| ...Rasch ging das Mädchen hinter den acht Schulpferden vorbei, bis es den kastanienbraunen, großen Wallach erreichte, der als Letzter in der Reihe stand. Lord, so hieß er, war ein ausgedientes, älteres Turnierpferd und eignete sich hervorragend als Anführer bei Ausritten, da er sehr viel Ruhe und Sicherheit ausstrahlte, was sich auf die anderen Pferde automatisch übertrug. Bettina wählte ihn deshalb immer, wenn sie mit einer Gruppe zum ersten Mal ins Gelände ging.
Linda mochte ganz besonders seine großen, sanften Augen mit dem treuherzigen Blick und hatte auch stets ein paar Streicheleinheiten und Leckerbissen für ihn übrig, doch heute blieb dafür keine Zeit. Hastig trat das Mädchen an seine Reitlehrerin heran, die gerade im Begriff war, den linken Fuß in den Steigbügel zu stellen.
"Kann ich dich, bitte, einen Moment sprechen, Bettina?"
Unwillig stellte die Angesprochene ihr Bein wieder auf den Boden und drehte sich um.
"Was gibt es denn so Dringendes? Hat das nicht bis nach dem Ausritt Zeit?"
"Es tut mir Leid, wenn ich deinen Zeitplan durcheinander bringe, aber es ist wirklich wichtig! Ihr begebt euch vielleicht in Gefahr, wenn ihr jetzt ausreitet. - Da draußen ist nämlich ein Irrer unterwegs!"
Lindas geheimnisvolle Antwort kam zwar etwas piepsig über ihre Lippen, da der ärgerliche, schroffe Ton ihrer zukünftigen Arbeitgeberin sie ein wenig eingeschüchtert hatte, aber sie verfehlte ihre Wirkung trotzdem nicht.
"Wie bitte? Was meinst du damit?"
Bettinas Stimme klang nun zwar reichlich überrascht, aber doch schon sehr viel freundlicher als vorher.
Belinda atmete tief durch und begann dann, von ihren Beobachtungen zu erzählen. Sie ließ kein Detail aus und verschwieg auch nicht, dass die Stute Tamara anscheinend verschwunden war. Schließlich zeigte sie Bettina das gefundene Hufeisen und äußerte dabei sogar zaghaft den Verdacht, dass es sich bei dem Vorfall vielleicht um einen besonders dreisten Diebstahl handeln könnte.
Obwohl sich Frau Wegner über Lindas Bericht ziemlich bestürzt gezeigt hatte, musste sie angesichts dieser absurden Vorstellung doch etwas lächeln. Als das Mädchen das sah, lief es rot an und blickte verlegen zu Boden.
"Mir ist halt keine bessere Erklärung eingefallen", versuchte es kleinlaut, seine eher unwahrscheinliche Idee zu verteidigen.
"Schon gut. Es ist durchaus eine logische Schlussfolgerung, nur glaube ich nicht, dass jemand so ein Abenteuer eingeht, nur um ein in der Turnierbranche noch völlig unbekanntes, junges Pferd zu stehlen. Doch schau! Jetzt werden wir sicher gleich die ganze Geschichte erfahren, denn dort kommt Petra mit einem mir unbekannten männlichen Wesen und einer lahmenden Tamara im Schlepptau."
Linda blickte überrascht in die Richtung, aus der auch sie zuvor gekommen war. Tatsächlich näherte sich ihnen die kleine Gruppe ziemlich rasch, und das Mädchen fragte sich neugierig, was wohl nun wirklich passiert war?
Petra schien sehr wütend zu sein, denn sie stapfte im militärischen Stechschritt daher, dicht gefolgt von einem großen, schlaksigen, ungefähr fünfzehnjährigen Jungen und einer stark humpelnden Tamara, die sie an Halfter und Führstrick hinter sich herzog.
Das Pferd bot einen ziemlich bemitleidenswerten Eindruck. Es war schweißgebadet und völlig außer Atem, der ganze Körper erhielt durch die stark hervortretenden Adern ein bizarres Muster. Wenige Augenblicke später stand es zitternd mit schreckgeweiteten Augen und geblähten Nüstern vor Frau Wegner.... | | |