| | |  |  |  |  | Renée Sintenis, Fohlen
Vorder- und Rückansichten |  |  |  |
| Nach dieser Lektüre sehen wir ein, daß Kunst Politik ist, und die Modellierung von süßen kleinen Fohlen gewinnt eine völlig neue Dimension. Ist das denn wohl so richtig?
Hat "man(n)" der guten Renée einen spezifisch "weiblichen" Bereich zugewiesen? Oder hat diese sich nicht freiwillig dafür entschieden, sich extrem zu beschränken?
Die Skulptur, die den finnischen Läufer Nurmi verherrlicht, bildet eine Ausnahme im Werk, wenn ich das richtig sehe. Ich habe außer netten, kleinen Tierchen noch einige vermutlich ebenso kleine zarte Frauenakte gefunden, einige Selbstporträts, und eine weibliche Aktfigur, die als "Daphne" mythisch überhöht wird.
Wir hatten bereits im Beitrag über das Holbein-Pferd erfahren, daß Renée Sintenis vereinzelt auch größere Skulpturen angefertigt hat; so auch von Daphne. Die Deutsche Bank hat ein großes Exemplar erworben, und der Vorstandsvorsitzende Hilmar Kopper hat sich davor ablichten lassen (» Daphne).
Diese Arbeiten haben für mich dieselbe Anmutung wie die Heldenverherrlichung des Dritten Reiches ( Märzfeld) oder die Überhöhung des Heldischen, wie man es der Fotografin und Filmemacherin Leni Riefenstahl zum Vorwurf gemacht hat.
Die freilich hat sich immer dagegen gewehrt, die Naziideologie passend ins Bild gesetzt zu haben, und sich statt dessen vielmehr auf ihren künstlerischen Ausdruckswillen berufen.
Vielleicht werden wir in 50 Jahren alle diese Künstler als unpolitisch und mißbraucht einschätzen. Selbst Arno Breker hat sich als Opfer gesehen und nicht als Täter. Ich vermute, daß Renée Sintenis sich um die Theorien der Kritiker wenig geschert hat.
Wenn Sie sich politisch betätigt hat, dann höchstens "sexualpolitisch", denn sie nutzte die Freiheit der zwanziger Jahre, ihre Rolle als Lesbierin zu gestalten (» 100 Jahre Outfit):
| 1920 – Pelz. Die "roaring twenties" sind das fröhlichste Lesbenjahrzehnt dieses Jahrhunderts. Während die Gatten im Krieg fern der Heimat weilten, konnte das weibliche Geschlecht mit sexuellen Vorlieben, mit Emanzipation und Kleiderordnung experimentieren. Topfhüte, schmale Kleider, die weder Taille, noch die Brust betonen, haben einen eigenen Charme, "garçonne" ist in und lesbisch schick. Fulminant erscheint Renée Sintenis mit Freundin, beide im Pelz, darunter Reitkostüm und Schlips. |
Das Reitkostüm ist wahrscheinlich nicht nur modische Laune (» Renée-Sintenis):
Ihre ersten finanziellen Erfolge nutzte sie, um ein Reitpferd zu erwerben. Zeitgenossen erinnerten sich, daß sie nach ihrem morgendlichen Ausritt im Tiergarten - noch im Reitdreß - gerne ein Café am Kurfürstendamm aufsuchte.
Im Vorwort eines Kataloges schreibt der Autor beeindruckt: "Wenn die elegante Dame am frühen Morgen, von ihrem Hund begleitet, auf dem eigenen Pferd im Tiergarten ausreitet, dann folgen ihr Blicke der Bewunderung." |
Diese Information wurde bereitgestellt von der » Gesellschaft zur Förderung von Bildung, Beschäftigung und neuen Berufen e.V., die auch ein Foto des Grabsteins bereitstellt: » Grabstätte Sintenis / Goldstein.
Dort erfahre ich auch, daß Renée ein Künstlername ist, abgeleitet von Renate Alice. Sintenis ist der Geburtsname. Die Wikipedia weiß ebenfalls von der Heirat mit dem Maler Rudolf Emil Weiß (» Renée Sintenis - Wikipedia), über diesen jedoch nichts; dafür erfahre ich, daß das Grab ein Ehrengrab ist.
Hier ist aber keineswegs das Ehepaar begraben; neben der hochgeehrten Künstlerin liegt eine gewisse Magdalena Goldmann, geboren am 19.5.1900, gestorben am 2.2.198x (ist auf dem Foto durch einen Zweig verdeckt). Vermutlich wird es sich um die Lebensgefährtin gehandelt haben, die die Künstlerin um einiges überlebt hat.
Darüber verlieren die Herrschaften des Vereins kein Wort, wissen aber zu berichten, daß der Ehemann um mehr als zehn Jahre älter war, Lehrer an einer Kunstgewerbeschule (das klingt natürlich wesentlich weniger schick als "Maler"), und:
| Die schwierige Zeit während des Nationalsozialismus verschärfte sich für sie durch den Tod ihres Gatten im November 1942. Der Verlust warf sie in tiefe Depressionen, zumal durch die politischen Umstände die Zukunft der 54-jährigen sehr ungewiß schien. |
Woraus ich schließe, daß die Ehe nie geschieden wurde und die Eheleute einander trotzdem durchaus zugetan waren. Es gibt viele Dinge unter der Sonne, die man sich so nicht ausmalen könnte.
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