
| | W. Popken im Fenster Selbstportrait 08/2004 | | | | | Beurteilung Von › Werner Popken
Die Rezension dieser Woche (Praktische Pferdezucht) geht wie der Klappentext davon aus, daß dieses Buch vor allem für Züchter interessant ist. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher. Dieses Buch könnte für jedermann interessant sein, der ein Pferd kaufen will, denn es beschäftigt sich naturgemäß auch mit der Frage, wie man denn ein Pferd am besten beurteilt. Der Autor ist auch in diesem Bereich kompetent.
Es könnte für einen Käufer also durchaus lohnend sein, dieses für Züchter geschriebene Buch vor dem Kauf zu studieren. Ich verweise in diesem Zusammenhang auf die Leserreaktionen zum Bericht über den Hammer Pferdemarkt (Leserresonanz). Man kann davon ausgehen, daß Händler Pferde sehr gut beurteilen können, schließlich dürften sie davon leben. Die Interessenten hingegen empfanden ihr Vermögen, die Angebote richtig einschätzen zu können, als mangelhaft.
Deshalb möchte ich einen kleinen Teil aus dem Buch zitieren, und zwar aus dem Kapitel 2.1.2.10 Umgänglichkeit. In diesem Kapitel werden Werte besprochen, die man nicht oder nur sehr schlecht messen kann: Charakter, Temperament, Phlegma, Nerv, Sensibilität, Umgänglichkeit. Der Autor beschäftigt sich zunächst einmal mit den Problemen, die man bei der Definition hat.
Er kommt zu dem Schluß, daß Begriffe wie "starker Charakter" oder "schwacher Charakter" für sich genommen weder positiv noch negativ sind, daß der Besitzer im Regelfall weder zuviel noch zu wenig von dem haben möchte, was damit beschrieben werden soll. Aus dieser ganzen Diskussion kann man entnehmen, daß es gefährlich ist, diese Begriffe allzu wörtlich zu nehmen, weil man zu leicht menschliche Eigenschaften in das Pferd hineinprojiziert.
Dann folgen Beurteilungskriterien, die verraten, daß der Autor selber als Richter gewirkt hat. Man kann diese Beschreibungen, die hinlänglich konkret sind, als Züchter nutzen, oder aber auch als Käufer (Seite 139):
| - Ausdruck des Tieres in seiner gesamten Haltung im Stand - mit dem Menschen vertraut, willig folgend, gelöst, nicht verkrampft, Bewegung erst nach Aufforderung, unempfindlich gegen Bewegungen in der Umgebung (Richter, Kataloge, Schirme, Fahnen u.ä.);
- Ausdruck im Auge des Tieres - vertrauensvoll, ruhig, aufmerksam, nicht ängstlich aufgerissen oder dösig-verschlafen;
- Gehorsam beim Vorführen im Schritt und Trab - willige Reaktion auf eine treibende Aufforderung, gerade Bewegung ohne ständiges Schiefgehen bzw. Ausweichen vor dem Vorführer und dessen Gerte, sofortiges Bremsen und Anhalten auf Wunsch des Vorführers, ruhiges Stillstehen auch nach Vorführung im Trabe, kein Versuch des Weglaufens oder Schlagens nachdem Vorführer oder nach anderen Pferden;
- Einfangen-Lassen nach Vorstellung in freier Bewegung im Auslauf oder in der Halle - vertrauensvolles Herankommen an den Menschen oder gehorsames Herankommen-Lassen des Menschen zum Wiederauflegen des Halfters bzw. Trensenzaumes oder Widersetzlichkeit, gelassenes Folgen beim Wegführen;
- Allgemeine Gelöstheit bei der Vorführung im Schritt, auch in Gesellschaft anderer Pferde, zum Beispiel bei der Beurteilung auf dem Schauring - lässiger, dabei fleißiger Schritt ohne Zackeln, aber auch nicht einschlafend.
Die vorstehend genannten Einzelpunkte erlauben zwar kein endgültiges Urteil über die psychischen Eigenschaften eines Tieres, geben aber doch recht brauchbare Anhaltspunkte für die Beurteilung seiner für jeden Züchter und Reiter besonders wichtigen Umgänglichkeit, vor allem im Hinblick auf Unterordnungsbereitschaft, Temperament, Sensibilität und Phlegma. Zwar muß bei züchterischer Bewertung dieses Punktes bedacht werden, daß die Erziehung im Stall des Aufzüchters diese Eigenschaften in ihrer Erscheinungsform sehr wesentlich beeinflussen kann. Jedoch kann davon ausgegangen werden, daß gewisse Unterschiede erblich veranlagt sind. Es ist Aufgabe des Beurteilers, den Einfluß des Vorführers bzw. Besitzers zu erkennen und bei der Bewertung der Eigenschaft Umgänglichkeit auszuklammern. Ein genaueres Urteil in dieser Hinsicht - ebenso wie in Bezug auf die Rittigkeit - erlaubt erst eine längere Beobachtungszeit. So werden zum Beispiel aus diesem Grund bei den gesetzlich vorgeschriebenen Hengstleistungsprüfungen für Sportpferde in der Bundesrepublik 100 Tage als Mindestdauer verlangt. | | |
Ich stelle mir vor, daß man auch als Laie, als interessierter Käufer, einen Blick für diese Eigenschaften bekommen kann, wenn man, ähnlich wie die Richter, sich die Pferde, die in Frage kommen, so vorführen läßt, wie es sich im Beurteilungsbetrieb über die Jahrhunderte hinweg als vorteilhaft herausgebildet hat. Natürlich muß man sein Auge und Beurteilungsvermögen schulen - die schlimmsten Fehler wird man aber nicht mehr begehen.
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