Natürlich greife ich hier wieder voll in einige der bei diesem Thema überall herumstehenden Fettnäpfchen, da ja bekanntlich die Nazis genau diese Konsequenzen gezogen hatten. Aber es waren natürlich nicht die Nazis, die als erste diese Ideen entwickelt haben. Die Übermensch-Phantasien Nietzsches sind ebenfalls nicht ohne Vorgänger. Man muß ja auch nicht besonders raffiniert oder intelligent sein, um solche Überlegungen anzustellen. Manche Biologen meinen sogar, daß die Natur selbst als Oberzüchter auftritt, nämlich durch die natürliche Selektion. Was ja einleuchtet, denn die Natur ist einfach so unglaublich (mit jedem neuen Naturfilm staunt man größere Bauklötze über die Kreativität des großen Schöpfers), daß angesichts solcher Kreativität die begnadetsten Züchter einfach nur wie behinderte Stümper wirken.
Aber nicht nur die allgemeine Artenvielfalt, sondern die "Zuchtpolitik" der Natur dient der Optimierung. Die Rangkämpfe der Hengste und die Auswahl der Stuten können in diesem Sinne als Zuchtprogramm verstanden werden. Es sind nämlich meistens die Stuten oder ganz allgemein die weiblichen Tiere, die wählen - die männlichen bieten sich zur Auswahl an:
| Untersuchungen bei freilebenden und im Sozialverband auf der Koppel gehaltenen Pferden ergaben, daß der ständige, über das ganze Jahr erfolgende Kontakt zwischen Hengst und Stuten positiv mit der Libido korreliert (MC DONNELL 2000b). Im frühen Östrus gehen fast alle Interaktionen zwischen Hengst und Stute von der Stute aus, und erst gegen Ende des Östrus nimmt die Kontaktaufnahme seitens des Hengstes zu.
Hierbei wird dem Kopf-zu-Kopf- Kontakt, Ausweich- und Abwehrbewegungen, Ausschlagen oder den wiegenden Bewegungen der Stute ein nicht geringer Einfluß auf die Geschlechtslust des Hengstes zugeschrieben. 88 % der Kontakte zwischen Hengst und Stute, die zu einer erfolgreichen Bedeckung führen, gehen von der Stute aus (MC DONNELL 2000b)
» Fertilitätsrelevante spermatologische Parameter bei Hengsten unter Berücksichtigung der sexuellen Inanspruchnahme und saisonaler Aspekte, Seite 12/13 | | |
Auch bei den Menschen soll angeblich die Initiative so gut wie immer von den weiblichen Exemplaren der Gattung ausgehen. Selbst wenn man annimmt, daß die Großen und Mächtigen dieser Welt ihren Samen weit verbreitet haben, weil sie mächtig waren, widerspricht das nicht automatisch der These, daß die Initiative von den Frauen ausgeht, denn diese fühlen sich bekanntermaßen durch Größe und Macht ungemein angezogen, was im Sinne der Evolutionstheorie absolut folgerichtig ist. Ein Oberbonze ist eben die beste Garantie für das Überleben des Nachwuchses. Und die Tatsache, daß ein Mann es an die Spitze geschafft hat, beweist nachgerade dessen Überlegenheit. Aber die freie Auswahl und Interaktion der beteiligten Geschlechtspartner soll bei der Pferdezucht ja durch die Einwirkung des Menschen beschränkt werden:
| In den heutigen Hengsthaltungen ist ein Kontakt zu Stuten nicht erwünscht, da im Zuge einer rasch wechselnden Stutenzahl während der Decksaison die Zuchthygiene nicht eingehalten werden könnte. Ferner ist durch die Etablierung der künstlichen Besamung die räumliche Trennung von Hengst und Stute möglich geworden, so daß die sexuelle Beeinflussung der Hengste durch anwesende Stuten weitestgehend unterbunden wird. Lediglich bei der Samenentnahme ist eine rossende Stute anwesend, jede Art der Interaktion wird aber weitestgehend durch die Hengstführer und durch die Isolation der Stute im Zwangsstand oder durch Ausbinden unterbunden. a.a.O. , Seite 13 | | |
Zuchthygiene, was ist das denn? Rasch wechselnde Stutenzahl, das klingt doch schwer nach Promiskuität und den damit verbundenen Gefahren: Geschlechtskrankheiten! Die Einführung der künstlichen Besamung klingt etwas merkwürdig. Die räumliche Trennung von Hengst und Stute ist möglich geworden - das ist klar. Dann wird behauptet, daß die sexuelle Beeinflussung der Hengste durch anwesende Stuten unterbunden wird - und im nächsten Satz wird dann festgestellt, daß bei der "Samenentnahme" eine rossende Stute anwesend sei. Was denn nun? Und überhaupt: Wenn der Bauer seine Stute zum Hengst bringt, war sie vorher auch getrennt und wird nur kurzzeitig mit ihm zusammengebracht. Einen großen Unterschied kann ich da nicht feststellen. Bis auf die Interaktion. Und die birgt ja nun zweifellos Gefahren, weshalb man sie besser ganz unterbindet.
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