Wiese, der weiße Himmel wird von blauen Wolken geschmückt und die Sonne strahlt nach Kräften. Die Welt ist perfekt und könnte nicht besser sein.
Anton hat also keine Schwierigkeiten, seine Vorstellungen zu Papier zu bringen. Er wird im Laufe der Jahre "besser" werden, d. h. mehr charakteristische Beobachtungen wiedergeben können, und irgendwann wird er seine Unschuld verlieren und gar nicht mehr zeichnen. Das ist schade, aber es scheint unvermeidlich zu sein. Warum nur?
Ihre Familie Vox
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