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Bericht Zum Thema Jagdreiten · Rezension: Wenn sich Pferde offenbaren
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 233.03 der Pferdezeitung vom 14.09.03
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Hempfling, Klaus Ferdinand

Wenn sich Pferde offenbaren
Von der ersten Begegnung bis zum Freund fürs Leben
Alle Pferde der Welt in 26 Charaktergruppen
Individuelle Beschreibungen und präzise Arbeitsanleitung

ca. 450 Farbfotos, gebunden, 204 Seiten
Stuttgart, März 2003 · Kosmos Verlag, Stuttgart
ISBN 9783440092361


26,90 EUR      Bestellen


Der Verlag sagt über das Buch:
Klappentext

Wenn sich Pferde offenbaren
Von der ersten Begegnung bis zum Freund fürs Leben


Das präzise Erkennen eines Pferdes in nur wenigen Sekunden, seine Verwandlung danach in den wenigen Minuten der ersten Begegnung und die behutsame Überleitung hin zur Boden- und Reitarbeit sind die Basis und das Herzstück der Arbeit von Klaus Ferdinand Hempfling.

Doch worin liegt das Geheimnis seiner Arbeit und ist das überhaupt zu lehren und zu lernen? Warum offenbaren sich in die Pferde in kürzester Zeit?

Die Antwort finden Sie in diesem Buch. Es wirft Licht auf die Fragen, die immer mehr Pferdemenschen so dringlich stellen: Wie erkenne ich mein Pferd wirklich? Wie kommt es zu einem tiefen Verstehen? Und wie kommt es zu einer Freundschaft, die ein Leben lang anhält?

Einzigartig: Die Einteilung aller Pferde Typen in 26 Charaktergruppen

  • Von außen nach innen und wieder zurück
    Pferde kennen, heißt Pferde erkennen!
  • Das Spiel der 26 Karten
    Wie Pferde sich offenbaren
  • Immer und immer wieder!
    Die ersten Begegnung
  • 96 Charaktere, 96 Wege
    Wie man Pferde richtig formt

Klaus Ferdinand Hempfling war und bleibt der Vorreiter für neue Ideen im Umgang mit dem Pferd. Sein Erstlingswerk "Mit Pferden tanzen" machte ihn zu "Europas profiliertestem Pferdeflüsterer" (ARD), zum "Auflagenkönig und Guru der Reitszene" (Reiter Revue). Das Buch wurde zu einem internationalen Best- und Longseller. Heute lehrt Hempfling in seiner Akedah-Schule in Dänemark die Prinzipien des ursprünglichen, den Urquellen verhafteten Lebens vor dem Hintergrund des mythologischen und realen Pferdes.





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W. Popken im Fenster
Selbstportrait 08/2004
 
 
Meine Meinung zu dem Buch:
von   Werner Popken

Seit längerer Zeit schon habe ich den Eindruck, daß die Pferdeszene einen neuen Impuls verdient hat. Mit den Worten "neuen Impuls" beziehe ich mich implizit auf das erste Buch Klaus Ferdinand Hempflings (Mit Pferden tanzen, Stuttgart 1993), das die Menschen bis heute bewegt.

Der Verlag verweist mit Recht auf dieses Phänomen. Selten einmal hat jemand neue Ideen, noch seltener werden diese aufgegriffen und extrem selten wirken diese auf einzelne Menschen oder gar breite Massen so nachhaltig.

Hempflings Impuls hat bis in die extrem konservativen Strukturen der FN gewirkt. Dabei ist und war er stets sehr umstritten. Hat Hempfling überhaupt etwas zu sagen? Manche Leute bestreiten das. Zitate aus Amazon-Rezensionen:

  • hat mit pferden nur bildmässig etwas zu tun. bunte fotos in schöner sonne und sonst nur leere, was pferde wirklich angeht
  • Hempfling hat viele schöne Gedanken, die das Verhältnis Mensch-Pferd heute beleuchten. Er philosophiert, und das sicherlich recht nett. Reiten lernen kann man damit jedoch nicht, als Reitlehre ist das Buch in jedem Fall untauglich.
  • Die ersten 70 Seiten schreibt er nur "über dieses Buch" und was er so alles tolles kann - dann ein paar nette Bilder und zweifelhafte Theorien - seine Message hätte man auch auf einer DINA4 Seite unterbringen können - enttäuschend - wie leider die meisten Bücher über diese Theme - nichts in der Praxis verwendbares, auf das man nicht auch mit gesundem Pferd- Menschenverstand kommen könnte.

So einfach, wie diese Rezensenten es sich machen, ist es meiner Meinung nach nicht. Das zeigt schon simple Logik. Wenn alles, was Hempfling seinerzeit verbreitet hatte, so offensichtlich gewesen wäre, hätte man sich einerseits nicht darüber aufregen müssen, andererseits hätte sich alle Welt diese Erkenntnisse bereits zu eigen gemacht und Hempfling hätte nichts entdecken können, nichts zu schreiben gehabt.

Man kann deshalb umgekehrt den Schluß ziehen, daß die Leute, die sich über Hempfling aufregen, seine Bücher nicht verstanden haben oder nicht verstehen wollen, weil sie sich in der Substanz angegriffen fühlen. Hempfling zielt nämlich auf die Substanz, auf das Eigentliche. In der Rezension des Buches Gelassenheit habe ich im Grunde auf Hempfling zurückgegriffen, als ich mich über die vorgeschriebene Führposition mokiert habe.

Dabei handelt es sich ganz eindeutig nicht um Philosophie, sondern um Verstehen. Selbstverständlich schreiben auch die Offiziellen der FN das Verstehen sehr groß, aber wie man sieht, scheren sie sich nicht darum. Ich halte mich bei dieser Einzelheit etwas auf, weil sie simpel genug ist und man die Richtigkeit der Einsicht Hempflings jederzeit und unmittelbar überprüfen kann.

Hempfling wirkt also neben der offiziellen Pferdewelt vorwiegend auf diejenigen Pferdemenschen, die den Freizeitreitern zugerechnet werden. Das ist nachvollziehbar. Die Pferdekultur hat sich aus der militärischen Kultur entwickelt. Es gibt eine relativ gerade Linie von der Domestizierung des Pferdes bis zur heutigen internationalen offiziellen Reiterkultur, die in den Mitgliedsländern durch die FN vertreten wird. Man darf nicht erwarten, daß ein Außenseiter in diese geschlossene Welt einbrechen kann.

Meines Erachtens handelt es sich um einen ausgesprochenen Paradigmenwechsel. Anfang der siebziger Jahre hat der amerikanische Philosoph Thomas Kuhn ähnliche Phänomene in der Wissenschaft untersucht und dabei festgestellt, daß diese einem bestimmten Muster unterliegen (The Structure of Scientific Revolutions, 1962).

Zunächst entsteht innerhalb der herrschenden Lehrmeinung ein gewisses Unbehagen, weil die Theorie die Praxis nicht vollständig beschreibt. Außerhalb des etablierten Wissenschaftsbetriebes entsteht dann möglicherweise irgendwann eine neue Theorie.

Sie kann definitiv nicht innerhalb des Wissenschaftsbetriebes entstehen, weil dieser die Tendenz hat, sich selbst zu stabilisieren. Daher richtet er alle Anstrengungen darauf, die Schwächen der herrschenden Theorie zu vertuschen. Neues kann in dieser Situation nicht entstehen.

Der oder die Außenseiter, die diesen Zwängen nicht unterliegen, finden selbstverständlich mit ihrer neuen Theorie beim etablierten Betrieb kein Gehör. Im Gegenteil: sobald man dort die Außenseiter nicht mehr ignorieren kann, werden sie bekämpft. Wenn das nicht mehr hilft, versucht man, die neue Theorie zu verwässern und in die alte Theorie einzubauen, um letztere zu reparieren.

In diesem Sinne kann man die Anstrengungen der FN, den Breitensport zu fördern, unter anderem durch Veranstaltungen wie die Gelassenheitsprüfung, als Versuch sehen, die neuen Tendenzen unter Kontrolle zu bekommen. Selbstverständlich darf man niemandem böse Absicht unterstellen. Alle Beteiligten handeln stets reinen Herzens.

Oft ist die ganze Angelegenheit auch ein Generationenproblem. Erst, wenn die alte Generation weggestorben ist, kann sich die neue Theorie durchsetzen (Paradigmenwechsel). Und dann beginnt der ganze Zyklus wieder von vorn.

Man sieht daran: es ist ein Machtproblem. Wer die Macht hat, wird sie um jeden Preis verteidigen. Beispiele für diesen Vorgang sind z. B. die Entwicklung der Relativitätstheorie durch Albert Einstein oder die Theorie der Plattentektonik durch Alfred Wegener. Wegener ist gestorben, bevor seine Theorien anerkannt wurden; Einstein hat immerhin seinen großen Triumph erlebt.

Der Siegeszug Hempflings muß im Zusammenhang mit einer Reihe von anderen Autoren gesehen werden, die sich etwa zur selben Zeit zu Wort gemeldet haben: Monty Roberts, Pat Parelli, Linda Tellington-Jones, um nur einige zu nennen. Alle diese Autoren hatten großen Erfolg. Danach gab es die zweite Generation von Autoren, die sich auf die erste Generation berufen; in diesem Lande gehören zum Beispiel Geitner oder Welz dazu.

Die neuen Ideen in Bezug auf Pferde sind sogar in der Literatur dargestellt und anschließend verfilmt worden. Heutzutage ist der Begriff Pferdeflüsterer in den deutschen Sprachschatz eingegangen und wird von jedermann verstanden, selbst wenn er nichts mit Pferden zu tun hat.

Inzwischen ist in weiten Kreisen Ernüchterung eingekehrt. Man hat erkannt, daß weitgehend alter Wein die neue Schläuche gefüllt wurde. Die Methoden von Roberts oder Parelli, um nur zwei herauszugreifen, sind letzten Endes ähnlich brutal wie die, die man vorher schon kannte. Oder andersherum gesagt: so brutal, wie Roberts und Parelli behaupten, sind die alten Methoden gar nicht gewesen. Jedenfalls nicht in den Ländern Europas mit hochentwickelter Pferdekultur.

Deshalb konnten Leute, die sich auf die klassische, höfische Tradition berufen, mit gewissem Recht behaupten, daß Hempfling nichts Neues sagte. Dabei haben diese Leute, so fürchte ich, ebenfalls nicht genau genug hingeschaut. Ich erinnere mich an den ersten Film von Hempfling, der höchst erstaunliche Taten dokumentierte. Man sah die Ergebnisse, verstand aber nicht, wie Hempfling das zuwege brachte.

Das Ärgerliche für die alten Hasen war die Tatsache, daß Hempfling erst in reiferem Alter mit Pferden in Berührung kam und nach drei Jahren bereits sein erstes Buch darüber schrieb. Dieser Mann konnte doch nun mal keine Ahnung haben, oder?

Hinzu kamen nach meiner Vermutung noch gewisse Vorurteile, die sich aus der Lebensgeschichte und der Person Hempflings, insbesondere seines beeindruckenden Äußeren, herleiteten. Hempfling wirkte über die Sinne und weniger über den Verstand. Seine Sprache war oft verquast, an präzisen Anweisungen mangelte es. Überdies wirkte er fast immer vom Boden aus, während die Leute doch reiten wollten.

Einige eingesessene Fachleute beschwerten sich hinter vorgehaltener Hand, Hempfling sei als naiver Fragesteller aufgetaucht und habe sie schlichtweg beklaut; eigentlich seien es ihre Ideen, mit denen er jetzt reich werde. Auch hier vermute ich, daß diese Leute Hempfling nicht ganz verstanden haben. Im übrigen hat jeder irgendwo gelernt, niemand hat etwas vollkommen neu erfunden.

Nun ist es bereits zehn Jahre her, daß das erste Buch erschienen ist und diese ungeheuerliche Wirkung hatte. In der Zwischenzeit war Hempfling nicht untätig. Er ist oft in der Öffentlichkeit aufgetreten, er hat weitere Bücher geschrieben, er hat Seminare abgehalten, er hat sich in Spanien etabliert, man munkelte, er sei in die Hände einer Sekte gefallen; nun lesen wir, daß er in Dänemark tätig ist und dort die Akedah-Schule gegründet hat, was immer das ist. Überraschung! Die Web-Seite, die angeblich weitere Auskunft geben soll (www.Hempfling.com), ist eine Baustelle.

Hempfling begegnet uns auf dem Titelblatt als junger, schöner Mann, wie er 1993 der weiten Öffentlichkeit bekannt wurde, mit phantastischer Frisur, einem schicken Schnurrbart und in unnachahmlicher Bewegung. Auf dem Vorsatzblatt ein Foto neueren Datums. Immerhin ist Hempfling jetzt 46 Jahre alt. Dieses Foto ist demgegenüber gesetzter. Die Haare sind kurz geschnitten, der Schnurrbart ist zum Vollbart erweitert.

Aber das ist es nicht, was mich merkwürdig berührt: denn Hempfling schaut über den Betrachter hinweg in die Ferne. Früher hat man ihn immer von der Seite gesehen, bezogen auf das Pferd. Hempfling scheint eine Vision zu haben und diese zu fixieren. Sein Gesichtsausdruck ist offen, deutet für mich aber auch auf erfahrenes Leid hin. Nun, das geht uns nichts an, auch ein Hempfling darf ein Privatleben haben.

Gleich daneben der Abschnitt "Zum Geleit", ein Zitat aus seinem zweiten Buch "Die Botschaft der Pferde". Darunter ein Foto von Hempfling in freier Natur, quasi in Denker-Position, auf dem Rücken seines Pferdes Janosch, welches ungezäumt und ungesattelt ist. Hempfling ist hier wieder der Jüngling. Merkwürdig.

Die Bücher, die Hempfling in der Zwischenzeit geschrieben hatte, haben vermutlich keine große Wirkung gehabt. Ich persönlich fand sie unerheblich, um das Urteil in einem Wort zusammenzufassen. Das kommt vor: ein Autor spricht sich in einem einzigen Werk aus, welches eine ungeheure Wirkung hat, während der Rest untergeht. Wie beurteile ich das neue Buch?

Dieses Buch knüpft an das erste Buch an. Auffällig viele Fotosequenzen aus den frühen Arbeiten spielen eine zentrale Rolle. Hempfling besinnt sich sozusagen auf seine frühen Erfolge und bequemt sich endlich, diese zu erklären. Er verzichtet nach wie vor auf Ghostwriter, hat aber vielleicht einen guten Lektor gehabt, denn die Sprache ist durchaus genießbar, ohne den eigenen Klang zu verlieren.

Hempfling streicht heraus, welche großartigen Leistungen er damals bereits unter Beweis gestellt hat, ohne die Kritiker zu vergessen. Im wesentlichen erklärt er seine Erfolge durch eine andere Einstellung dem Pferd gegenüber. Im Lichte der oben skizzierten Mechanismen ist es Vorbedingung für den "Revolutionär", daß er nicht durch die Schule des etablierten Betriebs gegangen ist. Hempfling kann sich zugute halten, daß er seinen Weg gefunden hat, obwohl er sich bei den Experten schlau gemacht hat.

Nun ist das Geheimnis nicht nur eine Einstellung dem Pferd gegenüber, weil diese nicht isoliert eingenommen werden kann. Es handelt sich um eine Lebenseinstellung. Menschen mit einer solchen Lebenseinstellung würden niemals Turniere gewinnen können. Dazu müßten sie nämlich ihre Pferde unter Umständen zu etwas zwingen, was diese normalerweise nicht gern tun würden. Zwang jedoch ist Hempfling ein Greuel und verträgt sich nicht mit seinem Respekt vor der Würde des Tieres.

Darüber hinaus würde Hempfling keine Turniere reiten wollen, weil ihm diese Art oberflächlicher Triumphe bedeutungslos ist. Es mag sein, daß hierin eine neue Erkenntnis liegt. Hempfling schien durchaus nicht immun gegen die Verlockung weltlicher Erfolge.

Auf Seite 44 faßt Hempfling seine Überlegungen in einer Grafik zusammen, in der die Worte "Ohnmacht-Ängste-Selbstbehauptung-Begierden" die Basis, das Wort Macht die Spitze der Pyramide bilden.

Macht also, wie subtil oder vordergründig sie auch immer sich ausdrücken mag, ist das Ziel und die erwünschte Konsequenz allen Handelns.

Daß das nicht funktioniert, erkennt der Mensch erst dann, wenn er wirklich äußere Macht zu haben scheint. Wenn er einen riesigen Lottogewinn nach Hause trägt oder einen großen Posten bekleidet. Denn der Wunsch, noch mächtiger zu werden, endet damit nicht. Wohl aber kommt die Angst, das Erreichte wieder zu verlieren. Wie groß auch die vermeintlichen Macht ist, die Ängste und das Gefühl verbleibender Ohnmacht bleiben in diesen unbewußten Strukturen Sieger.

Anschließend zeigt er zum wiederholten Male, diesmal anhand einer Sequenz aus dem schon erwähnten Film im Militärgestüt von Barcelona, daß er in seiner Arbeit mit den Pferden niemals auf Macht setzt.

Denn erst in der Überwindung der Angst als solcher, in der dann notwendigen Hingabe an das Leben und in dem Verzicht auf vordergründigen Macht und auf vordergründigen Bedürfnisbefriedigung liegt Harmonie. Dazwischen ist nur Chaos.


Dem Autor und dem Menschen Klaus Ferdinand Hempfling geht es also um das Leben. Das Pferd dient, nicht nur nach Meinung Hempflings, in besonderer Weise als Spiegel und ermöglicht den Menschen, wichtige Erfahrungen in Bezug auf ihre eigene Entwicklung zu machen, anders und effektvoller als jeder andere Tierart. Seite 46:

Das Pferd "lockt" also den Menschen in eigentümlicher Weise, Macht auszuüben. Der Drang in jedem Menschen, sich durch offene oder versteckte Macht zu versichern, wird sozusagen "angefacht" und "potenziert". Und nicht selten bekommt man ja den Eindruck, als seien die Reiter wirklich davon überzeugt, daß das Pferd die Strafen in der Tat "verdient" hätte.

Darum also die so seltsame Verwandlung vieler Zeitgenossen, sobald sie mit Pferden etwas erreichen, etwas darstellen wollen.

Das Pferd testet und prüft uns. Und wer nicht wirklich innerlich sehr gefestigt ist, der erliegt der Gefahr, Dinge zu tun und zu denken, Empfindungen und Emotionen zu entwickeln, die nur noch erschrecken können. Die Mißhandlung der Pferde ist geduldeter Bestandteil unserer modernen Gesellschaft.

Wir wollen und müssen das Pferd lenken. Tun wir das nicht, ist nicht nur jeder Umgang mit ihm unmöglich, er ist auch extrem gefährlich. Die Verführung liegt dann in der Oberflächlichkeit des Führen- und Lenkenwollens. Mit erschreckender Unsanftheit wird erzwungen, was der sich selbstbewußte Mensch durch innere Klarheit geschenkt bekommt. Dieses "lockende", dieses "verführende" Element ist in vielen Urkulturen der Schlange zugeordnet. Verblüffend ist auch folgende Parallele: Das Pferd im Spanischen heißt caballo. Das kommt im antiken Wortstamm von cava, die Höhle. In der Höhle aber lebt das Pferd nicht. Ganz im Gegenteil, es lebt in den Weiten der Steppe.

Im spanischen Wort für Pferd liegt das innere Wesen dieses Tieres verborgen. Oftmals drücken alte Wortstämme etwas aus, was im Inneren eines Begriffes verborgen liegt. Hier ist es das Wesen des Tieres aus der Höhle, der Schlange, des Schattigen. Das erste Tier, das in der Bibel vorkommt, ist die Schlange - mit ihren verführenden Zügen. Und die Urdarstellungsform des Pferdes in unseren Urkulturen ist ebenfalls die Schlange. Unsere Vorfahren, die Kelten, bildeten das Pferd in aller Regel mit einer einfachen Linie ab, mit einer unmittelbar an eine Schlange erinnernde Form. Die Abbildungen zeigen das deutlich. Und gleicht nicht das versammelte, sich präsentierende Pferd in all seiner Pracht in der Oberlinie einer Schlange?


Wer schnelle Erfolge mit seinem Pferd für das nächste Turnier erreichen will, ist mit diesem Buch schlecht bedient. Er wird sich weiter mit seinem Pferd herumschlagen müssen, was ihm immer wieder willig den Spiegel vorhält. Wer sich aber menschlich entwickeln will, dürfte dieses Buch mit größtem Interesse lesen.

Ich habe den Eindruck, Hempfling habe die zehn Jahre dazu benutzt, in sämtliche Machtfallen zu tappen, die das Leben ihm zu bieten hatte. Vermutlich wird er an den Pferden schließlich abgelesen haben, wohin er sich begeben hat und was aus ihm geworden ist. Das würde erklären, warum es außer den alten Bildern nur noch ganz neue gibt (ich mag mich irren, ich habe nicht sämtliche 400 Bilder daraufhin analysiert, immerhin ist das der deutliche Eindruck nach mehrstündiger Beschäftigung mit dem Buch).

Er ist wieder zurück, er knüpft an seine alte Stärke an, die er hatte, als er noch jung und unbekannt war. Er hat selbst gewissermaßen den Lottogewinn nach Hause getragen und schließlich erkannt, daß seine Sorgen nicht kleiner geworden sind, sondern größer. Im Gegensatz zu all den anderen Glückspilzen, die ihre Erkenntnisse über die Boulevardpresse oder den Buchhandel der Menschheit vermitteln, scheint Hempfling wirklich etwas gelernt zu haben.

Er beschäftigt sich mit den großen Fragen, und wieder ist er unerschrocken wie damals, scheut sich nicht, bei jedermann anzuecken, mißverstanden zu werden, selbst in die Irre zu laufen. Natürlich schaut er auf sein Leben zurück von der Stelle aus, wo er sich gerade befindet. Weiter kann er nun mal nicht schauen. Er mag nicht die richtigen Antworten geben, aber er stellt die richtigen Fragen und weist die richtige Richtung.

Im Gegensatz zu Theoretikern untermauert er seine Erfahrungen, Gedanken und Theorien mit seinen unbestreitbaren Erfolgen im Umgang mit Pferden. Und nun endlich komme ich zum eigentlichen Kern dieses Buches, den Charaktergruppen. Hempfling faßt hier auf jeweils zwei Seiten seine Erfahrungen mit bestimmten Pferdetypen zusammen.

Da der Mann niemandem verpflichtet ist, vor niemandem Angst hat und über seine eigenen Empfindungen schreibt, kann er seine Wahrheit ungeschminkt aussprechen. Dabei geht es nicht nur darum, verschiedene Pferdetypen zu charakterisieren und in ihrem Wesen zu erfassen, sondern auch den Menschen zu charakterisieren, der zu diesem Pferd paßt und das Erlebnisspektrum zu beschreiben, das der Mensch mit diesem Pferd erleben kann.

Ich persönlich habe mit Klassifizierungen grundsätzlich Schwierigkeiten. Das ist eine für mich fremde Welt, zu der ich eigentlich gar keinen Zugang finden kann. So sind Astrologie, Homöopathie und Bachblüten für mich im Grunde unverständlich. Das hindert mich aber nicht daran, zu erkennen, daß diese Art Analyse als solche höchst interessant ist, und sie mir gespannt zu Gemüte zu führen.

Mit dieser Lektüre im Hinterkopf wird man Pferde anders wahrnehmen und beurteilen. Insofern dürfte diese Klassifizierung besonders für Pferdekäufer interessant sein. Selten einmal bezieht sich die Beschreibung vorwiegend auf Pferde einer bestimmten Rasse. Jeder Pferdebesitzer dürfte sich so seine Gedanken machen, welchem Typus wohl sein eigenes Pferd angehört.

Nach dieser Klassifizierung schiebt Hempfling ein großes Kapitel ein, das die geheimnisvollen ersten Minuten im einzelnen analysiert. In diesem Zusammenhang sind die Fotos ganz besonders wichtig und werden von Hempfling immer wieder in den Mittelpunkt des Interesses gestellt, denn daran kann man seine Körpersprache studieren.

Nun gut, wir wissen, daß Hempfling es kann. Nun haben wir gelernt, daß sich in seiner Körpersprache seine Lebenserfahrung ausdrückt, die wiederum von den Pferden gelesen werden kann und gelesen wird. Was muß man also tun, damit man so erfolgreich wird wie Hempfling?

Es reicht keinesfalls, seine Methoden oberflächlich zu kopieren. Das wäre in den Augen der Pferde eine Lüge, die die Pferde sofort durchschauen würden. Man muß, so unbequem das ist, sein Leben ändern. Da es aber insgesamt um das Leben geht und nicht etwa nur um die Pferde, lohnt es sich schon, Hempfling genauer zu studieren.

Dieses Mal gibt er sich wirklich große Mühe, dem Leser Schritt für Schritt klarzumachen, worauf es ankommt, und ihm Hinweise an die Hand zu geben, wie er in seiner täglichen Arbeit immer wieder auf die Grundlagen zurückgehen und auf der Arbeit von gestern aufbauen kann. Denn die erste Begegnung findet jeden Tag wieder neu statt.

Das letzte Kapitel beschäftigt sich speziell mit der Frage, wie man die einzelnen Pferdetypen zu einem Reitpferd machen kann. Donnerwetter! Hempfling war doch der Bodenmann! Schon bei einigen Pferden konnte man lesen, daß diese eigentlich gar nicht zum Reitpferd geeignet sind. Hempfling will das also beurteilen können.

Immerhin hat er in seinen Filmen gezeigt, daß er durchaus reiten kann. So wie er auf Janosch alleine oder inmitten einer Pferdeherde durch die Landschaft zu reiten, entspricht dem Wunschtraum vieler Menschen, wenn nicht der Menschheit überhaupt. Und damit sind wir wieder bei einer ganz natürlichen Konfliktsituation.

Hempfling will keine Turniere gewinnen. Er empfindet mit den Pferden, er will sie nicht benutzen. Die meisten Pferde werden aber nur für die Benutzung gezüchtet. Er kommt also nicht umhin, festzustellen, daß insbesondere die Warmblüter und die Quarter Horses schon genetisch geschädigt sind. Sie funktionieren für diejenigen, für die sie gezüchtet sind, sind aber innerlich mehr oder weniger tot.

Diese Art Umgang mit Pferden interessiert Hempfling nicht, im Gegenteil: er geißelt sie mit stärksten Worten. Nun wird er die Welt nicht ändern können, aber er wird das Bewußtsein vieler Menschen auf diese Mißstände lenken. Da inzwischen viel mehr Menschen Pferde außerhalb des Turnierwesens einsetzen, können diese Menschen unmittelbar von seinem Rat und seiner Erfahrung profitieren.

Ich wünsche diesem Buch noch mehr Erfolg als seinem ersten!


erschienen 14.09.03




Siehe auch die folgende Rezension:
Ausgabe 137, Hempfling, Klaus Ferdinand:  Das Schamanenpferd, Kalender 2002


· Siehe auch  Tipp 233



Hempfling, Klaus Ferdinand

Wenn sich Pferde offenbaren
Von der ersten Begegnung bis zum Freund fürs Leben
Alle Pferde der Welt in 26 Charaktergruppen
Individuelle Beschreibungen und präzise Arbeitsanleitung

ca. 450 Farbfotos, gebunden, 204 Seiten
Stuttgart, März 2003 · Kosmos Verlag, Stuttgart
ISBN 9783440092361


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