Wenngleich die Einzelheiten manchmal etwas summarisch behandelt sind, kann man doch erkennen, daß der zum Schrei geöffnete Mund zu dieser Art Symbol gehört wie der erhobene Lanzenarm oder andere Einzelheiten.
Eine wurfbereite Lanze deutet auf eine Situation hin, in der es auf den richtigen Augenblick ankommt und wo es kein Zurück gibt. Der Reiter hat nur einen Wurf, und der muß sitzen. Der Kampf mit Wolf und Bär könnte real oder aber auch symbolisch gemeint sein - in jedem Fall geht es auf Leben und Tod. Das ist der typische Höhepunkt eines Kriegerlebens, der Moment, auf den es ankommt.
Der Krieger darf weder zu früh noch zu spät handeln, und wenn er handelt, muß er alles geben. Die Thraker waren Krieger; für einen freien Mann geziemte es sich nicht, zu arbeiten. Wer kämpft, riskiert sein Leben, das entsprechend kurz ausfallen könnte. Nun sollen die Thraker die Neugeborenen beweint haben, weil diese ja ein Leben voller Mühsal vor sich hatten, während die Verstorbenen mit Fröhlichkeit zu Grabe getragen wurden, weil ein wunderbares Leben nach dem Tode auf sie wartete.
Demnach müßte der Tod süß und eine besondere Vorsicht unangebracht gewesen sein. So einfach war es aber wohl nicht. In allen mir bekannten Religionen ist es nicht zulässig, sein Leben selbst zu verkürzen. Möglicherweise gibt es auch so etwas wie eine allgemeine Todesangst, unabhängig vom Glaubenssystem. Jedenfalls ist es üblich, sich gegen Gefahren durch Anrufung höherer Mächte zu schützen.
In diesem Sinne könnte man die abgeschnittenen Köpfe als Beschwörung göttlicher Mächte deuten, die den Reiter und vermutlich auch sein Pferd beschützen sollten. Und nun sind wir auf einer Spur, die die eingangs betrachtete Szene in einem neuen Licht erscheinen läßt.
Die Lesart "Jagdschilderung" ist vordergründig und bequem. Es stellt sich die Frage, ob diese Leute die Illustration eines Jagdausflugs für würdig genug gehalten haben, um damit das Geschirr ihres Pferdes zu schmücken. Vermutlich nicht.
Was stellt diese Szene dann dar? Der Ausschnitt mit den Köpfen des Bären und des Pferdes zeigt eine Intensität, die den Tieren eigentlich nicht gemäß ist. Bär und Pferd stehen Auge in Auge gegenüber, haben das Maul aufgerissen, die Zähne gefletscht - es geht für beide ebenfalls um Leben oder Tod. Das aber ist eine unrealistische Situation. Ein Pferd würde niemals einen Bären angreifen und umgekehrt, es sei denn, der Bär wäre in die Enge getrieben und müßte sich durch den Angriff verteidigen.
Die in unserer westlichen Tradition überaus häufigen Drachenkämpfe deuten an, daß es sich vielleicht nicht um einen realen Kampf handelt, sondern um einen symbolischen, den Kampf gegen das Ungeheuer, gegen das absolut Böse, das es aus dieser Welt auszurotten gilt. Dieser grundsätzliche Kampf Gut gegen Böse, Schwarz gegen Weiß, Held gegen Antiheld, ist auch in der heutigen Seele noch so lebendig und faszinierend, daß Hollywood nicht müde wird, einen Neuaufguß nach dem anderen zu produzieren. Auf allen Fernsehkanälen geht es immer wieder darum, dem Guten zum endgültigen Sieg zu verhelfen.
Selbstverständlich findet dieser Kampf nicht außen statt, sondern innen. Der Held, d. h. Jedermann, kämpft ständig diesen Kampf des Guten gegen das Böse im Inneren. Die Seele weiß genau, was gut und böse ist, und findet ihr Heil in der Entscheidung zum Guten. Ein Bösewicht nach dem anderen muß erledigt werden, der Wolf, der Bär, der Drache und was dergleichen finstere Gestalten noch sind, die die Seele in Versuchung führen wollen.
Übrigens hatten die Thraker schon so etwas wie ein hannoversches Sperrhalfter, wenn ich das Bild richtig lese. Ein Sattel scheint aber noch unbekannt gewesen zu sein, von Steigbügeln ganz zu schweigen. Mit anderen Worten: Die Thraker ritten wie die Teufel, wenn sie aus vollem Galopp den Speer ins Ziel bringen konnten.
Quellen / Verweise
- Gold der Thraker, Archäologische Schätze aus Bulgarien, Romer- und Pelizaeus-Museum Hildesheim, 1. Mai-3. August 1980
Ausstellung anläßlich der 1300 Jahr Feier des Bulgarischen Staates - › Hochzeit, Galeriebeitrag Ausgabe 269
- › Die Pferde, Galeriebeitrag Ausgabe 268
- › PferdeStark, Rezension Ausgabe 270
- › Der Held, Galeriebeitrag Ausgabe 269
- › Thrakische Quadriga, Galeriebeitrag Ausgabe 268
- › Ägyptischer Stil, Galeriebeitrag Ausgabe 102
| |
Fotos © › Werner Popken
| |