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Bericht Zu den Themen Hufpflege, Wanderreiten · Gesamttext
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 466.08 der Pferdezeitung vom 02.03.08
 Menü Hauptartikel 466
 Mit Pferd und Hund ... 
 Tschiffely  Heldentum  Schmiergeld
 Diktatur  Hufbeschlag  Eisenfrei
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Günter Wamser mit seinen beiden Criollos Gaucho und Rebelde (links)   · © 2008
 
Günter Wamser mit seinen beiden Criollos Gaucho und Rebelde (links)  

    Mit Pferd und Hund unterwegs   
    Auf langsame Art von Feuerland nach Mexiko   
von © 2008  Werner Popken

Teil 1:  Im Namen des Volkes: Zum Huf
Teil 2:  Der Huf - mit und ohne Technik
Teil 3:  Hochleistungs-Barhufe
Teil 4:  Mein Pferd geht barfuß und fühlig
Teil 5:  Barfuß - Glaubensfrage?
Teil 6:  Meine Box - deine Box
Teil 7:  Berichte/ 460
Teil 8:  Das Pferd, das unbekannte Wesen


Zu den Themen Hufpflege, Wanderreiten


Vor drei Wochen habe ich Ihnen bereits » Günter Wamser vorgestellt, den Abenteuerreiter, der als Motorradfahrer begann und den amerikanischen Kontinent von Norden nach Süden durchquerte. Dafür hatte er sich bereits vier Jahre Zeit genommen. In Mittelamerika kam er aufs Pferd. Dieser Mann macht wenig Worte, deshalb fällt es mir manchmal schwer, mir recht vorzustellen, wie es wohl gewesen sein mag.

Motorradfahrer sind ja normalerweise schwer von ihren Maschinen fasziniert. Ich kenne niemanden, der vom Motorrad aufs Pferd kam, aber immerhin jemanden, der vom Pferd aus Motorrad umstieg. Das war umso bemerkenswerter, als dieser Mensch sportlich sehr engagiert und auch erfolgreich war. Im Vergleich mit den Pferden empfand er das Motorrad als enorm entspannend. Er konnte die Karre wegstellen und vergessen, bis es ihm wieder gefiel, sie zu bewegen bzw. sich von ihr bewegen zu lassen. Pferde bedeuteten demgegenüber vor allen Dingen Arbeit, Verantwortung, Disziplin.

Bei Günter Wamser ist es offenbar umgekehrt. Die Pferde und Hunde sind nicht nur Kameraden, sondern Freunde, zu denen er eine intensive emotionale Beziehung entwickelt, die mit der Beziehung zu einem Motorrad in keiner Weise zu vergleichen ist. Das Motorrad ist für ihn abgehakt. Es kommt in dem Buch  Der Abenteuerreiter so gut wie gar nicht vor. An einer Stelle benutzt er sogar ein Motorrad, um etwas zu erkunden. Emotional hat das denselben Stellenwert, als wenn er einen Bus benutzt.

Die Begegnung mit den Pferden eröffnete ihm eine ganz andere Art des Reisens. Ein Motorrad stinkt und knattert, man brettert durch die Gegend und bekommt kaum etwas mit. Nun muß ich gestehen, daß ich zwar in meiner Jugend auch so ein Gefährt benutzt habe und weiß, daß » Robert M. Pirsig in seinem Werk » Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten das Fahren auf dem Motorrad romantisiert und dem Fahren in einem Auto positiv gegenüberstellt, aber der Grundgedanke Wamsers wird dadurch gar nicht berührt: Es ist die Langsamkeit des Reisens zu Pferd, die eine ganz andere Qualität in das Erleben bringt:

In » Guatemala sattelte ich um. Ich durchquerte das mittelamerikanische Land mit Reit- und Packpferd. Dabei entdeckte ich das Reisen von einer ganz anderen Perspektive. Das langsame Reisen faszinierte mich. Es ermöglichte mir nicht nur einen Blick für die großartige Landschaft, sondern es eröffnete mir auch eine andere Sicht für die grandiosen Details. Ich konnte nun das Land spüren, fühlen, erfassen und begreifen.

Eine neue Idee war geboren

Die Durchquerung und Entdeckung des amerikanischen Kontinentes zu Pferd. Das hierfür erforderliche Wissen und den Umgang mit Pferden ereignete ich mir selbst an - ich arbeitete zwei Jahre als Führer von Reittouren in Guatemala.

» Der Abenteuerreiter

Diese Formulierung ist typisch für Günter Wamser: einfach untertrieben. Die neue Erfahrung faszinierte ihn nämlich so sehr, daß er acht Pferde kaufte und einen Tourismusbetrieb aufzog. Das läßt er einfach unter den Tisch fallen. Im Gespräch mit mir tat er so, als verstünde er gar nicht viel von Pferden. Dabei liegt auf der Hand, daß er im Gegenteil sehr viel von Pferden verstehen muß, nach all diesen langen Jahren intensiven Zusammenseins.




Tschiffely


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Damals in Guatemala hörte er zum ersten Mal von jemanden, der von » Buenos Aires, der Hauptstadt » Argentiniens, nach » Washington D. C., der Hauptstadt der » USA, geritten war:

© 2008
 
Aimé Félix Tschifelly · © 2008
 
» Aimé Félix Tschifelly
Es war zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Dr. » Emilio Solanet, Professor für Tiermedizin, reinrassige Criollopferde bei den » Tehuelches-Indianern kaufte. Mit diesem Pferdetyp begann er auf seiner Farm eine Aufzucht, orientiert an wissenschaftlichen Grundsätzen.

In einem Schreiben an diesem Professor bat der eingewanderte Schweizer Aimé Felix Tschifelly am 22. November 1924 um zwei Criollopferde. Er wollte von Buenos Aires nach Washington reiten. Wie viele andere hielt auch Solanet die Idee des Schweizers für nicht realisierbar. Er zweifelte an dessen Erfolg. Doch schließlich gab er ihm zwei ältere Pferde, »Mancha« und »Gato«, fünfzehn und sechzehn Jahre alt. Der skeptische Solanet wollte keine jüngeren Pferde aus seiner Zucht aufs Spiel setzen, denn er war überzeugt, der verrückte Tschiffely würden nur bis zur übernächsten Provinz kommen und von dort wieder mit der Bahn zurückkehren. Vielleicht aber wurde das Unternehmen des Schweizers gerade durch diese Wahl der Pferde mit Erfolg gekrönt, etwa nach dem spanischen Sprichwort: »El Diablo sabe más por viejo que por Diablo. Der Teufel ist weise, weil er alt, nicht weil er der Teufel ist.«

Am 23. April 1925 brach die kleine Gruppe in Buenos Aires zum großen Marsch auf. Mit jedem überwundenen Hindernis wuchs das Ansehen, daß ihnen vorauseilte. In dreieinhalb Jahren legten sie die sagenhafte Strecke von 16.000 Kilometern zurück am 29. August 1928 wurde in New York die Fifth Avenue abgesperrt. Durch sie marschierten die drei Helden, an denen der Dreck und Staub von 14 durchquerten Ländern klebte. US-Präsident » Coolidge empfing Tschiffely im Weißen Haus in Washington.

Der Schweizer hatte mit den beiden Wunderpferden gleich zwei Weltrekorde aufgestellt: Den längsten Wanderritt durch die verschiedensten Klimazonen und die am höchsten gelegene Überquerung zu Pferde, die Bezwingung des 5900 meterhohen Kondorpasses in Bolivien. Durch diese unvorstellbare Leistung machte Tschiffely das Criollopferd aus Südamerika weltberühmt. Tschiffely schrieb ein Buch über dieses Abenteuer und es fiel mir zur richtigen Zeit am richtigen Ort in die Hände, damals, als ich in Guatemala dabei war, mir Pferdekenntnisse anzueignen. Diese drei Helden hatten mich inspiriert. Tschiffely, Mancha und Gato hatten bewiesen, daß solch ein langer Ritt möglich war. Aber dieser etwa achtzig Jahre her, vieles hatte sich seither verändert. Doch vielleicht konnte ich auch heute noch einen ähnlichen Ritt durchführen? In dem Wörtchen »vielleicht« sah ich die Herausforderung, daß Abenteuer. Wie sagte Walt Disney? »Alles was du träumen kannst, das kannst du auch leben.«

a.a.O., Seite 61, 62

Bei Amazon kann man das spanische Buch » Mancha y Gato kaufen, das 1993 neu aufgelegt wurde. Hierzulande scheint Tschiffely völlig unbekannt zu sein. Immerhin kennt man auch die Genügsamkeit und Leistungsfähigkeit dieser Pferde:

Der Criollo ist eines der widerstandsfähigsten und zähesten Pferde der Welt. Er kann bei extremen klimatischen Bedingungen mit nur ganz wenig Futter auskommen. Er ist unglaublich ausdauernd und wird in seiner Heimat Südamerika einer sehr harten Leistungsprüfung (Marcha) unterworfen. Dabei werden innerhalb von 14 Tagen (mit einem Ruhetag) 750 km zurückgelegt. Wobei nicht zugefüttert werden darf, also die Pferde nur wieder nach der Etappe auf die Weide entlassen werden. Damit wird nicht nur die Ausdauer sondern auch die Regenerationsfähigkeit unter Beweis gestellt.

» Criollo

Der Taschenrechner rückt die Dinge ein bißchen zurecht: 750 km in 14 Tagen mit einem Ruhetag, das ist ein Schnitt von fast 60 Kilometern pro Arbeitstag. 16.000 km in dreieinhalb Jahren, das ist ein Schnitt von 13 km pro Tag. Die Schwierigkeiten liegen anscheinend nicht in der Distanz. Wo liegen sie dann?



Heldentum


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Abendstimmung · © 2008
 
Abendstimmung
Flußüberquerung durch eine Furt, Nicaragua · © 2008
 
Flußüberquerung durch eine Furt, Nicaragua
Barbara, Günter und Chapina genießen in Ruhe den Frühstückskaffee · © 2008
 
Barbara, Günter und Chapina genießen in Ruhe den Frühstückskaffee
Die Geschichte war aber offenbar doch noch ein bißchen anders, komplizierter. Tschiffely kam nur mit Mancha in Washington an, Gato mußte er krank in Mexiko zurücklassen. Berühmt wurde er trotzdem und schrieb fünf Bücher über sein Abenteuer (» Aimé Félix Tschifelly). Günter Wamser hingegen blieb bisher vergleichsweise unbekannt. Er wurde nicht wirklich berühmt. Zwar berichteten lokalen Zeitungen in den Gegenden, durch die er gerade reiste, aber irgendwie scheint er doch eher eine Kuriosität dargestellt zu haben.

Einmal begegnete er einem Peruaner, der sein Land von Norden nach Süden zu Fuß durchwanderte und eine nationale Berühmtheit geworden war, begleitet von Presse und Fernsehen, Archäologen und sogar einem Koch. Durch diesen Zufall wurde er auch gleich mitgefilmt. Mit diesem unterhielt er sich anschließend privat. Dabei erzählte er, daß er selbst 3000 Kilometer mit seinem Hund durch Deutschland gewandert war, um sich auf die große Reise vorzubereiten:

Während Carlos in seinem Land als Held gefeiert wurde, straften mich meine Landsleute dagegen mit Ablehnung, Verachtung und bezeichneten mich als Penner. Daß ich während der 95 Tage, die ich in Deutschland unterwegs war, nicht einmal zu einer Tasse Kaffee eingeladen wurde, hielt Carlos schlicht für unfaßbar.

a.a.O., Seite 222

Ist es nicht auch unfaßbar? Ich erinnere mich sehr gut an den Mann, der eines Tages an der wenig befahrenen Allee, an der wir damals wohnten, zu Fuß mit seinem Pferd und seinem Hund vorbeikam. Offensichtlich war er auf einer Reise. Er schaute nicht links, er schaute nicht rechts, er ging einfach unverdrossen vor sich hin, sein Pferd neben ihm, sein Hund dahinter. Ich war natürlich sehr verblüfft, brauchte eine Weile, um diese Szene einzuordnen und zu verstehen, und hätte schon sehr schlagfertig sein müssen, um ihn ansprechen zu können. Aber selbst dann hätte ich vermutlich gezögert, denn er signalisierte überdeutlich, daß er keinen Kontakt wünschte.

Freilich sind viele Leute nicht sehr leutselig, jedenfalls nicht so, wie Günter Wamser das erlebt hat, wenn er in kleine Dörfer in abgelegenen Gegenden einzog. Selbstverständlich war das dort das Ereignis des Jahres. Je mehr Menschen auf einem Fleck, je mehr Rummel in einer Gegend, desto mehr muß sich jeder einzelne vor unerwünschten Kontakten schützen. Am wenigsten kontaktfreudig sind die Leute in den größten Städten. Insofern kann man die Situation vielleicht nicht vergleichen. Trotzdem muß man ihm recht geben: auch in Deutschland gibt es kontaktfreudigere und sturere Gegenden, es gibt sogar Gegenden, in denen die Leute im Prinzip sehr leutselig sind, aber nur mit denen, die dazugehören.

Die Schwierigkeiten dieser Reise lagen zum einen in den Problemen, die sich durch die extremen Landschaften und die extremen Wetterbedingungen ergeben. Wenn es sehr karg oder sehr trocken oder sehr kalt oder sehr windig ist, überwiegt der Lebenskampf, die Lebensfreude leidet darunter. Zum anderen sind die politischen Verhältnisse und die Mentalität in Lateinamerika natürlich für deutsche Menschen schwer auszuhalten, besonders wenn sie, wie Günter Wamser, sich zwar den Verhältnissen anpassen wollen, als gute Gäste, sich aber trotzdem herausnehmen, die üblichen Korruption ablehnen zu wollen.



Schmiergeld


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Günter Wamser hat es geschafft, seine Vorsätze einzuhalten, aber er hat sehr viel Energie, sehr viel Zeit, sehr viel Nerven investiert, um seinen Kopf durchzusetzen:

Um mich nicht ständig zu wiederholen und die unverständlichen und nicht nachvollziehbaren Grenzprozedere aufzuzählen, beschreibe ich an dieser Stelle einmal meinen Gefühlszustand beim Versuch, die Grenzformalitäten für die Einreise nach Mexiko zu erledigen: Nach dem ersten Tag war ich völlig verzweifelt und dachte: »Das schaffe ich nie.« Nach dem zweiten fiel ich fast in Ohnmacht, wollte mich irgendwo zurückziehen und einfach nur weinen und aufgeben. Noch so ein Tag und ich hätte durchgedreht, aber ich hatte rechtzeitig noch die Kurve gekriegt. Ich kehrte in mich und sprach mir selbst gut zu: »O.k., Junge, das ist schon der dritte Tag ohne Nahrung, jetzt wird erst einmal gegessen.« Danach nahm ich mir ein Blatt Papier und notierte: Grenze Mexiko: Grenzübertritt unmöglich!

Unmöglich - das hatten andere von meiner Reise auch behauptet und trotzdem war ich bis an die mexikanische Grenze gelangt. Was konnte ich also tun? Welche Möglichkeiten hatte ich? Ich zeichnete einen kleinen Pfeil nach unten, er bedeutete zurückgehen. Was wollte ich? Ich wollte über die Grenze und ich zeichnete einen Pfeil nach oben. Ich zeichnete den Pfeil gleich viel größer und fuhr nochmals und nochmals - immer wieder - darüber, und es wurde ein ganz dicker, fetter Pfeil. Würde jemand dieses Blatt Papier betrachten, mit diesen wenigen Worten und dem kleinen Pfeil nach unten und dem großen fetten Pfeil nach oben, man würde mich für verrückt halten.

Aber was da vor mir lag, war die Lösung und gleichzeitig ein Schlachtplan. Er zeigte mir nicht nur die Richtung an, in die ich gerne wollte, sondern als ich den Pfeil immer wieder nachzeichnete, hatte ich im Unterbewußtsein bestimmt, in welche Richtung ich auch gehen würde - so einfach war das. Der Pfeil drückte nichts anderes aus als: »Mexiko, wir kommen - ich nehme es mit dir auf, du nennst mir die Probleme und ich zeige dir die Lösung.« Das Ganze wollte ich natürlich erreichen, ohne Schmiergeld zu zahlen.

Und nun zog ich das volle Register, nutzte all meine Erfahrungen der vielen Grenzübergänge der letzten Jahre und die Beobachtungen während der vielen Monate, in denen ich mich um Beamte herum aufgehalten hatte. Ich war selbstbewußter geworden, hatte Selbstvertrauen entwickelt, hatte gekämpft, mich durchgesetzt, jede Menge Fehler gemacht und daraus gelernt. Ich hatte ein Gefühl dafür bekommen, wie, was, wann ging, wo ich mit der Faust auf den Tisch knallen und herumschreien mußte und wo ich mich mit Engelsgeduld vor den Schreibtisch des Beamten setzen und einfach nur warten mußte, wie zum Beispiel in diesem Fall:

»Die Unterschrift, das dauert noch bis heute Nachmittag. Wenn Sie morgen kommen, ist es fertig.« Aber am nächsten Tag würde es nicht fertig sein. Darum hieß es eben warten: »Nein, nein, ist ja nur eine Unterschrift, ich habe Zeit, ich warte.« Die meisten Beamten wollten irgendwann auch pünktlich Feierabend machen und nach Hause zu ihren Frauen und Kindern, aber da sie sich vorher noch mit ihren Freundinnen treffen wollten, hatten sie es eilig. [...]

Nach drei weiteren Tagen hatte ich alle Papiere in der Hand. Ich ging zurück zur Bushaltestelle, erwischte gerade noch den letzten abfahrenden Bus und ließ mich in den unbequemen Sitz mit viel zuwenig Beinfreiheit nieder. Eine tonnenschwere Last schien von mir zu fallen. Ich wollte laut schreien, alle sollten es hören: »Hey Leute, ich habe diese verdammten Papiere für die Einreise nach Mexiko!«

Ich saß aber nur ruhig in meinem Sitz und fühlte mich dabei wie ein Bergsteiger, der gerade einen Achttausender im Sologang bestiegen hatte und zurückkehrte und keiner in der Welt wußte, was er gerade Übermenschliches geleistet hatte, nur er. Ich hatte vier Kilogramm abgenommen, dabei bestand ich zu dieser Zeit nur aus Haut und Knochen. Keine Frage, ich war mächtig stolz - 16.000 Kilometer durch Lateinamerika zu reiten, das war eigentlich schon eine Sache, aber richtig stolz war ich darauf, daß ich mich von dieser Bürokratie nicht unterkriegen hatte lassen. [...]

Zurück in San Antonio Huista traf ich Barbara.
»Und?« [...]
»Das ist ja prima - scheint ja doch nicht so schwierig gewesen zu sein wie alle erzählten! Aber du schaust müde aus.«
»Du weißt ja - die langen Busfahrten sind recht anstrengend.«

a.a.O., Seite 355




Diktatur


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In meinem ersten Artikel hatte ich schon erwähnt, daß Günter Wamser sich bezüglich des Hufbeschlags vollkommen konventionell verhalten hatte. Wie bei seiner widersprüchlichen Haltung hinsichtlich der Anpassung an die Verhältnisse des Gastlandes war auch seine Haltung gegenüber den Pferden durchaus widersprüchlich. Er machte sich hinsichtlich der Haltung und Methoden der heimischen Gauchos keinerlei Illusionen:

Zu Hause in Deutschland hatte ich eine lange Checkliste zur Auswahl der Pferde erstellt. Diese wollte ich Punkt für Punkt durchgehen, ähnlich wie meine Listen bei Wartungsarbeiten an Flugzeugen - in Deutschland hatte ich zuvor als Flugtriebwerkmechaniker gearbeitet. Zwei Wallach sollten es sein, im Alter zwischen sechs und acht Jahren. Der Rücken sollte kurz und kräftig sein, der Brustkorb breit mit viel Platz für Herz und Lunge und die Hufe weder zu flach noch zu breit. Ich hatte gelernt, daß man das Alter von Pferden an der Abnutzung ihrer Zähne ablesen kann. Ich hatte mir Zeichnungen angesehen und konnte auf diesen das Alter auch bestimmen. Aber in Wirklichkeit, am Pferd selbst, war plötzlich alles ganz anders. Mir fehlte die praktische Erfahrung. Außerdem erwies es sich als nicht gerade einfach, ein wildes Pferd zu bitten, sich ins Maul und auf die Zähne schauen zu lassen. [...]

Ich holte meine Liste gar nicht erst heraus. Ich verließ mich einfach auf mein Glück. [...]

Das Alter der Pferde stand den Tieren dieser Estancia wortwörtlich ins Gesicht geschrieben. Sie hatten die letzte Ziffer ihres Geburtsjahres als Brandzeichen zusätzlich zur Marke der Estancia eingebrannt bekommen. Dies wurde ihnen als Jährlinge angetan, sie wurden gefesselt und zu Boden geworfen und gleichzeitig kastriert, ohne Betäubung und ohne Medizin. Dieser Überfall war ihr erster und bisher einziger Kontakt mit der Spezies Mensch. Was sollten sie also von uns halten? Jetzt lag es an mir, dieses Bild zu korrigieren und mit meinen Pferden zu arbeiten.

Zunächst beobachtete ich die Gauchos bei ihrer Arbeit. Die Pferdeherde wurde jeden Morgen in den Korral getrieben, wo ein Gaucho nach dem anderen sein Arbeitspferd für den Tag mit einem gekonnten Lassowurf einfing. Waren diese Pferde erst einmal unter dem Sattel, dann gehorchten sie perfekt. Tatsache aber war, daß keiner der Gauchos sich seinem Pferd im Korral so weit nähern konnte, daß er ihm das Halfter umlegen konnte. Ich hatte mich nie mit dem Zureiten von Pferden beschäftigt. Mir fehlte jede Erfahrung, sowohl in der Theorie als auch in der Praxis. Aber ich wußte, es gab unterschiedliche Methoden, ein Pferd zuzureiten. Zum einen gibt es die totale Dominierung des Pferdes, aus dem Sattel und zu jeder Zeit. Dies schien mir bei den Pferden der Gauchos der Fall zu sein. Die Tiere tun, was man von ihnen verlangt, aber sie tun es nicht freiwillig. Sie gehorchen aus Furcht. [...]

Für meine Tiere wollte ich aber keine Diktatur, ich wollte eine Partnerschaft. Ich wollte, daß meine Pferde mich als »Alphatier« anerkannten, wobei ich anständiges Benehmen und Manieren voraussetze. Ich erinnerte mich, einmal gelesen zu haben, daß das Pferd das empfindsamste aller Haustiere ist. Im Unterschied zum Hund, der gehorcht und mehr oder weniger der Sklave seines Meisters ist, läßt sich ein Pferd selten versklaven. Es behält seine Würde. Man kann einen Hund dazu bringen zu kriechen, nie aber kann man ein Pferd dazu bringen - außer mit Liebkosungen - den Kopf zu senken. Das sollte mein Ziel sein.

a.a.O., Seite 7-8

Günter Wamser entscheidet sich also ganz bewußt und deutlich gegen die herkömmlichen Methoden seines Gastlandes, obwohl er noch nicht einmal weiß, ob seine Methode überhaupt funktioniert. Was aber den Hufbeschlag betrifft, so entwickelt er noch nicht einmal ein Problembewußtsein. Pferde müssen beschlagen werden, und wenn es dabei Probleme gibt, sind sie unvermeidlich, kein Anlaß dazu, die ganze Sache zu hinterfragen. Man hat das schon immer so gemacht und bestärkt sich gegenseitig in seinen Vorurteilen.



Hufbeschlag


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Ganz bezeichnend fand ich eine Stelle wenige Seiten weiter:

Hufbeschlag unterwegs · © 2008
 
Hufbeschlag unterwegs
Nach wenigen Metern sah ich zwei Reiter auf uns zukommen, begleitet von einer Meute Hunde. [...] Jeder Reiter hatte ein Handpferd. Wir unterhielten uns. [...] ich hatte Mühe, sie zu verstehen, sie benutzten ein mir nicht geläufiges Vokabular und sprachen Dialekt. Ich schaute mir ihre Packpferde an. Vielleicht konnte ich etwas lernen. Sie verwendeten keinen Packsattel, nur Decken, darüber haben sie die Taschen ganz fest am Bauch verzurrt. Wahrscheinlich hatten sie alles, was sie besaßen in diesem Bündel, es war nicht viel. [...] Er saß auf einem Stapel Schaffelle. Die Gauchos legen jedes Jahr ein neues Schaffell auf das bereits platt gedrückte und so wird der Sattel immer höher. Der kleinere der beiden hatte das größere Pferd, er stieg ab, eigentlich sprang er herunter. Er griff nach der Vorderhand seines Pferdes, hob den Huf an und machte eine Kopfbewegung.
»Hier, schau, das brauchst du auch, Hufeisen.«
»Klar, haben meine auch, sind auch ganz wichtig. Wie oft wechselt ihr die Eisen?« fragte ich.
»Alle drei Monate, kommt darauf an, wie sie darauf gemacht sind, manchmal halten sie auch vier Monate.« Fast wollte ich sagen: »Und die hat jemand besonders gut aufgenagelt, so lange wie die schon drauf sind«, denn das Eisen war schon eingewachsen. Mir war geläufig, daß man die Pferde alle sechs, maximal acht Wochen beschlägt. Ich sagte nichts, aus Respekt, sicherlich hatte er mehr Ahnung von Pferden und arbeitete bereits sein Leben lang mit ihnen. Die Gauchos hatten nur eine andere Vorstellung, was den Hufbeschlag betraf.

a.a.O., Seite 37-38

Hier geht für mein Gefühl die Toleranz zu weit und der gesunde Menschenverstand zum Teufel. Ich weiß nicht, wie man das erklären kann. Vermutlich haben wir alle eine vollständige Blockade in fast allen Bereichen, weil wir sonst gar nicht funktionieren könnten. Wir können einfach nicht jede Selbstverständlichkeit in Frage stellen, und im Prinzip ist alles Selbstverständlichkeit, was uns Eltern und Lehrer und Freunde und sonstige Autoritäten in Bezug auf die Welt beibringen, in die wir notgedrungen hineinwachsen.

Wenn wir dann einmal, vielleicht zufällig, die Chance haben, etwas anders zu denken, gelingt es möglicherweise, einen gewaltigen Durchbruch zu erzielen, eine Befreiung aus unerträglichen Überlieferungen zu ermöglichen, die uns normalerweise als festgemauerte Gesetze erscheinen. Aus diesem Grunde betonen Forscher und Neuerer immer, daß es viel wichtiger ist, die richtige Frage zu stellen, als die richtige Antwort zu finden. Wenn man erst einmal die Frage hat, kommt die Antwort gewissermaßen von alleine. Das Problem ist die Frage. Millionen von Menschen haben sich diese Frage nicht gestellt, und plötzlich kommt einer und sagt: Hallo, kann man die Sache nicht auch so sehen?

Günter Wamser bewundert Rüdiger Nehberg, weil der eine Mission hat (» Es gibt Schlechtere). Aber lange Jahre hindurch hatte Rüdiger Nehberg auch keine Mission. Und die Mission, der er sich jetzt verschrieben hat, ist im Grunde nicht seine, aber das macht nichts, er ist in der Lage, etwas zu bewegen, und das zählt. Er engagiert sich im Kampf gegen die Beschneidung der Mädchen, was für uns einfach grauenhaft ist, in den betreffenden Kulturen jedoch selbstverständlich. Das ist es, was ich meine. Der Hufbeschlag gehört in dieselbe Kiste. Man hält es für selbstverständlich und denkt nicht darüber nach. Man kann gar nicht darüber nachdenken, man kann nicht erkennen, daß etwas an der Sache falsch ist.

Am Morgen wartete ich, bis endlich die Sonnenstrahlen das Tal erreichten und die eiskalte Morgenluft erwärmten. Die Pferde grasten neben einem kleinen Bach, an der einzigen Stelle im Tal, an der kurzes grünes Gras wuchs. Der Zufall hatte mich in der vergangenen Nacht an diese grüne Oase geführt. Wieder einmal hatte ich das Gefühl, als ob eine schützende Hand uns geleitet hätte.

a.a.O., Seite 117

Dieselbe schützende Hand hat es gefügt, daß Monika Lehmenkühler gerade jetzt zufällig auf meine Rezension ihres Buches  Anspruchsvoll Gebisslos Reiten mit dem LG-Zaum gestoßen ist und sich daraufhin entschloß, mich anzurufen. Anschließend fiel mir auf, daß Günter Wamser den von Monika Lehmenkühler entwickelten LG-Zaum gut gebrauchen könnte. Ich schickte ihm eine E-Mail mit dem Link zur Rezension und erzählte Monika Lehmenkühler am nächsten Tag von ihm und seinem Vorhaben. Daraufhin haben sich die beiden kurzgeschlossen und Günter Wamser wird den LG-Zaum mit seinen Mustangs ausprobieren. Er hatte ohnehin vorgehabt, gebißlos zu reiten und sich Sidepulls besorgt, die aber vermutlich dem LG-Zaum unterlegen sind. Kleiner Treppenwitz am Rande: Monika Lehmenkühler hat sich gerade einen Mustang aus den USA kommen lassen.



Eisenfrei


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Herausforderung: traditionelle Brücke · © 2008
 
Herausforderung: traditionelle Brücke
Gruppenfoto: mal ohne Bart · © 2008
 
Gruppenfoto: mal ohne Bart
Hitech-Zelten in freier Natur · © 2008
 
Hitech-Zelten in freier Natur
Vielleicht kann Günter Wamser den Beweis erbringen, daß man Pferde vollständig eisenlos reiten kann, und zwar nicht etwa in der Bahn, sondern über Tausende von Kilometern durch unwegsames Gelände, über schwankende Brücken, an vielbefahrenen Straßen, also unter den härtesten Umständen. Das wäre eine schöne Mission und eine frohe Botschaft an alle Pferdehalter.

Dabei dürfte er freilich das Schlimmste schon hinter sich haben. Zum einen hat er den größten Teil der Gesamtstrecke schon zurückgelegt, zum anderen dürfte er in den USA und Kanada kaum mit den Schwierigkeiten kämpfen müssen, die ihm in Lateinamerika den letzten Nerv geraubt haben. So gesehen wird die neue Reise ein Kinderspiel werden - denkt man sich so - vermutlich kommt es ganz anders!

Seine Reise durch Süd- und Mittelamerika dauerte nicht nur deshalb so lange, weil er zweimal für zwei Jahren nach Deutschland zurückkehrte, um mit Vorträgen das nötige Geld für die Reise zu verdienen; er nahm sich auch Zeit für Abstecher. Ursprünglich wollte er mit den Pferden in das Amazonasgebiet, hat sich das allerdings angesichts der Insektenplage schnell abgeschminkt. So hat er den Pferden drei Monate Erholungszeit gegönnt und ist mit seinen Hund und einem Boot allein aufgebrochen.

Ich wollte mir einen Jugendtraum erfüllen: Mit einem eigenen Boot auf Nebenflüssen bis zum Amazonas zu fahren. Ich kaufte mir ein typisches Urwaldlangboot mit einem Außenbordmotor und fuhr gemeinsam mit Lobo über vier Nebenflüsse zum Amazonas bis zu Urwaldmetropole » Iquitos und wieder zurück. Diese Bootsfahrt war eine neue Herausforderung und barg viele neue Abenteuer, aber irgendwie genoß ich diese Tour nicht. Nie hätte ich es für möglich gehalten, daß mir die beiden so fehlen würden: Ich vermißte Rebelde und Gaucho.

a.a.O., Seite 192

Die beiden genießen jetzt ihren Ruhestand in Mexiko. Schließlich sind sie während der Reise entsprechend gealtert. Zwar hätten sie den Rest vielleicht auch noch geschafft, aber die Einreise in die USA war praktisch nicht möglich. So sind jetzt alle zufrieden und können sich zur neuen Abenteuern aufmachen. Ich hoffe wir werden noch von ihnen hören.

Wie man den Fotos sieht, ritt Günter Wamser ab Ecuador nicht mehr allein, sondern mit Barbara Kohmanns, die einen seiner Vorträge in München gehört hatte und gerne mitreiten wollte. Günther hatte sich aber bei derselben Gelegenheit in Anna verliebt, die sich jedoch nicht entscheiden konnte.

So nahmen die menschlichen Verwicklungen ihren Lauf und führten fast dazu, daß Günter Wamser seinen Ritt durch zwei Kontinente, der ökologische Zeichen setzen sollte und deshalb auch den Titel »TRANSHUMANICA« trägt, in Mittelamerika abgebrochen hätte.

Der Kontrast hinsichtlich der emotionalen Bindungen und Kommunikationsprobleme bei den Tieren und den Menschen ist augenfällig und vielsagend. Es ist offenbar viel einfacher und konfliktloser, mit Tieren umzugehen als mit Menschen. Die beiden Criollos haben Günter Wamser fast die gesamte Strecke über begleitet. Gaucho bekam schließlich enorme Hufprobleme, er schuhte aus und mußte deshalb zurückgelassen werden. Günther Wamser kehrte dann nach langer Zeit zurück und holte ihn nach, als er wieder gesund war. (Selbstverständlich wurde er sofort wieder beschlagen.) Alleine diese Episode zeigt, welche Opfer er für seine Tiere zu bringen bereit ist.

Bei den Hunden sah es anders aus, die hielten aus verschiedenen Gründen nicht durch. Das leuchtet ein: Erstens werden Hunde grundsätzlich nicht so alt, und zweitens kann immer mal was passieren. Und es passierte auch etwas.

Lobo, der Günter Wamser durch Deutschland begleitet hatte, wurde gleich zu Anfang von den halbwilden Criollos getreten und zog sich dabei ein Leiden zu, so daß er schließlich nicht mehr mitreisen konnte und per Flugzeug zu den Eltern Wamsers nach Deutschland geschickt wurde. Der nächste Hund war verdorben und bereitete trotz größter Mühe und Geduld ständig Sorgen. Mit Barbara brachte er dann wieder einen Hund aus Deutschland mit, der von einer Schlange gebissen wurde und starb. Jedesmal trauerte Günter Wamser wie um einen Freund.

So ist es also mit dem Reisen auf diese extreme Art: Es ist dann nichts als Leben. Eine andere Art, intensiv, voller Herausforderungen, Härten und Freuden, Höhen und Tiefen. Nicht für jedermann. Aber schön.



Quellen / Verweise


  1. » Günter Wamser
  2.  Der Abenteuerreiter, Rezension
  3. » Robert M. Pirsig
  4. » Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten
  5. » Guatemala
  6. » Der Abenteuerreiter
  7. » Buenos Aires
  8. » Argentinien
  9. » Washington D. C.
  10. » USA
  11. » Emilio Solanet
  12. » Tehuelches
  13. » Calvin Coolidge
  14. » Mancha y Gato
  15. » Criollo
  16. » Aimé Félix Tschifelly
  17. » Es gibt Schlechtere
  18.  Anspruchsvoll Gebisslos Reiten mit dem LG-Zaum
  19. » Iquitos
  20.  Im Namen des Volkes: Zum Huf, Bundesverfassungsgericht stärkt Freiheit der Berufswahl
      Ausgabe 452 · Teil 1
  21.  Der Huf - mit und ohne Technik, Über das Vertrauen in den Barhuf
      Ausgabe 453 · Teil 2
  22.  Hochleistungs-Barhufe, Hufe nach 130 km in bester Verfassung
      Ausgabe 454 · Teil 3
  23.  Mein Pferd geht barfuß und fühlig, Über die elementaren Funktionen des Hufes
      Ausgabe 457 · Teil 4
  24.  Barfuß - Glaubensfrage?, Über die Einordnung eines kontroversen Themas
      Ausgabe 458 · Teil 5
  25.  Meine Box - deine Box, Über die Entwicklung von Erfahrung und Wissen
      Ausgabe 459 · Teil 6
  26.  Das Geheimnis des Hufs, Überraschende Erfahrungen in der Wildnis
      Ausgabe 460 · Teil 7
  27.  Das Pferd, das unbekannte Wesen, Über den Beginn eines neuen Zeitalters
      Ausgabe 463 · Teil 8


Fotos

© 2008  Günter Wamser