 |  | | Geführt vom Engel über den Fluß |  |  |  |
| | Auch die schwierige Situation der Flußüberquerung mit Engelhilfe wird illustrativ glaubhaft vermittelt; die abstrakte Erzählweise erlaubt es, so gut wie alles wegzulassen und nur das Nötigste anzudeuten.
Das Charakteristische eines Esels kommt sehr deutlich heraus, aber auch die besondere Natur dieses kleinen Esels, des Helden der Geschichte, wenngleich die Mittel ein wenig stereotyp erscheinen. Der Esel steht nicht nur im Text im Mittelpunkt, er ist auch der Mittelpunkt der Illustrationen, soweit es sich machen läßt. Teilweise enthalten die Bilder ausschließlich Tiere.
Ohne den Text ist das Bild vom Flußübergang freilich nicht recht verständlich, weil gerade der Engel, der rettende Begleiter, weggelassen ist. Man sieht also das Erleben Marias, die ja den Engel nicht wahrnimmt. Dieser wird praktisch nur indirekt deutlich durch die Kopfhaltung und den Gesichtsausdruck des Esels.
Eines Abends fallen die drei unter die Räuber; wieder hat ein Engel den Esel geführt. Maria ist so unschuldig, freundlich und zutraulich, daß alle drei Räuber, jeder auf seine Art, umgedreht werden und sich von grausamen, wilden Kerlen zu anständigen, liebevollen Menschen wandeln wollen. Für Maria ist das schon geschehen: sie sieht nur drei gute Männer.
Damit nimmt sie das Wirken ihres Sohnes vorweg, dessen Aufgabe sie den Räubern vorstellt: "Mein Sohn kommt, um denen zu helfen, die auf Irrwege geraten sind." Maria weiß also sehr genau, wen sie in Kürze gebären wird.
Am nächsten Abend übernachten sie bei Hirten; es entspinnt sich ein Gespräch über Engel. Den Hirten geht es so wie unsereinem: sie haben selbst noch keinen Engel gesehen oder gesprochen, kennen Engel nur vom Hörensagen.
Die Hirten gehören alle dem Geschlecht Davids an, der in Bethlehem geboren und später König wurde. Sie warten aber noch auf den anderen König, der im Alten Testament verheißen wird. Einer der jungen Hirten kann wörtlich zitieren: "Aus dir, Bethlehem, soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei."
Das ist wunderbar, aber leider ist dieses Zitat von Matthäus aus dem Neuen Testament (2, 6: "Und du Bethlehem im jüdischen Lande bist mitnichten die kleinste unter den Fürsten Juda's; denn aus dir soll mir kommen der Herzog, der über mein Volk Israel ein Herr sei." Bibelausgabe 1951). Das Matthäusevangelium war zu der Zeit, zu der die Geschichte spielt, aber noch nicht geschrieben. Matthäus bezieht sich auf den Propheten Micha, der in Kapitel 5, 1 schreibt:
Und du, Bethlehem Ephrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, welches Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. (Bibelausgabe 1951) | |
Aber ach, sie warten schon lange und haben es eigentlich aufgegeben, den, der da kommen wird, zu ihrer Zeit zu erwarten. Da hat der junge Hirte ein Erlebnis mit dem Esel, dessen Augen sonderbar glänzen: die Sterne spiegeln sich, und wie der Hirte sich zu diesen wendet, hört er den Sternengesang der Verheißung.
Am nächsten Tag kommen sie in Bethlehem an und finden keine Unterkunft. Erst spät am Abend, als sie fast schon verzweifeln, greift ein Engel ein, aber der Esel sieht ihn diesmal nicht, denn er ist völlig erschöpft und erledigt. Der Engel weiß jedoch Rat, so daß der Esel dennoch aufmerksam wird und dem Engel folgen kann.
Den Wanderern erscheint das Haus im Sternenlicht zunächst als Palast, bis sie erkennen, daß es ein einfacher Stall ist. Der alte Besitzer steht vor der Tür; ihm erscheinen in demselben Licht die Besucher zunächst als vornehme Leute, Könige, bis er erkennt, daß sie arm und einfach sind.
Neben seinen zwei Schafen und seiner Kuh ist Platz genug. In der Nacht zuvor träumte ihm, ein König würde zu Besuch kommen, er solle den Stall in Ordnung bringen. Der Esel schläft sofort ein und träumt, daß das Kind geboren wird. Er wacht auf, und tatsächlich: "In einer Ecke im Stall saß Maria, und um sie herum im Kreise scharten sich Engel und sangen."
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