| | | | |  |  | | Eddy wendet auf der Hinterhand und sprinted los, die Herde bleibt ruhig |  |  |  |
| Eddy kann inzwischen etwa 100 meiner Worte erkennen und auch einfache Sätze verstehen. Es scheint das komplette Klangbild der Vokale eines Wortes zu sein, das für Eddy einen Sinn ergibt.
So kann er genau zwischen den Namen der von mir so getauften Lokalitäten unterscheiden: WIESENWEG, WIESENRAND, WALDWIESE, SPIELWIESE, obgleich überall das Wort Wiese enthalten ist.
Wenn ich z. B. zu Eddy sage: "WIR GEHEN ZUR SPIELWIESE", dann will er auf kürzestem Weg dorthin. Bei einem von mir bewußt gewählten kleinen Umweg fing die Diskussion an: "ES GEHT DOCH RECHTS ZUR SPIELWIESE".
Und meine Aufforderungen unterwegs "AUCH HIER DARFST DU FRESSEN" wurden immer nur mit deutlicher Hals-Kopf-Stellung und Blickrichtung "DORT DRÜBEN LIEGT DIE SPIELWIESE" beantwortet.
Auch wenn wir sowieso schon auf Freßtour am Wiesenrand unterwegs sind, sobald das Stichwort "WALDWIESE" über meine Lippen kommt, schnellt der Kopf in die Höhe und Eddy tänzelt.
Wenn ich Eddy am Wegrand grasen lasse und dann irgendwann sage, daß er nur noch bis zum SCHILD (WEG/STRAßE/etc.) fressen darf, kommt zunächst keine Reaktion.
Je mehr wir uns aber dem genannten Gegenstand nähern, desto öfter schaut Eddy und um so langsamer wird er. Und so etwa 2 Meter vor dem Punkt X wird Eddy zum perfekten Rasenmäher, kein Halm bleibt stehen.
Einmal hatte ich Eddy leichtfertig als Belohnung in Aussicht gestellt, daß er sich selbst auswählen dürfe, wo wir anschließend hingehen.
Ja, Eddy wollte zu meiner Überraschung nicht spazieren und auch nicht fressen gehen - er wollte das tun, was er sonst nie darf; nämlich in fremde Boxen gehen.
Eddy hat den Stall komplett inspiziert: von fremden Boxen angefangen über die Futterkammer bis hin zur Sattelkammer - und mich beim Zögern sofort an mein Versprechen erinnert.
Mit diesen paar Beispielen will und kann ich nicht beweisen, daß Eddy ausschließlich auf meine akustischen Botschaften reagiert. Der fast tägliche Umgang mit Eddy zeigt mir aber, daß eine konsequente, eindeutige und verhältnismäßig kurze Stimmhilfen offensichtlich sehr gut verstanden und deshalb auch befolgt werden.
Deshalb hatte ich mich ursprünglich sehr darüber gewundert, warum Eddy die ihm vertrauten Stimm-Kommandos nicht ausführte, wenn sie von der ihm gut bekannten Western-Trainerin ausgesprochen wurden - zumal er auf ihre Schenkelhilfen doch auch sofort und perfekt reagierte.
Als meine Stimme einmal aufgrund einer Erkältung etwas heiser klang, hatte ich die Erklärung: Eddy sah mich, rannte auf mich zu - und lief plötzlich gegen eine unsichtbare Wand, als er mein gekrächztes EDDY hörte.
Ein paar Körperbewegung von mir, Eddy begrüßte mich - und sah mich wieder mit großen Augen an, als ich den nächsten "verzerrten" Laut von mir gab.
Die Auswertung akustischer Signale scheint bei Pferden also nach ganz strengen Kriterien zu erfolgen, fast schon wie bei einer Frequenzanalyse.
Fehlen bei dem gehörten Kommando beispielsweise irgendwelche Frequenzbereiche oder ist die Klangfarbe etwas anders, so wird es nicht sicher erkannt - und ggf. deshalb mißachtet.
Die Tonauswertung scheint sich aber im wesentlichen nur auf das Klangbild von Vokalen zu konzentrieren. Variationen bei Konsonanten werden beispielsweise nicht immer erkannt, insbesondere, wenn bewußt ähnlich betont wird (z. B. NEIN und FEIN).
Ein Pferd kann aber nicht nur das Klangbild akribisch auswerten, sondern auch - ähnlich wie wir Menschen - die Grundstimmung herausfiltern, also feststellen, ob Freude, Sorge, Wut, Selbstsicherheit oder andere Gefühle in der Botschaft mitschwingen.
Die Lautstärke von Umwelt-Geräuschen und von der menschlichen Stimme scheinen Pferde unterschiedlich zu bewerten: Der Verkehrslärm im Hintergrund oder die alltäglichen Geräusche im Stall werden weitgehend ignoriert, während das leise Rascheln im Gebüsch sofort Unruhe auslöst; eine leise und dunkle Menschenstimme dagegen wirkt beruhigend, eine lautere und hellere antreibend.
Bei höherem Lautstärkepegel wie beim Schreien wird eine ständig laute Gefühlsäußerung des Menschen jedoch mitunter dem Lärm gleichgestellt - sie wird einfach "überhört".
Zusammenfassend läßt sich also sagen, daß bei Pferden ausreichende Voraussetzungen gegeben sind, um sich mittels der menschlichen Sprache mit ihnen verständigen zu können.
Trotzdem sollte - insbesondere am Anfang - die Stimme nur als unterstützendes, nicht als alleiniges Kommunikationsmittel eingesetzt werden.
Zu groß ist sonst die Gefahr, dass entweder ein eingleisiger Dauermonolog entsteht, bei dem das Pferd nur noch die passive Rolle eines stummen Zuhörers einnimmt, oder dass die verbalen Äußerungen des Menschen nur noch Kommandos darstellen, die das Pferd zu befolgen hat.
Damit ein Dialog entstehen kann, muss auch das Pferd Gelegenheit haben, zu antworten. Und da Pferde ihre Gefühle in der Regel lautlos mitteilen, sollte ein Mensch die Körpersprache der Pferde kennen, um erfassen zu können, was sie sagen.
Wenn wir in unserer Lautsprache zu Pferden reden, so brauchen wir eine mehrsinnige Wahrnehmung, um deren Antwort mit einem horchenden Blick empfangen, und zusätzlich einen wachen wie unvoreingenommenen Verstand, um diese Antort auch interpretieren zu können.
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