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Bericht Zu den Themen  Ausbildung,  Pferdeflüsterer · Gesamttext
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 567.10 der Pferdezeitung vom 07.02.10
 Menü Hauptartikel 567
 Die Nagelprobe 
 Problempferde werden ...  Alles versucht  HJN geht aufs Eis
 Blumentöpfe
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Nagelprobe: Abbsubj kann abhauen - wird er? · © 2010
 
Nagelprobe: Abbsubj kann abhauen - wird er?
Neuhauser geht um Abbsubj herum · © 2010
 
Neuhauser geht um Abbsubj herum
Und wieder zurück - jetzt wagt er es. · © 2010
 
Und wieder zurück - jetzt wagt er es.

    Die Nagelprobe   
    Neuhauser begibt sich auf dünnes Eis   
von   Werner Popken

1:  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?
2:  Die Empfindlichkeit der Pferde
3:  Tanz - neu interpretiert
4:  Ohne Zügel und Führstrick hilflos
5:  Wie der Mensch das Pferd verwirrt
6:  Sei spontan! Komm raus!
7:  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute
8:  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich
9:  Es muss jetzt irgendwas passieren
10:  Der richtige Sitz
11:  Gefährliche Hengste in Arabien
12:  Der Trick mit der Tröte
13:  Experten und Könner
14:  Über den Umgang mit der Kreatur
15:  Qualität und dualistische Trennung
16:  Muss man sich anstrengen?
17:  Die Leichtigkeit der Zähmung
18:  Über Dominanz und Vertrauen
19:  Denkstile und Denkkollektive

Zu den Themen  Ausbildung,  Pferdeflüsterer


Nach der ausführlichen Erörterung soziologischer Prozesse im Hauptartikel der letzten Woche wissen wir Bescheid: Von » Hans-Jürgen Neuhauser kann nur lernen, wer selber schon fast so wie Neuhauser fühlt und denkt.

Alle anderen müssen seine Erkenntnisse und Leistungen ablehnen, selbst wenn er wie in der  DVD HJN-Reiten augenscheinlich den Beweis für die Wirksamkeit seines Ansatzes antritt, und zwar einfach weil sie in den Denkstilen ihrer Denkkollektive (» Ludwik Fleck) gefangen sind und auch gern dort gefangen sein wollen, da doch die Gemeinschaft Gleichgesinnter Sicherheit und angenehme Gefühle spendet.

Es hat wegen dieser Gruppendynamik überhaupt keinen Sinn, jemandem etwas nahebringen zu wollen, der sich genau dies nicht nahebringen lassen will. Also können wir uns entspannt zurücklehnen und davon ausgehen, dass ohnehin nur diejenigen mitlesen und mitdenken, die für Neuhausers Botschaft offen und reif sind - entweder durch Zugehörigkeit eines entsprechenden Denkkollektivs oder aufgrund eigener Erfahrungen und Entwicklungen, weil etwa die herkömmlichen Methoden komplett versagen und guter Rat teuer ist, wie bei den arabischen Züchtern mit ihren ungebärdigen Hengsten oder Marion Neusiedler, Besitzerin von Sharis, der sich verspannte und verweigerte.

Diese Offenheit und Lernbereitschaft können wir auch bei den Teilnehmern seiner Kurse voraussetzen, die sich ausdrücklich den neuen Erfahrungen und Einsichten öffnen wollen und dafür sogar eine Menge Zeit, Geld und Energie opfern. Damit kann ich wieder zu der Frage zurückkommen, die mich zuvor beschäftigt hatte: Ist es für alle diejenigen, die von Neuhauser wirklich und ehrlich lernen wollen, überhaupt und in jedem Fall möglich, dessen Fähigkeiten tatsächlich - mit vernünftigem Aufwand - zu erwerben?

Neuhauser selber spricht ja immer wieder von seiner Sprache, der (noch nicht per Markenzeichen geschützten) Neuhauser-» Körpersprache, die er selbst und auf eigene Faust entwickelt haben will und die sowohl das Geheimnis seines Erfolges vollständig begründen als auch uneingeschränkt vermittelbar sein soll.

Das ist eine verwegene Aussage. Wenn dem so wäre, müsste die pferdeinteressierte Menschheit in kürzester Zeit - sagen wir in 20 Jahren - mit Pferden so umgehen können, wie Neuhauser uns das mit den schwierigen Hengsten aus » Schardscha vorführt, an denen sich die größten Pferdeexperten der Welt die Zähne ausgebissen hatten - vorausgesetzt natürlich, alle würden aus ihren alten Denkkollektiven ausbrechen können.

Solche schwierigen Pferde stehen nämlich sicher nicht nur in einem arabischen Luxusgestüt, sondern überall auf der Welt, auch bei uns, und zwar in Reitställen jeglichen Kalibers. Weil diese Phänomene so gehäuft auftraten und nicht zu übersehen waren, hat man sogar schon gemutmaßt, dass einige sogenannte Charakterprobleme genetisch bedingt sind.

So gelten insbesondere manche Zuchtlinien als problematisch. Die Nachkommen des westfälischen Springwunders Pilot beispielsweise sollen generell sehr schwierig sein (siehe  Westfalen,  In Zukunft Hessen) (nachdem wir das erfahren hatten, wunderten wir uns über unseren Pit, Enkel von Pilot, nicht mehr so sehr). Diese Überlegungen werden wegen der Schwere der Probleme sehr ernstgenommen. Manche Gestüte und Zuchtverbände haben daraufhin ihre Zuchtpolitik geändert und achten seither mehr auf das » Interieur (siehe hierzu auch das  Interview mit dem stellvertretenden Gestütsleiter des Landgestüts Marbach).

Und was macht man, wenn man ein solches Pferd hat? Wie geht man mit schwierigen Pferden um? Sind diese Pferde allgemein allein wegen ihrer genetischen Disposition schwierig? Dann müsste man freilich mit züchterischen Mitteln versuchen, an den Problemen zu arbeiten und diese in Zukunft auszumerzen hoffen; ansonsten könnte man nur die Situation aushalten, wie sie ist, und versuchen, die Probleme so gut es geht zu minimieren.




Problempferde werden gemacht


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Rückblende: Der Pfleger schildert einen Angriff · © 2010
 
Rückblende: Der Pfleger schildert einen Angriff
Abbsubj wird wild · © 2010
 
Abbsubj wird wild
Und reisst sich los · © 2010
 
Und reisst sich los
Er prallt zurück · © 2010
 
Er prallt zurück
Neuhauser sieht die Dinge anders. Die meisten Problempferde, so behauptet er, werden nicht geboren, sondern gemacht. Nicht nur das, er glaubt, dass aus jedem Problempferd in kürzester Zeit ein Verlasspferd gemacht werden kann, mit seiner Methode nämlich.

Bei den arabischen Hengsten hat er jedenfalls den Beweis erbringen können, dass er seinen Mund nicht zu voll nimmt. Seine Methode funktioniert und es kann sich daher bei dieser nicht um einen genetischen Defekt handeln. Insbesondere braucht man keine Sorge zu tragen, dass sich die schlechten "Charaktereigenschaften" auf die Nachkommen der schwierigen Tiere vererben.

Welche Schlüsse ziehen wir daraus? Wenn Sie ein problematisches Pferd haben: Stellen Sie sich die Frage, ob es zu einem Problempferd gemacht wurde? Sind Sie möglicherweise selbst verantwortlich, oder Ihr Reitlehrer, oder ein Vorbesitzer? Wann muss man überhaupt ein Pferd als Problempferd bezeichnen?

Auch dafür bietet die DVD ein ausgezeichnetes Beispiel: Denken Sie zurück an das Problempferd Sharis, dessen Besitzerin mehr und mehr verzweifelte und schließlich sogar schon an den Schlachter dachte, bis sie Neuhauser traf und dieser ihr und ihrem Pferd in recht kurzer Zeit helfen konnte:  Ein normales Problempferd,  Problempferd,  Körpergefühl. Weder die Besitzerin noch das Pferd können als außergewöhnlich gelten, im Gegensatz zu den arabischen Spitzenvererbern. Vielleicht haben sich deren Probleme etwas mehr zugespitzt, aber im Prinzip dürften diese weit verbreitet sein.

Medizinische Gründe müssen selbstverständlich berücksichtigt werden: Bei körperlichen Ursachen kann auch Neuhauser nicht zaubern. Mit Voodoo fängt er nicht an, sondern zieht Experten hinzu, für Menschen und Pferde. Vom Physiotherapeuten Corvin Mandel, der sich der Menschen annimmt, haben wir schon gehört.

In der DVD fehlt eine Szene, die in der DVD HJN-Reiten, Gesamttext vorkommt. Das ausrangierte Hochleistungspferd Sir Maxwell hatte nämlich körperliche Probleme. Diagnose des hinzugezogenen Physiotherapeuten: Atemmuskulatur total verspannt, weil er so lange in der Box gestanden hat. Auf der DVD erwähnt die Sprecherin eine Physiotherapeutin, die Sir Maxwell bearbeitet haben soll.

Natürlich muss man solche Gründe herausfinden und die Ursachen abstellen, darin sind wir uns wohl alle einig. Und dann? Schiebt man die Probleme auf das Pferd oder auf den Menschen? Die Erfolge Neuhausers bei sogenannten Problempferden, deren Verhalten keine körperlichen und gesundheitlichen Ursachen hat, sprechen sehr gegen genetische Gründe. Was bedeutet das? Was heißt das beispielsweise für die Mitarbeiter des arabischen Gestüts?

Sind die Thesen Neuhausers vielleicht wahrer, als das vielen lieb sein kann? Müssten wir deshalb generell den Umgang mit Pferden überdenken? Vielleicht wollen Pferde einfach nur richtig behandelt werden; manche sind möglicherweise etwas empfindlicher gegenüber falschen Behandlungsweisen oder haben zu viel davon bekommen, so dass sie irgendwann rebellieren und die Menschen dann zu dem Schluss kommen, sie seien schwierig, wo sie doch in Wirklichkeit nur viel deutlicher als andere Pferde zeigen, dass etwas schief gelaufen ist?

Bei Menschen würde man davon sprechen, dass sie sensibler sind als andere und deshalb einfach mehr wahrnehmen und stärker unter Verhältnissen leiden, die robusteren Typen nichts ausmachen. Zeigen uns Problempferde vielleicht Schwachstellen auf, die wir sonst gar nicht erkennen könnten? Wenn dem so wäre, müssten wir nicht über jedes Problempferd dankbar sein, weil wir an ihm und nur an ihm etwas lernen könnten?

Die Erfolge Neuhausers zeigen meines Erachtens jedenfalls eindeutig, dass Fragen des Interieurs, also des Charakters, Verhaltens und Gemüts, zumindest nicht unabhängig von der Person des Menschen beurteilt werden können, der mit dem Pferd umgeht - wenn es denn eines solchen Beweises bedurft hätte, da doch der Begriff des Pferdeflüsterers eigentlich genau dieses beinhaltet: Ein Pferdeflüsterer ist ein Mensch, der mit Pferden auf eine Weise umgeht, die anderen als Wunder erscheinen muss.

Wenn wir alle das lernen können, was Neuhauser uns vorführt, stellt sich vielleicht heraus, dass es gar keine Problempferde gibt. Dann könnten insbesondere auch die Fachleute im arabischen Luxusgestüt erlernen, wie man es macht, und in Zukunft mit jedem Pferd problemlos umgehen. Im Grunde geht es ja auch gar nicht anders, denn Neuhauser wird ja als Problemlöser für schwierige Fälle gerufen, nicht als Gestütsmitarbeiter auf Dauer. Die vorhandenen Gestütsmitarbeiter sollen durch ihn lediglich in die Lage versetzt werden, ihre Probleme selber zu lösen.

In der folgenden kurzen Videosequenz (0:36 min, 2,1 MB) sehen wir die gefährliche Szene in der Box als Rückblende, eingerahmt von Szenen, die Neuhauser und Abbsubj nach den ersten 20 Minuten ganz vertraut zeigen.

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Alles versucht


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Die Gestütsleitung in Arabien hat natürlich zunächst ebenfalls systematisch alle anderen Einflussfaktoren untersucht, etwa Krankheiten oder Futterbestandteile, aber nicht damit gerechnet, dass der Einfluss des Menschen entscheidend sein könnte. Entsprechend überrascht fällt die Reaktion der Gestütsleiterin aus:

HJN: Come on, fine, good. Good, du bist der Beste. Come on, good. Is this okay? Is this okay? War gut?

Sprecherin: Ohne beißen, ohne treten. "Abbsubj" lässt sich ohne Widerstand das Halfter überstreifen. Das grenzt für alle, die den Hengst lange kennen, an ein Wunder. Eine Kommunikation auch mit den schwierigsten Problempferden ist möglich. Hans-Jürgen Neuhausers Körpersprache ist international. Dank ihm, ist die Sprache der Pferde kein unergründliches Geheimnis mehr, sie ist erlernbar.

Sprecherin übersetzt den Text von der Gestütsleiterin July Day: Alle anderen Pferde die wir bekommen zeigen uns ihr Vertrauen denn eigentlich haben sie hier ja ein wirklich angenehmes Leben. Aber bei ihm, mit seiner inneren Anspannung war das ganz anders. Wir versuchten heraus zu finden an was es liegen könnte. Wir ließen sein Blut untersuchen, wir gaben ihm anderes Futter, wir haben alles versucht aber das ist das erste Mal das ich ihn fröhlich arbeiten sehe, gerne arbeiten. Offensichtlich müssen wir mit ihm besser kommunizieren, offensichtlich möchte er mit dir kommunizieren. Er ist glücklich das er sich mit dir unterhalten kann.

ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache

Die Schlussfolgerungen der Sprecherin sind vielleicht vorschnell. Es ist wahr: Auch für diejenigen, die den Hengst in all seiner Wildheit und Gefährlichkeit nicht erlebt haben, ist es wunderbar zu erleben, wie er sich das Halfter anlegen lässt. Den nächsten Satz kann man sofort unterschreiben: Kommunikation ist für Neuhauser auch mit den schwierigsten Problempferden möglich - das glaubt man inzwischen.

Dass diese Erfolge lediglich auf seine Körpersprache zurückzuführen sind, bezweifle ich allerdings und habe das schon mehrfach versucht herausarbeiten. Diese Körpersprache ist sicherlich insofern international, als Pferde eben generell (wie viele Lebewesen) auf Körpersprache reagieren, das heißt auf die Bewegung von Körpern im Raum, genauer auf die Interaktion von Körpern im Raum, und diese Bewegung hat mit Nationalitäten nichts oder wenig zu tun.

Ich nehme an, dass Menschen unterschiedlicher Kulturkreise sich auch durchaus unterschiedlich bewegen, aber diese Unterschiede sind vermutlich zu vernachlässigen. Schließlich stimmen alle Menschen in ihrer Anatomie vollkommen überein: Wir haben dieselben Knochen, dieselben Muskeln, wir benutzen die Muskeln auf dieselbe Weise, um die Knochen zu bewegen - warum sollte es Pferden schwerfallen, geringfügige Abweichungen zu übersehen?

Tatsächlich ist das nur eine Vermutung meinerseits; ich könnte nicht behaupten, so etwas schon einmal beobachtet zu haben. Mir ist allerdings aufgefallen, dass Menschen verschiedener Kulturkreise ihre Stimme unterschiedlich einsetzen, von der Mimik ganz zu schweigen. Eine holländische Stimme beispielsweise, egal ob männlich oder weiblich, ist sofort zu erkennen, was nicht nur an den spezifischen Lauten der holländischen Sprache liegt, sondern auch an der Tonhöhe. Und Engländer, scheint mir, sprechen generell in einer höheren Tonlage als Amerikaner, ganz abgesehen von den Unterschieden der Aussprache. Diese nationalen Unterschiede hindern uns aber nicht daran, die Sprache zu verstehen.

Es ist meines Erachtens also nicht verwunderlich, dass der Hengst Neuhauser versteht. Es ist der nächste Satz, der mir aufstößt. Die Sprache der Pferde sei kein unergründliches Geheimnis mehr, sie sei erlernbar. Diese Behauptung ist an dieser Stelle zumindest völlig aus der Luft gegriffen und durch den soeben dokumentierten Erfolg Neuhausers keineswegs bewiesen. Die Aussage wäre zulässig und fundiert, wenn anschließend Gestütsmitarbeiter annähernd dieselbe Vorführung hingelegt hätten. Die standen aber sicher hinter den Mauern und mächtigen Eisenrohren.

In den früheren Artikeln dieser Reihe habe ich herauszuarbeiten versucht, welche charakterlichen Eigenschaften Neuhausers wo zum Tragen kommen, und dass diese ganz wesentlich zum Erfolg seiner Methode beitragen. Ich habe Neuhauser fast als Übermenschen herausgestellt, der gewissermaßen kein Ego hat und sich nicht wie andere Leute selbst in den Vordergrund spielen muss. Das im Zusammenhang mit Charakterfragen, also mit der Frage, ob es manchen Leuten einfach gegeben ist, sich so zu verhalten, anderen aber nicht, auch wenn sie sich noch so sehr anstrengen.

In der folgenden Videosequenz (1:16 min, 4,1 MB) sehen wir die aufregenden ersten Schritte: In 20 Minuten schon ist das Eis gebrochen. "Ab dem Moment in dem das Pferd da hingehen will wo auch er hingeht, kann seine Ausbildung beginnen."

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HJN geht aufs Eis


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Nun stellt sich anschließend an diesen grandiosen Erfolg heraus, dass auch Neuhauser Ehrgeiz hat, dass er mehr tut, als er tun müsste, dass er mutwillig sein Talent und seine Leistung auf die Probe stellt, wobei allerdings offen bleibt, ob dies seine Idee war oder die der Gestütsleitung. Er begibt sich aufs Eis, aber das könnte sich als zu dünn erweisen und Neuhauser als Esel dastehen lassen.

Sprecherin: In der klaren Körpersprache erkennt sich das Pferd wieder und fühlt sich verstanden. Dadurch wird ein beiderseitiges Vertrauensverhältnis aufgebaut und gefestigt. Der vierte Tag. Hans-Jürgen Neuhauser hat gezeigt das sein ganzheitlicher Ansatz funktioniert. Das ehemalige Problempferd folgt ihm nicht nur, sondern führt auch gerne seine Anweisungen aus und verbiegt sich für ihn. Doch wie weit kann Vertrauen in so kurzer Zeit gehen? Wird das Pferd bei ihm bleiben, wenn das Tor geöffnet wird oder wird es wieder seinen Pfleger angreifen oder zu den Boxen der Stuten laufen? Die Gestütsleitung ist nervös. "Abbsubj" läuft nicht davon. Für den schnellen und wendigen Araberhengst wäre es ein leichtes jetzt an ihm vorbei zu stürmen, doch er tut es nicht. Er bleibt bei Hans-Jürgen Neuhauser, er vertraut ihm.

a.a.O.

Die Probe geht gut aus, und Neuhauser scheint dieser Erfolg nicht zu Kopf zu steigen. Also doch eine Charakterfrage?

Neuhauser muss in dieser Situation durchaus auf konventionelle Mittel zurückgreifen - es ist nicht ganz so einfach, wie die Sprecherin das darstellt; so muss er zunächst Druck aufbauen und den Hengst zurückdrängen, indem er gewaltig mit der langen Gerte fuchtelt. Der gibt schließlich nach und folgt ihm vorbildlich, allerdings fürchtet man ständig um dieses prekäre Verhältnis und ist froh, als das Experiment endlich beendet wird.

Währenddessen hatte es durchaus recihlich Nervenkitzel gegeben. Neuhausers stand aus Blickrichtung der Kamera links neben dem Hengst, dieser mit Blickrichtung auf das Tor, welches weit geöffnet wurde. Der Hengst blieb stehen und Neuhauser bewegte sich um ihn herum und stellte sich rechts neben den Kopf des Hengstes, so dass eine zweite Kamera diese Situation von vorne anfangen konnte.

Dann bewegte er sich wieder zurück und gab somit gewissermaßen den Weg frei, was wieder von der ersten Kamera gezeigt wurde. Der Hengst reagierte verunsichert - vielleicht war die Körpersprache eben doch nicht so klar. Er setzte sich schließlich in Bewegung und Neuhauser musste ganz deutlich machen, dass er damit nicht einverstanden war. Seine Kehrtwendung reichte zwar aus, die Vorwärtsbewegung des Hengstes zu stoppen, rief aber dessen Unwillen hervor, ganz deutlich gemacht durch demonstratives Kopfschlagen.

Und dann, man glaubt es kaum, entscheidet sich Neuhauser, auf den Hengst zuzugehen und dabei gleichzeitig stark mit der Gerte zu wedeln. Solche Maßnahmen hatte er bis dahin nicht ergreifen müssen. In gewisser Weise kommt das einer Bankrotterklärung schon ziemlich nahe. Neuhauser ist entweder etwas zu weit gegangen oder er hat sich körpersprachlich zumindest so undeutlich ausgedrückt, dass der Hengst sich aus einer für ihn vielleicht nicht einmal unangenehmen Situation lösen wollte (was ich gar nicht glaube), sondern vielmehr die Aktionen Neuhausers geradezu als Aufforderung aufgefasst hat, den Platz zu verlassen.

Schauen Sie sich die betreffende Sequenz am besten selber genau an und versuchen Sie herauszufinden, was wirklich abgelaufen ist und wie man es zu verstehen hat. Wie auch immer, ich halte diese Demonstration eigentlich für ziemlich überflüssig und auch gefährlich. Vielleicht hat Neuhauser doch ein Ego, das sich jetzt endlich einmal zu Wort gemeldet hat, oder der Regisseur oder die Kameraleute brauchten einen Höhepunkt oder die Gestütsleitung forderte die Nagelprobe ein - wie auch immer, man kann die Szene durchaus als Erfolg verkaufen, wenn man nicht ganz so genau hinschaut. Im Fernsehen ist das so gut wie unmöglich, die Bilder sind so schnell vorbei, dass man kaum etwas begreift.

Dass Neuhauser fremdbestimmt gehandelt hat, geht meines Erachtens aus dem Wortwechsel hervor: Er fragt mehrfach in Richtung Gestütsleitung, auf Deutsch und Englisch, ob es jetzt gut ist, und bittet dann, als er von dort ein positives Signal bekommt, um das Schließen des Tors.

Beim intensiven Abhören der Stelle erkenne ich es genau: Er fragt: "Ist es ok? Ist es ok, Heinz? War gut?", und der Angesprochene antwortet jeweils knapp mit "Ja". Mit Heinz ist sicherlich der Kameramann Heinz von Manthey gemeint. Die Szene war also für die Dramaturgie des Films notwendig.

In der folgenden, recht aufregenden Videosequenz (2:11 min, 7,2 MB) sehen wir die Nagelprobe: Der Hengst kann weg, aber er folgt Neuhauser und lässt sich anschliessend das Halfter anlegen.

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Blumentöpfe


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Abbsubj folgt auf Fingerzeig · © 2010
 
Abbsubj folgt auf Fingerzeig
Er biegt sich für Neuhauser · © 2010
 
Er biegt sich für Neuhauser
Immer um den nächsten Topf · © 2010
 
Immer um den nächsten Topf
Neuhauser muss wie stets laufen · © 2010
 
Neuhauser muss wie stets laufen
Viel angenehmer wirken die schon aus seinen Vorführungen und Kursen her bekannten Übungen um die Pylone, die er hier aus großen, schwarzen, leeren Blumentöpfen aus Plastik improvisiert, wie sie im Blumenhandel für Verkaufsware eingesetzt werden.

Im Wilden Westen hatte er dazu relativ dünne Holzklötze verwendet, wie man sie vielleicht in der Kochmaschine einsetzt (ein Vielzweckküchenofen, wie man ihn hierzulande noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts benutzt hat).

Spätestens jetzt wird deutlich, dass alle diese Übungen unabhängig von irgendwelchem Material sind; Neuhauser nimmt, was er gerade kriegen kann, weil er weiß, dass es darauf nicht ankommt. Notfalls würde er wohl auch Kringel in den Sand malen.

Die Menschen sind aber, wie eine Anfrage nach Bezugsquellen für Neuhauser-Pylone zeigte, begierig danach, Original-Equipment zu kaufen. Wo kann man die Pylonen kriegen, die Neuhauser einsetzt? Ich riet, ihn selbst zu fragen.

Wäre Neuhauser "geschäftstüchtig", würde er flugs Original-Neuhauser-Pylonen erfinden und vermarkten. So wie ich ihn einschätze, könnte er dann allerdings vermutlich nicht mehr so gut in den Spiegel schauen. Ich glaube nämlich, der Mann hält einfach nichts davon, andere zu verarschen.

Natürlich muss das Pferd die Blumentöpfe untersuchen, und es darf das auch. Aber sehr schnell reagiert es wie alle anderen Pferde und erkennt, dass die Blumentöpfe völlig uninteressant sind. Stattdessen folgt es ebenfalls der Fingerspitze Neuhauser und biegt sich gern für ihn. An diesen Szenen kann man sich sicher für die tägliche Arbeit, vor allen Dingen aber für die Grundlagenarbeit viel abschauen. Man braucht dazu nichts als Enthusiasmus und Fantasie.

In der folgenden schönen und ruhigen Videosequenz (1:23 min, 4,7 MB) sehen wir Neuhauser und Abbsubj bei der Blumentopf-Arbeit.

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Quellen / Verweise


  1. » Hans-Jürgen Neuhauser
  2.  DVD HJN-Reiten
  3. » Ludwik Fleck
  4. » Körpersprache
  5. » Schardscha
  6.  Westfalen
  7.  In Zukunft Hessen
  8. » Interieur
  9.  Interview mit dem stellvertretenden Gestütsleiter des Landgestüts Marbach
  10.  Ein normales Problempferd
  11.  Problempferd
  12.  Körpergefühl
  13. DVD HJN-Reiten, Gesamttext
  14. ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache
  15. » Robin Williams
  16. » Good Will Hunting
  17. » Picasso
  18.  Kommunikation: Flüstern oder signalisieren?, Die besondere Methode des Hans-Jürgen Neuhauser
      Ausgabe 547 · Teil 1
  19.  Die Empfindlichkeit der Pferde, Wie sind Pferde, wie geht man am besten mit ihnen um?
      Ausgabe 548 · Teil 2
  20.  Tanz - neu interpretiert, Körpersprache als Verständigungsmittel einander respektierender Wesen
      Ausgabe 549 · Teil 3
  21.  Ohne Zügel und Führstrick hilflos, Wenn's in der Herde funktioniert, dann muss es anders auch gehen
      Ausgabe 550 · Teil 4
  22.  Wie der Mensch das Pferd verwirrt, Die Kommunikation widersprüchlicher Botschaften
      Ausgabe 551 · Teil 5
  23.  Sei spontan! Komm raus!, Die Körpersprache des Cowboys als Beispiel für Double-Bind
      Ausgabe 552 · Teil 6
  24.  Arbeit mit der wilden Mustang-Stute, Wie Neuhausers Methode im Wilden Westen funktioniert
      Ausgabe 553 · Teil 7
  25.  Neuhauser und Monty Roberts: Ein Vergleich, Einfühlung und Machtausübung - zwei Ansätze zur Kommunikation mit Pferden
      Ausgabe 554 · Teil 8
  26.  Es muss jetzt irgendwas passieren, Aus einem Problempferd wurde in kürzester Zeit ein treuer Freizeitkamerad und Freund.
      Ausgabe 555 · Teil 9
  27.  Der richtige Sitz, Körpersprache setzt Körperbeherrschung voraus
      Ausgabe 556 · Teil 10
  28.  Gefährliche Hengste in Arabien, Neuhauser als Retter in der Not
      Ausgabe 557 · Teil 11
  29.  Der Trick mit der Tröte, Über Problempferde und Kommunikation
      Ausgabe 558 · Teil 12
  30.  Experten und Könner, Über Kompetenz und Fähigkeiten
      Ausgabe 559 · Teil 13
  31.  Über den Umgang mit der Kreatur, Das Unaussprechliche der Kommunikation
      Ausgabe 560 · Teil 14
  32.  Qualität und dualistische Trennung, Über Karotten, Zen und die Kunst, mit einem Pferd zu arbeiten
      Ausgabe 561 · Teil 15
  33.  Muss man sich anstrengen?, Über den richtigen Weg, mit dem Pferd zu kommunizieren
      Ausgabe 563 · Teil 16
  34.  Die Leichtigkeit der Zähmung, Neuhauser und das zweite Problempferd
      Ausgabe 564 · Teil 17
  35.  Über Dominanz und Vertrauen, Auch Pferdeleute können vom Wasser lernen
      Ausgabe 565 · Teil 18
  36.  Denkstile und Denkkollektive, Nur in der eigenen Clique geht's einem richtig gut
      Ausgabe 566 · Teil 19


Abbildungen

  Werner Popken,  DVD HJN-Reiten, ZDF/ARTE-Dokumentation: Das Geheimnis der Pferdesprache




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Der Herausgeber ist nicht verantwortlich für Leserbeiträge und die Inhalte externer Internetseiten.
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