Beim Wiehern unterscheiden viele Autoren nur laut und leise - quasi nach der Lautäußerung bei offenem oder fast geschlossenem Maul. Desmond Morris differenziert feiner nach Werbungs-Wiehern, Mutter-Kind-Wiehern, Ortungs-Wiehern, Begrüßungs-Wiehern und Röhren.
Das Werbungs-Wiehern
Die Literatur weist dem diktatorischen Wiehern von Hengsten einen klaren, durchdringenden und unverwechselbar metallischen Klang zu. Dieser Hengstschrei wird vor allem dann ausposaunt, wenn sich Stuten seiner Sicht entziehen oder er ihre Ankunft erwartet. Mitunter ruft der Leithengst so auch Tiere seiner Herde zur Ordnung.
Sobald sich Stuten in Imponierhaltung nähern, geht die Lautäußerung in eine Art Grunzen ähnlich dem Begrüßungs-Wiehern über. Desmond Morris beschreibt diese Kollerlaute für das Werben aber als länger, tiefer und in mehr Einzeltöne gebrochen als die tremolierenden Kehllaute der Begrüßung.
Ich habe Eddy zwar schön öfter beim Piaffieren beobachtet, wenn er einer Angebeteten seines Herzens imponieren will - aber ein typisches Werbungs-Wiehern - wie von Desmond Morris beschrieben - habe ich von Eddy noch nicht gehört, lediglich Lautäußerungen, die sich eher wie eine verstimmte Trompete anhören.
Das Ortungs-Wiehern
Diese über etliche Kilometer hinweg hörbare Art des Wieherns ist eine kräftige und ausgedehnte Lautäußerung eines Pferdes. Dieses Kontakt-Wiehern ist in der Lautstärke moduliert: der laute Ruf wird von sehr kurzen und leisen Tonpassagen rhythmisch unterbrochen.
Das Ortungs-Wiehern dient vornehmlich der Standort-Verständigung der Herdenmitglieder untereinander, wenn kein Sichtkontakt möglich ist. Auf den bei uns meist räumlich sehr begrenzten Weiden besteht bei den Pferden kaum eine Notwendigkeit für diese akustische Kommunikation.
Wenn sich ein Pferd jedoch einsam fühlt, wenn es von anderen isoliert ist, wenn es auf sich aufmerksam machen will, oder wenn es in der Ferne Artgenossen entdeckt, dann wird es mit genau diesem Wiehern Kontakt suchen.
So wiehert Eddy z. B. beim Transport im Hänger immer dann, wenn etwa bei Kurvenfahrt mein ihm vertrautes Fahrzeug hinten aus dem Blickfeld verschwindet. Und in den ersten Stunden an einem neuen Standort wiehert Eddy laut und auffordernd, wenn ich mal weggegangen bin, er mich aber hört (Stimme, Schritt) oder in der Ferne sieht.
Auch bei Ausritten im Gelände scheint ein einzelner Tinker, also nicht nur Eddy, immer mal wieder das Bedürfnis zu haben, laut nach anderen Artgenossen zu rufen. Bei Eddy ist dies immer dann der Fall, wenn wir tags zuvor mit anderen Pferden im Gelände unterwegs gewesen sind.
Und: Wenn ich Eddy quasi ins Wort falle mit der Bemerkung, daß ich schließlich auch noch da sei und er nicht allein wäre, fährt er nur seine Lautstärke herunter und wiehert halblaut weiter.
Interessant ist, daß Eddy die Rufe der Herdenmitglieder grundsätzlich nicht beantwortet, wenn ich ihn z. B. zur Graskoppel zu den anderen führe oder wenn wir von einem Ausritt zum Stall kommen. Auf die Kontaktsuche fremder Pferde gibt er ab und an ein kurzes und lautes Statement ab.
Wenn Eddy mein Fahrzeug an der Koppel vorbeifahren sieht und/oder hört, läuft er sofort zielstrebig Richtung Ausgang - Eddy folgert aus der Ankunft meines Fahrzeuges also meine zwingende Anwesenheit am Stall - und ruft nach kurzer Zeit laut nach mir, wenn ich nicht auftauche.
Andere Tinker reagieren auf die motorisierten Fahrzeuge ihrer Bezugspersonen auf ähnliche Weise - und natürlich auch auf andere hörbare Reize wie die typische Schrittfolge, die Stimme etc.
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