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Leserbrief 1965
zu Ausgabe  431
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Leserbrief  1965 zu Ausgabe  431
03.07.07


Gewickelte Indianderbabys

Hallo Herr Popken,

als ich Ihren Artikel heute las, fiel mir eine Fernsehdokumentation über russische Waisenhäuser ein, die ich vor einiger Zeit gesehen hatte. Dort, so hieß es, wurden die Säuglinge ebenfalls sehr fest eingebunden. Die Kinder würden sich damit sehr wohl fühlen & weniger Unruhe zeigen, schreien oder Zuwendung brauchen.

Ich fand das so irritierend, dass ich mir das gemerkt habe. Die russischen Kinderpflegerinnen machten dies, so hieß es, aus Zeitmangel, weil sie nicht jedem Kind die benötigte Zuwendung geben könnten. Vielleicht könnte eine Hebamme hier mit ihren Erfahrungen weiterhelfen.

Dass ein Volk sich in seiner Sprache "Volk" oder "Menschen" nennt, finde ich völlig logisch. Wenn tatsächlich mal insektenartige Außerirdische auf der Erde landen sollten, werden die sich in ihrer eigenen Sprache auch "Volk" oder "Menschen" nennen - wie sonst? Ich nenne mich auch nicht "Fleischklops" oder "Säuger auf 2 Beinen" sondern "Mensch".

Nette Grüße, Susanne
herzlichen Dank für Ihr Schreiben! Es gibt das Festhalten als therapeutisches Instrument:

Dabei handelt es sich allerdings um etwas ganz anderes, als bei der systematischen Verschnürung von Babys:

Was ist eigentlich das Festhalten?

Es ist die Chance für zwei schicksalsmäßig eng verbundene Menschen, einen schmerzhaften, sprachlich nicht zu bewältigenden Beziehungskonflikt auszudrücken, auszutragen und sich auszusöhnen, indem sich die beiden ganz fest im Arm halten.

Was heißt "schicksalsmäßig verbundene Menschen"?

Die Eheleute untereinander, Mutter und Kind, Vater und Kind.

Der Lehrer also nicht?

Schon, aber nur dann, wenn sich der Schüler in einer schweren affektiven Krise befindet, die pädagogisch nicht zu meistern ist. In dem Falle handelt der Lehrer eigentlich als Vertreter der Eltern. Solche tiefst menschliche Pädagogen sind uns bekannt: Pestalozzi, Makarenko, Korczak...

Muss das Festhalten so fest sein?

Die Umarmung ist fest, jedoch weich und einfühlend. Je tiefer der Schmerz ist, desto mehr verlangt der Mensch nach Festigkeit, sprich nach der Zuverlässigkeit der Umarmung. Die Bilder von den geschockten Opfern der Terroranschläge von New York oder von der Flutwellenkatastrophe in Südostasien haben wir doch noch frisch im Gedächtnis.

» Was ist eigentlich das Festhalten?

Wenn russische Waisenhäuser solche Mittel mit Gewinn einsetzen, zeigt das einmal mehr, daß man Kinder auf diese Weise ruhigstellen kann. Welche Auswirkungen das auf deren Persönlichkeit und Weltsicht hat, ist freilich eine andere Frage.

Das betrifft natürlich alle anderen Verhaltensregeln gleichermaßen - welche Auswirkungen zum Beispiel die Dauerberieselung durch Medien für Kleinkinder, Heranwachsende und Erwachsene hat, wird manchmal versucht zu klären, aber ich fürchte, das geht nicht, weil die Zusammenhänge zu komplex sind. Das bedeutet aber nicht, daß es keine Zusammenhänge geben kann. Möglicherweise hängt die offensichtliche und zunehmende Drogenabhängigkeit der westlichen Gesellschaften damit zusammen.

Auffällig ist die zunehmende Tendenz zur Selbstverstümmelung, wobei die "Subkultur" (kann man noch von Subkultur reden, wenn die Kassiererin im Großmutteralter gepierct und tätowiert ist?) offensichtlich Anleihen bei Kulturen macht, die diese Möglichkeiten schon ausprobiert haben. Dabei handelt es sich überwiegend um sogenannte primitive Gesellschaften, deren Hintergründe den modernen Adepten vermutlich meist noch nicht einmal bekannt sind. Ich war jedenfalls unangenehm berührt, vom Sonnentanz-Ritual zu erfahren, das ich schon schlimm genug fand, und dann auch noch von der modernen Variante Body-Suspension, die als Körpermodifikation stilisiert wird.

Wir neigen anscheinend heutzutage dazu, alle Abartigkeiten, die denkbar sind, nicht nur zu entschuldigen, sondern zu preisen, nachdem die Gesellschaft noch vor 50 Jahren extrem repressiv war. Tatsächlich gibt es wohl die unglaublichsten Phänomene, etwa den Wunsch, verstümmelt oder aufgegessen zu werden.

Was den Sonnentanz betrifft, so hatte er wohl eine spirituelle Komponente; man versuchte, durch monotone Geräusche und Tätigkeiten (allgemein das Kennzeichen indianischer Musik und indianischen Tanzes) und zusätzlich eben durch Erleiden von Schmerzen (durch die Haken und den Aufenthalt in sengender Sonne) in Trance zu fallen und dadurch Zugang zu höheren Welten zu bekommen. Ich bin darauf gestoßen, weil der berühmte Häuptling  Sitting Bull (der mit unseren Nez Percé nichts zu tun hat) an der Schlacht am Little Bighorn von 1876 nicht teilnehmen konnte, weil er zuvor am Sonnentanz teilgenommen hatte und davon noch zu geschwächt war. Möglicherweise sind moderne Tendenzen zur Selbstverstümmelung auch in diesem Licht zu sehen, nämlich als (untaugliche) Mittel zur spirituellen Höherentwicklung.

Was die Bezeichnung "Volk" betrifft, so wollte ich damit implizit zum Ausdruck bringen, daß erstaunlich viele "primitive" Gesellschaften sich selbst als Mensch oder Volk bezeichnen; möglicherweise ist das sogar die Regel. Darüber weiß ich aber zu wenig und wüßte auch nicht, wie ich darüber etwas herausfinden sollte. Natürlich genug ist eine solche Bezeichnung allemal, denn wir können wir immer nur von uns aus die Welt betrachten; insofern ist jeder immer per Definitionem der Mittelpunkt der Welt. Es kann gar nicht anders sein.

Mit freundlichen Grüßen

Gerd Hebrang




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