 |  | | Der Esel in anbetender Haltung |  |  |  |
| | Wie kommt es also, daß der Esel ein fester Bestandteil der Krippen ist, daß Gunhild Sehlin den Esel als tragende Figur in ihrer Erzählung verwenden konnte? Was bedeutet der Esel, daß man ihn hinzuerfinden mußte, da er nun nicht Bestandteil der Überlieferung ist?
Mehr noch als das Pferd ist der Esel Sinnbild des Dienens, der Treue, der Ausdauer, der Aufopferung, der Genügsamkeit. Ein Esel kann Lasten tragen, taugt aber nicht gut zum Ziehen und auch nur bedingt zum Reiten. Zum Ziehen hat man Ochsen genommen, wenn man sich kein Pferd leisten konnte. Der Esel und der Ochse ergänzen sich also in ihrer Dienstbarkeit für den armen Ackerbauern.
Das gilt zumindest für den Bauern unseres Kulturkreises; Gunhild Sehlin führt zwar auch einen Ochsen ein, den der alte Mann in Bethlehem besitzt, sonst aber kommen nur Schafe und Ziegen vor, und die gehören wohl eher in die Gegend des Originalschauplatzes. Zumindest habe ich weniger das Bild des Ackerns als vielmehr das des Hütens vor Augen, wenn ich an die Zeit und die Völker dort denke.
Nun wissen wir bereits aus dem schon erwähnten weihnachtlichen Galeriebeitrag, daß die Krippen erst im 16. Jahrhundert erfunden worden sind, und zwar in Portugal von den Jesuiten. Von dort aus haben sie einen Siegeszug um die ganze Welt angetreten. Sie wurden in Kirchen aufgestellt und immer prächtiger, bis sie schließlich Ende des 18. Jahrhunderts verboten worden sind und anschließend als private Krippen beim einfachen Volk wieder auftauchten.
Im Internet finden sich viele Beispiele für Krippen unserer Tage, der Galeriebeitrag listet eine Reihe von Links auf. Krippen sind also nicht totzukriegen. Wann immer man so ein Phänomen hat, darf man davon ausgehen, daß hier starke Kräfte wirksam sind, die sich keiner ausdenken kann. Man spricht auch von Symbolen.
Die Krippe insgesamt ist ein Symbol, und auch jede Einzelheit. Bei der Krippe, die ich gestern fotografiert habe, steht inmitten einer Herde von Schafen ein Hirte, der ein Lamm auf den Schultern trägt. Das ist natürlich einer der Hirten, die laut Lukas die Verkündigung der Engel gehört haben.
In einer zweiten Ebene aber ist er ein Symbol für Jesus selbst, der Gute Hirte, der sich um alle seine Schäflein kümmert, und damit auch ein Symbol für Gott selbst, wobei natürlich wir armen Menschen die Schäflein sind, die sich immer wieder einmal verirren und dann schrecklich blöken und ganz hilflos sind und am besten von einem guten Hirten aufgesammelt werden.
Der Esel ist Symbol für die Würde der Kreatur, scheint mir. Er ist zugelassen zum Kreis der Anbetenden, er erkennt die Bedeutung der Situation, die Bedeutung des Kindes, das hier in der Krippe liegt. Und genau das zieht sich durch das Buch von Gunhild Sehlin hindurch: der Esel und auch alle anderen Tiere wissen um die besondere Eigenart dieses Ankömmlings und sind erfüllt von Ehrfurcht.
Damit endet das Buch: der Esel schickt die Vögel, die sich mit auf den Weg gemacht haben, wieder zurück nach Hause, damit die Schafe und Ziegen, die zu Hause geblieben sind, ebenfalls die Frohe Botschaft erhalten.
Der Esel als bescheidenes Wesen ist das geeignete Symbol, die Ehrfurcht der Kreatur beim Erscheinen des Heilands auszudrücken. Die besondere Sendung dieses Menschen Jesus aus Nazareth genannt Christus ist auch nach 2000 Jahren noch wirksam, selbst wenn wir sie nicht mehr unmittelbar wahrnehmen. Eine Krippe vermittelt die Botschaft durch Symbole.
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