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Galeriebeitrag Ausgabe 241.08 · Himmelskönigin
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Das Bemerkenswerteste an diesem bayerischen Wandgemälde ist zweifellos die Madonna, die hier zusammen mit ihrem Kind als Königin und Weltenherrscherin dargestellt ist. Sie thront auf einer dunklen Wolke, ihr Oberkleid leuchtet in wunderschönem Blau, ihr langes Haar wallt die Schultern herab, eine mächtige Krone, die von einem Kreuz abgeschlossen wird, balanciert auf dem Kopf.

In der linken Hand hält sie ein beeindruckendes Zepter, der rechte Arm umfaßt das Jesuskind, welches mit dem Reichsapfel spielt, der ebenfalls von einem Kreuz bekrönt wird. Jesus hat, wie es sich gehört, ordentliche Windeln an und einen Heiligenschein.

Das Kreuz des Reichsapfels wird einerseits vom Kopf, andererseits vom Heiligenschein umrahmt. Der Knabe stützt den Reichsapfel auf sein Knie - vermutlich ist das Ding schwer, aber jedenfalls tragen die Hände das Herrschersymbol nicht, sondern halten es allenfalls in der Balance.

Der Knabe schaut nachdenklich, traurig, ernst und streng, eher wie der zukünftige Weltenrichter, wie ihn Michelangelo dargestellt hat, als Jesus die Verdammten in die Hölle zurückstößt. Das ist eine Figur der Gerechtigkeit, nicht der Liebe und Barmherzigkeit.

Maria schaut da schon eher verständnisvoll, obwohl sie ebenfalls sehr ernst ist. Das Leben, so viel wird klar, ist kein Zuckerschlecken, selbst wenn man sich nach Kräften bemüht, sondern Mühsal und Qual. Die Erde ist ein Jammertal, die Menschen sind zu bedauern, Freude und Erleichterung kann es allenfalls im Jenseits geben - aber davon ist in diesem Gemälde nicht die Rede.

So schaut der Bauer auch nicht nach oben, sondern nach unten, denn oben findet er offenbar nicht die Hilfe, die er braucht. Obwohl die Himmelskönigin von einem riesigen Strahlenkranz umfangen wird, ist sie offenbar machtlos, das Schicksal des armen Menschen zu erleichtern.

So fällt er denn in die Depression. Er ist zugleich beleidigt, denn nach seinem Dafürhalten hätte er es doch besser verdient. So muß er sich schinden, wird aber trotzdem nicht froh, kann sich allenfalls adrett kleiden, aber der Seele nutzt das nichts. Und wenn er dereinst in das Himmelreich eingehen sollte, wird er sich vermutlich ebenfalls am Rande rumdrücken müssen. Bei der Aussicht kommt keine Freude auf.

Nur die Pferde sind gut drauf. Sie tun ihre Arbeit gern, sind deutlich vergnügt und kümmern sich nicht um das ganze Elend in ihrem Rücken. Ihre Aufgabe ist klar und deutlich, sie fügen sich nicht etwa mißmutig und widerwillig dem Joch, sondern genießen ihre Rolle und dienen freudig. Auch der Maler hatte seine Freude, das Geschirr ist sehr deutlich herausgearbeitet, das Kummet und die Kette etwa, die im Lederfutteral verschwindet.

Die Pferde haben die richtige Anzahl an Beinen und schreiten stramm fürbaß. Es ist übrigens wichtig, daß es zwei Pferde sind. Ein Pferd wäre zuwenig, drei zuviel. Ein Pferd allein wäre einsam, die beiden genießen das Zusammensein. Vier Pferde sind einfach ein Managementproblem, die rechte Freude kann dabei nicht aufkommen.

Merkwürdig finde ich, daß die Pferde bei aller Liebe zum Detail nicht korrekt angespannt sind. Bei zwei Pferden würde man eine Spielwaage vermuten, aber der Künstler hat sich etwas total Konfuses ausgedacht. Das kann er auf keinen Fall beobachtet haben, und wenn der Auftraggeber auf Detailgenauigkeit bestanden haben sollte, so ist ihm diese unmögliche Konstruktion entgangen.

Vermutlich haben weder Auftraggeber noch Künstler eine solche Anspannung bewußt wahrgenommen - das Los der Spätgeborenen. Irgendwie hatte der Künstler vermutlich im Hinterkopf, daß da irgend etwas Mehrteiliges hingehört. Trotzdem: Bei seiner Verliebtheit in Einzelheiten hätte ihm doch auffallen müssen, daß die Pferde ihr Geschirr bei dieser Anspannung sofort verreißen müßten, da doch der Zug einseitig außen erfolgt.

Nein, ich ziehe die falschen Schlüsse! Der Maler war verliebt in die Oberflächen, in die Volumina, nicht in die Konstruktion. Hauptsache, es sieht richtig plastisch aus, zum Anfassen. Man sieht das schon an der Zugrichtung der Stränge. Jetzt fällt mir übrigens auf, daß die oben als Kette anfangen und unten als Strang weitergehen - das mag üblich sein, keine Ahnung.

Da aber das Erdreich dem Pflug einen gehörigen Widerstand entgegensetzt, können die Bracken nicht durchhängen, das widerspricht den einfachsten Gesetzen der Physik, die jedes Kind versteht, ohne überhaupt zu wissen, was Physik ist. Künstler ausgenommen, natürlich.

Jetzt habe ich mir nochmal die Fotos der PferdeStark angeschaut. Bei den dort verwendeten Geschirren ist niemals der erste Teil des Strangs als Kette gefertigt, aber so gut wie immer der letzte Teil, die letzten 30 bis fünfzig Zentimeter. Manchmal werden ab Bauchgurt ausschließlich Ketten verwendet, oft aber eine Kombination aus Lederriemen und Kette oder Hanfstrang und Kette. Wenn ich richtig sehe, gibt es keine Anspannung ohne Kette. Bei vielen Gespannen ist sogar die Spielwaage aus Metall. Einmal ist der gesamte Strang als Kette mit Einhängestange ausgeführt.

Ob sich jemand dieses Gemälde anschaut? Nehmen die Mitbürger das überhaupt wahr? Die meisten Leute werden mit dem Auto vorüberfahren. Aber für die ist es bestimmt nicht gemacht. Nehmen es die Bewohner des Hauses wahr? Vermutlich schauen die auf die Tür, wenn sie sich dem Hause nähern - aber wer weiß? Vielleicht schauen sie doch jedesmal hoch zur Muttergottes, bekreuzigen sich, bedenken kurz ihr Leben und daß sie sterben müssen. Hoffentlich fühlen sie sich dabei nicht so schlecht wie der Bauer.



Quelle / Verweis

 Ackern, Galeriebeitrag



Fotos
©  Werner Popken





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Es ist jetzt der 23.11.2008, 21:49, GMT +01:00
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