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Bericht Zum Thema Kulturgeschichte · Rih, jetzt, hoch
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 446.07 der Pferdezeitung vom 14.10.07
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Barbara Siebert erkennt die erzählerische Meisterschaft ebenfalls an, lenkt den Blick jedoch auf die hippologischen Sachverhalte, um zu belegen, wie unmöglich die Szene aus dieser Sicht ist:

Auf diese Art angerufen (die sehr an das "Geheimnis" erinnert), weiß der Hengst, was zu tun ist; er "antwortet" mit einem tiefen, grunzenden Ton, der als Ausdruck der Begeisterung interpretiert wird, knirschte in den Stahl des Gebisses, nimmt Anlauf und springt, derweil der Reiter oben auf seinem Rücken sehr merkwürdige Bewegungen ausführt, die unterstützend wirken sollen, aber allen Gesetzen der Physik völlig widersprechen:

Straff die Zügel, legte ich mich weit nach vorn nieder. ...

Das brave, unvergleichliche Tier setzte an und schoß hoch empor. Einen halben Augenblick lang befand ich mich über der grauenhaften Tiefe. Ich ließ die Zügel schießen und warf mich nach hinten, so gefährlich und unsinnig dies auch erscheinen mag [allerdings!]. Ich mußte das thun, um das Vorderteil des Pferdes zu entlasten und nicht abgeworfen zu werden. Hätte ich mich nicht nach hinten geworfen, so wäre ich verloren gewesen; denn trotz der Unvergleichlichkeit des Rappen und trotz der Kraft, mit welcher er sich über den Abgrund schnellte, gelang der Sprung nicht vollständig. Rih faßte nur mit den Vorderhufen das Gestein.


Unvergleichlicher Rappe hin oder her: allein schafft er diesen Sprung nicht, die Unterstützung seines (heldenhaften) Reiters muss zu Hilfe kommen. Hier wird die Unkenntnis des Autors überdeutlich: Im Sprung, über dem Abgrund will Kara Ben Nemsi die Zügel loslassen und sich nach hinten werfen, damit also dem Pferd mit seinem Gewicht (helfend!) "in den Rücken fallen". Die Situation zeigt sich also wie folgt:

Rih rennt in vollem Lauf auf die Spalte zu, bekommt den (verbalen) Hinweis auf Springen, springt auf Zuruf hoch und drückt ab, schafft es jedoch nicht ganz, aber klammert sich mit den Vorderhufen (wie ein Affe) am Gestein der gegenüberliegenden Kante fest. Sein Reiter "hilft" weiter:

"'ali, 'ali!" schrie ich abermals und warf mich nach vorn, dem Pferd den Lasso, welchen ich noch in der einen Hand hielt, nach hinten unter den Bauch und zwischen die Beine schlagend. Dadurch wurde die Hinterhand entlastet [!].

Nicht genug damit, dass Rih wie ein Klammeraffe mit den Vorderbeinen am Felsen hängt, jetzt wirft sich sein Reiter wieder nach vorne, während er ihn gleichzeitig (!) mit dem geflochtenen Riemen zwischen die Hinterbeine schlägt, um die Hinterhand zu entlasten! Wenn die Darstellung dieses Geschehens nicht so lächerlich wäre, könnte der Gedanke an den Tierschutzverein aufkommen!

Die Reaktion des Hengstes auf den Schlag lässt nicht lange auf sich warten:

Rih hatte noch nie einen Schlag von mir erhalten. Als er den Lassohieb an dem empfindlichsten Teil seines Körpers fühlte, warf er die Hinterhufe hoch an den Bauch herauf, krümmte sich zusammen, daß der Sattelgurt zerplatzte und - - faßte nun auch hinten Fuß. Ein gewaltiger Sprung - ich stürzte mit dem Sattel herab, und das Pferd schoß noch eine Strecke vorwärts, um dann stehen zu bleiben.

Geschafft! Trotz kleiner Verluste (Sattelgurt) sind Heldenross und -reiter auf der anderen Seite angekommen. Glücklicherweise hatte auch der Sattel sich noch kurze Zeit der Erdanziehungskraft widersetzen können - nicht auszudenken, wenn er in dem Moment, als der Gurt riss, wie ein normaler Reitsattel reagiert hätte und in die Schlucht gestürzt wäre! Der ganze Vorgang - einschließlich aller "Aktivitäten" der beiden wie Abspringen, Vor- und Zurückwerfen, Ausholen und Zuschlagen, Krümmen und Springen - hatte nur eine, nur zwei Sekunden gedauert. Da setzt schon der Schut zum Sprung an; dessen englischer Vollblüter erreichte die diesseitige Kante nicht einmal, Ross und Schurke stürzen in die Tiefe.

Die Überlegenheit und der daraus resultierende Sieg des Guten über den Bösen ließen sich zwar sicherlich realistischer darstellen, aber keinesfalls ergreifender.

Das Herz des Lesers "rast" nach diesem Sprung, die Erleichterung über das Gelingen der reiterlichen Meisterleistung Kara Ben Nemsis löst die Spannung.

Die symbolträchtige Fähigkeit Rihs, als einziges Pferd mit seinem Reiter den tödlichen Abgrund zu überwinden, liegt klar auf der Hand. "Es war, als ob er sehr genau wisse, daß   w i r     e i n a n d e r     d a s     L e b e n     g e r e t t e t     h a t t e n."

» Barbara Siebert: »Ich saß so ruhig im Sattel wie auf einem Stuhl«

Kara Ben Nemsi schlägt sein Pferd! Das ist so außergewöhnlich, daß Avenarius diese Handlung bei der Analyse der Passage berücksichtigt. Aber an dieser Stelle muß ich leider Schluß machen, der Artikel ist schon reichlich lang geworden. Eigentlich hatte ich gehofft, das Thema Karl May in dieser Woche abschließen zu können. Nun sehe ich, daß mir das nicht gelingt; ich habe noch nicht einmal alle Fragen beantworten können, die ich eingangs gestellt habe.

Damit ich Ihre Geduld aber nicht übermäßig strapazieren muß und die laufende Serie weitergehen kann, schalten wir in der nächsten Woche neue Lektionen in der Reitlehre von Gudrun Schultz-Mehl ein. Danach komme ich auf Karl May zurück und glaube, daß ich noch Interessantes zutage fördern werde; so wie in dieser Ausgabe mit dem interessanten Text von Avenarius, auf den ich zufällig gestoßen bin - durch seinen Kommentar zur Äußerung von Marcel Reich-Ranicki. Wie ich die gefunden habe, kann ich gar nicht mehr rekonstruieren.



Quellen / Verweise


  1. » Silkirtis Nichols
  2. » Carl-Heinz Dömken
  3. » Dömken, Carl-Heinz: Ich duze alle Pferde. Ein Pferdebuch.
  4. Karl May: Gesammelte Reiseerzählungen Bd. XX: Satan und Ischariot I. Freiburg 1897, S. 254f.; Reprint Bamberg 1983
  5. » Barbara Siebert: "Ich saß so ruhig im Sattel wie auf einem Stuhl"
  6. » Hochstapelei
  7. » Arno Schmidt
  8. » Arrh! No!! Schmidt!!!
  9. » Philosophie und Philosophieren mit Kindern im Religionsunterricht
  10. » Hans Wollschläger
  11. » Karl-May-Gesellschaft e.V.
  12. » James Joyce
  13. » Ulysses
  14. » Veröffentlichungen zu Karl May
  15. » "Tiere sehen dich an" oder Das Potential Mengele
  16. » Arno Schmidt und Karl May
  17. » Zweitausendeins. Anders seit 1969
  18. » Suchergebnisse für: May,_Karl
  19. » Marcel Reich-Ranicki
  20. » Frankfurter Allgemeine
  21. » Man muß zugeben: ein erstaunlicher Erzähler
  22. » Alexander Avenarius
  23. » Sind Texte von MRR Trivial-Literaturkritik?
  24. » Bratislava
  25. » Slowakei
  26. » Karl May, der unverstandene Triviale
  27. » Karl-May-Verlag
  28. Karl May: Mein Leben und Streben (1908-10), Kap. 5, S. 147f, Kap. 8, S. 234, nach Avenarius, S. 29
  29. » Der "ganze Karl May": Eine "fröhliche Wissenschaft"
  30. » Karl-May-Gesellschaft
  31. » Karl May, das Strafrecht und die Literatur
  32. » Claus Roxin
  33. » Wie würden Sie entscheiden?
  34. » Karl May, das Strafrecht und die Literatur
  35. » Avenarius’ Book of Quotations: Karl May
  36.  Mit Pferden auf Du und Du, Über die Seelenverwandtschaft
      Ausgabe 440 · Teil 1
  37.  Die Sehnsucht nach Pferden, Karl May und die Wundertiere
      Ausgabe 441 · Teil 2
  38.  Karl May als Pferdeflüsterer, Superman-Phantasien im Sattel
      Ausgabe 444 · Teil 3
  39.  Hochstapler unter sich, (Chief) Buffalo Child Long Lance - wer?
      Ausgabe 445 · Teil 4



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