In meinem Brief vom 29. Juli schrieb ich schon ein paar erklärende Worte zu dem Begriff des ‚sich selbst Tragens'. Eine starre oder unruhige Hand des Reiters, ein steifer oder anderweitig störender Sitz, fühllos treibende oder klammernde Schenkel würden es allerdings dem Pferd unmöglich machen, ‚durch das Genick zu treten', sich von der Hand abzustossen, ‚sich selbst zu tragen'. Diese drei Begriffe sind eng miteinander verbunden und erfordern ein sehr sensibles Gefühl des Reiters, das nicht mehr von seinem Denken gesteuert wird. DIE BALANCE, DAS GEMEINSAME GLEICHGEWICHT VON REITER UND PFERD, IST DIE GRUNDVORAUSSETZUNG DAFÜR, DASS SICH DAS PFERD VOM GEBISSSTÜCK, VON DER HAND, VOM KREUZ DES REITERS ABSTOSSEN KANN. (Alle diese drei Umschreibungen meinen das Gleiche) Es ist der Reiter, der zuerst wissen, können und aktivieren muss, um dann bei seinem Pferd die gewünschte Reaktion zu erreichen. Andererseits muss sich aber der Reiter auch den Bewegungen seines Pferdes anpassen können. Er kann sie zwar bis zu einem gewissen Grad mit seinem Gewicht beeinflussen, im negativen wie auch im positiven Sinn, indem er zum Beispiel einem zu starken Vorwärtsdrang seines Pferdes mit verzögerndem ‚hinterherhinkendem' Sitz, mit verzögerndem Takt entgegenwirkt. Beim Leichttraben - ich beschrieb Dir das schon in einem früheren Brief - kannst Du zum Beispiel nach dem Aufstehen das Wiederhinsetzen etwas verzögern. Das hat noch den Nebeneffekt des leichten Versammelns. (In meinem Brief vom 29. Juli schrieb ich Dir schon einige Zeilen zum Thema Versammlung.) Vorläufig ist das feine Abstoßen des Pferdemauls von der Hand, vom Kreuz aber für Dich und KORALLE noch nicht so spürbar und wird sich erst nach und nach durch weitere Gymnastizierung bis zum Erreichen der Versammlung ergeben. Eine weitaus gröbere Version des Abstoßens vom Kreuz des Reiters kann Dir aber auch jetzt schon in einer prekären Situation helfen: wenn Dein Pferd mit Dir durchgeht! Würdest Du dann versuchen, nur mit der Kraft Deiner Arme und mit den Zügeln Dein Pferd zu bremsen, wäre das wenig Erfolg versprechend. Denn hat Dir Dein Pferd erst mal ‚die Hand genommen', das heißt Deine Arme nach vorne gezogen, dann bist Du relativ machtlos. Gelingt es Dir aber, Deinen Sitz aufrecht zu halten und rechtzeitig mit den Armen an Hüfte und Oberkörper Halt zu finden, dann hast Du eine gegenhaltende Basis, die es Dir ermöglicht, Dich mit dem ‚Kreuz', (Deinen Bauch und Rückenmuskeln) dem brutalen Zug Deines Pferdes entgegen zu stemmen. Das ist ein ähnlicher Vorgang, als würdest Du mit einem zweibeinigen Partner Deine Kräfte im Seilziehen messen: jeder von Euch beiden hat ein Ende des Seils in den Händen und dann versucht der Eine, den Anderen von seiner Ausgangsposition wegzuziehen. Wer dem Gegner zuerst dessen Arme von seinem Körper weg nach vorne ziehen kann, wird wahrscheinlich der Sieger sein. Denn ab dem Augenblick, in dem Dir die Arme nach vorne gezogen werden, kannst Du Dein ‚Kreuz' nur noch einsetzen, wenn Du mit den Füßen am Boden einen Gegenhalt findest, um Dich dagegen stemmen zu können. Wenn Dir das nicht gelingt und Deine Arme am Rumpf auch keinen Halt mehr finden, bist Du bereits außer Gefecht. Jetzt wirst Du einwenden, dass Du ja, wenn Du auf dem Pferd sitzt, mit den Beinen auch keinen Gegenhalt am Boden suchen kannst. Richtig, deshalb musst Du jetzt einen Ersatz für dieses Manko finden: das sind Deine beiden Sitzbeinknochen! Diese musst Du in der gefährlichen Situation auf einem ‚Durchgänger' förmlich durch den Sattel hindurch in den Pferderücken bohren, und zwar in schräger Richtung nach vorne. Du musst also Deine Schultern hinter Deine Hüften drücken, damit Du aus dieser Schräge Deines Oberkörpers mit dem Gesäß im Sattel nach vorne gezogen wirst und damit Deine Sitzbeinknochen Dem Pferd in übertragenem Sinn in den Rücken bohren kannst. Jetzt findest Du wieder einen gewissen Halt durch Deine Sitzbeine und kannst Die ‚Macht des Kreuzes', Deiner Bauch- und Rückenmuskeln wieder einsetzen. Dass Du dabei auch die Knie einmal ausnahmsweise wie Bleiklammern ans Pferd pressen musst, ist klar. Bleibst Du Siegerin, dann wirst Du das ‚Abstoßen' Deines Pferdes vom Gebiss, von der Hand, vom Kreuz erleben, das Aufgeben des Widerstands in Genick und Maul, wenn auch nicht in fein ziselierter Form, sondern in der gleichen grobschlächtigen Weise, als die man das Durchgehen des Pferdes bezeichnen muss. Vielleicht ist durch diese Schilderung das Verstehen des Begriffes ‚Kreuz des Reiters' größer geworden.
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