Kommunikation über optische Reize kann nur funktionieren, wenn – ähnlich wie in der Akustik - die notwendigen Sinnesorgane vorhanden sind, um die entsprechenden Botschaften zu entschlüsseln. Wie scharf sieht ein Pferd aber wirklich und wie werden die optischen Reize verarbeitet? Auch wenn meist in der Literatur etwas ganz anderes steht: Meines Erachtens sieht ein Pferdeauge außer einem relativ kleinen, in der Ferne anvisierten Bildausschnitt nicht sehr scharf, dafür aber – im Vergleich zum Menschen – viel, um nicht zu sagen, sehr viel mehr durch den Rundumblick und zusätzlich durch die Fähigkeit, auch im Dunkeln sehen zu können. Die für Menschen mitunter erstaunliche und beeindruckende Sehfähigkeit eines Pferdes wird erreicht einerseits durch die lichtverstärkende Schicht in den Augen und durch die Weitsichtigkeit der Linse, andererseits durch die sichere Analyse von Bewegungen und durch das photographische Gedächtnis, der Wahrnehmung auch kleiner Veränderungen bei "Standbildern". Als "Standbilder" bezeichne ich hier die Eindrücke von der alltäglichen Umgebung, zu denen natürlich auch die durch Wind bewegten Elemente gehören. Ich kann und will keinen wissenschaftlichen Beweis für meine Behauptung antreten. Aber die Verhaltensweisen von Eddy haben mich zur Erkenntnis kommen lassen, daß Pferde nicht wie wir Menschen ein perfektes und scharfes 3D-Bild mit Details wahrnehmen, sondern daß sie "nur" bestimmte "Muster" erkennen, Muster der Form, der Farbe und insbesondere der Bewegung. Anfangs kam ich ab und an "in Verkleidung" zum Stall, d.h., in Motorradkluft, im T-Shirt, in Reitkleidung, im Alltags-Look: Anhand der Reaktion wußte ich, daß Eddy mich stets sofort erkannt hatte. Aufgrund eines kleinen Reitunfalls (ich hatte nicht nachgegurtet, der Sattel verrutschte und ich landete etwas unsanft am Boden) kam ich tags darauf etwas steif im Stall an – und Eddy zeigte keine Reaktion. Auf meinen Ruf "Eddy" schnellte sein Kopf sofort nach oben, ein Rundumblick, und das war’s dann auch. Ich mußte Eddy in ungewohnter Weise von der Koppel herunterholen – sonst lief er mir immer im Schritt oder Trab entgegen. Ähnliches Spiel tags darauf. Dann hatte sich Eddy entweder mit dem neuen Bewegungsmuster "angefreundet" oder ich lief wieder fast wie "normal", jedenfalls war auch Eddys Verhalten wie gewohnt, also "normal". Bei bewußt veränderter Schrittfolge oder bei untypischen Bewegungen erkennt mich Eddy auch nicht – zumindest reagiert er nicht auf das optische Erscheinungsbild, das ich ihm ab und an vorspiele, wenn ich mich der Koppel nähere. Ein anderes Mal, als sich Eddy bereits in seiner Box befand, schlich ich mich auf leisen Turnschuhsohlen an und schaute langsam durch die große Öffnung oberhalb der Boxentür zu ihm hinein: Quer stand er da, das eine Auge auf mich, das andere auf das Fenster gerichtet. Gesehen hat er mich wohl, aber er fand mich offenbar keines Extra-Blickes würdig – er hat mich schlichtweg nicht erkannt. Kaum daß ich "Eddy" ausgesprochen hatte, schnellte sein Kopf herum und sein Begrüßungswiehern war zu hören. Diese Erfahrungen lassen für mich den Schluß zu, daß Eddy mich nicht als "starres" Menschenbild, sondern nur anhand meiner charakteristischen Bewegungen erkennt. Sobald offenbar typische Bewegungen ausbleiben oder "disharmonisch" (entsprechend anders) wirken, fällt mein Erscheinungsbild durch sein "Erkennungsraster".
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