Sketch as sketch can
Willem Lessinck, Niederlande Sketch as sketch can , Pferdeskulptur Bronzeguß, 85x125x20 cm, Auflage 1/24 Kunsthaus Bühler, Stand auf der Kunstmesse Köln Aufnahme vom 13. April 2003
Wäre ich ein Sammler geworden, hätte ich Kunstobjekte gehortet. Ich wäre vermutlich regelmäßig auf Messen gegangen und hatte Ausschau nach besonderen Stücken gehalten, die in meine Sammlung passen. Und dabei hätte ich ganz allmählich meinen Geschmack und mein Urteilsvermögen verfeinert.
Man lernt aus Erfahrungen, und besonders gut lernt man, wenn man dafür bezahlen muß, mit Geld oder Zeit oder Energie oder was auch immer. Hinterher ist man klüger, man weiß einfach, ohne daß man es begründen müßte oder vielleicht könnte. So, stelle ich mir vor, kommt das Preisgefüge im Kunstmarkt, in jedem Markt zustande.
Angebot und Nachfrage bestimmen der Preis, das ist wohl richtig; letzten Endes aber ist es die Qualität, und die Qualität ist nun mal nicht zu fassen, obwohl sie in jedem Lebensbereich ständig die wichtigste Rolle spielt. Ich werde mich immer für das Bessere entscheiden, wenn ich die Wahl habe. Und wann hat man nicht die Wahl?
Kommentar Von › Werner Stürenburg
Nun bin ich kein Sammler geworden und kenne mich deshalb nicht gut aus. » Kunsthaus Bühler - das hatte ich schon einmal gehört, aber viel konnte ich damit nicht anfangen. Aus dem Angebot sah ich, daß man sich auf abgehangene Ware konzentriert, die verfügbar ist.
Mit abgehangen bezeichne ich Werke, die so alt sind, daß sie schon hundertmal durchgekaut worden sind - man ist sich ziemlich sicher, daß es sich um Werke von hinreichender Qualität handelt.
Deshalb ist das Preisniveau dieser Arbeiten im allgemeinen ziemlich hoch, was sowohl für den Käufer als auch für den Händler erfreulich ist. Der Händler kann bei hohen Preisen ordentlich verdienen. Der Kunde kann ziemlich einfach eine Menge Geld in ein Objekt verwandeln. Die Frage ist nur, wie stabil die neue "Währung" ist.
Die Werke von Spitzenqualität oder auch Werke mittlerer Qualität von Spitzenkünstlern sind meistens nicht mehr verfügbar, oder zumindest nur zu Preisen, die im Alltagsgeschäft keine Rolle mehr spielen, weil sie vollkommen abgehoben sind: wer kann schon mit den Millionen um sich werfen?
Insofern konnte ich das Angebot der Galerie in mein inneres Ordnungssystem ziemlich schnell einordnen. Eine kleine Recherche im Internet klärte mich auf: Das » Kunsthaus Bühler "besteht seit 1905 in Stuttgart. Die Galerie zeigt in 5-6 Ausstellungen pro Jahr deutsche und französische Kunst des 19. und 20. Jahrhunderts vom Klassizismus bis Postimpressionismus sowie gemäßigt moderne Maler und Bildhauer der Gegenwart.", wie man auf den Internet-Seiten der » Stadt Stuttgart nachlesen kann. Na also, da lag ich doch ganz richtig.
Willem Lenssinck
Mitten in dieser Sammlung von Werken der Jahrhundertwende fanden sich nun einige Arbeiten zeitgenössischer Künstler. Besonders die mittelgroße Pferdeskulptur zog meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich durfte fotografieren und beschloß, diese Skulptur einmal im Rahmen der Galeriebeiträge zu verwenden.
Mit dem Künstler konnte ich nichts anfangen: diesen Namen hatte ich noch nie gehört. Als ich mit Google recherchierte, fand ich zunächst nur einen Eintrag, aber das lag daran, daß ich den Namen falsch geschrieben hatte. Der Bildhauer hat eine eigene Homepage (» Willem J. Lenssinck). Und auf dieser Homepage fand ich zwei weitere Pferdeskulpturen, die die Leser der Pferdezeitung vielleicht interessieren.
Es ist für einen modernen Bildhauer sehr schwer, sich gegen Marino Marini zu behaupten (› Shopping, › Marini). Marini hat sich fast ausschließlich mit Pferden, genauer gesagt mit den Themen "Pferd" und "Pferd und Reiter", befaßt. Der Kunstinteressierte kann sich gegen einen Vergleich nicht wehren; seine Wahrnehmung möchte neue Objekte einordnen und vergleicht diese mit bekannten, ob das nun paßt oder nicht. Und dann ist er erleichtert, wenn er einen Vergleich ziehen kann.
In gewisser Weise ging mir das mit der Arbeit von Lenssinck ebenso. Besonders die Art, wie das Pferd seinen Kopf streckt, erzeugt einen Anklang. Dann wird aber sehr schnell klar, daß hier etwas Eigenes vorliegt: Marini hätte eine solche Skulptur nicht gemacht.
Diese Figur ist insofern einzigartig, als daß das Pferd nur zwei Beine hat. Das wiederum rechtfertigt zu einem gewissen Grade die sonst etwas unmotiviert wirkenden Stangen, die die Figur stabilisieren. Da es sich aber um Metall handelt, würde die Figur vermutlich auch ohne diese Stangen stehen können.
Die beiden anderen Pferdefiguren, die der Künstler auf seiner Homepage anbietet (» Ein Pferd namens Leidenschaft, » Sphärenreiter), haben vier Beine, die ganz ausdrücklich weit voneinander entfernt plaziert sind, so daß das Pferd einen extrem festen Stand hat.
Dabei handelt es sich um Reiterfiguren, die die Assoziation zu Marini wieder verstärken. Während dieser aber sehr reichhaltig arbeitet, mit groben Strukturen, sind die Figuren von Lenssinck poliert und im Stil technoider Roboter gehalten.
Eine Messe dient dem Verkauf. Was verkauft werden soll, muß einen Preis haben. Weil manche Händler mit dem Preis hinter dem Berg halten, hat der Gesetzgeber vor nunmehr vielen Jahren bereits verordnet, daß Ware im Schaufenster (und eine Messe ist nichts anderes als eine Ansammlung von Schaufenstern) ausgezeichnet sein muß.
Werke höheren Preisniveaus waren nicht ausgezeichnet; ich habe einige Gemälde fotografiert, auf denen Pferde vorkamen, von Raoul Dufy und Lovis Corinth - in diesen Fällen bekommt man den Preis erst auf Nachfrage genannt, und vermutlich erst dann, wenn man ein ernsthaftes Interesse glaubhaft machen kann. Preise sind wichtige Signale, die Konkurrenz hört mit.
Preise
 | | Ein Pferd namens Leidenschaft 123x70x54.5 cm 1991, Bronze |  |  |  |
|  | | Sphärenreiter 110x40x17 cm 1989, Bronze |  |  |  |
| Die Skulptur von Willem Lenssinck war ordnungsgemäß bezeichnet:
| WILLEM LENSSINCK Geboren 1947 in Woerden (Holland) "Sketch as sketch can" Material: Bronze Maße: 85 x 120 x 20 cm Auflage 1/24 Bildhauer. Studium a. d. Kunstakade- mie in Utrecht (Studienrichtung: Kunst am Bau). Von 1968-72 Entwerfer und Designer in der Utrechter Fayence- und Fliesenfabrik Westraven. Seit 1988 zahlreiche Einzelausstel- lungen u.a. in Utrecht, Amsterdam und Maastricht, sowie ab 1983 Ausstel- lungsbeteiligungen in Holland, Kanada, und in den USA. Arbeiten des Künstlers wurden 1991 und 1993 ausgezeichnet. Öffentliche Aufträge seit 1970. Preis EUR 18.000,- | | |
Bei lebenden Künstlern vertretbarer Preisstruktur sieht die Sache anders aus, obwohl hier ebenfalls nicht gekleckert wird, wie man sieht. Wenn die Arbeiten noch billiger sind, wird es für den Handel schnell uninteressant: Welcher Käufer will schon billige Kunst kaufen? Daran wird niemand ein Interesse haben. Erst wenn die Preise ein gewisses Niveau erreicht haben und alle am Markt Beteiligten interessiert daran sind, die Preise zu stabilisieren, kann man einigermaßen sicher sein, daß die Investition nicht verloren ist.
Skulpturen werden in der Regel als Auflagenobjekte angeboten, im Gegensatz zu Druckgraphik meistens in einer sehr kleinen Auflage; 6 ist eine beliebte Zahl. Eine Auflage von 24 erscheint demgegenüber als sehr hoch.
Der Preis muß angesichts dieser hohen Auflage beurteilt werden. Je höher die Auflage, desto niedriger der Preis; das muß ich vermutlich nicht gesondert begründen. Für den Galeristen und den Kunsthändler bedeutet das, daß beide die Nachfrage entsprechend hoch einschätzen, denn bei der Kunst ist es normalerweise gerade die Einzigartigkeit, die den hohen Preis rechtfertigt und den Kunstkäufer anspricht: Wer will schon Massenware haben? Die gibt es überall. Die Kunst steht für Individualität. Wenn alle so etwas haben, will man es selbst auch nicht mehr.
Nun handelt es sich hier um das erste Objekt dieser Art; man darf annehmen, daß die anderen 23 Exemplare noch gar nicht angefertigt sind. Sollte der Plan aufgehen, würde mit diesem Objekt einen Gesamtumsatz von über 400.000 EUR realisiert werden. Üblicherweise bekommt der Händler davon die Hälfte - also für beide Parteien eine sehr schöne Sache.
Wer kommt als Käufer in Frage? Sind das Pferdefreunde? Das reicht sicher nicht aus. Man muß schon an der Kunst interessiert sein. Umgekehrt wird eher ein Schuh draus: Der Kunstinteressierte muß sich nicht unbedingt für Pferde interessieren, es reicht, wenn er an dieser Skulptur Gefallen findet, aus welchem Grund auch immer.
Das nötige Kleingeld muß man natürlich ebenfalls haben. Ein Pferdeliebhaber hätte vermutlich andere Prioritäten, aber wer weiß? Mit einem der Kunsthändler kam ich ins Gespräch, und dieser kannte wiederum einen sehr erfolgreichen Jockey aus München, der eine umfangreiche Kunstsammlung zum Thema Pferd aufgebaut hat. Da kommt die Pferdeliebe mit dem nötigen Kleingeld zusammen.
Er war so freundlich, mir die Telefonnummer dieses Herrn zu geben, und möglicherweise habe ich einmal die Gelegenheit, davon Gebrauch zu machen. Für die Galerie in der Pferdezeitung wäre das mit Sicherheit eine Fundgrube. Aber vielleicht liest ein kunstinteressierter Pferdefreund mit und findet Gefallen an den Figuren von Willem Lenssinck. Das würde mich freuen!
Quellen / Verweise
Abbildungen
© › Werner Popken
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