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von Heidelinde Keppel

 Folge 13 · Folge 14


...Als Linda die Stelle erreichte, wo der Reiter in wilder Manier abgebogen war, entdeckte sie etwas Glitzerndes am Boden, was sich bei genauem Hinsehen als Hufeisen entpuppte. Nicht gerade für das arme Tier, welches dieses wahrscheinlich bei der scharfen Wendung verloren hatte, aber doch für die Wahrheitsfindung war dies ein richtiger Glücksfall. Nun würde es nicht mehr sehr schwierig sein, den Übeltäter zu finden und zu überführen.

Belinda hob diesen – im wahrsten Sinne des Wortes – echten Glücksbringer auf und besah ihn sich näher. Das Eisen war ziemlich klein, also konnte das dazugehörige Pferd nur ein Vollblut mit zierlichen Hufen sein, denn auch gegen die Sonne hatte Linda deutlich gesehen, dass es kein Pony oder Kleinpferd gewesen war.

Außerdem war das Eisen noch funkelnagelneu. Dies bedeutete nicht nur, dass der letzte Beschlag erst kurze Zeit zurückliegen musste, sondern auch, dass es voraussichtlich schwer werden würde, das Pferd neu zu beschlagen, da es das Eisen offensichtlich nicht einfach nur verloren hatte. Anscheinend hatte es sich dieses bei der abrupten Wendung mit dem anderen Fuß selbst heruntergetreten, wie auch die noch an den Nägeln haftenden Hufhornstücke vermuten ließen. Etwas unwahrscheinlicher war auch die Möglichkeit, dass das arme Tier mit dem Huf im Randgestrüpp hängen geblieben war und sich das Eisen so abgerissen hatte.

Wie auch immer, auf jeden Fall konnte der Reiter von Glück reden, wenn das Pferd mit diesen Hufwanddefekten in nächster Zeit nicht lahm ging, ganz abgesehen davon, dass es ja auch noch nach dem Verlust des Eisens forciert geritten und damit höchster Belastung ausgesetzt worden war.

Betrübt über den Umstand, dass es viel zu viele gedanken- und rücksichtslose Menschen auf dieser Welt gab, ging Linda mit ihrem etwas widerstrebenden Traumpferd im Schlepptau schließlich wieder weiter.

Als die beiden wenig später den heimatlichen Stall erreichten, tummelten sich bereits einige Reiter auf der riesigen Anlage und Kindergeschrei ertönte aus der Richtung, in der die Putzplätze lagen.

Belinda erinnerte sich, dass ihre Reitlehrerin für heute einen Ausritt mit mehreren Kindern geplant hatte, und beschloss, ihr sofort Bericht zu erstatten. Also brachte sie nur rasch Lady in ihren Stall zurück und eilte dann an den Außenboxen vorbei Richtung Hauptgebäude.

Die offene Tür zu Tamaras Box fiel dem Mädchen sofort auf. Tamara war eine elegante, schwarzbraune, russische Halbblutstute, die seit drei Monaten einer zwölfjährigen Reitschülerin namens Petra Kunz gehörte. Diese hatte damals allen ganz stolz ihr erstes eigenes Pferd gezeigt und damit angegeben, dass sie mit diesem bald sämtliche Turniere gewinnen würde.

Tatsächlich war die sechsjährige Stute bestens ausgebildet und schien sowohl für Dressur- als auch für Springbewerbe geeignet zu sein, wenn sie auch unter ihrer jungen Besitzerin bei weitem nicht die Leistung zeigte, die sie mit einem routinierten Reiter hätte erbringen können. Aber dies war eigentlich kein Wunder, denn die keineswegs besonders begabte Schülerin wurde vom überschäumenden Temperament ihres verhältnismäßig jungen und auch noch hoch im Blut stehenden Pferdes regelrecht überrollt. Vor allem in den schnelleren Gangarten und beim Springen hatte sie alle Hände voll zu tun, um es unter Kontrolle zu halten.

Ein etwas älteres und bereits an den Turniereinsatz gewöhntes Warmblutpferd mit ruhigerem Naturell wäre für das schmächtige Mädchen sicher besser geeignet gewesen, doch wie so oft – wenn die Eltern einigermaßen wohlhabend sind und ihrem Nachwuchs auch die unvernünftigsten Wünsche erfüllen – hatte Petra ihren Willen durchgesetzt und die bildhübsche, aber manchmal etwas schwierige Stute als Geburtstagsgeschenk bekommen.

Belinda wurde nachdenklich. Ob vielleicht Tamara das mysteriöse Pferd im Getreidefeld gewesen war? Sowohl die körperlichen Merkmale des Tieres, das sie gesehen hatte, als auch die Hufeisengröße sprachen dafür, doch die Silhouette des Reiters passte ganz und gar nicht in das Bild. Petra war alles andere als groß, und ihre Figur glich eher einem Zahnstocher als einer Tonne.

Es fiel Belinda jedoch auch sonst niemand ein, der als Tamaras Reiter in Frage gekommen wäre, denn Petras Eltern konnten nicht reiten, und trainiert wurde die Stute nur von Bettina Wegner, der Hausherrin. Es war jedoch auch ziemlich unvorstellbar, dass Petra so dumm sein konnte, ihr teures Pferd einem so rücksichtslosen Reiter zu überlassen.

Plötzlich durchfuhr das Mädchen ein eisiger Schrecken! Was war, wenn jemand die Stute vielleicht gestohlen hatte? Am Sonntagmorgen wäre dies – jedenfalls rein theoretisch – durchaus denkbar. Aber wer sollte ein so wertvolles Tier entwenden, um es wenig später einem so großen Verletzungsrisiko auszusetzen?

Linda konnte sich keinen Reim darauf machen, also beschloss sie, schleunigst ihre Reitlehrerin über alles zu informieren, und hoffte insgeheim, dass diese eine einfache Erklärung für die ganze Geschichte parat hätte....




 
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E-Mail   Heidelinde Keppel  
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