In dieser Hinsicht möchte ich auf meine Definition des Wortes Erfahrung eingehen: Erfahrung bedeutet für mich nicht, dass Jemand jahrzehntelang das Gleiche tut, sonst wäre schließlich jeder langjährige Reiter auch pferdeerfahren und könnte gut Reiten - das ist nicht der Fall und das können Sie sicherlich bestätigen. Erfahrung hängt für mich zusammen mit Erkenntnis, das heißt: Erlebnisse zu hinterfragen und Erkenntnisse durch Reflexion meines Denkens und Tuns zu erhalten. Dabei möchte ich stets offen sein für das Individuum und die individuellen Umstände. Allein diese meine Einstellung schließt "Patentrezepte" wie Sie sie vorschlagen aus. Für mich ist diese Patentrezept-Tipps-und-Tricks-Erscheinung unwürdig für Pferde sowie für Menschen und alle anderen lebenden, denkenden, fühlenden Wesen. In allen Ihren Tipps nehmen Sie den Pferden ihre Freiheit, ihren Stolz, ihre Würde, ihre Meinung und ihre Ausstrahlung. Lebende Beziehungen werden nicht durch Tipps und Tricks gepflegt, sondern durch Fähigkeit zur Selbstkritik, Wissen um die Bedürfnisse des Partners, Einfühlungsvermögen, Gemeinschaftsdenken, Besonnenheit und andere tiefgründige Dinge, die nichts mit oberflächlichen Tipps zu tun haben. Da ich eine Kopie dieses Schreibens an die XX schicken werde, möchte ich hiermit, und weil ich von der XX darum gebeten wurde, Lösungsvorschläge zu machen, auf Ihre Beispiele der "Verhaltenstipps" in den letzten Zeitungen eingehen. Sie beschreiben zu einem Pferd, das bei Bodenarbeitsübungen mit dem Vorderfuß stampft, das Pferd müsse mit Nachdruck bestraft werden. Also Symptombekämpfung. Meine Lösung wäre in etwa: Überprüfung der Haltungsbedingungen des Pferdes: Hat das Pferd genug Möglichkeit mit Pferdegesellschaft seinen Spieltrieb auszuleben? Überprüfung der "Tagesform" und Laune des Pferdes: Die Übungen für das Pferd interessanter und abwechslungsreicher gestalten, denn offenbar ist das Pferd unterfordert/gelangweilt und möchte sich mehr bewegen. Ich würde in statische Übungen immer wieder Führ- und Bewegungsübungen einbauen. Meine Pferde dürfen und SOLLEN in unserer täglichen "Arbeit" selbst Vorschläge einbringen. Dieses Verhalten fördere ich, damit fördere ich die Motivation, das selbstständige Denken sowie das Körpergefühl des Pferdes. In einer weiteren Ausgabe der XX beschreiben Sie zu einem Pferd, das beim Führen nach vorne stürmt, man solle es mit dem "Seilpropeller" bremsen. Ich habe erfahren, dass Pferde mit dieser Methode leicht außer Kontrolle geraten, weil sie sich erschrecken, dann abrupt hinter den Menschen geraten (evtl. sogar steigen oder auf der Hinterhand abwenden) und der Führende -sofern er nicht gewandt und reaktionsschnell ist- überfordert ist mit der Situation und das Pferd sich evtl. losreißen kann.
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