
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Außengalopp Von › Werner Popken
In dieser Woche habe ich mich mit dem Buch Physiotherapie und Massage bei Pferden beschäftigt. Nun gibt es eine ganze Reihe von Büchern zu diesem Thema auf dem Markt. Deshalb war ich daran interessiert, die Besonderheiten dieses Buches herauszuarbeiten. Ich bin zu dem Schluß gekommen, daß dieses Buch sich an einen engen Kreis von Fachleuten wendet.
Aber nach längerer Lektüre stelle ich fest, daß dieser Schluß möglicherweise nicht richtig ist. Um diese Sinneswandlung nachvollziehbar zu machen, zitiere ich aus Teil 2, Kapitel "Kommunikation und Entspannung".
| Schubkraft und Entspannung
Die Entwicklung von Schub aus der Hinterhand manifestiert sich an zwei Punkten, nämlich dem Hüftgelenk und dem lumbosakralen Gelenk. Das Gewicht des Reiters belastet das lumbosakralen Gelenk. Man muß daher die allmählich Entwicklung der Schubkraft bei jungen Pferden anstreben, indem man in zwei Schritten vorgeht. Erstes Ziel ist das Trainieren der Beweglichkeit des Hüftgelenkes durch Arbeit in fleißigem Tempo, im Gleichgewicht und ohne Überforderung. Dieses Training kann sich über mehrere Monate hinziehen. Es beinhaltet die dynamische Beteiligung des Abdomens ohne eine wesentliche Verkürzung der Muskelfasern (eher isotonische Arbeit).
Nachdem dieser Muskelaufbau abgeschlossen ist, empfiehlt es sich, die ersten aktiven dorso-lumbalen Beugungen durch Verkürzung der geraden Bauchmuskeln und des Bauchmuskelgurtes im allgemeinen zu fördern (isometrisch konzentrierte Arbeit: Muskelfaserverkürzung).
Im Trab beteiligt sich der Bauchgurt tatsächlich nur an der isometrischen Aufrechterhaltung des abdominalen Fundus. Sobald man diese Beteiligung aktiviert, wird die aktive Phase der muskulären Verkürzung ausgelöst, die die dorso-lumbale Beugung verursacht (Verbesserung der Hinterhandaktivität, Versammlung).
Nun spürt der Reiter, wie das "Kreuz" des Pferdes "unter seinem Sattel durchgleitet". Der Schritt gewinnt an Takt, wird leichter, das Pferd richtet sich auf. Für das Pferd bedeutet diese sehr aktive Beteiligung der abdominalen Strecker eine intensive Anstrengung. Diese Anstrengung kann der Grund für eine erhebliche Ermüdung und sogar eine Myositis des M. iliopsoas beim jungen Pferd sein. Ein Großteil des Training sollte im Freien stattfinden, um so die Ausbildung der Bauchmuskelgurtes zu fördern (insbesondere beim Bergabreiten im Schritt). Diese Arbeit sollte lieber öfters in kleinen Reprisen gefordert werden, statt zu lange und unregelmäßig.
Im Galopp ist die Beugung der Hüfte bei einem aktiven und ausgeglichenen Galoppsprung normalerweise mit einer Beugung des Lendenwirbelbereiches verbunden. Die Bauchmuskeln sind in konzentrischer Kontraktion mit einer Prädominanz der schiefen Bauchmuskeln auf der Hand, auf der das Pferd gerade galoppiert. Dies erklärt unter anderem die Schwierigkeit des Außengalopps, der die simultane Verkürzung der kontralateralen schiefen Bauchmuskeln erfordert, während gleichzeitig die geraden Bauchmuskeln und der M. iliopsoas die Neigung und die Beugung der Hüfte aufrechterhalten.
Aus diesem Grund braucht ein junges Pferd auch eine gut ausgebildete Bauchmuskulatur, bevor es diese Aufgaben erfüllen kann. Andernfalls wird es im Außengalopp eine steife und schmerzhafte Oberlinie beibehalten. Zu viele Pferde traben oder galoppieren in dieser übermäßig ökonomischen Abwehrhaltung, die mit künstlichen Bewegungsabläufen in der Vorhand und einer steifen, starren Hinterhand einhergeht. Seite 84 | | |
Natürlich wissen gute Pferdeausbilder und gute Autoren von all diesen Problemen und Schwierigkeiten, ohne vielleicht im einzelnen über das entsprechende anatomische Wissen zu verfügen. Auf der nächsten Seite geben die Autoren unter der Überschrift "Pathologie des Rückens - Prävention von Schäden" eine Reihe von Tips, um dann schließlich unter der Überschrift "Schulterherein - Schultervor" auf einen Großmeister der Pferdeausbildung zurückzugreifen:
| Das Schulterherein nach La Guériniére steht für eine neue Etappe in der Ausbildung der Bewegungsmuskulatur des Pferdes. Dieser Reitlehrer hat die Bedeutung der lumbal-abdominalen Beugung für das Schulterherein entdeckt, das sich durch die Verkürzung der Bauchmuskeln mit Prädominanz des M. obliquus internus abdominis einstellt. Bei der Prävention von Wirbelsäulenerkrankungen kann das Schulterherein gewissermaßen als das "Aspirin" des Pferdes betrachtet werden. Oder führt die Rehabilitation der Bauchmuskeln etwa nicht gleichzeitig zur Behandlung von Lumbalgien! La Guériniére vergißt dabei nicht die Risiken, die damit verbunden sind, nämlich daß der Reiter "nachgibt", anstatt Antriebsimpulse zu geben, und schreibt daher: "wenn ein Pferd sich verweigert, muß man diese Lektion vorübergehend aufgeben und zu einem schwungvollen, beherzten Trab zurückkehren."
Steinbrecht legt ebenfalls die Notwendigkeit der ungezwungenen, offenen Bewegungen dar, bevor man das Pferd geraderichtet und zum nächsten Schritt übergeht. Da es heute kaum mehr die kurzrahmigen Pferde des 18. Jahrhunderts gibt, versteht es sich, daß das Schulterherein dem Schultervor nachfolgen muß, um die längeren Rückenmuskeln aufzulockern. Auf biomechanischer Ebene ist es tatsächlich so, daß die Stärkung des Bauchmuskelgurtes mitzunehmender Länge des Rückens immer wichtiger und heikler wird.
Im übrigen steht laut Handler Lessing (Wien) fest: "Die Pferde mit langem und schwachem Rücken neigen dazu, unter ihrer Last nachzugeben, das heißt, sie tragen das Gewicht des Reiters nicht mit den Muskeln, sondern mit der Wirbelsäule. In Folge der daraus resultierenden Schmerzen tendiert das Pferd zum Ausweichen nach vorn, aber die Hinterhand kann nicht folgen, der Rücken senkt sich noch mehr, Kopf und Hals sind so aufgerichtet, daß sich das Pferd jeder Zügelführung widersetzt."
Das Schultervor paßt sich aus zwei Gründen gut der Gymnastizierung des Schulterherein an. Es dient der Geraderichtung zur Auslösung der lumbal-abdominalen Beugung und fördert die progressive Längsbiegung zur Erhaltung der Beweglichkeit. Seite 85 | | |
Mein Tip für diese Woche: Überlegen Sie einmal, ob die Investition von 50 EUR und nicht abzuschätzender Zeit und Energie für die Lektüre dieses Werkes und die Umsetzung der daraus gewonnenen Erkenntnisse nicht vielleicht eine sinnvolle, vielleicht sogar notwendige Maßnahme darstellen.
Wie für die Heilkunde gilt sicherlich auch für die Reiterei, daß viel mit Einfühlungsvermögen und Instinkt erreicht werden kann. Wissen hat allerdings kaum jemals geschadet. Und wenn man Probleme hat, könnte der Weg des Wissens ein Weg des Auswegs sein.
Vor ein paar Wochen habe ich die Videoreihe der Lektionen von Rudolf Zeilinger besprochen (Die Schule des Pferdes Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5). Dort werden die relevanten Sachverhalte aus der Sicht des Praktikers beschrieben; "fleißig" ist eine der häufigsten Vokabeln in diesen Filmen, vor Überforderung wird ständig gewarnt. Auch die fünfmal 50 EUR für diese Videos sind vermutlich gut angelegt.
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