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Bericht Zum Thema  Jubiläum · Gesamttext
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 338.05 der Pferdezeitung vom 18.09.05
 Menü Hauptartikel 338
 Das Ende der Ära Rau 
 Raus Rolle  Nürnberger Prozeß  Vornholz
 Verden  Helsinki  Hans Günter Winkler  Rau stirbt
Inhaltsmenü
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Aachen: erstes internationales Turnier 1947 

In der letzten Woche habe ich auf einen skandalösen Versuch hingewiesen, die Person des Mannes, der die ersten fünfzig Jahre der FN entscheidend gefördert und geprägt hat, zu verunglimpfen ( Ehrenrettung für Gustav Rau).

Besonders empörend fand ich, daß dieser gemeine Anwurf von Seiten der FN nicht auf die gebührende Art und Weise zurückgewiesen wurde. Statt dessen konnte man den Eindruck gewinnen, als habe die FN den Beschuldigungen nichts entgegenzusetzen. Dabei kann es kaum gelingen, seine Verdienste gebührend zu würdigen, weil sie so zahlreich und umfassend sind.

1907 war Gustav Rau zum ersten Mal öffentlich in Sachen Pferdezucht aufgetreten:

Gustav Rau:
Die Not der deutschen Pferdezucht

Ein junger Mann wird gleichsam über Nacht berühmt. Gustav Rau, einigen Insidern bereits als Autor der "Hippologischen Wanderungen" in der Zeitschrift "Sport-Welt" bekannt, veröffentlicht 1907 sein erstes Buch: "Die Not der deutschen Pferdezucht". Der gerade mal 27-Jährige überrascht die Fachwelt mit einer umfangreichen Darstellung der deutschen Zuchten, schildert die Differenzen zwischen Warm- und Kaltblut und hält seine Meinung über Sinn und Unsinn in manchen Zuchtgebieten nicht zurück. Das Buch endet mit dem Kapitel "Pferd und Automobil", in dem Rau das Pferd verherrlicht und offenbar nicht wahrhaben will, daß das Automobil das Pferd als Transportmittel von den Straßen verdrängen wird. Das Werk findet so viel Zustimmung, daß Gustav Rau in die preußische Pferdezucht-Kommission berufen wird.
Susanne Hennig: 100 Jahre FN, S. 31

Wenige Jahre später übernahm Gustav Rau die Schriftleitung des St. Georg, die er erst mit der Übernahme der preußischen Gestütsverwaltung 1933 abgab. Daneben bekleidete er viele andere Ämter. Wann immer wichtige Positionen zu besetzen waren, brachte man ihn ins Spiel. So auch nach dem Zweiten Weltkrieg.



Raus Rolle


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Die zweifelhafte Darstellung der Rolle Raus im Dritten Reich, die ich bereits in der letzten Ausgabe deutlich bemängelt habe, wird an folgender Passage nochmals deutlich:

Ohne das unermüdliche Wirken Gustav Raus hätte der Deutsche Pferdesport wohl weit mehr Zeit benötigt, an seine alte Leistungsstärke anzuknüpfen. Nach dem totalen Zusammenbruch des Deutschen Reiches und damit des gesamten öffentlichen wie sportlichen Lebens wirkt es heute wie ein Wunder, daß schon bei den olympischen Spielen von Helsinki 1952 die deutschen Equitanan eine Silber- und drei Bronzemedaillen erzielen und sich erneut an der Weltspitze behaupten können. [...]

Bei Kriegsende steht Gustav Rau vor den Trümmern seiner Arbeit. Aber er ist kein Mann, der resigniert. Er hatte sich mit vielen arrangieren können. Trotz offenkundiger Sympathie für die nationalsozialistische Bewegung hatte man ihn nach nur einjähriger Dienstzeit seines Amtes als Oberlandstallmeister der Preußischen Gestütsverwaltung enthoben. Über die Gründe wurde viel spekuliert. Ob Rau wirklich - wie sein Biograph Karl Schönerstedt schreibt - die ländlichen Reitervereine vor dem Zugriff der es Art und es erst schützen wollte und deshalb politischen Ungnade fiel, wird wohl niemals zu beweisen sein. Auch die These, Rau habe sich geweigert, das Hakenkreuz als Brandzeichen des deutschen Pferdes zu akzeptieren, verläßt nicht den Rahmen der Spekulation. Im 1933 politisch gleichgeschalteten, stets die nationalsozialistische Ideologie verbreitenden Magazin St. Georg wird viel über Brandzeichen berichtet, auch über Vereinheitlichung verschiedener Brände aus denselben Zuchtprovinzen. Vom Hakenkreuz als deutsches Brandzeichen aber ist niemals die Rede. Es hätte kein besseres Organ gegeben, derartige Pläne zu veröffentlichen, so sie denn tatsächlich ernsthaft erwogen worden wären. Daß Gustav Rau trotz Amtsenthebung das Vertrauen und den Respekt der NS-Regierung besaß, beweist seine Aufgabenstellung bei der Vorbereitung und Durchführung der olympischen Reiterspiele von 1936 in Berlin. Danach wird es zwei, drei Jahre ruhig um ihn. Nur gelegentlich schreibt er im St. Georg. Erst mit seiner Berufung zum "Beauftragten für Pferdezucht und Gestütswesen im besetzten Polen" 1939 betrauen in die Nationalsozialisten wieder mit offiziellen Aufgaben.
a.a.O., Seite 122-124

Von offenkundiger Sympathie für die nationalsozialistische Bewegung kann nach meiner Kenntnis der Quellenlage überhaupt keine Rede sein - wie das aussieht, weiß man zur Genüge. Die Inanspruchnahme seiner Dienste durch die Regierung beweist keineswegs, daß Gustav Rau sich in irgendeiner Weise angedient oder sympathisiert hätte. Er wird gezielt und ausschließlich für fachliche Aufgaben eingesetzt, für die er nachweislich hervorragend geeignet war. Dieser Aufgabenstellung entledigt er sich jeweils mit der ihm eigenen Gründlichkeit und der gewohnten Erfolgssicherheit.

1945 ist Gustav Rau, dem die Landwirtschaftliche Fakultät der Universität Bonn 1943 den Ehrendoktor-Titel verliehen hatte, 65 Jahre alt. An Ruhestand denkt er nicht. Als 1946 ein neuer Leiter für das Landgestüt Dillenburg gesucht wird, zögert Rau nicht lange und sagt zu. Die hessische Regierung ist froh, einen so erfahrenen Mann gefunden zu haben. Man stellt ihm frei, so lange das Gestüt zu leiten, wie er mag und wie es Alter und Gesundheitszustand erlauben. Mit Elan und Akribie machte er sich ans Werk. Von Dillenburg aus erweckt er den Turniersport zu neuem Leben. Wie schon nach dem Ersten Weltkrieg wird Rau zur treibenden Kraft.
a.a.O., Seite 124

Über die Erfolge Raus, die er bis zu seinem Tode erleben durfte, gleich mehr. Übrigens hat er sich anscheinend auch in Polen anständig benommen:

Raus Rettungsaktion bringt ihm in Polen viel Sympathie ein. Als die Pferde, die unter anderem in den holsteinischen Gestüten Grabau und Schönböken eine vorläufige Heimat gefunden hatten, an Polen zurückgegeben werden müssen, schenkt der polnische Kommandant v. Baranowski Gustav Rau zum Dank die berühmte Stute und Olympiasiegerin Tora, die in Schönböken ihr Gnadenbrot erhält.
a.a.O., Seite 123



Nürnberger Prozeß


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Die Nationalsozialisten sahen Sport als Mittel zum Zweck, nämlich zur Ertüchtigung für den Wehrdienst. Der Pferdesport war seit jeher eng mit dem Militärdienst verbunden - der Einsatz der Pferde war seit Urzeiten ganz wesentlich teils kriegerischer Natur. Deshalb kann die Vereinnahmung der ländlichen Reitvereine durch die Nazis in keiner Weise überraschen, im Gegenteil: alles andere wäre unverständlich gewesen.

Übrigens haben totalitäre Staaten, auch die DDR, die Jugend und den Sport immer ganz offen für ihre Zwecke eingesetzt. Das ist deshalb alles nicht besonders aufregend. Die allerjüngsten Kriege der derzeit mächtigsten Nation sind ja nun keineswegs jenseits von Gut und Böse, der gezielte Einsatz der Jugend für machtpolitische Zwecke wird wie stets ganz unverfroren als nationales Interesse deklariert. Kanonenfutter sagte man früher.

Und außerdem gilt immer: Wer siegt, hat das Recht auf seiner Seite, egal was er verbrochen hat. Wer verliert, wird eventuell zur Rechenschaft gezogen (» Nachfolgeprozess). Ansonsten scheinen die Mächtigen Kriege als eine andere Art von Sandkastenspiel zu betrachten. So hatten die Attentäter des 20. Juli vor, mit den Westmächten einen Waffenstillstand zu schließen, um den Rücken frei zu haben und die Russen nieder werfen zu können. Sie konnten sich nicht vorstellen, daß die Westmächte auf ein solches Ansinnen nicht eingehen würden. Der englische Außenminister hielt die Widerständler schon 1942 für Landesverräter; die New York Times schrieb am 9. August 1944, das Attentat erinnere eher an die "Atmosphäre einer finsteren Verbrecherwelt" statt an die, welche man "normalerweise im Offizierscorps eines Kulturstaates" erwarten würde. (» 20. Juli 1944).

Nun war aber nach dem Zweiten Weltkrieg die Sache eindeutig. Deutschland hatte verloren. Die weltpolitische Lage entwickelte sich jedoch schnell weiter und führte zur Ausbildung der beiden Blöcke und zum Kalten Krieg. Zuvor arbeiteten die Alliierten jedoch noch einmal zusammen:

In der Moskauer Erklärung vom 30. Oktober 1943 beschlossen die Alliierten, alle an den Kriegsverbrechen des 2. Weltkrieges Beteiligten und dafür Verantwortlichen zu verfolgen, festzunehmen und vor Gericht zu stellen. Die Prozesse sollten jeweils in den Ländern stattfinden, in denen diese Verbrechen verübt worden waren; die Verfahren gegen die deutschen Hauptkriegsverbrecher wollten die Alliierten selbst und gemeinsam durchführen. Nach der Kapitulation Deutschlands einigten sich die vier Alliierten - USA, UdSSR, Großbritannien und Frankreich - am 8. August 1945 im Londoner Abkommen auf die juristischen und organisatorischen Grundlagen und schufen den Internationalen Militärgerichtshof zur Durchführung der Prozesse. Mit der gerichtlichen Strafverfolgung der NS-Verbrechen wollte man nicht nur die Täter zur Rechenschaft ziehen, sondern auch neue Maßstäbe setzen für das Zusammenleben der Völker; man wollte verhindern, dass sich Ähnliches je wiederholen könnte. [...]

Die Nürnberger Prozesse dauerten nahezu ein Jahr; am 30. September und am 1. Oktober 1946 verkündete das Gericht die Urteile. Es ergingen zwölf Todesurteile [...]; drei Angeklagte erhielten lebenslängliche Freiheitsstrafen [...], vier wurden zu Haftstrafen von unterschiedlicher Dauer verurteilt [...], drei wurden freigesprochen [...].

Die Gestapo, die SS einschließlich Sicherheitsdienst und die politische Leitung der NSDAP wurden zu verbrecherischen Organisationen erklärt; keine verbrecherischen Organisationen waren laut dem Nürnberger Urteil die SA, die Reichsregierung sowie Oberkommando und Generalstab der Wehrmacht.
» Die Nürnberger Prozesse

Da die Reiter der SA angehörten, war die Sache damit klar. Susanne Hennig führt weiter aus:

Rechtsanwalt Georg Böh(n)[m], Verteidiger für die SA im Nürnberger Prozeß, beleuchtet in seinem Schlußplädoyer ausführlich auch die Reiter-SA. Sie habe stets eine Sonderstellung innerhalb der SA eingenommen. Laut Prozeßdokumentation führt Böhm vor Gericht aus: "Nach dem eindeutigen Ergebnis der Beweisaufnahme besaß die Reiter-SA während der ganzen Zeit ihres Bestehens eine weitgehend organisatorische Selbständigkeit. Die Ziele, Aufgaben und Tätigkeiten der Reiter-SA waren nicht politisch, sondern beschränkten sich auf Pferdesport, Pferdezucht und Pferdehaltung. In der eingehenden Beweisaufnahme vor der Gerichtskommission ist es der Staatsanwaltschaft nicht gelungen, der Reiter-SA irgend eine Beteiligung an irgendwelchen Verbrechen gegen den Frieden oder gegen die Menschlichkeit nachzuweisen.[...]

Unter solchen Umständen ist es nicht verwunderlich, daß die NS der Weg, wie die Beweisaufnahme ergab, den NS-Reiterkorps mit großem Mißtrauen gegenüberstand. Angehörigen der Reiter-SA wurde die Aufnahme in die NSDAP verweigert, weil die Tätigkeit in der Reiter-SA nicht den Nachweis der politischen Zuverlässigkeit bedeutete."
Soweit Anwalt Böhm.

Auch Generalsoberst Heinz Guderian, vor Kriegsausbruch als Chef der Schnellen Truppen auch Vorgesetzter der Kavallerie, sieht - im Nürnberger Prozeß befragt - keinen Zusammenhang zwischen der Wehrmacht und der Reiter-SA bzw. dem der SA unterstellten nationalsozialistischen Reiterkorps. Seine Zeugenaussage im Wortlaut: "Zwischen der Deutschen Wehrmacht und dem NS-Reiterkorps bestand keine militärische Zusammenarbeit, weder in taktischer noch in strategischer Hinsicht. Die Kavallerie der Wehrmacht führte die Ausbildung ihres reiterlichen Nachwuchses selbst durch und war auf die Mitwirkung des NS-Reiterkorps nicht angewiesen. Beziehungen zum NS-Reiterkorps wurden von seinen der Wehrmacht weder gesucht noch gepflegt." [...]

Die Rolle der Reiter-SS wird im Nürnberger Prozeß nur am Rande erwähnt. Der Militärgerichtshof klammert sie als reiterliche und turniersportliche Gruppierung von Beginn an aus dem Verfahren aus.

Im Resümee kommt der Gerichtshof zu folgendem Ergebnis. In der Prozeß Dokumentation heißt es: "Die SS wurde zu Zwecken verwandt, die nach dem Statut verbrecherisch waren. Sie bestand in der Verfolgung und Ausrottung der Juden, Brutalitäten und Tötungen in den Konzentrationslagern, Übergriffen bei der Verwaltung besetzter Gebiete, der Durchführung des Zwangsarbeiterprogramms und der Mißhandlung und Ermordung von Kriegsgefangenen. (...) Bei Behandlung der SS schließt der Gerichtshof alle Personen ein, die offiziell als Mitglieder in die SS aufgenommen waren, einschließlich aller Mitglieder der Allgemeinen SS, der Mitglieder der Waffen-SS, der Mitglieder der SS-Totenkopfverbände und der Mitglieder aller verschiedenen Polizeikräfte, welche Mitglieder der SS waren. Der Gerichtshof schließt die sogenannte Reiter-SS nicht ein." Dies bedeutet, daß die Reiter-SS als einzige Gruppe innerhalb der SS nicht zur "verbrecherischen Organisation" erklärt wird.
a.a.O., Seite 118

Selbstverständlich haben sich Reiter im Krieg als Soldaten betätigt. Ob man sie deshalb als schuldig bezeichnen kann, ist allerdings sehr die Frage. Auch hier neigt die Autorin zu einer Verurteilung, wo doch ein Freispruch vorliegt:

Wenngleich die SS-Reiterstürme nachweislich nicht mit dem Verbrechen der Nationalsozialisten in Verbindung gebracht werden, so sind doch manche Reiter als ranghohe SS-Offiziere in die Greueltaten der Nazis mehr oder weniger stark verstrickt. Zwei Beispiele: Waldemar Fegelein, Derby-Sieger von 1939 und Bruder von Hermann Fegelein (Das Ende,  Ausgabe  336), führt ein SS-Reiterregiment in der Sowjetunion und gehört zu in zahlreichen Schlachten erfolgreichen SS-Kavallerie-Division "Florian Geyer". Der Dressur-Mannschafts-Olympiasieger von 1936, Hermann v. Oppeln-Bronikowski ist ab 1940 Mitglied im Stab des Generals der Schnellen Truppe und unter anderem für die Umrüstung der noch bestehenden Kavallerie-Divisionen in Panzerdivisionen zuständig. Ab 1941 ist die Ostfront sein Einsatzgebiet. Er übernimmt verschiedene Kommandos und wird mehrfach für seine militärischen Erfolge ausgezeichnet. 1945, im Alter von 46 Jahren, gerät denn amerikanische Gefangenschaft. Zwei Jahre später wird er als "Kriegsverbrecher" beschuldigt und verhört. Es kommt jedoch nicht zur Verurteilung, Oppeln v. Bronikowski wird als "unschuldig" entlassen. Er bereitet später die kanadischen Springreiter auf die Olympischen Spiele von Tokio vor.
a.a.O., Seite 119

Unerhört! Da wird der Mann beschuldigt und nach dem Verfahren als unschuldig entlassen. Frau Hennig meint jedoch, daß er "unschuldig" sei, in ihren Augen also schuldig. Das ist in meinen Augen üble Nachrede und Rufschädigung. Da die FN dieses Buch herausgegeben hat, muß sie ihren Teil der Verantwortung für diese Art nachträgliche Verurteilung, auch im Falle Gustav Raus, übernehmen.


Vornholz


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Für die Zeit nach dem Kriege war Gustav Rau zweifellos sehr wichtig. Er war aber kein Sportler, er war kein Züchter, er war kein Trainer. Die großartigen Erfolge, die kurze Zeit nach dem Kriege bereits wieder verzeichnet werden konnten und die Gustav Rau auch noch miterlebte, wurden von anderen Leuten vorbereitet und errungen.

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Otto Lörke (Fanal, r.), Willi Schultheis (Pernod)
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Ida, Josef, Clemens, Georg v. Nagel
Vornholz - Wiege des Turniersports

Die eigentliche Wiedergeburt des deutschen Turniersports erfolgte jedoch nicht in Aachen, sondern in Westfalen. Der 1909 geborene Pferdezüchter Clemens Freiherr v. Nagel-Doornick, Hausherr der im 17. Jahrhundert errichteten Wasserburg Vornholz, einige Kilometer südlich von Warendorf, hatte die Kriegsjahre als Landstallmeister des polnischen Gestüts Racot erlebt. In die Heimat zurückgekehrt, verpflichtete er Willi Schultheis und Otto Lörke als Dressurausbilder.

Bereits 1946 knüpft v. Nagel Verbindungen zu den Offizieren der Besatzungsmächte. Mit diplomatischem Geschick ringt er den Briten die Erlaubnis für die Ausrichtung eines großen Turniers ab. Seine Pläne, den Pferdesport im Herzen Westfalens zu beleben, sprechen sich im Windeseile herum. Als im Herbst 1947 Schloßpark und Turniergelände ihre Pforten öffnen, kommen statt der erwarteten 8.000 Besucher über 20.000. Gemeinsam mit den Deutschen starben Offiziere aus Großbritannien, den Niederlanden, Polen, Belgien und Frankreich. Die Gräben, die der Krieg zwischen den Nationen gezogen hatte, werden im Pferdesport zu einem Gutteil in Vornholz geschlossen.

Dieses erste große internationale Turnier markiert den Beginn einer beispiellosen Entwicklung. Vornholz wird in kürzester Zeit Hochburg des Leistungssports. Nicht nur die Dressurerfolge der Reiter Otto Lörke, Willi Schultheis und Ida Freiin v. Nagel, Schwester des Hausherrn, ziehen die Aufmerksamkeit auf sich. Auch die Vornholzschen Zuchtprodukte zählen schon bald zu den besten der Welt.
a.a.O., Seite 125

In diesem Zusammenhang muß der Angloaraber Ramzes unbedingt erwähnt werden:

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Ramzes, bedeutender Linienbegründer
Der bildschöne Ramzes, der sein Springvermögen von seinem Vater Rittersporn xx geerbt hatte, welcher der polnischen Armee zahlreiche ausgezeichnete Turnierpferde lieferte, war bereits jahrelang als Beschäler eingesetzt worden, ehe er von 1945 bis 1947 in den Besitz der Besatzungsmächten gelangt und unter einem polnischen Kavallerie-Offizier Erfahrungen im Springsport sammelt.

1948 kann ihn Clemens v. Nagel erwerben. Mit sicherem Blick für die Qualität des Hengstes nicht nur in der Zucht, sondern auch im Sport stellt er den Hengst Hans-Heinrich Brinckmann zur Verfügung. Brinckmann, seit 1947 in Vornholz, gewinnt acht schwere Springen mit Ramzes und begründet einen kleinen Springstall. So erhält Vornholz als Dressurhochburg und Wiege der klassischen Reiterei ein weiteres leistungssportliches "Standbein".
a.a.O., Seite 126/127

Der Alleingang v. Nagels ist ein ebensolcher Glücksfall für die deutsche Pferdezucht und den deutschen Pferdesport wie das Engagement Gustav Raus. Ansonsten sind die Verhältnisse verworren, wie man sich leicht denken kann. Überall bilden sich Initiativen, alle wursteln nebeneinander her und teilweise sogar gegeneinander. Es soll noch lange dauern, bis wir zur einheitlichen Organisation kommen, die jetzt das runde Jubiläum feiern konnte.

Gustav Rau, der schon 1924 die Gründung der Vereinigung der ländlichen Reit- und Fahrvereine vorangetrieben hatte, setzt sich auch nach dem Krieg für die Ausbildung an der Basis sein. Diese hatte während der Kriegsjahre stark gelitten. Viele Reitlehrer versahen ihren Dienst an der Front, junge Männer wurden eingezogen, Wettbewerbe und Turniere fanden kaum statt. Um das Vereinsleben und den Turniersport zu aktivieren, gründet Gustav Rau Ende der 40er Jahre den "Gesamtausschuß der ländlichen Reit- und Fahrvereine".
a.a.O., Seite 131


Verden


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Im Zweiten Weltkrieg spielten Pferde eine noch geringere Rolle als im Ersten; trotzdem kamen 1,3 Millionen Pferde im Krieg um. Allerdings war auch die Zucht stark angekurbelt worden. Deshalb gab es bei Kriegsende Pferde "beinahe im Überfluß". Angesichts der Ernährungsprobleme wundert es nicht, daß vor allen Dingen in den Städten Pferdefleisch ausnahmsweise begehrt war.

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Pferdeeinsatz Ende der 40er Jahre
Zugleich steigt der Bedarf an Reit- und Zugtieren. Treibstoff ist bis Ende der 40er Jahre knapp, das öffentliche Verkehrsnetz zum Teil zerstört. Das Pferd wird besonders auf dem Lande zum wichtigsten Transportmittel.

Pferde sind wertvoller als Geld, sie werden gehortet und als Tauschobjekt benutzt. Die Pferdezucht hat Hochkonjunktur. Und dennoch werden Ende der 40er Jahre gewichtige Stimmen laut, die den Landwirten empfehlen, die Zucht zu verringern, da die Technisierung und Mechanisierung in allen Bereichen das Pferd als Reit- und Zugtieren schnell verdrängen werde.

Insbesondere der Direktor des Amtes für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten der Bizone, Schlange-Schöningen, führe, so kritisiert Gustav Rau, einen " Feldzug gegen das Pferd", das den "Landwirt auffresse und durch den Trecker ersetzt werden müsse".

Auch der Kieler Landwirtschafts-Experte Prof. Dr. Bade erklärt in der Zeitung "Die Welt", daß die Trizone 500.000 Pferde zu viel habe, und deren Ersatz durch Traktoren die Ernährung von eineinhalb bis zwei Millionen Menschen sicherstellen würde.

Energisch und unerbittlich bemühen sich Gustav Rau und H. W. v. Warburg, Geschäftsführer des Zentralverbands für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts, in Zeitschriftenartikeln, jene "Gegner" des Pferdes zu widerlegen. Wie viele Pferdezüchter kann und will sich auch Rau nicht vorstellen, daß das Pferd seine Bedeutung verlieren wird.
a.a.O., Seite 131

In dieser Hinsicht, so sollte sich in wenigen Jahren herausstellen, hat sich Gustav Rau grandios verrannt. Andererseits wissen wir heute, daß die Pferdezucht als solche wieder zu enormer Blüte gelangt ist. Und das ist unter anderem auch das Verdienst von Hans-Joachim Köhler.

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Helga Köhler, Attaché, Köhler, Page
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Hans-Joachim Köhler, Helga, geb. Gohde
Als der 1917 in Rostock geborene Sohn des mecklenburgischen Landstallmeisters Hans Köhler im November 1949 die erste Reitpferde-Auktion der Nachkriegszeit in der Fachschule für Reit- und Fahrausbildung in Verden ausrichtet, ahnt wohl niemand, daß Verden der größte Warmblut-Auktionsplatz der Welt werden wird. Die Anfänge freilich sind eher bescheiden. Den Kaufinteressenten aus Deutschland und der Schweiz werden nur 28 Pferde vorgestellt, von denen 18 zu einem Durchschnittspreis von 1.900 Mark einen neuen Besitzer finden.

Aber schon einige Jahre später macht Köhler, der die erfolgreiche Springreiterin Helga Gohde heiratet, als freier Mitarbeiter des Hannoveraner Zuchtverbandes den Auktionsplatz Verden zu einem florierenden Absatzzentrum. Mit sicherem Instinkt für Marketing und Kundenbetreuung ausgestattet, weckt er das Interesse von Pferdekäufern aus der ganzen Welt. "Zwischen Nerz und Loden" wird zu seinem Otto. Köhler wird es in der Folgezeit hervorragend verstehen, die Interessen der bäuerlichen Aufzüchter mit denen des Spitzensports und des Kapitals zu verbinden.

Fünf Jahre nach der Premiere feiert die Verdener Versteigerung ein kleines Jubiläum. Zur zehnten Auktion strömen mehrere tausend Gäste, viele aus dem Ausland, in die festlich geschmückte Niedersachsenhalle. 61 Pferde werden zu einem Durchschnittspreis von 2.820 Mark veräußert. Die Preisspitze wechselt für 8.700 Mark in einen belgischen Dressurstall.
a.a.O., Seite 133

Zwar war die Zucht im Osten praktisch zerstört, im Westen jedoch noch weitgehend intakt. Die heute noch florierenden "Marken" Hannoveraner, Oldenburger, Holsteiner, Westfalen, Württemberger produzieren ihre damals noch etwas unterschiedlicheren Reitpferde, Wirtschaftspferde und Wagenpferde; im Rheinland dominiert das Kaltblut, anderswo gibt es Warmblutzuchten auf Oldenburger und Holsteiner Basis. Die Ostfriesen züchten das schwerste deutsche Warmblut, das als Wagenpferd berühmt ist.


Helsinki


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Heinz Pollay auf Adular
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Ida v. Nagel auf Afrika
An den Olympischen Spielen 1948 in London durfte Deutschland nicht teilnehmen. Immerhin nahmen über 4.000 Athleten Teil, darunter fast 400 Frauen. Zwar gehörte Großbritannien zu den Siegermächten, aber die Lebensmittel waren 1948 noch rationiert.

Es gab dort übrigens einen kleinen Skandal, der ein bißchen an die zeitgenössischen Doping-Skandale erinnert.

Schweden gewann Gold in der Mannschafts-Dressur. Ein Jahr später wurde dieser Sieg aberkannt. Die Schweden hatten gegen die Regeln verstoßen.

Damals durften nämlich nur Offiziere und Herrenreiter teilnehmen. Sie hatten aber nicht genug Spitzensportler dieser Couleur, und deshalb ließen sie sich etwas einfallen. Für die Dauer der Olympischen Spiele beförderten sie einen Feldwebel zum Leutnant. Der junge Unteroffizier soll später mit der Soldatenmütze statt mit Offizierskappe geritten sein, und irgend jemandem ist das aufgefallen. Peinlich. So ging die Goldmedaille nachträglich an Frankreich.

Die nächsten Olympischen Spiele sollten in Helsinki stattfinden. 1949, nach der Währungsreform, stabilisierte und normalisierte sich das Leben. Fast alle großen Plätze richteten wieder Turniere aus, neue Veranstaltungen kamen dazu. Am Sonntag konnten die Aachener über 35.000 Zuschauer begrüßen. Das Olympiade-Komitee machte sich Hoffnungen auf eine Teilnahme an den Spielen in Helsinki und schrieb einige Prüfungen auf olympischem Niveau aus.

Diese gingen fast vollständig an den Stall Vornholz. Sieben von sechs plazierten Pferden waren aus der Zucht und dem Besitz v. Nagels, ausgebildet von Otto Lörke. Ida v. Nagel gewann mit sattem Vorsprung auf dem von Lörke ausgebildeten Fanal, der fast 70jährige Lehrmeister errang mit Chronist den zweiten Platz. Willi Schultheis mit Pernod xx und Heinz Pollay auf Lodi xx nahmen die nächsten Plätze ein.

Im Juni 1950 wurde das Nationale Olympische Komitee provisorisch vom IOC als Mitglied aufgenommen. Und erstmals beteiligt sich ein deutscher Reiter an einem internationalen Turnier im Ausland. Der alte Dressurmeister Felix Bürkner reist nach London und gewinnt mit Zigeunerbaron die Dressurprüfung. Auf Wunsch der Turnierleitung zeigte er eine Musikkür, begleitet von Hermann Linkenbach, Mannschafts-Olympiasieger Dressur von 1928.

Die Vorstellung Bürkners begeistert nicht nur das minutenlang applaudierende Publikum, sondern auch den Herzog von Beaufort. Er bittet den inzwischen 67-jährigen deutschen Spitzenausbilder in die königliche Loge, um ihm persönlich für die Darbietung zu danken. Der Weltreiterverband FEI teilt die Freude über Bürkners Auftritt in London allerdings keineswegs. Auf dem Jahreskongreß in Paris wird eine Entscheidung der Föderation an, ob Deutschland wieder in die FEI aufgenommen werden soll, erneut vertagt. Entsprechend des Reglements steht die FEI auf dem Standpunkt, daß Bürkner als "wilder Reiter" in London am Start war. Er wird vom FEI-Präsidenten disqualifiziert.
a.a.O., Seite 135

Als Vorbereitung auf die Olympischen Spiele galt das Turnier in Rom 1952. Allerdings enttäuschten die deutschen Reiter, denen der warmherzige Empfang wohl buchstäblich zu Kopfe gestiegen war- so viel gesellschaftliches Treiben waren die Deutschen nicht gewohnt. Diese Prüfungen auf internationalen Parkett zeigten ganz deutlich, daß das Niveau in Deutschland noch sehr zu wünschen übrig ließ. In Deutschland ritt man noch mit 400 Metern pro Sekunde, während in Rom 500 Meter gefragt waren.

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Fritz Thiedemann auf dem legendeären Meteor
Nur Fritz Thiedemann konnte mit Meteor einigermaßen mithalten. 1950 und 1951 hatte er mit Meteor und Original Holsatia das Derby gewonnen, aber in Rom reichte es nur für mittlere Plazierungen. Die Aussichten für Helsinki sahen also nicht gut aus. Diese Situation kennen wir ja nun schon: Deutschland weit abgeschlagen, quasi chancenlos, um dann zu einem ganz großen Erfolg auszuholen. In den nächsten fünfzig Jahren sollte sich dieses Muster noch mehrfach wiederholen.

Zunächst wurde trainiert. Obwohl manche den Start der Springreiter in Helsinki für aussichtslos hielten, wurde auf der Anlage des Deutschen Olympiade-Komitees in Warendorf ein olympiareifer Parcours angelegt. Fast die Hälfte der 46 Reiter konnte den Parcours nicht beenden und schied nach Stürzen oder Verweigerungen aus. Hans Günter Winkler erreichte mit 31 Fehlerpunkten immerhin noch Platz vier.

Fritz Thiedemann holte mit Meteor und Original Holsatia Platz eins und zwei und zeigte, daß der Parcours zu bewältigen ist. Er siegte auch in der Dressur auf dem Vornholzer Vollblüter Chronist xx und wurde mit Ida v. Nagel und Heinz Pollay für die Olympischen Spielen nominiert. Auch Käthe Franke, in den zwanziger und dreißiger Jahren als Springreiterin sehr erfolgreich (Dressururteile,  Ausgabe  332), sowie Hermann v. Oppeln-Bronikowski bewiesen ihre Klasse mit den Plätzen vier und fünf.

Die Dressurprüfung leidet unter dem patriotische Vorgehen der Richter und den unterschiedlichen Ansichten der Jurymitglieder über den richtigen Reitstil. Die fünf Richter aus der Schweiz, Schweden, Frankreich, Belgien und den Niederlanden bewerten diejenige Leistung jeweils am höchsten, die der Dressurauffassung des eigenen Landes entspricht. So setzt der Schweizer Richter Thommen die eidgenössischen Reiter auf Platz eins, zwei und vier, sein schwedischer Kollegekönig rangiert "seiner" Reiter an erster, zweiter und dritter Stelle, und auch der Franzose Challan vergibt die höchste Punktzahl an einen Landsmann. Mit der deutschen Dressurequipe verfährt die Jury recht streng. Heinz Pollay, als einziger deutscher Reiter schon 1936 bei Olympischen Spielen dabei, zeigt mit dem siebenjährigen Adular eine nahezu fehlerfreie Prüfung, in der besonders die Stärken in der Galopparbeit meisterlich zur Geltung bringt. Gustav Rau schreibt: "Die Vorführung löste beim Publikum zunächst fühlbare Ergriffenheit, dann jubelnden Beifall aus. Das Pferd erhob sich über jede Erdenschwere, indem es Schönau unschöner wurde. Der Reiter schuf sein Kunstwerk die von höchste Befähigung getragen." Mit dem siebten Platz schneidet Heinz Pollay als bester Deutscher auf dem Viereck ab. Über die Leistung Ida v. Nagels auf dem zehnjährigen Afrikaner erzielen die Richter am wenigsten Einigkeit. Die Platz liefern reichen vom 5. bis zum 15. Rang. In der Gesamtwertung belegt sie den 10. Platz. Der dritte Reiter der Equipe, Fritz Thiedemann, gibt auf dem ebenfalls zehnjährigen Vollblüter Chronist sein bestes und plaziert sich mit nur minimalen Fehlern am 12. Stelle. Diese drei Ergebnisse sich an den deutschen Team die Bronzemedaillen hinter den siegreichen Schweden und den Franzosen. Einzelgold gewinnt mit Henry St. Cyr ebenfalls ein Schwede.

[...] nur ein einziger der 52 Reiter den ersten Umlauf des Nationenpreises fehlerfrei gemeistert hatte: Fritz Thiedemann auf Meteor. Thiedemann hatte den springgewaltigen Holsteiner Meteor in den Wochen vor den Olympischen Spielen geschont und allen Einladungen zu Turnieren standhaft widerstanden. Im zweiten Umlauf macht Meteor zwei Flüchtigkeitsfehler, so daß Thiedemann mit vier weiteren, jeweils mit acht Fehlerpunkten belasteten Reitern im Stechen über sechs Hindernisse, darunter eine dreifache Kombination, um die Medaillen kämpfen muß. [...] Thiedemann rangiert auf dem Bronze Rang hinter dem Franzosen Pierre Jonqueres d'Otiola und dem sie lehnen Oscar Cristi.

In den Tagen von Helsinki errichtet Fritz Thiedemann sich selbst ein Denkmal. Als erster deutscher Olympiareiter startet er nicht nur in zwei Disziplinen, sondern gewinnt auch noch in der Dressur und im Springen jeweils eine Medaille. Diese herausragende Leistung wird keinen zweiten deutschen Reiter gelingen - bis zum heutigen Tag zumindest nicht. [...]

Die Spiele von Helsinki und insbesondere die Leistungen Meteors festigen einmal mehr den Ruf des Holsteiners als bedeutendes Springpferd. Die drei Holsteiner widerlegen all jene, die behauptet hatten, die deutschen Springpferde seien im internationalen Vergleich nicht schnell genug. Helsinki markiert den Beginn einer knapp zehnjährigen beispiellosen Erfolgsgeschichte. Meteor und Thiedemann werden zu Volkshelden, nicht nur in beider Heimat Holstein. Kein Pferd wird quer durch alle Bevölkerungsschichten so geliebt wie dieser hellbraune Wallach, der im Laufe seiner Karriere 150 Springen gewinnt, kein Reiter genießt soviel Popularität und Sympathie wie der bescheidene und immer korrekte, in über 500 Prüfungen siegreiche Landwirt Fritz Thiedemann. Die Medien, Fernsehen wie Zeitungen, verehren und bewundern das Paar. Wenn der kräftigen Meteor mit seinen 13 Zentnern wie eine Feder durch den Parcours schnellt, geschmeidig und auf den Punkt gehorsam, dann können sich selbst jene nicht dieser Faszination entziehen, die dem Reitsport ansonsten nicht viel abgewinnen. Die Erinnerung an Meteor als Inbegriff des athletischen Hochleistungssportlers bleibt in den Köpfen der Menschen, auch wenn Halla und Hans Günter Winkler in den folgenden Jahren die größeren Triumphe gelingen. Heute ehren noch eine Bronzestatue vor dem Kieler Landwirtschaftsministerium und eine Gedenktafel in Elmshorn diese Pferde-Legende aus dem Land zwischen den Meeren.
a.a.O., Seite 138


Hans Günter Winkler


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» Fritz Thiedemann (1918 - 2000) war als Soldat in den 40er Jahren schon Schüler von Otto Lörke. Hans Günter Winkler ist ein Mann der Nachkriegszeit. Ende der 40er Jahre ritt er während seiner Lehre als Textilkaufmann auf kleineren Turnieren in Hessen und zeigte Talent. Dr. Gustav Rau, zu dieser Zeit Landstallmeister in Dillenburg, erkannte das Talent und fragte Winkler, ob er eine Stute ausprobieren wolle.

Das war die damals fünf Jahre alte Halla. Sie stammte von einem Traberhengst ab, ihre Mutter war ein französisches Halbblut unbekannter Herkunft. Halla war als Zwei- und Dreijährige auf der Rennbahn ausprobiert worden, aber nicht mit Erfolg. Ich ritt sie die beiden Qualifikationen in Bad Hünfeld und Bad Harzburg und nahm am Olympiavorbereitungslehrgang im Gestüt Dillenburg teil. [...]
a.a.O., Seite 155

So fing das also mit ihm an. Und auch hier wieder hatte Gustav Rau die Finger im Spiel. Bei den Olympischen Spielen in Helsinki war Hans Günter Winkler dann doch nicht dabei, obwohl er sich vorher gut geschlagen hatte. Ein anderer Reiter hatte Protest eingelegt, Winkler sei Berufsreiter. Und die waren bei den Olympischen Spielen nicht zugelassen. Andere Reiter kamen mit Halla nicht klar. Sie galt daher als untauglich.

Im Jahr 1953, ein Jahr nach Helsinki, wurde die erste Weltmeisterschaft im Springsport ausgetragen.

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Fritz Thiedemann, Holsteiner Diamant
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General Franco gratuliert
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Winkler und Halla: Weltmeister 1954
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Helga Köhler auf Armalva
Für die deutschen Springreiter beginnt eine neue Ära. Innerhalb weniger Monate sichern sie sich ihren Platz an der Weltspitze. Die atemberaubend steile Erfolgsgeschichte ist wiederum eng verbunden mit Gustav Rau.

Mit sicherem Blick für Talente baute der inzwischen 72-Jährige am Deutschen Olympiade-Komitee eine neue Generationsspringreiter auf. Rau holte Hans Günter Winkler nach Warendorf und betraut Magnus von Buchwaldt, Helga Köhler, Alfons Lütke Westhues, Gustav Rolf Pfordte, Kurt Capellmann, um nur einige zu nennen, mit einer Vielzahl von internationalen Einsätzen. [...]

Sportlicher Höhepunkt des Jahres 1953 ist die Weltmeisterschaft-Premiere der Springreiter in Paris. Die als "Weltfest des Pferdes" angekündigte Mammutveranstaltung über sieben Tage mit zahlreichen Springprüfungen im Prinzenpark-Stadion verfolgen rund 200.000 Menschen. [...]

Elf Nationen entsenden ihre Teams nach Paris - er