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Bericht Zum Thema Weihnachten · Gesamttext
Inhaltsverzeichnis Ausgabe 196.02 der Pferdezeitung vom 29.12.02
 Menü Hauptartikel 196
 Der Esel und der Heiland 
 Der kleine Esel  Der Kommende  Die frohe Botschaft
 Der Esel im Neuen ...  Die Bedeutung des Esels  Die drei Weisen
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Der Ochse ist durch das Schaf ersetzt

    Der Esel und der Heiland   
    Das prominenteste Huftier der westlichen Kultur   
von   Werner Stürenburg



In der  Buchbesprechung der letzten Ausgabe habe ich die Rolle des Pferdes in der Geschichte "Weihnachten im Stall" von Astrid Lindgren zu würdigen versucht. Dabei war aufgefallen, daß der traditionelle Esel durch ein Pferd ersetzt worden ist.

Auch in den Arbeiten von Rembrandt zum Thema "Der barmherzige Samariter" hatten wir gesehen, daß Rembrandt den Begriff "Reittier" meistens mit einem Pferd illustriert hatte; nur einmal hatte er einen Esel gezeichnet ( Samariter,  Herberge,  Barmherzigkeit,  Der Esel).

Zu einer Krippe gehören traditionell eine Kuh und ein Esel; anstelle der Kuh könnte es auch ein Ochse sein. Die Krippe, die ich für das Titelblatt fotografiert habe, hat den Ochsen durch ein Schaf ersetzt; der Esel bleibt aber im Regelfall ein Esel und kann nicht ersetzt werden durch ein Pferd (das Kamel gehört zu den Weisen aus dem Morgenland).

Nun gilt der Esel in unserer Kultur traditionell als störrisch, bockig, schwierig, wenig liebenswert; zwar findet man den Esel in Streichelzoos, darüber hinaus aber gilt er nicht als besonders anziehend, er löst im Gegensatz zum Pferd kaum Begeisterung aus und spielt deshalb heutzutage eine sehr kleine Rolle in der Szene der Einhufer-Freunde.

Zur Weihnachtsausgabe 2001 habe ich im  Galeriebeitrag bereits ein wenig über den Esel und die Krippe sinniert. Heute ist mir ein Büchlein aus dem Jahr 1973 in die Hände gefallen, dessen Held ein kleiner Esel ist (Gunhild Sehlin: Marias kleiner Esel).

Das Buch ist 1962 in Schweden entstanden. Die Autorin Gunhild Sehlin ist Lehrerin und lebt in einem kleinen schwedischen Dörfchen, wie der Klappentext verrät. Ähnlich wie Astrid Lindgren in ihrem Buch, das im selben Jahrzehnt entstanden sein dürfte, versucht sie, dem modernen Kind die Weihnachtsgeschichte nahezubringen.

Dazu benutzt sie den Esel. Natürlich braucht sie einen besonderen Esel und erfindet deshalb eine Rahmengeschichte, in der sie zunächst einmal den Esel einführt: "Der faulste Esel von ganz Nazareth". Aus dramaturgischen Gründen ist dieser Esel ganz am Ende der Hackordnung in der Herde des Besitzers, hat aber einen hübscheren Gang und trägt den Kopf am höchsten.

Das macht ihn natürlich unter den anderen Eseln nicht gerade beliebter. Die Esel reden nämlich genauso wie wir und verhalten sich auch wie die Menschen. Auf diese Weise kann die Autorin ihre Botschaft und die Handlung auch über die Tiere weiterbringen.


Der kleine Esel


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Buchtitel (Celestino Piatti)
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Lastesel (Heide Kurz)
Der kleine Esel gehört einem reichen Mann und wird von einem seiner Knechte betreut, der auch nicht viel von ihm hält. Wie es sich fügt, müssen die beiden öfter Wasser vom Brunnen holen, eine Arbeit, die normalerweise von Frauen erledigt wird: der Esel ist ein Tragtier. Die Illustratorin Heide Kurz, verantwortlich für die Innenzeichnungen, arbeitet mit wenigen, einfachen Strichen; meistens gelingt es ihr, Stimmung und Aussage prägnant und treffend herauszuarbeiten.

Am Brunnen begegnet der kleine Esel einer jungen Frau namens Maria, die erstmals auf ihn aufmerksam wird und seine Schönheit erkennt. Obwohl er so dreckig ist, krault sie ihm die Ohren, was dem kleinen Esel natürlich sehr gut gefällt, weshalb er Maria gleich in sein Herz schließt.

Maria ist mit Josef verheiratet, und dieser ist sehr besorgt, als er sieht, wie erschöpft sie ist, wenn sie von ihrem morgendlichen Brunnengang zurückkehrt. Diese Seite ist illustriert mit einer sehr schönen Strichzeichnung, die eine Frau von hinten zeigt, den Kopf mit einem Tuch bedeckt, einen großen Krug darauf, mitten im schwingenden Gang.

Josef arbeitet Zuhause, hat eine Werkstatt und hobelt darin, ist also wohl Tischler oder so ähnlich. Er würde Maria gern einen Esel kaufen, um ihr das Leben leichter zu machen, kann es sich aber nicht leisten. So kommt er auf die Idee, morgens eine Stunde früher aufzustehen, dadurch mehr zu schaffen, mehr zu verdienen und etwas zu sparen.

Der Plan geht auf, das Geld reicht aber nur für einen kleinen, häßlichen Esel, der wiederum Maria vollkommen entzückt - es ist natürlich der kleine Esel, den wir schon kennen. Die beiden freuen sich aneinander, der Esel hilft Maria gerne bei allen Arbeiten, und wir lernen dabei Maria kennen und sehen, daß sie wirklich wunderbar sanft und lieb ist. Jetzt verstehen wir den Titel des Buches: "Marias kleiner Esel".

Die anderen Tiere, Schafe, Ziegen, sind ebenfalls sehr klug und freundlich und freuen sich alle schon auf das kleine Kind, das Maria erwartet. Da kommt eine unerfreuliche Nachricht: auf Befehl des Kaisers müssen sich Maria und Josef sofort nach Bethlehem begeben, weil Josef aus dieser Stadt stammt. Das ist unangenehm, denn das Kind kann jeden Tag kommen.

Hier ist nun der Esel der Retter, weil er alles Nötige tragen kann und zur Not noch Maria dazu. Die Tiere diskutieren die Notlage untereinander und erklären ihren Tierkindern die Schwierigkeiten, so daß auch die Kinder, die zuhören, alles verstehen, ohne nachfragen zu müssen oder sich dumm vorzukommen.

Auf dem Weg nach Bethlehem gibt es ein großes Problem: ein Fluß ist reißend geworden, die Reisenden können ihn nicht überqueren. Da erscheint ein Engel, den nur der Esel sehen kann, und dieser führt den Esel über den Fluß.

Damit wird eine neue Dimension eingeführt. Zwar ist Maria immer fröhlich und voller Gottvertrauen, also an sich schon eine beeindruckende Persönlichkeit, aber hier greifen höhere Mächte direkt ein. Im Gegensatz zu Josef hat Maria gar keine Angst, denn sie kann sich die Sache nur dadurch erklären, daß Gottes Engel direkt eingegriffen hat - was ja auch der Fall war.


Der Kommende


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Geführt vom Engel über den Fluß
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Andacht des treuen Esels
Auch die schwierige Situation der Flußüberquerung mit Engelhilfe wird illustrativ glaubhaft vermittelt; die abstrakte Erzählweise erlaubt es, so gut wie alles wegzulassen und nur das Nötigste anzudeuten.

Das Charakteristische eines Esels kommt sehr deutlich heraus, aber auch die besondere Natur dieses kleinen Esels, des Helden der Geschichte, wenngleich die Mittel ein wenig stereotyp erscheinen. Der Esel steht nicht nur im Text im Mittelpunkt, er ist auch der Mittelpunkt der Illustrationen, soweit es sich machen läßt. Teilweise enthalten die Bilder ausschließlich Tiere.

Ohne den Text ist das Bild vom Flußübergang freilich nicht recht verständlich, weil gerade der Engel, der rettende Begleiter, weggelassen ist. Man sieht also das Erleben Marias, die ja den Engel nicht wahrnimmt. Dieser wird praktisch nur indirekt deutlich durch die Kopfhaltung und den Gesichtsausdruck des Esels.

Eines Abends fallen die drei unter die Räuber; wieder hat ein Engel den Esel geführt. Maria ist so unschuldig, freundlich und zutraulich, daß alle drei Räuber, jeder auf seine Art, umgedreht werden und sich von grausamen, wilden Kerlen zu anständigen, liebevollen Menschen wandeln wollen. Für Maria ist das schon geschehen: sie sieht nur drei gute Männer.

Damit nimmt sie das Wirken ihres Sohnes vorweg, dessen Aufgabe sie den Räubern vorstellt: "Mein Sohn kommt, um denen zu helfen, die auf Irrwege geraten sind." Maria weiß also sehr genau, wen sie in Kürze gebären wird.

Am nächsten Abend übernachten sie bei Hirten; es entspinnt sich ein Gespräch über Engel. Den Hirten geht es so wie unsereinem: sie haben selbst noch keinen Engel gesehen oder gesprochen, kennen Engel nur vom Hörensagen.

Die Hirten gehören alle dem Geschlecht Davids an, der in Bethlehem geboren und später König wurde. Sie warten aber noch auf den anderen König, der im Alten Testament verheißen wird. Einer der jungen Hirten kann wörtlich zitieren: "Aus dir, Bethlehem, soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei."

Das ist wunderbar, aber leider ist dieses Zitat von Matthäus aus dem Neuen Testament (2, 6: "Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Juda's; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei." Bibelausgabe 1951). Das Matthäusevangelium war zu der Zeit, zu der die Geschichte spielt, aber noch nicht geschrieben. Matthäus bezieht sich auf den Propheten Micha, der in Kapitel 5, 1 schreibt:

Und du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (Bibelausgabe 1951)


Aber ach, sie warten schon lange und haben es eigentlich aufgegeben, den, der da kommen wird, zu ihrer Zeit zu erwarten. Da hat der junge Hirte ein Erlebnis mit dem Esel, dessen Augen sonderbar glänzen: die Sterne spiegeln sich, und wie der Hirte sich zu diesen wendet, hört er den Sternengesang der Verheißung.

Am nächsten Tag kommen sie in Bethlehem an und finden keine Unterkunft. Erst spät am Abend, als sie fast schon verzweifeln, greift ein Engel ein, aber der Esel sieht ihn diesmal nicht, denn er ist völlig erschöpft und erledigt. Der Engel weiß jedoch Rat, so daß der Esel dennoch aufmerksam wird und dem Engel folgen kann.

Den Wanderern erscheint das Haus im Sternenlicht zunächst als Palast, bis sie erkennen, daß es ein einfacher Stall ist. Der alte Besitzer steht vor der Tür; ihm erscheinen in demselben Licht die Besucher zunächst als vornehme Leute, Könige, bis er erkennt, daß sie arm und einfach sind.

Neben seinen zwei Schafen und seiner Kuh ist Platz genug. In der Nacht zuvor träumte ihm, ein König würde zu Besuch kommen, er solle den Stall in Ordnung bringen. Der Esel schläft sofort ein und träumt, daß das Kind geboren wird. Er wacht auf, und tatsächlich: "In einer Ecke im Stall saß Maria, und um sie herum im Kreise scharten sich Engel und sangen."


Die frohe Botschaft


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Engel am Ort und Engel in der Höhe
Der Esel sieht, wie "es rund um das Kind glänzte und strahlte". Er muß das Kind beschnuppern, und da kommen auch schon die Hirten und fallen vor dem Kind in die Knie. Dann erzählen sie, daß ein großer Stern geleuchtet und plötzlich der Engel des Herrn vor ihnen gestanden habe, woraufhin sie sich sehr fürchteten.

Der Engel aber sprach:

"Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. Denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen."

Und im gleichen Augenblick sahen wir am ganzen Himmel singende Engel:

"Ehre sei Gott in der Höhe
und Friede auf Erden
und den Menschen ein Wohlgefallen!"


Damit ist auch dem Alten klar, daß der Heiland, der Gute Hirte, in seinem Stall geboren worden ist.

Wir sehen, daß in dieser Geschichte nach und nach göttliche Elemente eingeflochten werden. Der Esel stellt sozusagen den roten Faden dar und gibt Gelegenheit, die Atmosphäre und die Bedeutsamkeit zu verdichten.

Maria und Josef werden fast nebenbei eingeführt, die Rolle des Kindes wird erst allmählich offenbar. Die Verkündigung des Engels an Maria liegt schon zurück und wird mit keinem Wort angedeutet. Bevor die Heiligen Drei Könige auftauchen, bricht das Buch ab. Nach Bedarf wird die Handlung ausgeschmückt, um die außerordentliche Wirkung des erwarteten Kindes schon vor der Geburt anzudeuten.

Diese Einzelheiten sind natürlich Erfindungen der Autorin, sie finden sich so in der Bibel nicht. Kommt denn wenigstens der Esel in der Bibel vor? Die Bibel ist knapp und spart im Regelfall mit Einzelheiten.

Die Geburt Jesu kommt überhaupt nur in zwei der vier Evangelien vor. Ausführlicher ist Lukas, dessen Weihnachtsgeschichte allgemein bekannt ist (2. Kapitel: "Es begab sich aber zu der Zeit..."). Die Rede des Engels aus dem Esel-Buch ist ein wörtliches Zitat aus dem Lukasevangelium. Ein Esel kommt weder bei Lukas noch bei Matthäus vor:

Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, daß sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge. (Lukas 2, 6-7)


Matthäus beschreibt die Geburt überhaupt nicht. Es ist dort nicht von einem Stall die Rede, sondern von einem Haus, und eine Krippe kommt bei Matthäus ebenfalls nicht vor, geschweige denn irgendwelche Tiere.


Der Esel im Neuen Testament


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 Bartolome Esteban Murillo
Flucht nach Ägypten, 1647-50, 200x170 cm, Detroit Institute of Arts
Nach der Geburt erscheint Josef ein Engel im Traum und gebietet ihm, nach Ägypten zu reisen, weil Herodes alle Kinder töten will, die jünger als zwei Jahre sind. Nachdem Herodes gestorben ist, erscheint der Engel erneut im Traum und gebietet Josef, wieder nach Hause zurückzukehren.

Beide Reisen werden gern illustriert, vor allem die Flucht, und stets wird ein Esel prominent ins Bild gesetzt (siehe auch Galeriebeitrag  Damensitz). Das sind ebenfalls Erfindungen späterer Zeit, die heute mit der Geschichte untrennbar verbunden sind.

Im Neuen Testament kommt überhaupt nur an einer einzigen Stelle ein Esel vor: Jesus reitet bei seinem Einzug in Jerusalem auf einer Eselin, die von ihrem Fohlen begleitet wird (Matthäus 21, 1-7); die beiden werden pikanterweise für diesen Zweck "ausgeliehen", ohne beim Besitzer zu fragen.

Diese Einzelheit wird ausführlich vorgetragen, weil damit einer Prophezeiung des Propheten Sacharja Rechnung getragen wird (9, 9). Außerdem wird Israels letzter Erlöser damit in Beziehung gesetzt zur Israels erstem Erlöser Mose, der seine Frau und Söhne auf einem Esel reiten ließ (2. Mose 4, 20).

Wenn man sich das einmal vorstellt: so kann kein König in seine Hauptstadt einreiten; der sollte doch ein Pferd haben, wenn er sein Volk erretten will. Damit ist natürlich ein Pferd gemeint, das herrschaftliche Ansprüche symbolisieren kann, nicht etwa ein Ackergaul, wie er von Astrid Lindgren anstelle des Esels zur Illustration der Weihnachtsgeschichte herangezogen worden ist. Diese Szene ist denn auch sehr selten, wenn überhaupt, illustriert worden; auf Anhieb fällt mir nichts dazu ein.

Das Wort Prophet ist griechischen Ursprungs; in der Bibel selbst werden mit dem entsprechenden Begriff Männer bezeichnet, die direkt mit Gott kommunizieren, die auch mit ihm streiten und rechten, die vor allen Dingen aber das Volk aufrütteln, sich auf das Wesentliche des Lebens zu besinnen und nicht Äußerlichkeiten nachzujagen.

Dieselbe Sorge gilt den Herrschenden: die Propheten haben sich konsequenterweise politisch engagiert. Sie waren also alles Mögliche, aber keineswegs Propheten in dem Sinne, daß sie die Zukunft vorausgesagt hätten. Sie haben zwar drohendes Unheil an die Wand gemalt, wenn Volk und Regierung sich nicht ändern würden, gleichzeitig aber immer auch die gute Wendung verkündet, wenn jedermann gottgefällig leben würde.

Prophetisch im Sinne der griechischen Zukunftsschau waren sie nie (jedenfalls laut Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig übersetzt?). So aber werden sie im Neuen Testament benutzt, um nämlich Jesus zu kennzeichnen, der angeblich derjenige ist, auf den schon immer verwiesen wurde. Ein paar Beispiele in dieser Richtung haben wir jetzt kennengelernt.

Die Juden konnten ihn als ihren König schon deshalb nicht erkennen, weil sie an einen politischen Führer gedacht haben. Jesus aber hatte mit Politik überhaupt nichts am Hut. Sein Reich war nicht von dieser Welt, wie er deutlich betont hat. Insofern macht die Sache mit dem Reittier wieder Sinn: der Esel hat hier erneut seinen Platz als Symbol.

Jesus hat sich immer positiv auf das Alte Testament bezogen: das war seinen Zuhörern gut bekannt und er selbst war in diesem Sinne Prophet, daß er immer wieder gottgefälliges Leben gepredigt hat mit Bezug auf die alten Lehren. In die Tagespolitik hat er sich aber nicht einmischen wollen.

Ob der historische Jesus sich selbst in Bezug auf die angeblichen Prophezeiungen der Propheten des Alten Testaments gesehen hat, weiß man natürlich nicht; auf jeden Fall stellen die Evangelien es immer wieder so dar und legen Jesus auch die entsprechenden Worte in den Mund. Wenn es sich also um eine nachträgliche Geschichtsklitterung gehandelt hat, unternommen von den Evangelisten, um die Legitimität zu unterstreichen, so wäre die einzige Eselszene im Neuen Testament ebenfalls zweifelhaft.

Auf jeden Fall können wir schließen, daß Esel im täglichen Leben von Jesus und seinen Jüngern keine Rolle gespielt haben, im Gegensatz etwa zum Wein und Brot oder auch zu den Schiffen der Fischer. Vermutlich waren Esel gar nicht so zahlreich und keineswegs Gemeingut. Zumindest die Leute, mit denen Jesus umgegangen ist, werden keine Esel gehabt haben. Man wird daher schießen können, daß seine Eltern auch keinen Esel gehabt haben.


Die Bedeutung des Esels


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Der Esel in anbetender Haltung
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Der Gute Hirte
Wie kommt es also, daß der Esel ein fester Bestandteil der Krippen ist, daß Gunhild Sehlin den Esel als tragende Figur in ihrer Erzählung verwenden konnte? Was bedeutet der Esel, daß man ihn hinzuerfinden mußte, da er nun nicht Bestandteil der Überlieferung ist?

Mehr noch als das Pferd ist der Esel Sinnbild des Dienens, der Treue, der Ausdauer, der Aufopferung, der Genügsamkeit. Ein Esel kann Lasten tragen, taugt aber nicht gut zum Ziehen und auch nur bedingt zum Reiten. Zum Ziehen hat man Ochsen genommen, wenn man sich kein Pferd leisten konnte. Der Esel und der Ochse ergänzen sich also in ihrer Dienstbarkeit für den armen Ackerbauern.

Das gilt zumindest für den Bauern unseres Kulturkreises; Gunhild Sehlin führt zwar auch einen Ochsen ein, den der alte Mann in Bethlehem besitzt, sonst aber kommen nur Schafe und Ziegen vor, und die gehören wohl eher in die Gegend des Originalschauplatzes. Zumindest habe ich weniger das Bild des Ackerns als vielmehr das des Hütens vor Augen, wenn ich an die Zeit und die Völker dort denke.

Nun wissen wir bereits aus dem schon erwähnten weihnachtlichen Galeriebeitrag, daß die Krippen erst im 16. Jahrhundert erfunden worden sind, und zwar in Portugal von den Jesuiten. Von dort aus haben sie einen Siegeszug um die ganze Welt angetreten. Sie wurden in Kirchen aufgestellt und immer prächtiger, bis sie schließlich Ende des 18. Jahrhunderts verboten worden sind und anschließend als private Krippen beim einfachen Volk wieder auftauchten.

Im Internet finden sich viele Beispiele für Krippen unserer Tage, der Galeriebeitrag listet eine Reihe von Links auf. Krippen sind also nicht totzukriegen. Wann immer man so ein Phänomen hat, darf man davon ausgehen, daß hier starke Kräfte wirksam sind, die sich keiner ausdenken kann. Man spricht auch von Symbolen.

Die Krippe insgesamt ist ein Symbol, und auch jede Einzelheit. Bei der Krippe, die ich gestern fotografiert habe, steht inmitten einer Herde von Schafen ein Hirte, der ein Lamm auf den Schultern trägt. Das ist natürlich einer der Hirten, die laut Lukas die Verkündigung der Engel gehört haben.

In einer zweiten Ebene aber ist er ein Symbol für Jesus selbst, der Gute Hirte, der sich um alle seine Schäflein kümmert, und damit auch ein Symbol für Gott selbst, wobei natürlich wir armen Menschen die Schäflein sind, die sich immer wieder einmal verirren und dann schrecklich blöken und ganz hilflos sind und am besten von einem guten Hirten aufgesammelt werden.

Der Esel ist Symbol für die Würde der Kreatur, scheint mir. Er ist zugelassen zum Kreis der Anbetenden, er erkennt die Bedeutung der Situation, die Bedeutung des Kindes, das hier in der Krippe liegt. Und genau das zieht sich durch das Buch von Gunhild Sehlin hindurch: der Esel und auch alle anderen Tiere wissen um die besondere Eigenart dieses Ankömmlings und sind erfüllt von Ehrfurcht.

Damit endet das Buch: der Esel schickt die Vögel, die sich mit auf den Weg gemacht haben, wieder zurück nach Hause, damit die Schafe und Ziegen, die zu Hause geblieben sind, ebenfalls die Frohe Botschaft erhalten.

Der Esel als bescheidenes Wesen ist das geeignete Symbol, die Ehrfurcht der Kreatur beim Erscheinen des Heilands auszudrücken. Die besondere Sendung dieses Menschen Jesus aus Nazareth genannt Christus ist auch nach 2000 Jahren noch wirksam, selbst wenn wir sie nicht mehr unmittelbar wahrnehmen. Eine Krippe vermittelt die Botschaft durch Symbole.


Die drei Weisen


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Merian: Die Anbetung der Hirten
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Ausschnitt
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Merian: Die Weisen aus dem Morgenland
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Ausschnitt
Matthäus macht um die Geburt kein Aufhebens, schildert aber dafür im Gegensatz zu Lukas die Episode mit den sogenannten "Heiligen Drei Königen" (Matthäus 2, 1-12); ich zitiere hier aus der Luther Bibel von 1545, in den Jahren 1625-1628 mit Kupferstichen illustriert von Matthäus Merian, 1704 mit Deckfarben von unbekannter Hand koloriert.

Merian würdigt ebenfalls Esel und Ochsen, wobei die Schnauze des Esels merkwürdigerweise fatal an die eines Schweines gemahnt. Den Weisen aus dem Morgenland spendiert er gewaltige Turbane, eine gebührende Dienerschaft und Kamele als Reittiere, die er vermutlich niemals in Natura gesehen hatte; sie erinnern denn auch ein bißchen an Drachen.

Da Jhesus geborn war zu Bethlehem im Jüdischenlande, zur zeit des königes Herodis, Sihe, da kamen die Weisen vom Morgenland gen Jerusalem, vnd sprachen. Wo ist der newgeborne König der Jüden? Wir haben seinen Sternen gesehen im Morgenland, vnd sind komen, jn an zu beten.[...]

Vnd sihe, der Stern den sie im Morgenland gesehen hatten, gieng fur jnen hin. Bis das er kam, vnd stund oben vber, da das Kindlin war. Da sie den Stern sahen, wurden sie hocherfrewet, Vnd giengen in das Haus, vnd funden das Kindlin mit Maria seiner mutter, vnd fielen nider, vnd betten es an. Vnd theten jre Schetze auff, vnd schenckten jm Gold. Weihrauch vnd Myrrhen. [...]


Keine Rede also von Königen, Heiligen, oder gar einer Dreizahl. Das sind alles spätere Ausschmückungen, die aber heute ebenfalls zu unserem Kulturgut gehören und je nach Landschaft eine mehr oder weniger große Rolle im Jahreslauf spielen.

In katholischen Gegenden findet man den Brauch, die Häuser zu segnen durch die "Heiligen Drei Könige", die gewöhnlich von drei Jünglingen gespielt werden. Die Türen werden mit Kreide gekennzeichnet mit dem Symbol C+M+B, was landläufig gelesen wird als "Caspar Melchior Balthasar", welches die Namen der Weisen gewesen sein sollen.

Einer von ihnen soll sogar schwarz gewesen sein, was auf allen entsprechenden Abbildungen, so auch bei Merian, gebührend berücksichtigt wird; der spendiert dem Mohren auch einen schwarzen Diener. Einer der Jünglinge beim Segnen der Häuser ist natürlich auch schwarz angemalt.

Diese Einzelheit wird immer als Beleg dafür genommen, daß die schwarze Rasse der weißen keineswegs unterlegen ist, da diese ja einen Weisen hervorgebracht hat, der den Heiland aus der Ferne erkannt hat. Infolgedessen müsse die schwarze Rasse auch in den Genuß des durch diesen Heiland verkündeten Erlösungsweges kommen.

Tatsächlich steht C+M+B für "christus mansionem benedicat", also "Christus segne dieses Haus", was ja unmittelbar zutrifft und verständlich ist. Vermutlich geht dieser Brauch ebenfalls auf Urzeiten zurück und hat mit dem Christentum wenig zu tun; mir ist jedenfalls kein Zitat aus der Bibel bekannt, wo Jesus Häuser gesegnet hätte. Auch die Weisen aus dem Morgenland haben sich laut Matthäus um Häuser nicht gekümmert.

Auf die bei Matthäus erwähnten reichen Geschenke der Weisen aus dem Morgenland an das kleine Jesuskind soll der Brauch zurückgehen, sich gegenseitig unter dem Weihnachtsbaum zu beschenken. Der Weihnachtsbaum: wieder ein Symbol, das nicht in der Bibel vorkommt und vor allen Dingen bei uns seinen festen Platz hat, aber auch erst seit wenigen Jahrhunderten; dessen Geschichte kann man also recht gut rekonstruieren.

Zwar versucht manch einer regelmäßig, diesen ehrwürdigen Brauch des Schenkens und Beschenktwerdens zu unterbrechen, denn erstens hat bereits jeder alles, und zweitens spart man sich dadurch eine Menge Kopfzerbrechen, Zeit, Energie und Geld - aber es nützt alles nichts: wer unter dem Weihnachtsbaum mit leeren Händen dasteht, fühlt sich schlecht und macht einen schlechten Eindruck. Wieder so ein Ritual, das nicht wirklich abgeschafft werden kann und durchaus ein Eigenleben führt.

Die Bräuche sind übrigens überall verschieden. Wer viel in der Welt herumkommt und zu Weihnachten fern der Heimat ist, tut gut daran, sich eingehend zu erkundigen, wie es denn in der Ferne gehalten wird mit den Bräuchen und Ritualen, die an das biblische Heilsgeschehen angeklebt worden sind; vermutlich sind es dort ganz andere.

In den Niederlanden z. B., bei unseren unmittelbaren Nachbarn im Westen, sieht die Sache schon ganz anders aus: da beschenkt man sich zum Nikolaus und nicht zu Weihnachten. Das ist aber wieder eine ganz andere Geschichte, die mit unserem Esel nichts zu tun hat.



Quellen


  1.  Weihnachten im Stall, Buchbesprechung
  2.  Samariter, Galeriebeitrag
  3.  Herberge, Galeriebeitrag
  4.  Barmherzigkeit, Galeriebeitrag
  5.  Der Esel, Galeriebeitrag
  6.  Der Engel erscheint Josef, Galeriebeitrag
  7. Gunhild Sehlin: Marias kleiner Esel
    2. Aufl. München 1973, Deutscher Taschenbuch Verlag, dtv junior 7071, ISBN 3-522-10730-3
  8. Die Bibel oder die ganze Heilige Schrift des Alten und Neuen Testaments nach der deutschen Übersetzung D. Martin Luthers
    Neu durchgesehen nach dem vom Deutschen Evangelischen Kirchenausschuß genehmigten Text, Taschenausgabe, privilegierte württembergische Bibelanstalt, Stuttgart 1951
  9.  Damensitz, Galeriebeitrag
  10. Pinchas Lapide: Ist die Bibel richtig übersetzt?
    4. Auflage, Gütersloh 1992, ISBN 3-579-01415-3
  11. Die Bibel in der deutschen Übersetzung von D. Martin Luther mit Kupferstichen von Matthäus Merian
    Dreieich 1986, ISBN 3-570-09943-1



Abbildungen

©  Werner Stürenburg



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Der Herausgeber ist nicht verantwortlich für Leserbeiträge und die Inhalte externer Internetseiten.
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