Das Gründungsjahr der FN, mit deren Geschichte wir uns in dieser Reihe beschäftigen, ist 1905. 1930 konnte man also ein silbernes Jubiläum feiern. Der "Reichsverband für Zucht und Prüfung deutschen Warmbluts", wie sich der Verein inzwischen nannte, erklärte dieses Jahr zum "Jahr des Pferdes". Damals wurde die Aufteilung des Reitabzeichen ist in drei Klassen erstmals eingeführt: Bronze, Silber, Gold.
Wie heute noch, werden die ersten beiden Leistungsklassen durch Prüfungen erworben, während das goldene Reitabzeichen verliehen wird. Im Jahre 1930 bestehen knapp 2000 Kandidaten die Prüfung zur Grundklasse, 270 erwerben das silberne Reitabzeichen, 8 mal wird das goldene verliehen (Susanne Hennig: 100 Jahre FN).
| Im "Jahr des Pferdes" soll sich, so wünscht sich der Reichsverband, Reiten zum Volkssport entwickeln. Erreichen will man dies mit preiswerten Reitkursen für alle Schichten der Bevölkerung an den Tattersalls der Städte, mit der Gründung neuer Reitervereine in den Zentren wie auf dem Lande sowie mit Reitunterricht an den höheren Schulen. Den Absatz der deutschen Pferde sollen Verkaufsmärkte in den Zuchtgebieten, teils am Rande der Turniere veranstaltet, die große Verkaufschau in Aachen mit rund 500 deutschen Pferden sowie umfangreiches Werbematerial in Form von Prospekten und Broschüren fördern. a. a. O., Seite 74 | | |
Auch das mutet merkwürdig modern an. Genau da sind wir wieder angekommen. Die FN hat im Jahr des hundertjährigen Jubiläums den Breitensport entdeckt und gerade ein riesiges Turnier veranstaltet ( 100 Jahre FN / Breitensport). Nur die Tattersalls sind verschwunden, dafür haben wir jetzt jede Menge Pferdeflüsterer. Selbst die wirtschaftlichen Schwierigkeiten gleichen sich, aber Gott sei Dank gibt es gewaltige Unterschiede in den politischen Verhältnissen.
Trotz der schlechten ökonomischen Situation gestaltet sich das Jubiläumsturnier in der Berliner Messehalle am Kaiserdamm zu einem "gigantischen Erfolg". Damals wie heute arbeitet man mit "wertvollen Preisen" sowie "staatlichen Preisgeldern", die die besten deutschen Reiter sowie zahlreiche ausländische Equipen nach Berlin "locken".
Die Italiener hatten mit der neuen Reitmethode des Rittmeisters » Federico Caprilli über Jahrzehnte hinweg die Springplätze dominiert. Freiherr v. Langen war es gelungen, in Rom die Italiener zu schlagen. Im Jubiläumsjahr traten sie zum Nationenpreis "Coppa d'Oro Mussolini" allerdings gar nicht erst an.
| Teilnehmer Graf Görtz schreibt in seinem Bericht über das 9tägige Turnier: "Die Hindernisse sind die schwersten, die ich in zwanzigjähriger Praxis bislang erlebt habe. Dabei sind 90 Prozent fest und nur bei schweren Fehlern der Pferde fallend. (...) Bei manchen Hindernissen hielten wie es nicht für möglich, daß ein Pferd überhaupt drüber kommen könnte. So bei den Grabenkombinationen, wenn der Graben 4,75 Meter breit und die Tripplebare darüber 1,50 Meter hoch und 2,25 Meter breit war. Und das Erstaunlichste von allem war, daß eigentlich die meisten Pferde gut herüberkamen. (...) Eine Unmenge Stürze, an einzelnen Tagen bis zu 24, sind bei so schweren Hindernissen kein Wunder, aber sie verliefen alle harmlos."
Die Tage in Rom werden zu einem weiteren Triumph der italienischen Reiter, die fast alle Hauptspringen mit Weile gewinnen. Die drei Deutschen Hanns Koerfer, Graf Wilhelm Hohenau und Graf Rudolf Görtz gehen leer aus. In keinem einzigen Springen sehen sie Chancen, die forsch reitenden italienischen Offiziere auf ihren springgewaltigen, schnellen Vollblütern zu schlagen. In der sicheren Erkenntnis, daß sie auch in der allerschwierigste Prüfung, dem Nationenpreis "Coppa d'Oro Mussolini" scheitern, verzichten sie auf einen Start. a. a. O., Seite 74 | | |
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