 |  | | Kutschefahren auf Ameland |  |  |  | Auf diesem ersten Reiterhof, auf den wir mit Nina und Jana fuhren, gab es im Stall in der hintersten Ecke eine Box, die ganz mit einem Gitter umgeben war.
Das Pferd darin hatte, so erfuhr ich auf meine Frage hin, einem Menschen einen Finger abgebissen, als es ein Leckerli bekommen sollte. Ich konnte nicht glauben, daß ein Pferd aus purer "Boshaftigkeit" jemanden verletzen sollte.
Im Gegenteil, ich habe erlebt, wie ein Pferd darauf achtet, niemanden zu verletzen. Darin sehe ich einen Beweis für das unschuldige Gute, das ich immer in den Pferden zu erkennen glaube. Es passierte mit meinem ersten Pflegepony Donald.
Es gehörte der Freundin meiner damaligen Klavierlehrerin Susanne. Diese hatte sich schon als kleines Mädchen immer einen Araber gewünscht. Als sie dann im Erwachsenenalter endlich genug Geld gespart hatte, fuhr sie auf ein Arabergestüt und suchte sich dort ein Stutfohlen aus.
Diese Stute hat sie alleine eingeritten und ausgebildet. Auch für die Unterbringung und Versorgung ihres Pferdes sorgte sie selbständig gemeinsam mit ihrer Freundin. Sie hatten von Bauern der Umgebung verschiedene Weiden gepachtet, auf denen die beiden Pferde in ganzjähriger Offenstallhaltung lebten. Trotz der von manchen Leuten unterstellten Empfindlichkeit bekam dies auch dem Araber bestens.
Donald war ein braunes Pony mit schwarzem Langhaar. Er wurde immer ohne Sattel und mit einer Hackamore-Trense (der Reiter wirkt nicht durch ein Gebiß auf die Maulwinkel des Pferdes, sondern auf das Nasenbein) geritten. Meistens ließ er sich damit sehr gut lenken. Manchmal, wenn er wirklich Lust zu laufen hatte, konnte man ihn jedoch nicht halten.
Mit Nina zusammen verbrachte ich viele Wochenenden bei Susanne. Nina ritt lieber ein etwas ruhigeres Pferd und hatte sich auf den ersten Blick in die wirklich einmalig schöne Grauschimmel-Araberstute verliebt.
Ich verstand mich gut mit Donald, und so waren wir beide zufrieden und durchstreiften das umliegende Gelände. Manchmal packte Donald der Schalk und er galoppierte in vollem Tempo einen Berg hinunter oder er warf sich ohne Vorwarnung in das Laub und wälzte sich.
Einmal galoppierten wir gerade ein Stoppelfeld entlang, als Donald vor lauter Übermut ein bißchen buckelte. Das tat er öfters, und es machte mir auch meistens einfach nur Spaß, seine Freude am Galoppieren miterleben zu dürfen.
Diesmal machte ich jedoch eine falsche Bewegung und verlor das Gleichgewicht. Nina, die hinter mir ritt, konnte alles gut beobachten. Ich fiel direkt vor Donalds Vorderhufe. Obwohl es ein Ding der Unmöglichkeit schien, schaffte es Donald, noch über mich hinüber zu springen, anstatt auf mich zu treten und mich zu verletzen.
Dieses Beispiel ist typisch für das Verhalten der Tiere. Ein Pferd würde alles versuchen, um nicht auf etwas Lebendiges zu treten. Und so ein Wesen soll bösartig sein können und einem Menschen vorsätzlich einen Finger abbeißen?
In einem meiner Pferdebücher mit beeindruckenden Hochglanzfotos habe ich die Geschichte gelesen, wie ein Springpferd seinem Reiter das Leben rettete. Es blieb in einer ca. zwei Meter hohen Hecke mit einem Bein hängen. Dann versuchte es, den Aufprall auf dem Boden für den Reiter irgendwie abzudämpfen und brach sich bei diesem Versuch das Bein. Das Bild des völlig deformierten Beines und der Gedanke an das sinnlos verschwendete Pferdeleben verfolgen mich noch heute.
|