Was denn nun? Sind es jetzt die Pferde, die gut sind, oder die Zuchtlinien? Ist es die Eintragung oder die Zugehörigkeit des Züchters zur Minderheit der Zigeuner, die die Qualität der Pferde ausmacht? Müssen die Pferde irgendwo eingetragen sein oder spielt das gar keine Rolle?
Die letzte Frage ist einfach zu beantworten. Wer innerhalb von Europa Pferde transportieren will, braucht für jedes Pferd einen Pferdepaß. Diese Regel sollte eigentlich auch für Zigeuner gelten, ob diese nun lesen und schreiben können oder nicht, aber vielleicht dürfen diese sich darüber hinwegsetzen. Haben die einen Führerschein? Auch dazu muß man normalerweise lesen und schreiben können. Ohne Führerschein dürften die aber vermutlich ihre Autos nicht fahren und ihre Wohnwagen nicht ziehen - es sei denn, es gäbe für sie eine Ausnahmeregelung.
Pferdepässe können nur von dafür autorisierten Institutionen ausgestellt werden. Und damit haben wir den Salat. Die für diese Pferde eingesetzte Organisation ICS hat die Zulassung verloren, wie wir in der letzten Woche erfahren haben, also müssen Züchter bzw. Händler diese Pferde bei einem anderen Verband eintragen lassen. Die Eintragung als solche ist hingegen unerheblich und kein Problem, aber nicht unbedingt ein Qualitätsnachweis.
Wir kommen also wieder zurück zur eigentlichen Frage nach der Qualität des Pferdes. Und das heißt, daß der Käufer sich entweder auf die Aussagen des Verkäufers blind verlassen, einen Experten zu Rate ziehen oder sich selbst kundig machen, das heißt ein Qualitätsbewußtsein entwickeln muß. Um auf unser Beispiel mit dem Picasso zurückzukommen: Wer sich nicht in die totale Abhängigkeit vom Kunsthändler begeben will, muß einen Fachmann fragen oder selbst einer werden.
Fachleute für Kunst betonen immer wieder, daß das Kunstwerk selbst gefallen muß. Wer einen Picasso kauft und ihn nicht mag, begeht wahrscheinlich einen Fehler. Möchte er den Picasso allerdings haben, unabhängig davon, wieviel er kostet und daß er von Picasso ist, einfach weil das Bild fasziniert, dann kann der Kauf im Grunde kein Fehler sein, weil die Freude am Bild auf jeden Fall dabei herausspringt. Auf Pferde übertragen heißt das, daß Papiere im Grunde unerheblich sind, wenn die Freude am Pferd im Vordergrund steht.
Zucht bedeutet aber Verbesserung der Eigenschaften, und das nehmen auch die Bartkos für ihre Pferde in Anspruch. Auch sie unterscheiden zwischen den Pferden, die gezielt von den Zigeunern über lange Zeit hinweg gezüchtet worden sind, und denjenigen Pferden, von denen kaum Vater oder Mutter bekannt sind. Interessanterweise charakterisieren sie die Gypsy Vanners als Pferde mit leichterem Fundament, die unter den Zigeunern keinen guten Ruf genießen. Klar, man muß sich ja der Konkurrenz erwehren. Sehr geschickter Schachzug. Und dann der Seitenhieb: Es handele sich um einen geschützten Markennamen, den sich ein Mann aus Florida habe zusichern lassen. Durch dessen Marketinganstrengungen sei dieser Begriff in den USA ziemlich bekanntgeworden (a.a.O. ). Aha, die sehen die Thompsons also ähnlich kritisch wie ich. Dabei finde ich, daß die Bartkos im Grunde nichts anderes machen. Die Pferde der "Anderen" (Zigeuner, Travellers, Tinker, wer auch immer das ist) werden nach besten Kräften zum größtmöglichen eigenen Vorteil vermarktet.
Das erinnert mich an die Geschichte der » Nez Perce-Indianer, die die » Appaloosas gezüchtet haben. Anfang des 19. Jahrhunderts gab es die berühmte » Lewis and Clark Expedition an die amerikanische Westküste, die unter anderem auch die Hilfe der Nez Percé in Anspruch genommen haben. Am 15. Februar 1806 charakterisierte » Meriwether Lewis die Pferde im Tagebuch und rühmte sie. Allerdings erwähnte er die Zeichnung, für die sie heute berühmt sind nicht. Da er als sehr zuverlässig gilt, nimmt man an, daß deren Pferde zu diesem Zeitpunkt noch nicht so gezeichnet waren.
Nach der Mitte des 19. Jahrhunderts gerieten die Nez Percé immer mehr unter Druck, weil die amerikanische Siedler zu Reichtum gekommen und dadurch gierig geworden waren. Der Vater von » Chief Joseph sah diese Entwicklung kommen. Er hatte es immer abgelehnt, mit den Behörden über den Verkauf von Ländereien zu verhandeln, weil dieses Land niemandem gehöre und deshalb auch nicht verkauft werden könne. Sein Sohn sah sich allerdings gezwungen, zu reagieren. Innerhalb der einzelnen Stämme waren die Meinungen geteilt. Einige junge Krieger entschlossen sich, mehrere Weiße zu töten, um damit einen Kriegsgrund zu liefern.
Chief Joseph wollte sich nicht auf einen Krieg einlassen, zog mit 800 Angehörigen Richtung Kanada los und schaffte es, 2000 US-Soldaten über drei Monate und 1000 Meilen auf Distanz zu halten. Dann kam es auf Druck der US-Armee zu einer Schlacht, die Chief Joseph zum Aufgeben zwang. Die Pferde wurden sofort verkauft, so weit es ging, der größte Teil des Restes getötet. Nur noch wenige Pferde durften gehalten werden. Nach 1877 war die Rasse so gut wie ausgestorben.
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