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Ein Besuch in Güterstein an einem heißen Samstag
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Bericht Zum Thema Fohlenaufzucht · Gesamttext
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 228.03 der Pferdezeitung vom 10.08.03
 Menü Hauptartikel 228
 Fohlenaufzucht 
 Marbach  Güterstein  Die Pferde
 Brennesseln  Der Hauptsattelmeister  Schwarzwälder Füchse  Berufung
Inhaltsmenü
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Braune Bäume (50% vergrößert)
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Glockenturm mit Uhr, re. Eingang zum Laufstall
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Über dem Torbogen: Jahreszahl 1818

    Fohlenaufzucht bei den Profis   
    Ein Besuch in Güterstein an einem heißen Samstag   
von   Werner Stürenburg



Diese Woche war extrem heiß. Ein Ende des trockenen Wetters ist nicht abzusehen. Einzelne Bäume oberhalb des Gestütshofs Güterstein am Rande der Schwäbischen Alb färben sich schon braun.

Das Licht ist so stark, daß die Digitalkamera die Feinheiten im Schotterweg nicht mehr fassen kann - der ist einfach nur noch weiß. Die weitläufigen Weiden rechts und links des Weges sind leer. Pferde sind nirgendwo zu sehen.

Der Bachlauf, der durch den Wasserfall oberhalb des Gestütsgebäudes gespeist wird, schlängelt sich durch die Wiesen und kreuzt die Straße, so daß beide Seiten etwas davon haben. Um Wasser braucht man sich hier also nicht zu sorgen.

Der Weg steigt leicht an, die Berge rechts und links rücken immer näher heran. Sehr viel weiter kann es nicht mehr gehen, denn die nahezu senkrechte Wand der Schwäbischen Alb ist ganz klar gegenwärtig. Teilweise sieht man am Albaufstieg die nackten Kalkfelsen, die aus dem dichten Wald herausschauen.

Von weitem schon erblickt man das wunderschöne Gestütsgebäude mit dem Glockenturm über der Einfahrt. Die Glocken sind mit der Uhr verbunden und läuten alle Viertelstunde. Der Weg führt durch das große Tor über den weitläufigen Innenhof in den Wald hinein. Dahinter erhebt sich die Alb.

Das Gestütsgebäude stammt in seiner jetzigen Form aus dem Jahre 1818. Damals entschied der regierende König Wilhelm I. von Württemberg, die Fohlen aus Bad Urach wieder in das abgelegene Tal zu bringen.

Wieder, weil bereits 1554 die damaligen Gebäude von Herzog Christoph in einen Fohlenstall umgebaut worden waren. Zwanzig Jahre hatte Herzog Ulrich im Zuge der Reformation das Kloster, das am Wasserfall erbaut worden war, aufgehoben. Sein Sohn Christoph ließ das baufällige Kloster mit zwei Kirchen abbrechen. Heute existieren nur noch einige Grundmauern rund um den Wasserfall.

Der Gestütshof war ursprünglich der Wirtschaftshof des Klosters. Während des 30jährigen Krieges brannten die Gebäude vollständig ab. 1674 bis 1676 baute Herzog Wilhelm Ludwig alles wieder auf.

1770 entschied Herzog Karl Eugen, daß es im Gütersteiner Tal für die Pferde zu kalt sei; diese wurden daraufhin im nahegelegenen Urach stationiert. König Wilhelm war anderer Meinung. Dieser Wilhelm ist uns schon einmal begegnet: im Zusammenhang mit den Arabern ( Vollblut):

Das erste Gestüt, das sich seit 1817 der Reinzucht in Europa widmete, war das Gestüt Weil, von König Wilhelm I. von Württemberg 1810 gegründet, 1932 vom Haupt- und Landgestüt Marbach übernommen.
.

Marbach


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Der Laufstall
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Jedes Pferd hat seinen Platz
Das » Haupt- und Landgestüt Marbach ist in der ganzen Welt berühmt, unter anderem wegen der Araber, die die Leidenschaft des Königs Wilhelm waren. Trotz mannigfacher Schwierigkeiten ist es gelungen, diese Araber zu bis heute zu bewahren und auf hohem Niveau zu halten. Daneben erfüllt Marbach heute die Funktion des landeseigenen Gestüts, wie es in den anderen Bundesländern auch der Fall ist.

Die Aufgaben eines Landgestüts sind heute klar definiert. Bis auf wenige Ausnahmen hat man auf die Entwicklung bzw. Weiterentwicklung einer eigenständigen Rasse verzichtet. Man züchtet das "Deutsche Reitpferd".

Dieses definiert sich über den Sport und ist im wesentlichen eine Mischung aus Hannoveranern, Westfalen, Holsteinern, Oldenburgern, die ihrerseits natürlich wieder mächtig durcheinandergemixt sind - das Englische Vollblut nicht zu vergessen.

In Marbach hat man mit Erfolg auf die Trakehner gesetzt. Wie in allen anderen Landeszuchten auch, gilt die Umzüchtung des ursprünglich an die Bedürfnisse der Landwirtschaft angepaßten Warmblüters als abgeschlossen.

Inzwischen gibt es jedoch seit 15 Jahren Bestrebungen, die ursprüngliche Rasse zu erhalten. Da die Württemberger nun zur Deutschen Einheitsrasse weiterentwickelt worden sind, hat man den "Württemberger alten Typs" Altwürttemberger getauft.

Darüber hinaus werden Hengste der Rassen Schwarzwälder Fuchs, Süddeutsches Kaltblut und Haflinger angeboten. Im Februar / März werden die Hengste auf die verschiedenen Deckstationen verteilt, im Juni / Juli kommen sie wieder zurück nach Marbach, Ende September / Anfang Oktober findet normalerweise die Hengstparade statt.

In diesem Jahr fällt die Hengstparade aus zugunsten einer Gemeinschaftsveranstaltung mit dem Asil Club e. V. Hildesheim. Die "Marbacher Sommerparade" und der internationale Asil Cup finden am 30. und 31. August statt (» Asil Cup International).

Zu Betrieb gehören verschiedene Güter: die Gestütshöfe Marbach, St. Johann und Offenhausen, die Vorwerke Hau, Fohlenhof, Güterstein, Schafhaus. Die offizielle Web-Seite des Haupt - und Landgestüts Marbach führt Güterstein folgendermaßen ein:

Das Vorwerk Güterstein liegt in einem Seitental der Erms in der Nähe Bad Urachs. Güterstein gehörte ursprünglich als Zisterzienserkloster zu Bebenhausen, später zu Zwiefalten und wurde im 15. Jahrhundert in eine Kartause für einen Prior und zwölf Brüder umgewandelt. Von den alten Klostergebäuden samt Kirche ist nichts mehr erhalten. Anstelle des ehemaligen Wirtschaftshofes steht heute der von König Wilhelm I. von Württemberg 1819/20 erbaute Gestütshof.

In Güterstein sind ein weiterer Teil der Stutfohlen untergebracht, sowie im Sommer Pensionsrinder


Güterstein


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Der Brunnen im Hofe
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Rundgebäude
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Innenansicht: es ist kein Round Pen
Die Gestütsgebäude sind ganzjährig geöffnet; es gibt sogar richtige Öffnungszeiten. Güterstein war jedoch verlassen und leer. Im ersten Stock wohnt jemand, an der Klingel ist zu lesen: Werner Tautermann, Hauptsattelmeister. Es ist niemand zu Hause.

Hinter dem Brunnen steht noch ein Haus, in dem einmal jemand gewohnt hat. Es steht offenbar schon lange leer. Wo sind die Pferde? Vor dem Hauptgebäude, links vom Weg, ist ein neues Gebäude errichtet worden. Schon von weitem erkennt man, daß es sich um ein Rundgebäude handelt.

Sollte dies ein Round Pen sein, wie man ihn vom Westernsport her kennt? Sollte das "Handwerkszeug" eines Monty Roberts Eingang in die Praxis eines deutschen Landgestüts gefunden haben?

Das würde mich noch mehr wundern, wenn ich nicht vor einigen Jahren in der Tierklinik, bei der wir Kunde waren, versteckt unter Bäumen ebenfalls ein Round Pen gefunden hätte. Warum auch nicht? Wenn etwas gut ist, kann man es doch übernehmen!

Nun war dieses Gebäude erstaunlich massiv und groß. Da wollte ich doch einmal einen Blick hineinwerfen. Und siehe da: es war kein Round Pen. Denn ein solcher ist innen leer, wie eine Manege. Hier war die Mitte abgeteilt. Das Ganze sah eher aus wie ein Laufmaschine ohne Maschine.

Ich schaute rechts am Gebäude vorbei und erblickte am Waldesrand im Schatten der Bäume etwas, das mir wie ein weißes Pony aussah. Nanu? Ich hatte Hühner gesehen, Gänse, Enten - sollte man sich auch noch Ponies halten? Warum nicht? Wenn Kinder im Haus sind?

Dann schien mir, als blinke da noch ein weiteres Pony unter den Bäumen hervor. Ich beschloß, die Angelegenheit zu untersuchen. Wenn ich schon keine Fohlenherde zu Gesicht bekommen sollte, könnte ich vielleicht ein paar Ponies fotografieren.

Je weiter ich mich der Sache näherte, desto mehr Pferde konnte ich erkennen - bald wußte ich: ich hatte die Herde entdeckt. Das machte ja auch Sinn: Es war brütend heiß. Am Tage zuvor hatte ich Pferde fotografiert, die in der sengenden Sonne grasten (siehe Poster dieser Woche:  Sommerhitze). Wenn eine Weide zur Hand war, die weitgehend Schatten bot - warum nicht in dieser extremen Wetterlage davon Gebrauch machen?

Um zu dieser Weide zu kommen, mußte ich einen Bachlauf überqueren. Glücklicherweise führte dieser wenig Wasser, es lagen auch genügend Steine in brauchbarer Größe herum, so daß ich ohne weiteres trockenen Fußes auf die andere Seite kommen konnte. Da standen die Pferde und schauten herüber, neugierig, wer sie da wohl besuchen wollte.


Die Pferde


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Die vermeintlichen Ponies
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Sehr aufmerksam: Wer kommt denn da?
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Entspannung: alle wuseln durcheinander
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Die drei Araberstuten
Die Schönheit und der Adel dieser Pferde wird in den kleinen Abbildungen natürlich nicht recht deutlich. Ich empfehle Ihnen, sich den dazugehörigen  Bildschirmschoner herunterzuladen.

Wie sich bei längerer Beobachtung herausstellte, handelt es sich bei der Herde und Stuten, wobei vermutlich bis auf drei Ausnahmen alles Württemberger modernen Typs sind. Die Ausnahmen bilden Araber, die sämtlich Schimmel werden; eine Stute ich schon ziemlich weiß, und das war vermutlich die, die ich zuerst erkannt hatte.

Auf dem ersten Foto ist diese Stute zu sehen, links dahinter eine weitere, die noch nicht ganz weiß ist. Rechts davon kann man eine Fuchsstute erahnen, links eine Braune; aber da muß man schon ganz genau hingucken.

Im Vergleich mit den Württembergern wirken die Araber natürlich sehr zierlich; meine Einschätzung als Pony ist durchaus verzeihlich. Von der Statur her können die Araber durchaus mit Connemaras verwechselt werden.

Vom Alter her schätzte ich die Stuten auf gut zwei Jahre. Die Württemberger sind schon sehr beeindruckende Tiere, mit langen Beinen, kräftigen Muskeln und großen Körpern. Zunächst kam ich mir vor wie ein Europäer in China: sie sahen einander zum Verwechseln ähnlich. Aber das ist selbstverständlich eine Täuschung, die sich bei genauer Betrachtung von selbst aufhebt.

Mir wurde das zuerst anhand der Hufe deutlich. Die Hufe des ersten Pferdes waren sehr klein, sie hatten geradezu Ponyhufgröße. Bei einem Quarter Horse hätte mich das nicht besonders verwundert. Es handelte sich aber offenbar um eine individuelle Eigenschaft, denn die Hufe anderer Stuten waren wesentlich größer.

Je näher ich die Herde kennenlernte, desto unähnlicher wurden sich die einzelnen Mitglieder. So langsam bekam ich ein Gefühl dafür, wie es sich wohl anfühlen müßte, wenn man sich professionell mit der Zucht, vor allen Dingen mit der Verbesserung, beschäftigt. Man bekommt dann ein Auge dafür und sieht sofort, welches Tier den Vorstellungen besser entspricht.

Nach einer Weile entspannte sich die Herde: ich war uninteressant geworden. Die Pferde liefen durcheinander, alles war ständig in Bewegung, und irgendwann trollten sie sich in die entgegengesetzte Richtung.


Brennesseln


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Gibt es hier etwas Leckeres?
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Kräuterwiese
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Quellwasser
Besonders hungrig schienen die Pferde nicht zu sein, aber trotzdem taten sie das, was Pferde nun einmal den ganzen lieben langen Tag tun, wenn sie nicht gerade dösen: fressen. Zwar war der obere Teil der Wiese, wo ich die "Ponies" entdeckt hatte, ziemlich zertrampelt, aber sonst gab es eine Fülle von kleinen Gewächsen und vor allen Dingen Brennesseln, diese vornehmlich jenseits des Zauns im Wald.

Und genau diese Brennesseln schienen die Pferde zu interessieren. Das fand ich bemerkenswert. Ich hatte in der Vorwoche nämlich Pit (das Pferd meiner Tochter Merle) erstmals dabei beobachtet, wie er sich freiwillig und ausgiebig an frischen Brennesseln gütlich tat (siehe Poster  Brennesseln).

Früher hatte ich schon festgestellt, daß unsere Pferde gern Brennesseln fressen, wenn sie abgeschnitten worden sind. Es dauert nach meiner Beobachtung ungefähr zehn Minuten, bis sie heranschlendern und sich über die Brennesseln hermachen. Auf jeden Fall ist am nächsten Morgen von den Brennesseln nichts mehr zu sehen. Um frische Brennesseln schienen sie immer einen großen Bogen zu machen.

Überhaupt hatte ich mich sehr gewundert. Es war in der letzten Woche schon sehr heiß, aber im Tal der Wiese am Wiehengebirge, wo Pit und Smoky (das Pony meiner Tochter Leevke) jetzt stehen, war noch genug Feuchtigkeit - normalerweise ist es dort sogar leicht sumpfig. Es gab daher auf der ganzen Wiese reichlich Stellen, wo schmackhaftes Gras wuchs.

Statt dessen trieben sich Pit und Smoky auf einer vollkommen abgegrasten Ecke herum, wo ohnehin nicht viel gestanden hatte, und suchten dort offensichtlich nach trockenem Zeug ( Rätsel). Smoky habe ich längere Zeit dabei beobachtet und fotografiert, wie er mit großem Appetit trockene Stengel frißt ( Trockenfutter).

Und nun hier in Güterstein dasselbe. Merkwürdig. Zwischendurch knabberten die Pferde natürlich an den vielen Kräutern und Bäumen - ganz entspannt und zufrieden. Wer Durst hatte, schlenderte einfach die paar Schritte hinunter zum Bach und labte sich an dem frischen Quellwasser.

Selten einmal mußte eines der Pferde einem anderen signalisieren, daß es eine Verhaltensgrenze überschritten hatte. Es wurde nicht gegiftet, es wurde nicht gejagt, es wurde nicht einmal gespielt. Nur eine kleine Bißwunde habe ich entdeckt, kaum der Rede wert.

Daraus konnte ich schließen: Diese Herde kannte sich genau, sie war stabil, die Rangordnung war geklärt und wurde nicht in Frage gestellt. So konnten sich die Pferde wohlfühlen und sich in aller Ruhe entwickeln. Wenn man auch später viel mit diesen Pferden vorhatte: dies war eine Zeit, in der der Mensch nur wenig eingriff, in der die Pferde sich selbst sozialisieren sollten.

Ich erinnerte mich an das Interview mit dem Islandpferdezüchter Kollmeyer ( Zuchterfolge). Bei dem kam das Jungvolk natürlich auch zusammen in größeren Gruppen auf die Weide.

Bei uns lernt das Fohlen den Menschen von Anfang an kennen, aber es lebt in der Herde, und da lernt es, sich unterzuordnen. Mit so einem Fohlen haben Sie später wenig Probleme.

Dieses Gestüt geht offenbar genauso vor und nutzt die Mechanismen der Natur. Ist das ein Luxus? Welcher Züchter kann seinen Pferden so etwas bieten?


Der Hauptsattelmeister


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Hauptsattelmeister Werner Tautermann
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Die Post kommt...
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Zärtliches Spiel oder soziale Interaktion?
Bis auf wenige Ausnahmen trugen alle Pferde Halfter. Ein Halfter war kaputt. War das erst kürzlich passiert? Es fehlte der Karabinerhaken. Danach hätte ich den Hauptsattelmeister Tautermann fragen können. Der war inzwischen nämlich zurückgekehrt - in der Stille konnte man das Auto nicht überhören.

Freundlicherweise erklärte sich Herr Tautermann zu einem Gespräch bereit. Wie ich mir schon gedacht hatte, standen die Pferde nicht ohne Grund auf der schattigen Wiese, auf der wegen der schlechten Lichtverhältnisse sonst kaum Gras wuchs.

Sie sollten auch bald in den Laufstall geholt werden, weil es selbst auf der Waldwiese inzwischen zu warm wurde. Spät abends sollten Sie dann auf eine normale Wiese kommen und dort die Nacht verbringen.

Im Laufstall werden die Pferde angebunden, damit sie ihren Hafer und ihr Mineralfutter ungestört fressen können. Sie werden dann auch geputzt.

Deshalb gibt es die vielen Anbindevorrichtungen im Laufstall. Die Tafeln an der Wand bezeichnen die Plätze der einzelnen Tiere.

Auf der Wiese war es gar nicht so einfach gewesen, sich einen Überblick zu verschaffen. Ich hatte mehrfach gezählt und war auf 24 gekommen; Werner Tautermann wußte es natürlich genau: 26 Pferde sind derzeit in seiner Obhut.

Normalerweise arbeitet Tautermann mit einem Kollegen zusammen, nur am Wochenende ist die Besatzung reduziert. Niemals sind die Pferde ohne Aufsicht; dazu liegt das Gut zu einsam. Wenn er mal nicht zu Hause ist, übernachtet sein Kollege dort.

Ein Teil der Herde sind Pflegepferde. Die Produktion des Hauptgestüts schwankt natürlich. Manchmal gibt es mehr Hengstfohlen, manchmal mehr Stutfohlen; im allgemeinen sind es zwischen 10 und 20 Stutfohlen.

Güterstein kann bis zu 30 Stutfohlen aufnehmen. Die freien Plätze werden durch Pflegepferde aufgefüllt, die im ersten Lebensjahr stehen und Ende August bis Anfang Oktober angeliefert werden müssen (» Fohlenpension). Im Laufe der Jahre gibt es natürliche Abgänge, so daß sich die Gruppestärke vermindern kann.

Der tägliche Ablauf ist wohlgeregelt und wird nur selten abgewandelt. Wenn die Haferration verzehrt ist, werden die Pferde losgebunden. In der Mitte des Laufstalls werden 8-10 Ballen Heu verteilt, eventuell auch Silage.

Im Winter kommen die Pferde ins Rondell, damit man den Laufstall säubern kann und die Pferde mal was anderes sehen. Daher also dieses merkwürdige Gebäude, das seinem Nutzungszweck offenbar vollkommen angepaßt ist.

Eine Wiese wäre im Winter zu schade; sie wäre schnell ruiniert. Anders sieht es aus, wenn Frost herrscht und Schnee liegt. Dann kommen die Pferde auch im Winter auf die Weide. Tautermann weiß, daß Kälte den Pferden nichts anhaben kann: "Nur Zugluft ist schädlich." Deshalb interessiert mich, wie die Aussage von Herzog Karl Eugen zu verstehen ist, der "fand, daß es im Gütersteiner Tal für die Pferde zu kalt sei".

Der Hauptsattelmeister hält es für möglich, daß es heute im Winter nicht mehr so kalt ist wie damals. Er vergleicht die Verhältnisse seiner Kindheit mit denen der letzten 20 Jahre, als es keine richtigen Sommer und keine richtigen Winter mehr gegeben hatte. Heutzutage ist die Kälte jedenfalls kein Thema mehr.


Schwarzwälder Füchse


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Schwarzwälder Fuchshengste
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Tordurchfahrt, Stalleingang, Wohnungseingang
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Brunnen vor ehemaliger Schänke
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Gleich neben dem Eingang gibt es einen kleinen Stall mit mehreren vergitterten Einzelboxen. Darin hielt ein ziemlich großer Hund undefinierbarer Rasse Wache - ein Schild warnt vor dem Hund - und kläffte drohend ob des ungebetenen Besuchs.

Zwei Schwarzwälder Fuchshengste waren bei diesem schönen Wetter eingesperrt. "Die kommen heute abend auch raus. Die sind schon so alt, die vertragen die Hitze nicht mehr so gut."

Die beiden waren im Deckeinsatz auf der Station Aach-Linz in Pfullendorf, Lkr. Sigmaringen. Der vordere der beiden hat erkennbar einen mächtigen Kamm.

Ich wunderte mich darüber, daß das Landgestüt 18 Hengste der Rasse Schwarzwälder Fuchs anbietet. "Die Füchse gehen gut, bei den Haflingern geht die Nachfrage zurück."

Wir plauderten ein bißchen über die Renaissance des Kaltbluts, die bekanntlich in meiner Gegend durch die Schriftleitung der Fachzeitschrift "Starke Pferde" (siehe  Der Bestand) und durch die alle zwei Jahre stattfindende PferdeStark auf dem Gelände des Freilichtmuseums Detmold gefördert wird ( PferdeStark).

Da erfahre ich, daß in Pliezhausen bei Reutlingen jährlich die "Fuhrmannstage" mit Wettbewerben im Pflügen, Ziehen, Holzrücken usw. stattfinden. Es sieht so aus, als müßte man sich um die Kaltblüter auch keine Sorgen mehr machen.

Der Bedarf von Güterstein wird durch den Gestütshof St. Johann gedeckt, der auf der Alb liegt und 50 Hektar umfaßt. Ein Teil der Wiesen von Güterstein wird von Pensionsrindern genutzt.

Früher hatte Marbach selber 200 Stück Milchvieh. Damals wurden die Weiden von Rindern und Pferden gleichermaßen genutzt. Der Staat Baden-Württemberg hat dann unter Ausnutzung der Schlachtviehprämie die Kühe abgeschafft.

Ich wollte wissen, ob sich Marbach selbst trägt, denn selbstverständlich kosten alle Leistungen gutes Geld. Ein Decksprung zum Beispiel kostet 410 EUR. Das ist doch eine Menge Geld, insbesondere vor dem Hintergrund der heutigen Marktpreise.

Das Haupt- und Landgestüt ist aber ein Subventionsbetrieb und war es wohl immer. Werner Tautermann gibt zu, daß die Situation schwierig ist.

"Aus Polen und Rußland drängen die billigen Pferde auf den deutschen Markt. Ein Freizeitreiter wird sich dort für ein paar tausend Euro bedienen, die Württemberger sind dem zu teuer."

Auf den Gütern wird zusätzlich zur Eigenversorgung noch Saatgutvermehrung betrieben. Und neben den Pferden besitzt man noch eine große Schafherde. Alles in allem also ein ziemlich großer Betrieb. Güterstein erscheint in diesem Licht als kleines Anhängsel.

Ich fragte nach dem Wohnhaus am Ende des Hofes. "Das kaufe ich, wenn ich im Lotto gewinne." Es steht schon seit vielen Jahren leer. Früher war dort auch einmal eine kleine Schänke untergebracht.

Das springende Pferd an der Tränke bedarf keiner weiteren Erklärung. Darüber jedoch befindet sich eine zweite Plakette, die ein merkwürdiges Mischwesen zeigt, wie ich es in einem Galeriebeitrag beschrieben habe: vorne Pferd, hinten Fisch, mit merkwürdig gestalteten gespaltenen Hufen ( Rothkreuz).

Vor dem Dom in Salzburg gibt es einen Brunnen, der ebenfalls von vier dieser Mischwesen gebildet wird. Noch weiß ich nicht, was diese Figuren bedeuten, aber angesichts der Häufung gehe ich davon aus, daß es eine klare Bedeutung gibt und daß diese Bedeutung zur Entstehungszeit der Kunstwerke allgemein bekannt war.

Leider konnte mir Werner Tautermann in diesem Fall auch nicht weiterhelfen. Dieses Relief stellt ihn ebenfalls vor Rätsel. Besonders merkwürdig ist das eigenartige "Horn", in das der Knabe bläst. Dieser führt sein Reittier offensichtlich mit einem Zügel, den er in der Art eines Halsringes verwendet. Auch diese Einzelheit bedarf der Klärung.


Berufung


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Landeszucht: Brand links (» Hauptgestüt)
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Hauptgestütsbrand rechts
Wie ist Hauptsattelmeister Tautermann zu diesen Beruf gekommen? Und warum betreut er heute Güterstein? Schon als Kind besuchte er mit seinen Eltern von Stuttgart aus Marbach und war fasziniert von den Pferden. Später führte ihn dann noch einen Klassenausflug nach Marbach. Da stand es für ihn schon fest: er wollte mit Pferden arbeiten.

Tautermann gibt zu, daß das ungewöhnlich ist: Kein anderer aus seiner Klasse wäre auf diese Idee gekommen. Er wollte aber immer schon in der Natur arbeiten, mit Lebewesen.

Der Wunsch zu reiten war nicht bestimmend: "Reiten habe ich erst in der Ausbildung gelernt." Das war 1967. Damals gab es noch keine bundeseinheitliche Prüfungsordnung; die ist erst 1978 entwickelt worden. Damit wurde Pferdewirt ein anerkannter Lehrberuf.

Man arbeitete also nach gestütsinternen Regelungen. Später holte Werner Tautermann dann die Prüfung zum Pferdewirt nach und legte dann noch die zum Pferdewirtschaftsmeister ab.

Bis 1999 war er in St. Johann stationiert, fuhr junge Pferde ein und hielt viele Lehrgänge zu den verschiedenen Reit- und Fahrabzeichen ab.

Selbstverständlich nahm er auch an den Hengstparaden teil. Heute geht das nicht mehr, Güterstein ist zu abgelegen, der Aufwand wäre zu groß.

Das Reiten ist ihm aber auch nicht mehr so wichtig, war nie so wichtig. Der Beruf ist ihm Berufung, und er hat seine Entscheidung nie bereut.

23 Jahre lang war er auf verschiedenen Hengststationen. Das stelle ich mir sehr anstrengend vor, eine 7-Tage-Woche, Monate entfernt von der Familie.

"Das geht schon, das war auch eine schöne Zeit." Ihm waren 2-4 Hengste anvertraut, die jeden Tag bewegt werden mußten: Reiten, Longieren, Freispringen. Werner Tautermann genoß besonders den Umgang mit den Menschen dort draußen auf der Station.

Vor vier Jahren ging sein Vorgänger in den Ruhestand. Die Stelle wurde ausgeschrieben, er bewarb sich und wurde genommen. "Ich habe mir überlegt: Ich werde älter, da muß ich mir Gedanken machen." Nun hat er eine neue, schöne Aufgabe, die ihn ausfüllt.

Ob es denn auf Güterstein nicht zu einsam ist? Da lacht er: "Hier kommen viele Menschen her! So einsam ist das nicht! Heute zum Beispiel sind Sie da!"



Quellen


  1.  Vollblut, Hauptgeschichte
  2. » Haupt- und Landgestüt Marbach
  3. » Asil Cup International
  4.  Sommerhitze, Poster
  5.  Fohlenhof Güterstein, Bildschirmschoner
  6.  Brennesseln, Poster
  7.  Rätsel, Poster
  8.  Trockenfutter, Poster
  9.  Zuchterfolge, Hauptgeschichte
  10. » Fohlenpension
  11.  Der Bestand, Hauptgeschichte
  12.  PferdeStark, Suchergebnis
  13.  Rothkreuz, Galeriebeitrag
  14. » Hauptgestüt



Abbildungen

©  Werner Stürenburg



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Bericht Zum Thema Fohlenaufzucht · Gesamttext
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