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Selbstportrait 08/2004
 
 
Kennen und erkennen
Von   Werner Popken

Das Buch dieser Woche heißt Wenn Pferde sich offenbaren . Dieser Titel suggeriert, daß Pferde sich unter Umständen offenbaren, in kostbaren Momenten. Die Frage wäre also: was muß der Mensch tun, damit das Pferd sich mitteilt, sich offenbart, um vom Menschen erkannt zu werden.

Dabei ist es vermutlich eher so: Die Pferde offenbaren sich ständig, nur können wir Menschen diese Offenbarungen nicht deuten. Es gilt also nicht, die Pferde zu etwas zu bringen, sondern vielmehr die Deutung zu lernen. Dabei trifft der Autor Klaus Ferdinand Hempfling eine sehr wichtige Unterscheidung, nämlich die zwischen "kennen" und "erkennen" (Seite 62).

Ein Pferd zu erkennen ist etwas anderes, als ein Pferd zu kennen. Man kann ein Pferd nur dann wirklich kennen, wenn man es zuvor erkannt hat. Doch das geschieht leider viel zu selten. Ein Mensch, der sein Pferd nicht zuvor erkannt hat, kann Jahre mit ihm sein, ohne es zu kennen. Ich habe leider die Erfahrung machen müssen, daß es kaum Pferdemenschen gibt, die ihre Pferde tatsächlich kennen. Wie kann das sein?

Ganz einfach: Es ist wie bei den Menschen. In aller Regel haben wir Vorstellungen und Bilder in uns, Wünsche und sentimentale Illusionen. Einem Menschen, dem wir begegnen, stülpen wir nur allzu leicht diesen "undurchdringlichen Kleister" über. Wir sehen nicht wirklich, wir wollen nicht wirklich sehen und erkennen, wer und wie der andere in Wahrheit ist. Wir wollen nur zu gerne unsere Vorstellungen und Bilder in die Realität verpflanzen und benutzen Menschen und Wesen, die dann genaugenommen in unserem Sinne agieren sollen. Menschen wie Tiere wehren sich zwar dagegen, aber solche Zustände können sich über Jahre oder Jahrzehnte aufrechterhalten - wenn auch quälend und unbefriedigend. Am Schluß steht dann nicht selten das große Schweigen und die Einsamkeit in einer nur äußeren Gemeinschaft oder eben der endgültige Bruch. Dazwischen herrscht zumeist Unverstehen. Mann und Frau, Mensch und Pferd, Schüler und Lehrer, Eltern und Kinder - sie sind zwar zusammen, aber nicht miteinander!

So viele Menschen haben miterlebt, wie sich Pferde auf wundersame Weise allein dadurch sichtbar veränderten, ja gesundeten, daß ich laut und deutlich das ausgesprochen habe, was ich in dem Wesen gesehen und erkannt habe. Allein dies wirkt zuweilen wie eine Befreiung.

Sehen Sie: Hempfling zielt auf die Substanz. Er fragt Sie nicht nur nach Ihrem Verhältnis zu Ihrem Pferd, sondern auch nach Ihrem Verhältnis zu Ihrem Lebenspartner, Ihren Kindern, Eltern, sonstigen Mitmenschen.

Es bedarf gewaltigen Mutes, sich unerschrocken den wichtigen Fragen zu stellen. Niemand, auch Hempfling nicht, ist mit einem solchen Mut auf diese Welt gekommen. Ich bin sicher, er hat sich oft gewaltig verrannt und schwer gelitten, um so radikal fragen zu können.

Nun wollen Sie natürlich wissen, wie Sie Ihr eigenes Pferd erkennen können - das mit den Menschen lassen wir mal außen vor. Können Sie sich schon vorstellen, wie das geht? Seite 63:

Was braucht es, um ein Pferd wirklich erkennen zu können?
1. Die Anbindung des Subjekts, des eigenen Erlebens:

Ein Wesen zu erkennen setzt voraus, daß man sich vor allem über sich selbst erst einmal in wichtigen Grundzügen im Klaren ist. Wie soll ich ein anderes Wesen erkennen können, wenn ich von mir selbst kaum etwas weiß? Wenn ich selbst eigentlich nur eigenen Bildern und den Bildern der anderen, der Zeitströmung und deren Klischees folge? Darum ist es nötig, daß Sie versuchen, immer tiefer in Ihre eigenen persönlichen Erlebnisstrukturen einzudringen. Versuchen Sie die Furcht zu besiegen, die so manchen Blick in die Tiefe zu verhindern trachtet. Und versuchen Sie dann, Ihrem Gegenüber, sei es nun Pferd oder Mensch, die gleichen Chancen zu geben. Das bedeutet, daß Sie sich erneut so gut es geht öffnen müssen, um bei Ihrem Gegenüber zu sehen, was ist, und um zu verhindern, nur das zu sehen, was Sie eigentlich im Gegenüber gerne sehen wollen. [...]
2. Das Erkennen des Gegenübers:
Lerne wirklich zu beobachten! In meinen Veranstaltungen mache ich gelegentlich folgendes kleines Experiment. Ich bitte meine Gäste, die Augen zu schließen und sich den Partner, das eigene Pferd oder einen guten Freund im Gedächtnis vorzustellen. Das Ergebnis ist oftmals erschreckend. Da verbringen Menschen viele Jahre miteinander und sind kaum in der Lage, den anderen wirklich zu beschreiben. Sie können nicht mehr wahrnehmen, beobachten, sie können nicht mehr aus ihrer eigenen Haut. Ein Freund von mir war inzwischen 20 Jahre mit seiner Frau verheiratet. Immer trug er einen Vollbart. Er fuhr allein in Urlaub und rasierte sich den Bart ab - nur noch den Schnäuzer ließ er stehen. Als ihm seine Frau bei der Heimkehr die Tür öffnete, schaute sie ihn lange an. Dann sagte sie erstaunt: "Meine Güte, du hast dir ja einen Schnäuzer stehen lassen." Die Geschichte ist leider wahr. [...]
3. Brücke und Vertrauen:
Wenn Sie die ersten beiden wichtigen Schritte geleistet haben, dann vertrauen Sie sich selbst. Ein Pferd zu erkennen geschieht im Grunde in wenigen Sekunden. Gerade der erste Eindruck ist so wichtig! Das, was Zeit braucht, sind die Erlebnisse und die Erfahrungen zuvor. Da gilt es, Sicherheit zu erlangen, Kenntnisse zu erwerben und verkrustete Strukturen aufzubrechen. Im "Ernstfall" aber geht dann alles ganz schnell. Sie sehen ein Pferd und im selben Augenblick schon haben sie es in seiner ganzen Tiefe erkannt. Es steht vor Ihnen wie eine Geschichte, wie ein Palast mit vielen Räumen, in dem Sie wandeln und den Sie erkunden können. Ohne diese Sicherheit, ohne dieses Erkennen macht alles Zusammensein mit Pferden für denjenigen, der Wirklichkeit erleben will, überhaupt keinen Sinn.

Mit anderen Worten: Hempfling will die volle, pralle Wirklichkeit, ohne jegliche Abstriche. Er will sich nicht in die Tasche lügen, sich nicht betäuben, sich nichts vormachen. Ein solches Leben macht für ihn keinen Sinn.

Mein Tip für diese Woche: Denken Sie einmal über diese Position nach! Was ist das Leben für Sie? Was bedeutet Ihr Pferd für Sie? Haben Sie Ihr Pferd erkannt? Machen Sie sich etwas vor oder erleben Sie die volle Wirklichkeit, so wie sie wirklich ist?




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