Aus dem Jahre 1933 stammt der Holzschnitt auf Bütten "Drei Reiter" von Ewald Mataré, den ich auf der Westdeutschen Kunstmesse im Frühjahr 2003 entdeckt habe. Die Galerie Vömel aus Düsseldorf bot ihn an zum Preise von 11.500 EUR. Dazu die Bemerkung: "40,5x 32 cm, signiert, datiert und betitelt, 4 Abzüge und 2 Nachlaßdrucke bekannt". Das ist für einen Holzschnitt sehr wenig.
Direkt anschließend habe ich ein Blatt von Marino Marini fotografiert, aber leider ist die Aufnahme mit den Daten verwackelt und unlesbar. In der Gegenüberstellung sieht man sehr schön, daß die Arbeit Marinis sehr viele formale Bezüge zur Behandlung von Pferd und Reiter durch Mataré zeigt.
Marini fing erst nach dem Zweiten Weltkrieg an zu arbeiten und hatte sich auf das Thema Pferd und Reiter spezialisiert (» Playmobil 4 Reiter mit Pferd 2 Ponys).
Marinis Arbeiten zeichnen sich oft durch eine extreme Emotionalität aus. Sowohl der Reiter als auch das Pferd schreien oft ihr Leid gegen den Himmel hinaus, sie klagen an. Demgegenüber ist Mataré kontemplativ, distanziert, kühl. Marini erreicht diese aufwühlende Wirkung mit denselben Mitteln wie Mataré. Ihm reicht ein Auge und die Nase, um etwas Unheilvolles anklingen zu lassen.
Natürlich spielen auch die Pferde eine große Rolle bei der Wirkung. Die Pferde von Mataré präsentieren sich im Gleichklang wie in einem Ballett, während die von Marini vor Entsetzen oder Angst die Köpfe hochreißen.
Bei Vömel habe ich einen weiteren Holzschnitt von Mataré entdeckt: › Galeriebeiträge Marini. Diese Arbeit ist von 1950, hat die Maße 38,5x 45,5 cm und kostet 4200 EUR. Zehn Abzüge sind bekannt.
Das Auktionshaus Kendzia zeigt eine etwas größere Arbeit von Mataré: 70x 52 cm, » Schreitendes Pferd betitelt und als Frottagedruck bezeichnet.
Darunter muß man wohl verstehen, daß Strukturen mit der Hand oder Werkzeugen auf das Papier übertragen worden sind (Durchreibetechnik).
Man sieht, daß Mataré sich immer wieder mit Pferden beschäftigt hat. Die letzten beiden Blätter lassen den Menschen weg, lassen sogar andere Tiere weg und präsentieren das Pferd an sich, majestätisch, selbstgenügsam, gelassen, souverän. Diese Pferde brauchen die Menschen nicht und sie werden von den Menschen nicht gebraucht.
Nun erst fällt mir auf, daß der Abstraktion bei der Reiterbegegnung Zaumzeug und Sattel zum Opfer gefallen sind, so daß die Pferde ebenso natürlich erscheinen wie auf den beiden letzten Blättern. Nur die Handhaltung zeigt unmißverständlich, daß die Reiter die Zügel in der Hand halten.
Eine Ausstellungsbesprechung vom 27.7.2002 in der taz versucht zu erklären, warum zwischen den Kriegen die Tiere bei den Künstlern so beliebt waren:
| » Liegendes Pferd
Tierisch: Das Gerhard Marcks Haus zeigt in seiner Retrospektive "Der Zoo, die Wildnis und die Weide" Tierplastiken von August Gaul bis Joseph Beuys
[...] bildnerisch und inhaltlich waren Elefanten, Tiger, Orang Utans zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts ziemlich en vogue. Schließlich waren Zoos noch eine relativ junge Erfindung. Und nicht nur die Tiere, sondern auch ihre Abbildungen ziemlich gefragt. [...]
Bei den wilden Tieren ist es aber nicht geblieben. Nach und nach gingen die Künstler statt in den Zoo lieber auf die Weide. Und portraitierten die heimische Fauna: Also röhrende Hirsche (zweimal im Gerhard Marcks Haus), weidende Kühe, die um 1920 prompt zum Lieblingstier der expressionistischen Bildhauer avancierten (achtmal zu sehen). Auch von Gerhard Marcks ist ein liegender Wiederkäuer aus Lindenholz beigesteuert, dessen Kuh aber keinesfalls "als Symbol der Kuhheit" missverstanden werden sollte, wie Marcks 1924 notierte. Ihm ging es um das innere Bild und nicht um die Viehcher.
Ein Hauch von Zivilisationsflucht klingt da an. Ewald Mataré, Lehrer von Beuys und Produzent der meisten Kuh-Skulpturen dieser Schau, war die Menschen leid geworden. Er versuchte, so wenig wie möglich mit Zweibeinern zu tun zu haben und ging lieber raus auf die Weiden. Und dann die domestizierten Tiere. Wieder ein Kapitel für sich. Das Gerhard Marcks Haus zeigt Hunde in allerlei Formen. Und schließlich Pferde in quasi allen Positionen: "Wartendes Pferd", "Ruhendes Pferd" und "großes gesatteltes Pferd", das in Lebensgröße und mit böse angelegten Ohren Raum und Faszination der Betrachter erfüllt.
[...] Vor allem im Nationalsozialismus haben sich die Bildhauer auf die Tiere gestürzt. Kühe und Hunde ließen sich ideologisch schließlich kaum vereinnahmen. Und während kubische Elemente bei menschlichen Figuren bereits als "entartet" galten, wurden Abstraktionen bei Tierplastiken lange noch geduldet. Laut Katalog wurden Tierkörper für die Bildhauer schließlich zum "Rückzugsgebiet in Zeiten der Diktatur". | | |
Zum Schluß muß ich Ihnen unbedingt noch eine Kuh von Ewald Mataré zeigen, wenn schon so viel von Kühen die Rede war - diese habe ich bei Galerie Ludorff gefunden, wie Vömel ebenfalls in Düsseldorf ansässig. Das Objekt entstand 1932, ist aus Bronze und 3,1 cm hoch.
Der Kopf erinnert mich sehr an die Mumins. Aber diese Assoziation ist nicht ganz richtig, wie mir eine schnelle Kontrolle im Internet zeigt (» Schreitendes Pferd).
Als nächstes entdecke ich ein » Liegendes Pferd, lese mich zwei Minuten ein und erkenne, daß die Welt der Mumins wiederum riesig ist und ich nichts davon verstehe - aber alles klingt sehr interessant. Also schnell weg hier, damit dieser Beitrag ein Ende hat!
Quellen / Verweise
- » Museum Kurhaus Kleve, Ewald Mataré-Sammlung
- Exponate von Ewald Mataré begeistern die Eröffnungsgäste, Ostfriesischer Kurier, 21.5.2004
- › Bärenjagd, Galeriebeitrag Ausgabe 270
- » Biografie von Ewald Mataré
- » Playmobil 4 Reiter mit Pferd 2 Ponysmit 4 Kinder..., eBay-Angebot vom 13.6.2004
- › Galeriebeiträge Marini
- » Schreitendes Pferd
- » Liegendes Pferd
- » Kuh verinnerlicht, taz Bremen Nr. 6811 vom 27.7.2002, Seite 23, 162 Zeilen (Kommentar), Dorothee Krumpipe
- » Liegende Kuh, Galerie Ludorff
- » Mumin und Mike Mondvogel
- » Virtuelles Muminforschungs-Zentrum
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Fotos © › Werner Popken
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