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Bericht Zum Thema  Jubiläum · Gesamttext
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 345.05 der Pferdezeitung vom 06.11.05
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 Moskau, Los Angeles und ... 
 DDR  Festivals  Dressur
 Seoul  FEI
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Hindernisse für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul, erbaut von Olaf Petersen · Copyright wie angegeben
Hindernisse für die Olympischen Spiele 1988 in Seoul, erbaut von Olaf Petersen

In der letzten Woche haben wir uns mit den Strukturproblemen des deutschen Spitzensports beschäftigt und gesehen, daß die Schwierigkeiten zwar groß waren, man sich dieser aber annehmen und nach einer längeren Durststrecke wieder Erfolge einheimsen konnte. Das waren die achtziger Jahre.

Sie begannen mit Olympischen Spielen, die mehr oder weniger geplatzt sind. Das ist nicht ganz korrekt formuliert - die Olympischen Spiele fanden 1980 wie geplant in Moskau statt. Allerdings blieben 40% der Nationen fern. Manche haben sich dem Boykott-Aufruf der USA angeschlossen, andere blieben ohne Begründung zu Hause. Das folgende Zitat wertet die politische Dimension der Ereignisse:

Moskau 1980
Olympia-Boykott als politisches Sanktionsmittel - das sollte in den nächsten Jahren Schule machen: Nach dem Einmarsch der sowjetischen Truppen in Afghanistan zu Weihnachten 1979 forderte die amerikanische Regierung unter Präsident Jimmy Carter Sanktionen gegen die UdSSR. Von diesen Sanktionen blieb schließlich nur noch der symbolische Akt des Boykotts der Sommerspiele in Moskau übrig. Die amerikanische Regierung setzte nicht nur das eigene Nationale Olympische Komitee, sondern auch die anderen Regierungen der Welt unter Druck, um die Olympischen Spiele zu verlegen, zu verschieben oder zu boykottieren. Während das IOC genauso argumentierte wie 1936, der Sport habe nichts mit der Politik zu tun, hatte sich die amerikanische Regierung grundsätzlich gewandelt und benutzte die Olympischen Spiele als Werkzeug, um die Missbilligung der sowjetischen Position zumindest symbolisch zu demonstrieren. An den Ländern, die damals den Olympiaboykott mitgetragen haben, kann man ablesen, wie sehr die einzelnen Staaten sich von den USA als abhängig empfanden - und wie unabhängig das jeweilige Nationale Olympische Komitee von staatlichem Einfluss ist. Während auch die britischen und die französischen Parlamente und Regierungen ihren Olympischen Komitees die Teilnahme in Moskau verboten, fuhren beide Mannschaften trotzdem zu den Olympischen Spielen und verzichteten auf das Zeigen der Nationalfahne. Der wegen seiner Staatsnähe oft als abhängig gescholtene französische Sport verhielt sich unabhängiger als der deutsche. Während der französische protestierte und nach Moskau fuhr, stimmte das Nationale Olympische Komitee für Deutschland unter dem Druck der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages ab und blieb sehr zum Ärger der Sportler zu Hause. [...]

Ist die olympische Bewegung dazu verpflichtet, auf politische Konflikte mit Sanktionen und Ausschlüssen zu reagieren? Oder ist es gerade in Zeiten internationaler Krisen wichtig, dass alle an den Spielen teilnehmen? Denn die Anerkennung gemeinsamer Wettkampfregeln ist immerhin ein kleiner gemeinsamer Nenner der Völkerverständigung. Zwischen diesen beiden Möglichkeiten schwankten die Spiele seit jeher - in der Hochphase des Wettrüstens zwischen Ost und West hatte diese Diskussion besondere Brisanz.

Bei den Spielen von 1984 in Los Angeles folgte dann auch prompt die Retourkutsche: fast der gesamte Ostblock kam nicht zu den Spielen. Die Begründung für die Nicht-Teilnahme: fehlende Sicherheitsgarantien für die Sportler der UdSSR, denn im Vorfeld der Spiele hatte es in Los Angeles anti-sowjetische Kampagnen gegeben.
» Hintergrund: Boykott statt Völkerverständigung?




DDR


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Die Sowjetunion war aufgrund der Teilnehmersituation überlegener Gesamtsieger, gefolgt von der DDR - der Rest der Nationen war weit abgeschlagen (» Olympische Sommerspiele 1980). Welche Bedeutung der Sport für die DDR hatte, welche grandiosen Erfolge erzielt wurden und wie wenig die gewaltigen Anstrengungen letzten Endes gebracht haben, zeigt folgendes Zitat:

Die Deutsche Demokratische Republik mit ihren knapp 17 Millionen Einwohnern brachte über zwei Jahrzehnte sportliche Höchstleistungen hervor, die in keinem Verhältnis zur politischen, wirtschaftlichen oder kulturellen Bedeutung des Landes standen. Zwischen 1956 und 1988 gewannen Sportlerinnen und Sportler der DDR neben zahlreichen Welt- und Europameistertiteln nicht weniger als 578 olympische Medaillen, davon 203 Goldene (vgl. Seifert, Anhang). Auch wenn nach dem politischen Bankrott der DDR Enthüllungen über zweifelhafte Praktiken bei der Auswahl der Elitesportler, den Trainingsmethoden und vor allem der sportmedizinischen Betreuung viele Kehrseiten der Medaillen offenlegten, waren die Leistungen ihrer Sportlerinnen und Sportler bemerkenswert. [...]

Diese Anstrengungen zahlten sich aus: Zu den Spielen der XX. Olympiade in München präsentierte die DDR eine bestens vorbereitete und hoch motivierte Olympiamannschaft. Die Athleten erfüllten alle in sie gesetzten Erwartungen. DDR-Sportlerinnen und Sportler standen 66mal auf dem Siegerpodest, und -- was den Funktionären und Politikern zu Hause noch wichtiger war -- 20mal erklang die Nationalhymne der DDR bei der Ehrung der Olympiasieger, ebensooft wurde die schwarz-rot-goldene Flagge mit dem Staatsemblem der DDR gehißt. Was jedoch nach Meinung von Politikern und Medien ein gewaltiger Schlag ins Gesicht des "Klassenfeindes" war, wurde in der bundesdeutschen Öffentlichkeit eher beiläufig zur Kenntnis genommen. Das "Sportwunder DDR" konnte die überwiegend an anderen Werten orientierten Bundesbürger nicht in dem gewünschten Maße beeindrucken.

Trotzdem intensivierte die DDR die Förderung des Spitzensports und steigerte 1976 in Innsbruck und Montreal ihre Medaillenausbeute nochmals. Nach einer inoffiziellen Länderwertung, der von den Funktionären zunehmend Bedeutung beigemessen wurde, gelang es in Montreal sogar, die USA zu übertreffen. Daß diese Medaillenhascherei und Zahlenspielerei ganz und gar nicht im Sinne des Begründers der Olympischen Idee lag, störte wenig. Vielleicht träumte mancher DDR-Funktionär sogar davon, 1980 in Moskau auch noch die UdSSR zu überflügeln.

Zu den Spielen in Moskau traten die westlichen Hauptrivalen wegen des Krieges in Afghanistan nicht an, so daß die DDR ihre erneuten Erfolge nicht als "Sieg über das kapitalistische Gesellschaftssystem" feiern konnte. Vier Jahre später boykottierte die UdSSR mit der Mehrzahl der sozialistischen Länder die Spiele in Los Angeles. Wie eng in der DDR die Spitzensportler an die Partei und den Staat gebunden waren, bewiesen deren veröffentlichte Meinungsäußerungen. Obwohl durch die Politik um den Lohn jahrelangen harten Trainings gebracht, bekundeten sie durchweg Zustimmung für den Boykott der Olympischen Spiele in den USA (vgl. Ullrich 1986, S. 157 ff.).
» Die DDR und Olympia, » Literatur

Immerhin hatte die DDR in München die Bundesrepublik im Medaillenspiegel ganz eindeutig überflügelt (» Olympische Sommerspiele 1972).



Festivals


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Susanne Hennig wertet die Olympischen Wettbewerbe in Moskau eindeutig ab:

In manchen Sportarten ist der Olympiasieg nicht viel wert, da die Besten ihrer Disziplin fehlen. Dies gilt insbesondere für die Reiterspiele. Die Sportler der Sowjetunion gewinnen alle Mannschafts-Goldmedaillen, in der Einzelwertung siegen der Pole Jan Kowalczyk (Springen), die Österreicherin Elisabeth ("Sissi") Max-Theurer (Dressur) und der Italiener Euro Federico Roman (Vielseitigkeit).

Die wahren Größen des Pferdesportes treffen sich auf Alternativmeisterschaften, als sogenannte Festivals bezeichnet. Im August 1980 ermitteln die Springreiter ihren "Ersatz-Olympiasieger" (Hugo Simon) in Rotterdam. Das deutsche Team plaziert sich an vierter Stelle, den vierten Platz in der Einzelwertung erzielt Paul Schockemöhle mit Deister.

Die Dressurreiter starten im britischen Goodwood. Das deutsche Team kann zwar seine Erfolgsserie mit dem Gewinn der Mannschaftsmedaille fortsetzen, muß aber erneut der Schweizerin Christine Stückelberger und Granat den Vortritt bei der Vergabe der Einzel-Goldmedaille lassen. Silber und Bronze erzielen Dr. Uwe Schulten-Baumer jun. mit Slibovitz und Reiner Klimke mit Ahlerich.

Die Militaryreiter Otto Ammermann, Harry Klugmann, Rüdiger Schwarz und Karl Schultz reiten in Fontainebleau zu Mannschafts-Silber. Daß diese Veranstaltung den Vielseitigkeitssport in Verruf bringt und Tierschützer empört, liegt nicht am Schwierigkeitsgrad der Geländeprüfung. Der Kurs fordert zwar überlegtes Reiten, ist aber durchaus championatswürdig und von guten Reitern zu bewältigen. In Fontainebleau zeigt sich einmal mehr, welche verheerende Auswirkung mangelnde Erfahrung von Reitern und Pferden in anspruchsvollen Querfeldeinstrecke hat: Zahlreiche schwere Stürze, viele verletzte Pferde und sechs Reiter im Krankenhaus sind eine Bilanz, die sich der Sport nicht leisten kann.
Susanne Hennig: 100 Jahre FN, Seite 213/214

Los Angeles 1984, Dietmar Hogreve · Copyright wie angegeben
Los Angeles 1984, Dietmar Hogreve
Querfeldeinstrecke, Geisterstadt · Copyright wie angegeben
Querfeldeinstrecke, Geisterstadt
Das Fernbleiben der Ostblockstaaten bei den Olympischen Spielen in Los Angeles wird von Hennig gar nicht erst erwähnt. Der Ostblock spielt für sie keine Rolle.

Dabei erreichten die Rumänen, die als einzige aus dem Ostblock teilnahmen, in der Nationenwertung vor der Bundesrepublik Deutschland den zweiten Platz. Vier Jahre zuvor, in Moskau, waren sie abgeschlagen auf Platz sieben gelandet, immerhin noch knapp vor Frankreich.

Aber in unserem Zusammenhang interessieren nicht die Nationen, nicht die Hunderte von Wettbewerben, sondern nur die Reiterei. Und da sah es für die deutschen Reiter nicht besonders gut aus, außer bei der Dressur, wo sie wieder überlegen zweimal Gold einheimsen konnten:

Jahr
Wettbewerb
Ort
Disziplin
Rang Mannschaft
Rang Einzel

1984

Olympische Spiele Los Angeles Dressur Gold Gold
Springen Bronze
Vielseitigkeit Bronze
» Olympische Sommerspiele 1984/Reiten

Im Springen dominierten die Amerikaner:

Der US-Amerikaner Joe Fargis und die 17-jährige Vollblutstute Touch of class, die weit mehr als nur einen Hauch von Klasse offenbart, dominieren alle Prüfungen in überragender Manier. Nur ein Paar kann ihnen das Wasser reichen: Landsmann Konrad Homfeld und der 14-jährige Trakehner Schimmelhengst Abdullah, der in Deutschland gezeugt wurde und in den USA zur Welt kam. Homfeld und Abdullah unterliegen Fargis und Touch of class im Stechen um Gold in der Einzelwertung. Die Medaillen bleiben gewissermaßen in der Familie. Die beiden Reiter leben und arbeiten zusammen, reiten gemeinsam ihre Pferde und unterstützen sich gegenseitig im Wettbewerb. Beeindruckend ist vor allem ihr Springstil: Feinfühlig, elegant und geschmeidig steuern sie die stets zufrieden wirkenden Pferde durch die Parcours - springsportliche Lehrstunden für den Rest der Welt.
a.a.O., Seite 219/220



Dressur


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Dr. Reiner Klimke errang endlich die Goldmedaille bei den Olympischen Spielen in der Einzelwertung:

Dr. Reiner Klimke, Ahlerich, Sieg Einzelwertung · Copyright wie angegeben
Dr. Reiner Klimke, Ahlerich, Sieg Einzelwertung
Im Grand Prix von Los Angeles wachsen Klimke und der braune Westfale Ahlerich über sich selbst hinaus. Besser hatte man dieses Paar nie gesehen. Alle Lektionen gelingen auf den Punkt genau, keines der übrigen Pferde zeigt solche energischen Verstärkungen. Selbst die ansonsten zurückhaltenden Richter, unter ihnen der Deutsche Heinz Schütte, können sich der Faszination nicht entziehen und greifen zu Höchstnoten: 1.784 Punkte. Damit macht Klimke den Mannschaftssieg des deutschen Teams perfekt. Klimke, Uwe Sauer auf Montevideo und Herbert Krug auf Muscadeur verweisen mit Riesenabstand (4.955 Punktsumme) das Schweizer Team auf den Silber Rang (4.673). Christine Stückelbergers Seriensieger Granat ist übrigens nicht mehr dabei, seine sportliche Laufbahn ist beendet.

Nicht ganz so überragend wie im Grand Prix, aber unstrittig als Bester präsentiert sich der temperamentvolle Angelo xx-Nachkomme Ahlerich auch im Wettbewerb um die Einzelmedaillen. Mit 1.504 Punkten erzielt Dr. Reiner Klimke die zweite Goldmedaille dieser Spiele. Silber gewinnt die Dänin Anne-Grete Jensen auf Marzog (1.442) vor dem Schweizer Otto Hofer mit Limandus (1.364).
a.a.O., Seite 218/219

Die Erfolge der deutschen Reiter in der Dressur über viele Jahre hinweg hatten natürlich Konsequenzen. Die Reiter der anderen Nationen wollten hinter das Geheimnis kommen und aufholen. Sie versicherten sich des Beistands deutscher Trainer.

Markenzeichen:
Deutsche Dressurtrainer

Deutsche Dressurtrainer sind seit vielen Jahren im Ausland begehrt: Großer Ausbilder wie Richard Waetjen und Fritz Stecken widmen sich schon Ende der 40er Jahre in den USA der Förderung dortiger Dressurreiter, Willi Schultheis betreut nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Bundestrainers ebenso zahlreiche Ausländer. Vor den Olympischen Spielen von Los Angeles 1984 haben die meisten großer Ausbilder Hochkonjunktur: Der Hamburger Georg Otto Heyser beispielsweise hilft den Schweden, dem Anschluß an die internationale Spitze wiederzufinden, Jürgen Koschel bemüht sich um die Finnin Kyra Kyrklund. Die Kanadier vertrauen seit Jahren auf deutsche Trainer, zunächst auf Willi Schultheis, später dann auf George Theodorescu und Johann Hinnemann. Bei Familie Theodorescu geht es wahrlich international zu. Reiterinnen und Reiter aus den Niederlanden, Frankreich, Italien und England sowie die gesamte US-Equipe lassen sich vor Olympia von dem gebürtigen Rumänen auf die Zügel schauen.
a.a.O., Seite

Das ist alles ganz toll - gerade deshalb finde ich es sehr interessant, daß es Meister der Dressur gibt, die von dieser Art Reiterei gar nicht angetan sind. In der Rezension dieser Ausgabe können Sie nachlesen, was ein Baucherist von "deutscher Dressur" und den FEI-Richtern hält und wie sich Dr. Reiner Klimke gegenüber Michel Henriquet geäußert haben soll ( François Baucher - Enfant Terrible oder Genie?). Gerade angesichts der aktuellen Kontroversen um "moderne" Ausbildungsmethoden lohnt sich vielleicht die Beschäftigung mit einer anderen Sichtweise.



Seoul


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Mannschaftsweltmeister Springen · Copyright wie angegeben
Mannschaftsweltmeister Springen
Karsten Huck, Bronzemedaille · Copyright wie angegeben
Karsten Huck, Bronzemedaille
Bei den Olympischen Spielen in Los Angeles hatten die Springreiter nicht viel zu melden. Der beste deutsche Reiter war Paul Schockemöhle mit Deister auf dem siebten Platz. Zwar wurde Schockemöhle 1983 und 1985 mit demselben Pferd Europameister, aber in der Mannschaft blieben die Erfolge aus.

Deshalb machte sich eigentlich niemand große Hoffnungen bezüglich der Olympischen Spiele 1988 in Seoul. Desto größer die Überraschung: Mannschaft-Goldmedaillen in allen drei Disziplinen, dazu Einzel-Gold in der Dressur und Bronze im Springen - nur bei den Olympischen Spielen in Berlin 1936 war die deutsche Mannschaft erfolgreicher.

Erstmals nach 1936 gewann die deutsche Mannschaft mit Claus Erhorn auf Justyn Thyme, Matthias Anreas Baumann auf Shamrock 11, Thies Kaspareit auf Sherry 42 und Ralf Ehrenbrink auf Uncle Todd wieder eine Goldmedaille in der Military.

Ludger Beerbaum / The Freak, Wolfgang Brinkmann / Pedro, Dirk Hafemeister / Orchidee, Franke Sloothaak / Walzerkönig gewann einen vor den Amerikanern den Nationenpreis. Der 24jährige Beerbaum, Angestellter von Paul Schockemöhle, ritt das Ersatzpferd von Hafemeister, da sein eigenes Pferd Landlord gesundheitliche Probleme bekam.

Wolfgang Brinkmann wurde später mit dem Fair Play Trophy des Verbands Deutscher Sport-Journalisten ausgezeichnet, weil er zugunsten von Karsten Huck verzichtet hatte; dieser, als Reservist vorgesehen, gewann schließlich im Einzelspringen noch die Bronzemedaille.

Jahr
Wettbewerb
Ort
Disziplin
Rang Mannschaft
Rang Einzel

1988

Olympische Spiele Seoul Dressur Gold Gold
Springen Gold Bronze
Vielseitigkeit Gold
» Olympische Sommerspiele 1988/Reiten

Auch in der Dressurmannschaft hatte es eine Verjüngung gegeben. Neben dem bewährten alten Kämpen Dr. Reiner Klimke, der 1984 in Los Angeles die Goldmedaille gewonnen hatte, traten drei jungen Damen an: Monika Theodorescu, Nicole Uphoff und Ann-Kathrin Linsenhoff, Tochter von Lieselott Linsenhoff, die 1972 in München als erste Frau die Goldmedaille in der Dressur gewonnen hatte.

Nicole Uphoff und Rembrandt · Copyright wie angegeben
Nicole Uphoff und Rembrandt
Drei junge Reiterinnen beweisen eindrucksvoll, daß sie in die Phalanx der etablierten, älteren Herrschaften auf dem Viereck einbrechen können. Zu umjubelten Medien- und Publikumsstars werden die 21jährige Duisburgerin Nicole Uphoff und ihr elfjähriger brauner Westfale Rembrandt v. Romadour II-Angelo xx. Selten absolvierte ein Pferd die schwierigen Aufgaben des Grand Prix mit einer solchen Leichtigkeit und Eleganz.

Trotz seines Temperaments, daß seine Reiterin immer wieder einen Streich spielen kann, schwebt der Wallach konzentriert und bei größtmöglicher Losgelassenheit über das Seouler Viereck. Das Potential des Paares war bereits ein Jahr zuvor bei den Europameisterschaften der Jungen Reiter offenkundig. Daß der braune Westfale und seine jugendliche, unbekümmerte Reiterin schon gut zwölf Monate später in der nervenaufreibenden, brodelnden Atmosphäre olympischer Spiele Gold in Einzel- und Mannschaftswertung gewinnen können, überrascht doch ein wenig.

Silber in der Einzelwertung gewinnt die für Frankreich startende Margit Otto-Crepin mit dem Holsteiner Cor de la Bryère-Sohn Corlandus, Bronze fällt an Christine Stückelberger, die mit dem Hengst Gaugin de Lully ein neues Weltklassepferd aufbauen konnte.

Die neue junge Dressurgarde repräsentieren ferner Nicole Uphoffs Mannschaftskameradinnen Monika Theodorescu (25) mit Ganimedes und Ann-Kathrin Linsenhoff (28) mit Courage. Gemeinsam mit Dr. Reiner Klimke und Ahlerich verweisen sie im Grand Prix die Teams aus der Schweiz und Kanada auf den Silber- bzw. Bronzerang.
a.a.O., Seite 226

Die Olympischen Spiele stellen einen der Höhepunkte im sportlichen Jahreslauf dar. Zusätzlich zu den nationalen, kontinentalen und globalen Meisterschaften entwickelten sich in den 80er Jahren weitere Spitzenwettbewerbe, zum Beispiel die Weltcups. Es begann 1978 mit dem Volvo-Weltcup der Springreiter in Stockholm. Eine neue Ära brach an, die der Sponsoren. Der Sport wurde "professioneller", mehr Geld kam ins Spiel, fremde Interessen, schließlich auch Doping.

Mitte der achtziger Jahre rückt das Thema Doping immer stärker ins Bewußtsein. Die FEI-Generalversammlung legt 1984 alarmierende Zahlen vor: 435 Dopingproben wurden auf internationalen Turnieren genommen - bei 54 Pferden wurden mehr oder weniger hohe Werte des gebräuchlichen Schmerzmittel als Butazolidin in Blut oder Urin festgestellt. Auch wenn in nur vier Fällen der zulässige Maximalwert überschritten wurde, bedeutet dies, daß etwa jedes achte Pferd unter Einfluß der Substanz Phenylbutazon im Turniersport eingesetzt wird.

Auch die Deutsche Reiterliche Vereinigung reagiert auf die nicht mehr zu übersehende Doping-Problematik. Gemeinsam mit dem Direktorium für Vollblutzucht und Rennen finanziert sie ein Forschungsprojekt zum Thema Leistungsbeeinflussung. Allein aus dem FN-Haushalt fließen von 1982 bis 1985 knapp 800.000 Mark in dieses Projekt, das Doping-Papst Professor Manfred Donike, Leiter des Instituts für Biochemie der Deutschen Sporthochschule Köln und Beauftragter des Deutschen Sportbundes für Dopinganalytik, verantwortlich betreut.

Doping ist bis Mitte der 80er Jahren nur begrenzt nachzuweisen. Die Anwender leistungssteigernder Medikamente sind den Kontrolleuren immer ein wenig voraus. Das soll sich nun ändern. Donike gelingt es 1985, neue Analysemethoden zu entwickeln und zu verfeinern, die alle verbotenen Substanzen aufspüren können. Und das sind einige: Beruhigungsmittel für nervöse Pferde, Aufputschmittel zur Steigerung einer kurzfristigen Leistung, Anabolika zur Förderung des Muskelaufbaus oder Schmerzmittel zur Verschleierung von Krankheiten und Lahmheiten. [...] Manche Dopingfalle lauert im Futtersack: So bestraft die FEI 1984 einige Springreiter, bei deren Pferden Coffein nachgewiesen wurde. Die Pferde hatten coffeinhaltiges Fertigfutter gefressen.
a.a.O., Seite 215




FEI


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FEI-Präsident Prinz Philip mit · Copyright wie angegeben
FEI-Präsident Prinz Philip mit
FEI-Vize Graf Landsberg-Velen · Copyright wie angegeben
FEI-Vize Graf Landsberg-Velen
Auch die FEI geriet in eine Krise. Der langjährige Präsident Prinz Philip, Ehemann der englischen Königin, legte sein Amt nach 20 Jahren anläßlich der Olympischen Spiele in Los Angeles nieder.

Mitte der sechziger Jahre war die FEI eine kleine Organisation, die bei der belgischen FN in Untermiete residierte. Eine Halbtagssekretärin und ein ehrenamtlicher Generalsekretär genügten.

In einem sehr aufschlußreichen Interview erläutert Dieter Graf von Landsberg-Velen, damaliger Vorsitzender der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und FEI-Vize-Präsident, die Entwicklung der FEI bis zur Gegenwart.

Prinz Philip hatte Graf Landsberg beauftragt, Vorschläge für die Weiterentwicklung zu erarbeiten. Als eine der Folgen wurde ein hauptamtlicher Generalsekretär eingestellt: Fritz Widmer, und das Generalsekretariat nach Bern verlegt.

Viele nationale Organisationen traten der FEI bei. Aus 30 Mitgliedern wurden über 120. Durch die Zusammenarbeit mit Sponsoren ergaben sich neue Abhängigkeiten und Verantwortlichkeiten, vor allem aber explodierten die Etats, immer mehr Mitarbeiter mußten eingestellt, Disziplinausschüsse gegründet, Verhandlungen geführt werden.

Es entbrannte ein Machtkampf. Die FEI war der Meinung, sie hätte das Sagen, die nationalen Föderationen und Veranstalter waren gegenteiliger Auffassung. Trotz aller zum Teil schwierigen Diskussionen ging es aber so lange gut, wie Prinz Philip und Generalsekretär Widmer die FEI führten.

Was änderte sich, als Prinz Philip nach den Olympischen Spielen in Los Angeles zurücktrat?
Wir haben in Los Angeles die Nachfolgefrage heftig diskutiert. Prinz Philip hatte seine Tochter Anne als künftige Präsidentin vorgeschlagen. Sicher, es sprach viel für sie, aber ihre Amtsführung sollte für uns alle eine Enttäuschung werden.

Wieso? Sie war eine höchst erfolgreiche Militaryreiterin und Kennerin der Reitsportszene und mit sportpolitischen Fragestellungen sicher nicht unvertraut.
Sie war stets sehr offen, wenn sie mit Reitern und Pflegern zusammen war, aber immer sehr verschlossen, wenn es um FEI-Mitarbeiter oder FEI-Funktionäre ging. Teamwork kam nie zustande. Sie hatte die Aufgabenstellung der FEI nicht verstanden. Sie wollte diktieren, schloß Verträge ab, ohne uns zu fragen. Im Grunde hat sie niemanden an ihrer Seite akzeptiert. Die Kreativität der FEI, ihr Handlungsspielraum und ihre Effizienz gingen zusehends verloren.

Gab es kein Gegengewicht zur autokratischen Präsidentin?
Nein, eigentlich nicht. Die Situation der FEI verschlechterte sich sogar noch dramatisch, als der langjährige Generalsekretär Fritz Widmer 1988 abgelöst wurde und auf Initiative von Prinzessin Anne von einem Headhunter als Nachfolger Etienne Allard präsentiert wurde. Allard war kein Pferdemann, hat nie Zugang zu der Szene gefunden. Sein Handeln hatte schlimme Konsequenzen. Er schloß unter anderem Verträge mit Vermarktungsagenturen ab, die die FEI bald handlungsunfähig machten.

Meinen Sie damit die Fernsehverträge?
Der Gipfel war, daß Allard die Fernsehrechte zweimal verkauft hatte - an Volvo und an das Deutsche Sportfernsehen. Die FEI stürzte in die wohl größte Krise ihrer Geschichte. Prinzessin Anne hatte sich inzwischen vom Präsidentenamt zurückgezogen, zu ihrer Nachfolgerin wählte die FEI die spanische Königsschwester Donna Pilar de Bourbon. Sie war eigentlich aus der Not heraus in die Position hineingerutscht.

Wie konnte die FEI aus dieser Misere gerettet werden?
Wir zettelten eine Art Revolution an. In Frankfurt trafen sich 1995 Vertreter der wichtigsten Föderationen. Ich überredete Bo Helander, neue Generalsekretär zu werden. Auf dieser Krisensitzung in Frankfurt verfaßte wir eine Resolution. Ich reiste mit dieser zur Präsidentin nach Madrid und fand bei ihr Verständnis für unsere Sorgen und Wünsche. Bei einem Meeting der FEI am folgenden Tag wurde Etienne Allard entlassen, was gerichtliche Prozesse nach sich zog, die bis ins Jahr 2002 reichen sollten. Dank der Kooperationsbereitschaft von Donna Pilar gelang es einer Arbeitsgruppe unter meiner Leitung, Ordnung in das Chaos zu bringen und das Vertrauen zu den nationalen Föderationen und Veranstalter weitgehend wiederherzustellen.

Wie definieren Sie heute die wesentlichsten Aufgaben des Weltverbandes?
Die FEI ist schon lange kein Herrschaftsinstrument mehr. Das Verständnis der Aufgabenstellung des Weltverbandes hat sich grundlegend gewandelt. Heute versteht sich die FEI als Dienstleister für Turnierveranstalter und Reiter. Wir führen Gespräche mit den nationalen Föderationen, beziehen die Veranstalter in unsere Sitzungen ein, die Kooperation mit den unterschiedlichen Interessengruppen hat sich bewährt.
a.a.O., Seite 221





Quellen / Verweise


  1. » Hintergrund: Boykott statt Völkerverständigung?
  2. » Olympische Sommerspiele 1980
  3. » Die DDR und Olympia
  4. » Literatur
  5. » Olympische Sommerspiele 1972
  6. Susanne Hennig: 100 Jahre FN, FN-Verlag 2005
  7. » Olympische Sommerspiele 1984/Reiten
  8.  François Baucher - Enfant Terrible oder Genie? Racinet, Jean-Claude, Hildesheim 2005
  9. » Olympische Sommerspiele 1988/Reiten
  10.  100 Jahre FN, Jubiläum der Deutschen Reiterlichen Vereinigung
      Ausgabe 315 · Teil 1
  11.  Verbandsgründung, erste Erfolge, Männer der ersten Stunde legen den Grundstein für die Gegenwart
      Ausgabe 316 · Teil 2
  12.  Krieg und Nachkriegszeit, Gewaltige Veränderungen in jeder Hinsicht
      Ausgabe 317 · Teil 3
  13.  Das Jahr 1924, Auferstanden aus der Asche
      Ausgabe 332 · Teil 4
  14.  Kauft nur deutsche Pferde!, Pferdezucht und Pferdesport - die Erfolgskombination
      Ausgabe 334 · Teil 5
  15.  Olympische Spiele Berlin 1936, Gleichschaltung von Sport und Zucht im Dritten Reich
      Ausgabe 335 · Teil 6
  16.  Auf in den Krieg!, Wo blieben die Reiter und Züchter?
      Ausgabe 336 · Teil 7
  17.  Ehrenrettung für Gustav Rau, Über üble Nachrede und fundamentale Verunsicherung
      Ausgabe 337 · Teil 8
  18.  Das Ende der Ära Rau, Mühsamer Neuanfang und erste Triumphe
      Ausgabe 338 · Teil 9
  19.  HGW und Linsenhoff, Die 50er Jahre: größte Triumphe gefolgt von der größten Krise
      Ausgabe 339 · Teil 10
  20.  Beschwörung: Das Pferd muß bleiben, Der Turniersport wächst im kalten Krieg
      Ausgabe 340 · Teil 11
  21.  Dressur ganz stark - WM-Triumph, Verbände im Umbruch: Die FN formiert sich
      Ausgabe 341 · Teil 12
  22.  Neue Wege in der Zucht, Die modernen Strukturen entwickeln sich
      Ausgabe 342 · Teil 13
  23.  Olympische Spiele München 1972, Streit im Reiterlager, Attentat und Lob der Tierschützer
      Ausgabe 343 · Teil 14
  24.  Die goldenen siebziger Jahre, Boom im Reitsport, sportliche Erfolge überall
      Ausgabe 344 · Teil 15



Fotos

© Copyright wie angegeben  Quelle: FN, Privatarchiv H. Munzendorf, Susanne Hennig: 100 Jahre FN, FN-Verlag 2005




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