Die Nachkriegszeit war bekanntlich von den zunehmenden Spannungen zwischen den verbündeten Partnern geprägt, was dann ja auch zur Ausbildung zweier deutscher Staaten geführt hatte. In unserer kleinen Geschichte der FN hatte die DDR bisher keine Rolle gespielt. Es war eine Geschichte des Westens. Der Osten existierte für den Westen kaum. Doch der Zwang, für die Olympischen Spiele eine gemeinsame Mannschaft bilden zu müssen, führte zu allerhand Verwicklungen. Die Sportler aus dem Osten hatten eigentlich keine Chance.
Ob es trotz der politische Spannungen doch immer wieder einmal zu gemeinsamen Veranstaltungen gekommen ist, läßt sich aus der Chronik von Susanne Hennig nicht herauslesen. Immerhin berichtet sie in einem Kasten auf Seite 170 von einem Vorkommnis, das die Atmosphäre dieser Tage gut veranschaulicht und dessen Auslöser ein Besuch östlicher Sportler auf westlichem Territorium war:
| |  | | Graf Rothkirch und Domino |  |  |  |
| |  | | Der Schlagbaum der DDR öffnet sich für Domino und Heinz Fuhrmann |  |  |  |
| Wenige Tage vor der Errichtung von Mauer und Stacheldrahtzäunen besuchen Reiter aus der DDR auf Einladung von Leopold Graf Rothkirch, Vorsitzender des Kreisreiterbundes Fritzlar-Homberg, ein ländliches Turnier im Nordhessischen. Elf Pferde starrten in Dressur- und Springprüfungen, zehn kehren in die DDR zurück.
Der Fuchswallach Domino, der der 15jährigen Erfurter Reiterin Gabi Geyer gehört, muß in Hessen bleiben. Das Pferd hatte sich im Parcours eine Fesselbeinfraktur zugezogen. Graf Rothkirch läßt den Wallach in die Veterinärmedizinische Uniklinik Gießen transportieren. Acht Wochen muß die Verletzung dort unter einem Gipsverband ausheilen, ehe Rothkirch das Pferd abholen kann. Wochenlang erholt sich Domino auf den Weiden seines Anwesens Gut Römerhof.
Nach dem Mauerbau verschlechtern sich die Beziehungen zwischen den beiden deutschen Staaten erheblich. Graf Rothkirch setzt alles daran, Domino und seine Reiterin Gabi wieder zusammenzuführen. Doch alle Versuche scheitern zunächst.
Gabi und ihre Eltern erhalten keine Erlaubnis, das Pferd im Westen abzuholen. Auch der Transport des Tieres nach Erfurt wird nicht gestattet. Das junge Mädchen ist verzweifelt. Schließlich stimmen die Offiziellen der Sowjetzone der Übergabe des Pferdes am Grenzübergang Herleshausen/Wartha zu.
Graf Rothkirch und sein Freund Heinz Fuhrmann sind mit Domino zum vereinbarten Zeitpunkt an der Zonengrenze. Es ist der 14. Dezember 1961, 12 Uhr mittags. Die Westdeutschen warten mit dem Pferd im Schnee vergebens. Die Vereinbarung wird nicht eingehalten.
Als es allen zu kalt wird, beschließt Heinz Fuhrmann entgegen aller Warnungen westlicher Grenzbeamter, das Pferd in die DDR zu bringen. Mit Domino am Führstrick betritt er das Niemandsland zwischen den Schlagbäumen und nähert sich bis auf Rufweite den Grenzposten der "Sowjetzone".
Weiter kommt er nicht. Der Grenzposten telefoniert, berät sich mit seinen Kollegen und Vorgesetzten. Fuhrmann und Domino harren bei bitterer Kälte aus. Nach knapp zwei Stunden endlich fällt die Entscheidung. Der Schlagbaum öffnet sich, Heinz Fuhrmann darf das Pferd in die DDR führen. Ein paar 100 Meter weiter hatte Gabi mit ihren Eltern warten müssen. Als das Mädchen weinend vor Domino steht, stammelt es immer wieder "Danke, danke". | | |
Die Ausscheidungsturniere für die Olympischen Spiele in Tokio 1964 fanden jeweils in Ost- und West-Berlin statt. Je vier Dressurreiter pro Nation mit acht Pferden wurden von drei unabhängigen ausländischen Richtern gewertet, die dann die nationale Zusammensetzung des Teams bestimmen sollten. Im einzelnen durften die beiden Verbände festlegen, welche Reiter starten sollten. Das klingt alles sehr fair, hatte aber mit der Realität wenig zu tun. Die Reiter aus der DDR konnten sich mit den Westdeutschen, die zu den weltbesten gehörten, nicht messen. Ähnlich sah es im Springen aus. Bei der Vielseitigkeit wurde auf eine Ausscheidung verzichtet, jede Seite sollte zwei Reiter benennen.
Ein paar Tage vor den Turnier sagten die Ostdeutschen die Dressur-Prüfung aus "veterinärhygienischen Gründen" ab. Beim Springen kassierte der beste ostdeutsche Reiter Manfred Nietschmann für beide Prüfungen 53 Fehlerpunkte, Otto Rensch bekam fast 80, die beiden anderen schieden aus. Daher wurden die Dressur- und Springequipe rein westdeutsch besetzt. Die Reiterei war nicht die Sportart, in der die DDR glänzen konnte. Wie auch? Das nötige Kapital war sicher nicht vorhanden.
Quellen / Verweise
- Susanne Hennig: 100 Jahre FN, FN-Verlag 2005
- ...und ritt nur zu meinem Vergnügen,Hübener, Eberhard, Mit einem Geleitwort von Dr. Reiner Klimke
- » equinet-News: Weinrausch für angeblich 1,5 Millionen nach Austri
- » Max-Theurer
- » Victoria Max-Theurer
- » CHIO Aachen 2005 - Mercedes-Benz-Prize, Nations´ Cup
- » Infos zu Reitsport Grosshandel Pferde finden Sie auf Kutsch-Fahrten.de.
- Adolf Schindling
- » Jahrbuch Steglitz 2000
- » 100 Jahre FN - Festakt in Berlin
- » Die Frau an seiner Stelle
- Stockholm 1956
- 100 Jahre FN, Jubiläum der Deutschen Reiterlichen Vereinigung
Ausgabe 315 · Teil 1 - Verbandsgründung, erste Erfolge, Männer der ersten Stunde legen den Grundstein für die Gegenwart
Ausgabe 316 · Teil 2 - Krieg und Nachkriegszeit, Gewaltige Veränderungen in jeder Hinsicht
Ausgabe 317 · Teil 3 - Das Jahr 1924, Auferstanden aus der Asche
Ausgabe 332 · Teil 4 - Kauft nur deutsche Pferde!, Pferdezucht und Pferdesport - die Erfolgskombination
Ausgabe 334 · Teil 5 - Olympische Spiele Berlin 1936, Gleichschaltung von Sport und Zucht im Dritten Reich
Ausgabe 335 · Teil 6 - Auf in den Krieg!, Wo blieben die Reiter und Züchter?
Ausgabe 336 · Teil 7 - Ehrenrettung für Gustav Rau, Über üble Nachrede und fundamentale Verunsicherung
Ausgabe 337 · Teil 8 - Das Ende der Ära Rau, Mühsamer Neuanfang und erste Triumphe
Ausgabe 338 · Teil 9 - HGW und Linsenhoff, Die 50er Jahre: größte Triumphe gefolgt von der größten Krise
Ausgabe 339 · Teil 10
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Fotos
© Quelle: FN, Privatarchiv H. Munzendorf, Susanne Hennig: 100 Jahre FN, FN-Verlag 2005
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