6. Juni Ich habe noch nichts wieder von Euch beiden gehört und wäre doch gespannt, ob Ihr Euer Springdebüt überstanden habt und wie. An meinen ersten ‚Parcours' erinnere ich mich noch sehr genau, denn er war ungewollt und spektakulär! Ich hatte ja das Glück, meine ersten beiden Jahre im Sattel der von meinem Vater gut ausgebildeten Pferdedame ERIKA sitzen zu können, nachdem ich - strenges Gesetz von meinem Vater - vorbereitend anderthalb Jahre lang meine Voltigier-Kinderstunden auf dem Rücken der mütterlich-gutmütigen Stute TULPE des Ulmer Reitvereins abgeturnt hatte. Als ich erstmals stolz in den Sattel und auf ERIKA kletterte, war ich 9 Jahre alt. Durch das Voltigieren hatte ich bereits ein absolut sicheres Gefühl für Balance auf dem Pferd und war dadurch in der Lage, alle Hilfen ohne körperliche Schwierigkeiten zu lernen. Auch das Warum, Weshalb und Wieso dieser Hilfen wurde mir gleichzeitig von meinem Vater immer erklärt, so dass ich nicht nur auf Geheiß, sondern immer durch Denken und Verstehen lernte. Das war, zusammen mit dem vorhergehenden Voltigieren eine perfekte Grundlage für meine weitere Ausbildung auf dem Pferd, die dann mit Hilfe meiner beiden Lehrer, der lieben Fuchsstute ERIKA und meinem Vater, ohne viele Schwierigkeiten möglich war. Mein Vater ritt ERIKA sehr viel im Gelände und meinte, nachdem ich etwa ein Jahr lang bei ihm gelernt hatte, dass ich doch soweit wäre, dass wir beide gemeinsam mal einen Bummel im Gelände machen könnten. Ein geeignetes Pferd konnte er für mich vom Ulmer Verein bekommen, wo ich einmal in der Woche das Reiten in der Abteilung übte. Es war CILLY, eine junge, aber verlässliche Rappstute, die ich schon oft geritten hatte. Stolz ritt ich an einem schönen Sommertag neben meinen Vater durch die Straßen Ulms, hinauf auf den ‚Kienlesberg' zum weitläufigen alten Exerzierplatz bei der ‚Wilhelmsburg'. Nachdem wir gemeinsam unsere beiden Pferde ausreichend im Schritt, Trab und Galopp bewegt hatten, wollte mein Vater mit ERIKA noch durch eine Sprungbahn mit festen Hindernissen galoppieren und ich sollte währenddessen auf einem kleinen angelegten Longierzirkel in der Nähe Schritt reiten. Leider hatten wir beide die ansonsten so zuverlässige CILLY in puncto Anhänglichkeit unterschätzt: kaum hatte mein Vater die ersten Sprünge genommen, konnte ich CILLY nicht mehr halten und sie zog mit mir, schnurgerade in ERIKAS Fährte galoppierend, hinter den beiden her - natürlich über die gleichen festen Sprünge! Dank sei meiner Voltigierzeit, Dank sei meiner damaligen Unbefangenheit und Dank sei der guten Ausbildung damaliger Vereins-Schulpferde - es ist nichts passiert! Zum Entsetzen meines Vaters, aber danach auch zu seinem Stolz auf mich, - es blieb bei einer zwar denkwürdigen, aber doch glimpflich abgelaufenen Episode, denn ich war zuvor noch nie auf einem Pferd auch nur über ein einziges Hindernis gesprungen. Bei mir musste es eben schon zu Anfang gleich ein ganzer Parcours von sicherlich acht bis zehn Sprüngen sein! Es ist in 76 Reiterjahren mein einziger Parcours geblieben, sehe ich mal ab von den kombinierten Prüfungen aus Dressur und ein paar kleinen Sprüngen danach, die ich seinerzeit mit OSTERPOST absolvierte. Zurück zu Deinen und KORALLES Springkünsten: Auf dem Video sehe ich, dass sie doch etwas zu aufgeregt und heftig wird, selbst bei diesem kleinen, einfachen Sprung. Ich nehme an, dass sie eine gewisse Unsicherheit auch bei Dir spürt. Normalerweise sollte ein Pferd von einem Reiter eingesprungen werden, der die Ausbildung eines Pferdes beherrscht und dessen Reaktionen aus Erfahrung kennt. Aber da die Dinge nun einmal so liegen wie sie sind, musst Du auch hier nach etwas unorthodoxen Wegen suchen, um mit der Situation fertig zu werden, um nicht klein beigeben zu müssen. Lasse KORALLE also zunächst immer vorher einige dieser kleinen Sprünge an der Longe absolvieren, ehe Du Dich ihr im Sattel anvertraust. Und es gibt auch noch kleine Tipps, die sie durch noch mehr Konzentration auch noch zu mehr Ruhe zwingen: Du kannst zum Beispiel eine Cavaletti-Reihe davor legen, statt nur eines Cavalettis.
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