| | |  | | Shire sind sensibel wie Araber! |  |  |  |
| | Mitte 2004 bekam ich die Gelegenheit, einen Tag lang einem Profi über die Schulter zu schauen - und noch mehr. Die Hufheilpraktikerin Sabine Eichele ist nach der Methode Strasser ausgebildet und hatte im Stall, in dem meine Schwester ihr Pferd untergebracht hatte, einen ganzen Tag zu tun (» Straßer-Methode). So nahm ich mir einen Tag frei und das hat sich gelohnt.
Durch Sabines geduldiges und verständliches Erklären gab es für mich reihenweise Aha-Effekte, auch im Bezug auf Krabat. Sie nahm sich viel Zeit, leitete mich genau an und ich durfte das erste Mal das sofortige und direkte Feedback eines Pferdes erleben, dem ich mit einem Weitungsschnitt Druck vom Trachtenzwang nehmen konnte: Der Haflinger senkte den Kopf, schmatzte und gab einen tiefen Seufzer von sich.
Es war für mich beeindruckend, mit welcher Ruhe, Sicherheit und Geschwindigkeit die doch eher zierliche Sabine die verschiedensten Pferdehufe ausschnitt und dabei noch erklären konnte, was sie aus welchem Grund gerade tat. Wir kamen überein, daß ich mal ein paar Tage bei ihr mitfahren darf.
Wieder zuhause, versuchte ich voll der Freude über die neuen Erkenntnisse, das Gelernte anzuwenden. Ich verstand nur nicht, warum ich mich körperlich so unglaublich plagen mußte bei der Arbeit am Huf, wo Sabine mir doch vernünftiges Werkzeug empfohlen und besorgt hatte.
Sabine, körperlich gesehen vielleicht 2/3 von mir, schnitt fröhlich in der vielfachen Geschwindigkeit, daß die Hornschnitzel nur so flogen, und ich war nach 1 (einem) Pferd schweißgebadet. Auch ging es mit dem Weiten von Krabats Trachtenzwang weiterhin sehr zögerlich voran, aber ich konnte damit leben, er lief schließlich auf jedem Boden ohne erkennbare Probleme. Und das auch auf längeren Touren, wenn ich mal Gelegenheit und Zeit dazu hatte.
Heuer, im Juli, wurde der Plan aus dem Vorjahr umgesetzt. Meine Familie fuhr in Urlaub und ich für 3 Tage zu Sabine. Ich war sozusagen als "Kutscher" und Lehrling unterwegs, ganz das Gegenteil zu meinem Beruf. Eins vorweg: Diese Tage haben mich komplett aus der gewohnten Bahn geworfen und zwar im positiven Sinn. Es war fast alles dabei: Vom Tinker mit Hornwucherungen zum Riesenwarmblut mit Hufkrebs, vom Shetty mit Trachtenzwang bis zum Shirehorse mit wuchernden Eckstreben, von der komplett durchgedrehten und halbwilden Ponystute zum Islandpony mit akuter Rehe an beiden Vorderbeinen. Wir hatten Araber weit jenseits der 30 und Warmblüter mit Zwanghufen.
Eine Lehrstunde hatte ich bei einem mit allen Wassern gewaschenen polnischen Warmblut. Seine Besitzerin hat ihn vor 15 oder mehr Jahren sehr jung gekauft, kam aber nie richtig zurecht mit ihm und so wurde er schon monatelang nicht mehr geritten. Trotzdem hatte er vorn leichte Arthrose und brauchte eine sinnvolle Hufpflege.
Besagter Wallach war also mit ein paar Tinkern auf der Weide und sollte eingefangen werden. Sein Ruf eilte ihm voraus, d.h. die Chancen, ihn zu erwischen, wurden auf 10% taxiert. Ich war im Vertrauen auf meine Erfahrung und innere Ruhe zuversichtlich und wir gingen ihn holen. Auch er war wie alle nicht verängstigten Pferde grundsätzlich neugierig, so daß ich bis auf halbe Armlänge rankam. Aber dann roch er den Braten und war weg. Die Lockmittel Futter oder Obst waren gänzlich uninteressant, denn das lag ihm ja den ganzen Tag zu Füßen.
Eine zarte halbe Stunde später, der Stallbetreiber war mittlerweile auch da, konnten wir ihn durch Tricks in den Reitplatz bewegen. Ich erwischte ihn und er lief am Führstrick total cool hinter mir her. Bevor aber meine Brust vor Stolz richtig anschwellen konnte, zog er einmal herzhaft durch und in meinem nackten Patschhändchen wurde es sehr warm...
Ich lernte also:
- Zumindest bei solchen Pferden Handschuhe anzuziehen und
- Das Parellihalfter auch herzunehmen, wenn ich es schon dabei habe
| Gewarnt und versucht, das Pferd als unzurechenbar abzustempeln, zog ich ihm das Parellihalfter über und war dann Pferdehalter, im direkten Sinn. Er durfte die Antwort auf die Frage "wer bewegt wen" ohne Stress lernen, blieb also da stehen, wo ich ihn hinstellte und gab die Hufe ohne weitere Probleme.
Er war also nicht unberechenbar, sondern einfach nur intelligent. Danach plauderte Sabine noch mit dem Stallbetreiber, ich zog unserem Patienten das Halfter aus und kraulte ihn ein bisschen. Der schleckte mir Hals, Hände und Arme ab und lief mir einige Minuten wie ein Hund hinterher. Er mußte für einen kurzen Moment nicht mehr Leitpferd spielen, die These vom Sicherheits- und Anlehnungsbedürfnis der Pferde war wieder einmal bewiesen.
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