| | | Einen Steiger muss man liebhaben! |  |  |  |
| 20. November 2008 Ich bin ab und zu mit einer jungen Reiterin zusammen, die einen zwar mit eleganten Bewegungen ausgestatteten, aber etwas kapriziösen jüngeren Fuchswallach reitet, der leider für sein Alter nicht die entsprechende Ausbildung besitzt und sich offensichtlich gemütsmässig und auch körperlich noch nicht im Gleichgewicht befindet. Sie hat ihn erst einige Monate und wir wissen nicht, was er zuvor schon alles erlebt hat. Auf jeden Fall ist es auffällig, dass er sich ab und zu in einer offensichtlichen Abwehrhaltung befindet, für die man keinen Grund findet und die auch nicht an der jungen Reiterin liegt, die eher zur Nachgiebigkeit, als zur Grobheit neigt. Wäre er eine Stute, würde mich seine Unausgeglichenheit nicht so wundern, Wallache sind aber meist nicht so kompliziert. Sei es wie es ist: die junge Reiterin muss einen Weg von etwa zwei Kilometern reiten, um zu mir in die Reithalle zu kommen. Und da gibt es ein Problem: Er geht zwar etwa dreihundert Meter vom Stall und seiner jetzigen Heimatkoppel und von seinen Freunden weg, aber am Beginn des Waldes streikt er: ‚bis hierher, aber keinen Schritt weiter, Schluss, aus, Ende!'. Nur mit Pferdekameraden oder mit Fahrrad voraus ist er bereit, weiter von zu Hause wegzumarschieren. So etwas kenne ich; vor allem meine bezüglich undurchschaubaren Reaktionen schon mehrfach erwähnte PIZZI hatte neben vielen anderen Einfällen auch diese Version im Programm, plötzlich nicht weiterzugehen, umzudrehen, wieselschnell rückwärts auszuweichen bis hin zum Steigen. Und das alles ohne ersichtlichen Grund. Das konnte vom Stall weg am Beginn eines Ausritts sein, das konnte ebenso gut mitten auf sattsam bekannter Strecke sein oder sogar auch auf dem Nachhauseweg. Aus vielen Ratschlägen von erfahrenen Reitern und aus vielen Büchern, die auf dieses Problem eingingen, blieben drei erfolgreich, sofern ich immer konsequent blieb und die Ruhe behielt: - Volten reiten, die sich spiralförmig in die gewünschte Richtung vom Stall weg entfernen, eine nach der anderen, bis man spürt, dass sich der Widerstand aufgelöst hat.
- Die gröbere Version, die ich nur praktizierte, wenn Gefahr im Verzug und Eile geboten war: das Pferd mit deutlich öffnendem Zügel so lange um seine Achse drehen, bis es nachgeben muss und wird, denn das ist für das Pferd sehr anstrengend, es verliert das Gleichgewicht und es muss sich praktisch unterwerfen. Ich tat es deshalb nur, wenn es nicht mehr anders ging.
- Wenn das Pferd rückwärts ausweicht, das Rückwärts zulassen und wenn es das anstrengende Rückwärts beenden will, zur Strafe weiter rückwärts richten, bis das Pferd froh ist, wieder vorwärts gehen zu dürfen. Natürlich muss hinter Euch genügend Platz sein und nicht etwa ein Graben oder Baumstamm. Es ist auch nicht schlimm, wenn in diesem Fall das Rückwärts schief oder in einem Bogen geritten wird.
| Diese Ratschläge können übrigens auch beim Verladen in den Hänger helfen. Sollte das Pferd beim rückwärts Ausweichen Ansätze zum Steigen zeigen, (man meint erst: wunderbar, endlich fühle ich wie sich mein Pferd setzt!) blitzschnell mit ganz tiefer Hand den deutlich öffnenden Zügel einsetzen und das Pferd seitlich aus dem Gleichgewicht bringen, damit es sofort damit beschäftigt ist, die Balance zu halten und nicht erst, wenn es bereits hoch auf den Hinterbeinen steht. Es sollte auf keinen Fall hintenüber fallen. Sobald die Ordnung wieder hergestellt ist, mit Stimme und Hals Klopfen loben und ohne Verzögerung energisch vorwärts reiten, egal ob im Schritt oder im Trab. Ist es aber bereits so weit gekommen, dass Dein Pferd schon auf den Hinterbeinen steht, dann lass sofort die Zügel los und falle ihm mit beiden Armen um den Hals, auch wenn es das gerade nicht verdient hat. Solange Dein Pferd hinten tief bleibt, also die Hinterbeine beugt, ist das Steigen weniger gefährlich, als wenn es auf geraden Hinterbeinen steht. Und das wird umso mehr der Fall sein, wenn die Gelenke seiner Hinterbeine wenig gymnastiziert sind. Sicherheitshalber habe ich bei gefährlichen Situationen auch immer die Bügel losgelassen, das ‚Absteigen' geht dann schneller. - Möge Dir vor allem die letztgenannte Situation nie begegnen! Steigen ist aber nicht immer eine Unart, oft ist es eine Reaktion auf unmittelbare schmerzhafte Empfindung, sei sie durch unangebrachte Härte des Reiters oder vor allem auch durch Sattelung oder Zäumung hervorgerufen.
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