Lehrbücher sind praktisch: Mit ihnen kann Mensch sich bilden und er hat immer eine Argumentationshilfe gegen Zweifler, sofern die Bücher hinreichend lang als Standard dienen und die richtigen Kapazitäten sie geschrieben haben. Am sichersten ist der Standard bei Lehrmaterial aus Universitäten, den trauen sich die Wenigsten in Frage zu stellen, schließlich haben sich hier Generationen von Forschern verewigt.
Auch Frau Dr. Strasser hat sich offensichtlich in ihren ersten Jahren auf die Lehrmeinung verlassen, zu sehen im Band I ihrer Reihe "Gesunde Hufe ohne Beschlag". Das Schema der Sohlenfläche auf Seite 44 und die Zeichnungen zum Thema Bewegungszonen auf Seite 49 zeigen dies. Aber genauso offensichtlich ist sie auf Widersprüche gestoßen, als sie weiter am Thema Pferdehufe arbeitete. Das ist in späteren Büchern und Hufkurs zu sehen, wo sie die Lehrmeinung als Trugschluß entlarvt.
Mit Widersprüchen kann der Mensch in mehrerlei Form umgehen:
- Die selbst gefundenen Zusammenhänge oder Erkenntnisse in Frage stellen und dann zu ignorieren - nach dem Motto: Was nach dem gesammelten Wissen von Generationen nicht sein kann, darf auch nicht sein.
- Wenn möglich und vertretbar, eine griffige, möglichst für Laien unverständliche Bezeichnung für Ungereimtheiten zu erfinden und das Phänomen als Fehlentwicklung oder Schwäche der Natur im Sinne der Lehrmeinung darzustellen. Dieser Fehlentwicklung kann der Mensch dann durch gezielte Behandlung gegensteuern. Beispiel: Entlastung durch steiler stellen.
- Oder versuchen, mit einem ganz neuen Ansatz an die Sache heranzugehen und zu schauen, ob sich nicht in den vorausgesetzten Annahmen ein Fehler eingeschlichen hat. Damit schafft man sich im ersten Schritt keine Freunde, kommt aber vielleicht auf echte Erkenntnisse.
| Offensichtlich war bei Frau Dr. Straßer, wie bei Bracy Clark schon vor 175 Jahren, letzteres der Fall. Waren doch die Zeichnungen von Hufen und Schlußfolgerungen in der etablierten Lehrmeinung durchaus "richtig" - wenn man einem sein Leben lang beschlagenen und als gesund beurteilten Pferd die Eisen herunterreißt und den Huf wissenschaftlich untersucht. Da hat man den Zwanghuf vor sich, der in Lehrbüchern, auch denen für Hufschmiede, zu finden ist.
Wenn ich also lerne, daß Eisen ein von uns Menschen gut gemeinter Schutz für die Hufe sind und alle, die für mich als kompetent gelten, auch dieser Meinung sind, warum sollte ich da das Graben anfangen? Wenn alle Reitpferde, die ich kenne, mit Eisen und richtiger Tierarzt-Betreuung ohne für mich sichtbare Probleme laufen, warum soll ich das Ganze in Frage stellen? Es war doch immer schon so!?
Irgendwann muß es mit den Eisen aber angefangen haben. Die für mich schlüssige Erklärung ist diese: Immer dann, wenn der Mensch seine Pferde aus welchem Grund auch immer einsperren mußte, diese also in größerer Zahl auf engem Raum ohne Bewegungsmöglichkeit längere Zeit herumstanden, dann wurden die Hufe zwangsläufig schlecht. Zum Beispiel in den Burgen den Mittelalters, wo sie im Ammoniaksumpf ihrer Ställe stehen mußten, weil sie außerhalb der Burg geklaut worden wären. Oder in penibel sauberen Kasernen, wo die Hufe im Stall austrockneten, die Pferde aber sofort einsatzbereit waren. Mit schlecht gewordenen Hufen, die sich zu schnell abnutzten, läßt sich nicht gut reiten und schon gar kein Krieg führen, also kamen Eisen drauf und das Symptom war beseitigt. Wenn dann noch die Komponente Statussymbol dazukommt - Beschlag konnte sich früher nicht jeder leisten - dann ist das Beschlagen irgendwann der Normalzustand.
Warum gab's die Probleme von heute dann nicht schon früher? Ich glaube, daß in Zeiten vor der Motorisierung die Menschen mehr Ahnung von Pferden haben mußten, weil sie auf sie zum Leben und Arbeiten angewiesen waren. Außerdem haben sie schon aus Kostengründen später mit Beschlagen angefangen. Heute kann im Extremfall der solvente Familienvater ohne die geringste Ahnung von der Sache seinem pferdebegeisterten Töchterchen ein Pferd kaufen, es in einen Pensionsstall stellen und muß sich weiter nicht darum kümmern, solange er die Boxenmiete zahlt. Die heutigen Pferde haben also nur noch selten genug Arbeit, sondern stehen meist zur Freizeitgestaltung ihrer Besitzer bereit - ob jetzt in der Box oder auf der Weide. Genug der Philosophie. Zurück zum Hufkurs.
Revision eines gesamten Systems
Das Thema Pferd und seine Gesundheit wurde von Frau Dr. Strasser also auf eine ganz neue, nein, ganz alte Basis gestellt. Diese Basis wird nicht mehr aus historisch gewachsenen Umständen der menschlichen Zivilisation gebildet, sondern durch die anatomischen Tatsachen bei Pferden, die in Freiheit leben und das ganze Jahr keinen Schmied oder Hufpfleger sehen. Nicht einmal der Einwand "es sind schließlich Wildpferde, die mit unseren domestizierten Rassen nichts zu tun haben" zählt: Es gibt da z.B. die Mustangs, in jüngerer Geschichte verwilderte Hauspferde, die nun wirklich keine "Primitivrassen" als jüngere Vorfahren haben, oder die verwilderte Herde Vollblüter in Afrika.
Zu dieser neuen alten Basis gehört nicht nur die Anatomie der Beine und Hufe, sondern auch die Lebensumstände der (ver)wild(erten) Pferde, wie sie überleben und wodurch sie gesund bleiben. So wurde am zweiten Tag des Seminars alles unter die Lupe genommen, was zu einer ganzheitlichen Betrachtung notwendig ist: Die Umweltbedingungen, das Sozialverhalten von Pferden, auch im Bezug auf uns Pferdeleute, unsere Einflüsse durch Ernährung, Reitweisen und Haltung.
Das und mehr gibt's in der nächsten Ausgabe.
Quellen / Verweise
Fotos
© Stefan Hölzl
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